
Komm, oh Winter, Hort der Hygge
Gerlinde Pölsler in FALTER 5/2026 vom 28.01.2026 (S. 28)
Kari Leibowitz ging es wie so vielen: Sie hasste den Winter, fürchtete die Dunkelheit. Und dann zog ausgerechnet sie aus New Jersey ins norwegische Tromsø, wo während der Polarnacht fast zwei Monate lang die Sonne nicht aufgeht. Da werde die Depression wohl viele Menschen niederdrücken, erwartete die promovierte Stanford-Psychologin. Und lernte: Die Tromsøer haben gar kein Problem mit dem Winter. Die mögen den sogar!
Weil: Sie lassen sich voll darauf ein. Nicht nur machen sie es sich schön koselig -das norwegische Wort für das dänische hygge -, erhellen die Stadt mit Kerzen, zelebrieren Geselligkeit und Winterfeste. Sie verlassen auch bei jedem Wetter das Haus, gehen eisbaden und erscheinen zu Treffen auf Skiern. Dieselbe Haltung fand Leibowitz auch in anderen Gegenden mit langen Wintern wie Reykjavík und Finnland. "Was müsste passieren, damit Sie sich in den Winter verlieben?", fragte das kanadische Edmonton seine Bürger und trimmte dann die gesamte Stadt auf winterfit: Nun gibt es Wintergärten und Schlittschuhwege durch den Wald. Schneeschuhe und tragbare Feuerstellen kann man ausleihen.
Die Strategien, die Leibowitz daher empfiehlt: Den Winter annehmen. Anstatt mit der Müdigkeit zu hadern, solle man ihn einfach als Zeit der Ruhe und Entschleunigung sehen und zu etwas Besonderem machen: "Schwelgen Sie in Gemütlichkeit." Außerdem: "Gehen Sie raus. Ziehen Sie sich warm an und erfahren Sie die Natur bei jedem Wetter."
Manchmal werden Leibowitz' Aufforderungen zur positiven Sichtweise ein bisschen zu viel: Wer viel Licht liebt, wird kaum "das Ende der Sommerzeit feiern", wie die Autorin vorschlägt. Auch können die meisten Menschen kaum monatelang auf koselig machen. Prinzipiell hat sie aber recht: Der Winter kommt ohnehin, und ihr Buch bietet Hoffnung, dass sich der finsteren Zeit mehr Glanz abgewinnen lässt. Wer nun denkt: "Ich werde das nie mögen!", dem sagt sie: "Fake it till you make it."



