SACHBUCH-BESTENLISTE März 2019

Der Astronom und die Hexe
Johannes Kepler und seine Zeit

von Ulinka Rublack

€ 26,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Hainer Kober
Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Biographien, Autobiographien
Umfang: 409 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Ein Familiendrama des 17. Jahrhunderts

Geschichte: Ulinka Rublack hat ein wunderbares Buch über Johannes und Katharina Kepler geschrieben

Die Story ist so packend wie ein Hollywood-Script: Weltberühmter Wissenschaftler kämpft verzweifelt um das Leben seiner Mutter. Die Rede ist von Johannes Kepler und seiner der Hexerei angeklagten Mutter Katharina. Dieser spektakuläre Fall aus dem frühen 17. Jahrhundert hat schon zahlreiche Erzähler gefunden: Neben Historikern nahmen sich auch Schriftsteller und Komponisten des Familiendramas an. 2009 etwa schuf Philip Glass für Linz, damals Kulturhauptstadt Europas, die Oper „Kepler“.

Mit „Der Astronom und die Hexe“ meldet sich nun wieder eine Historikerin zu Wort. Ulinka Rublack lehrt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in Cambridge. Gestützt auf zum Teil neue Quellen und ihre profunde Kenntnis der Zeit um 1600 gelingt es Rublack, den Fall feinfühlig in seinem historischen Kontext zu verorten.

Der Kontext ist die Hochzeit der Hexenverfolgungen (1580–1650), in der allein im Gebiet des heutigen Deutschlands über 20.000 Menschen, meist ältere Frauen, auf dem Scheiterhaufen landeten. Rublack betrachtet diese Epoche aber differenzierter. Trotz Hexenwahn und doktrinärer konfessioneller Streitigkeiten, die 1618 mit zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges führen, zeigt sie „die progressiven, dynamischen Tendenzen“ jener Gesellschaft auf. Sie beschreibt Reformbestrebungen in Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft und identifiziert einen Aufbruch hin zur Empirie, zum Verstehen der Welt durch eigenes Forschen, im Großen wie im Kleinen: die Berechnung der Planetenbahnen durch Johannes oder aber auch die Kräuterkunde Katharinas.

Bis hin zu ihrem Speiseplan beschreibt Rublack den Alltag in der württembergischen Stadt Leonberg, wo die Keplers leben. Die sozialen Beziehungen waren eng und häufig konfliktträchtig. Im Streit mit einer Mitbürgerin, die Katharina für ihre Lähmungserscheinungen verantwortlich macht, nimmt die Causa ihren Ausgang. Der Prozess wegen Hexerei zieht sich jahrelang hin, von der ersten Anschuldigung 1615 über ihre Festnahme im August 1620 bis hin zum Urteil im Herbst 1621.

Rublack gelingt ein beeindruckendes Doppelporträt. Sie vermeidet billiges Psychologisieren und dringt dennoch tief in die Figuren ein. Johannes war alles andere als ein zurückgezogener Gelehrter, sondern bestens vernetzt und wusste als kaiserlicher Mathematiker auf der Klaviatur höfischer Etikette zu spielen. Vieles an ihm mag uns heute widersprüchlich erscheinen. Die Astronomie war für den tief religiösen Forscher eine Möglichkeit, das Schaffen Gottes zu entziffern. Er erstellte in seinem Leben über 1000 Horoskope, glaubte aber nicht, dass der Einzelne durch die Gestirne determiniert ist. Man müsse Erziehung und andere Umstände beachten, mahnte er. Für Rublack wird er so gar „zu einem Vorreiter der Sozial- und Individualpsychologie“.

Von Keplers Mutter, einer Analphabetin, ist kaum ein direktes Wort überliefert. Lediglich in den Verhörprotokollen vermeinen wir ihre Stimme zu hören. Katharina war sicherlich wenig umgänglich, aber durchaus lebenstüchtig. Ihr Ehemann Heinrich verließ sie und ihre Kinder mehrmals, um sich als Söldner zu verdingen. Mit über 70, gebrechlich und schon ohne Zähne, musste sie sich nach über einem Jahr in Ketten einem Prozess stellen, der für die meisten Frauen mit dem Tod endete. Sie weinte keine Träne.

Johannes, an sich durchaus ein Familienmensch, hatte lange nicht das beste Verhältnis zu seiner Mutter. „Sie ist von sehr unruhigem Geist“ und „bringt auch ihre ganze Gemeinde in Aufregung und ist sich selber Urheberin beklagenswerten Elendes“, schreibt er, man glaubt es kaum, in einem seiner astronomischen Hauptwerke.

Um jedoch Katharina erfolgreich verteidigen zu können, muss Johannes sich intensiv mit Katharina und ihrer Weltsicht auseinandersetzen. Das hätte sich Hollywood dann auch nicht besser ausdenken können. In der allergrößten Not, im Kerker und buchstäblich im Angesicht des Todes, kommen sich Mutter und Sohn endlich nahe. Er verteidigt sie vor Gericht und erreicht ihre Freilassung.

Oliver Hochadel in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 46)


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