Der Sturm

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Eine atmosphärisch dichte Familiengeschichte auf einer abgelegenen Insel Norwegens – mit sezierender poetischer Erzählkunst gelingt es Sem-Sandberg, das Schweigen über die Vergangenheit zu brechen.
Norwegen, Ende der 1990er: Andreas kehrt zurück auf die Insel, auf der er seine Kindheit verbrachte, um das Anwesen seines verstorbenen Adoptivvaters Johannes aufzulösen. Mitten im Durcheinander findet er Spuren, die auf die bewegte Vergangenheit der Insel hinweisen und mit seiner nicht begleichbaren Schuld im Zusammenhang stehen. »Der Sturm« von Sem-Sandberg besticht durch seine einnehmende, poetische, kristallklare Sprache.
Andreas war noch klein, als er mit seiner Schwester Minna zu Johannes ins Gelbe Haus kam, das auch als Totes Haus beschimpft wurde. Warum, das wusste er nicht. Es wurde ja nichts wirklich ausgesprochen auf der Insel. Aber der Argwohn nistete überall. Johannes nahm sich der beiden Kinder an, nachdem ihre Eltern auf mysteriöse Weise verschwanden. Ein Flugzeugabsturz, munkelte man. Auch Johannes erzählte ihnen stets von der Tragödie, die sich über dem Meer abgespielt haben soll. Doch Andreas forschte nach. Und wird fündig, als er Jahre später an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Nach und nach erfährt er die Wahrheit über seinen Ursprung, der eng mit der Geschichte der Insel zusammenhängt, auf der die faschistische Quisling- Regierung zuließ, dass eine Kolonie für arme Kinder entstand. Dabei muss er sich auch mit seiner rebellischen Schwester auseinandersetzen, die er so sehr liebte, dass er Schuld auf sich lud, mit der er schließlich von ihr alleine gelassen wurde.

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FALTER-Rezension

Hüttenkoller auf der einsamen Insel

Steve Sem-Sandberg begibt sich in „Der Sturm“ auf Spurensuche in Norwegens faschistische Vergangenheit

Als Aufführungsorte für düstere Kammerspiele bieten sich Inseln geradezu an. Wo Ausweichmöglichkeiten und Zugänge gleichermaßen beschränkt sind, kann die insulare Variante des Hüttenkollers aufs Vortrefflichste gedeihen. Wahnsinn und Gewalttätigkeit, utopische Fantasien und Lügen, alte Feindschaften und düstere Geheimnisse, Missbrauch und Außenseitertum treiben auf Eilanden offenbar üppigere Blüten als auf dem Festland.

Auf der abgelegenen norwegischen Insel, um die es in Steve Sem-Sandbergs jüngstem Roman „Der Sturm“ geht und auf die der Protagonist Andreas nach dem Tod seines Ziehvaters Johannes zurückkehrt, erstarrt im Winter wochenlang alles in einem „Bleiche“ genannten nassen Nebelfrost.

Auch sonst gibt der meeresumspülte Ort, an dem Andreas und seine ältere Schwester Minna aufgewachsen sind, seine Geheimnisse nicht leicht preis. Schon immer hatte Andreas das Gefühl, „dass die Insel nicht nur aus einer einzigen Landschaft besteht, sondern aus mehreren verschiedenen, so eng zusammengefügt, dass sie kaum voneinander zu unterscheiden waren. Deshalb kann man (...) nicht einfach den Pfaden folgen, die man glaubt, einmal entlanggegangen zu sein: In dem Fall gerät man unweigerlich in die Irre“, lässt Sem-Sandbergs seinen Held Andreas einmal denken und schließt daran sogleich die Frage an, die an den Kern des Romans rührt: „Gilt das auch für die Worte, die Geschichten, die wir erzählen?“

Andreas und Minna sind in dem Glauben aufgewachsen, ihre – amerikanischen – Eltern hätten sie als Kleinkinder bei Johannes zurückgelassen, um dann spurlos zu verschwinden. Was ist passiert? Keiner weiß es so genau, und die, die es wie der sanftmütig-feige Säufer Johannes wissen könnten, hüllen sich in Schweigen. Andreas und Minna verbringen ihre Kindheit eingehüllt in Geheimnisse und Gerüchte und getrieben von der Fantasie, ihre Eltern könnten kommen, sie zu holen.

Andreas klammert sich an Minna, die sich – einsam, missverstanden und missbraucht – bald in Richtung verhaltensauffällig entwickelt. Sie, die Ungeheuerliches von Andreas fordert, um dann nichts mehr von ihm wissen zu wollen, bleibt die einzige Konstante seiner Existenz; auch über ihren frühen Tod hinaus. Andreas’ Rückkehr auf die Insel markiert den Beginn seiner Spurensuche, in welcher er sich gänzlich verheddern wird.

Der Norweger Steve Sem-Sandberg, der bereits in mehreren seiner Romane die NS-Geschichte in den Blick genommen hat (etwa in dem Steinhof-Roman „Die Erwählten“), befasst sich auch in „Der Sturm“ mit dieser Zeit. Während der deutschen Besatzung Norwegens und der faschistischen Marionettenregierung unter Vidkun Quisling schürzt sich der Knoten, der später Andreas’ und Minnas Leben bestimmen wird. Es geht um landwirtschaftliche Kommunen-Projekte und Kindererholungsheime auf der Insel, um private medizinische Versuche, um einen Nazi-affinen Inselbesitzer, der die Behinderung der eigenen Tochter nicht verkraftet, und dessen doppelgesichtigen Gutsverwalter – die beiden Männer, um die Sem-Sandberg das Verwirrspiel seines Romans entwickelt.

Der in Norwegen als Meisterwerk gepriesene Roman beginnt eher wirr und schwunglos, nimmt aber nach einem Drittel deutlich an Fahrt auf, indem er noch die letzten Konstanten auflöst, an denen sich sein Protagonist festgehalten hat. Gegen Ende ist nicht mehr sicher, wer die Opfer und wer die Täter, wer die Verrückten und wer die – verhältnismäßig – Normalen sind. Eine Versuchsanordnung ist besonders interessant: Zur Abwechslung nämlich sind es auf Steve Sem-Sandbergs Insel nicht die Neonazis, die Fenster einwerfen und randalieren, sondern die Nazihasser, die „Scheißnazis“ und Außenseiter – wie den ehemaligen Mitläufer Johannes und seinen auf die Insel zurückgekehrten Ziehsohn Andreas – ins Visier nehmen.

Julia Kospach in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 20)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783608981209
Ausgabe 1. Aufl.
Erscheinungsdatum 24.08.2019
Umfang 267 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Klett-Cotta
Übersetzung Gisela Kosubek
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