DAVE
Roman

von Raphaela Edelbauer

€ 25,70
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Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 432 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.01.2021


Rezension aus FALTER 7/2021

Science und Fiction

Der letzte Tag der Menschheit scheint nah. Der Planet ist unbewohnbar geworden, geraunt wird von 60 Milliarden Erdbewohnern und unvorstellbaren Zuständen. Doch nichts Genaues weiß man nicht. Denn in Raphaela Edelbauers neuem Roman, der in einer nur vage definierten nahen Zukunft spielt, geht schon lang niemand mehr an die frische Luft.

Arbeit und Leben spielen sich gleichermaßen im Labor ab, einem gewaltigen Gebäudekomplex, in dem sich alles um die Entwicklung einer künstlichen Intelligenz namens Dave dreht. Diese soll über unendliches Wissen verfügen und im letzten Moment vielleicht doch noch alle Probleme lösen. Allerdings ist eine KI immer nur so schlau wie die Informationen, über die sie verfügt. Die Entwicklung von Dave läuft deshalb schon seit Jahrzehnten, unzählige Scripts zu allen Bereichen des Lebens wurden in gigantische Rechner eingespielt.

Als sich die endgültige Fertigstellung nähert, lassen sich lange ausgeblendete Fragen nicht mehr verdrängen: Was genau ist Daves Zweck? Wessen Interessen soll er dienen? Wird er ein eigenes Bewusstsein entwickeln?

Raphaela Edelbauer (Jg. 1990), die vor zwei Jahren mit ihrem Romandebüt „Das flüssige Land“ einen Achtungserfolg und auf den Shortlists für den Deutschen und den Österreichischen Buchpreis landete, hat sich ausgiebig mit diesen und anderen Fragen beschäftigt. Einige Jahre Entwicklungs- und Tüftelarbeit stecken im Roman. Vergleichbar mit einer künstlichen Intelligenz findet sich auf den 432 Seiten auch eine Vielzahl an Informationen zu einer ganzen Reihe von Lebenswelten, Themenfeldern und Wissensgebieten.

„Dave“ – warum die nichtmenschliche Superintelligenz einen Männernamen tragen muss, bleibt offen – gewährt etwa Einblick in die Sphäre der Programmierer. Aufgeputscht von Koffein, anderen Substanzen oder einfach nur berauscht von ihrer Tätigkeit, arbeiten sie tage- und nächtelang durch. Sie suchen den „Tunnel“, in dem sie völlig in ihrem Tun abtauchen können. Die meisten Programmierer im Roman zählen zum Fußvolk, sind moderne Handwerker. Aber es gibt auch die Künstler-Superhirne, die in den höheren Etagen und Stockwerken des Labors sitzen. Ihr Kick ist es, komplexe logische Probleme zu lösen.

Philosophische oder moralische Fragen, die der Einsatz einer künstlichen Intelligenz aufwirft, blendet das Labor gänzlich aus. Offen Zweifel zu äußern wäre durch die umfassende Überwachung aller Lebensbereiche auch so gut wie unmöglich. Aber im Stillen machen sich einige wenige Laborianer durchaus ihre Gedanken. Einer davon ist die Hauptfigur Syz. Der junge Mann um die 30 zählt zur Programmierer-Elite.

Eines Tages wird er dazu ausgewählt – oder sollte man sagen: auserwählt? –, dass seine Persönlichkeit, seine Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühle in Dave einfließen. Dieses leichte Menscheln soll der künstlichen Intelligenz den letzten Schliff verpassen. Je näher Syz dem Zentrum der Macht kommt, umso mehr Ungereimtheiten bemerkt er.

Die meisten beten die Technologie völlig kritiklos an und arbeiten damit ironischerweise an ihrer eigenen Abschaffung. Letztlich ist das Thema von „Dave“ also die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen: mehr oder weniger selbstbestimmt – oder völlig fremdgesteuert.

„Dave“ ist ein kluger und auch sprachlich ambitionierter Roman. Edelbauer stellt darin weitreichende Fragen – und macht Clemens Setz den Titel des Supernerds der österreichischen Literatur streitig. Thematisch geht sie ein Wagnis ein. Künstliche Intelligenz ist kein Belletristikthema, das sich locker zu einem süffigen Roman verarbeiten ließe.

Natürlich hilft es, sich ein wenig für Logik, Theorien, Denkspiele oder Computer zu interessieren, um zur Zielgruppe von „Dave“ zu gehören. Und es stimmt schon, dass die Autorin ein bisschen viel angelesenes Wissen in den Text gepackt hat. Aber war­um auch nicht? Der Plot lässt ohnedies keinen Lesefrust aufkommen: Edelbauer schickt Syz auf eine Suche – nach Daves tieferem Sinn und nach sich selbst – und lässt ihn einige kuriose Dinge erleben.

Verfolgungsjagden zählen indes nicht zu den Stärken des Buches: Der Held wird immer wieder von finsteren Mächten verfolgt, entkommt diesen aber noch aus den ausweglosesten Situationen stets durch eine glückliche Wendung im letzten Moment. Solche kleinen Mängel können die große Leistung, einen derart aktuellen und obendrein sprachlich starken Roman geschrieben zu haben, allerdings nicht schmälern.

Viele werden „Dave“ als Dystopie oder futuristischen Stoff lesen, das trifft es aber nicht. Der Roman beschäftigt sich im Kern mit Problemen, die uns bereits gegenwärtig etwas angehen und uns in Zukunft immer stärker beschäftigen werden.

Kurz: Raphaela Edelbauer bringt die Science zurück in die Fiction.

Sebastian Fasthuber in FALTER 7/2021 vom 19.02.2021 (S. 35)


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