Fußball

von Jean-Philippe Toussaint

€ 18,50
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Übersetzung: Joachim Unseld
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 128 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2016


Rezension aus FALTER 22/2016

Die Partei der überzeugten Überzeugungslosen

Seit der Fußball laufen lernte, wird er vom Nationalismus begleitet. Mittlerweile ist er so weit, dass die beiden miteinander spielen können. Wer schließlich gewinnen wird, ist offen

Die Wahl Alexander Van der Bellens zum Bundespräsidenten ist das Beste, was Österreichs Fußballnationalteam vor der Europameisterschaft 2016 passieren konnte. Auf einer symbolischen Ebene hat das Team nun in dem ehemaligen Flüchtlingsbuben den perfekten Non-Playing Captain. Er passt zu einer Mannschaft, die mit der Einschränkung „National“ zu einer scheinbar geschlossenen Gemeinsamkeit aufruft und deren Mitglieder aus verschiedenen Ländern und Ethnien kommen. Die Medienservicestelle Neue Österreicherinnen hat nachgerechnet: „Beim Erfolg gegen Schweden am 8. September 2015 (4:1), mit dem sich Österreich endgültig für die Euro 2016 in Frankreich qualifizierte, standen fünf Migranten in der Startelf.“
Die Zusammensetzung des Nationalteams spiegelt die Verhältnisse der österreichischen Liga wider. Die Bundesliga wiederum teilt diese Eigenschaft mit allen anderen Ligen in Österreich und auf der ganzen Welt: Der Fußball ist eine gemischte, nach allen Seiten hin offene Gesellschaft. Österreicher gehen ins Ausland, Fremde kommen nach Österreich, um hier für ein Jahr oder für immer zu kicken – unter dem Namen eines anderen Landes oder eben für Österreich.
Im Kader des Meisters und Cupsiegers von 2015/16, RB Salzburg, standen 21 Spieler mit ausländischem Pass und sieben Österreicher. Die zehn Klubs der obersten Liga beschäftigten in diesem Jahr insgesamt 67 „Fremdarbeiter“, fast ein Drittel von ihnen werkte also für Meister Salzburg, das Marketing-Outlet des Energy-Drink-Lizenzunternehmers Dietrich Mateschitz. Doch das ist nichts Neues.

Vor rund 130 Jahren war die Donaumonarchie noch intakt und der Nationalismus eine relativ junge Idee. Er wurde vor allem dazu genutzt, die traditionellen Herrschaftssysteme des Adels, der Kirche und der Berufsstände aufzulösen. 1867 gestand Kaiser Franz Joseph dann das Staatsgrundgesetz zu, es war eine Folge der bürgerlichen Revolution von 1848 und gewährte Vereinsfreiheit. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bildete sich auf dieser Rechtsgrundlage und unter der Führung von Demagogen wie Karl Lueger (1844–1910) die neue politische Organisationsform der Massenpartei.
Der Fußball war wie viele andere Sportarten Mitte des 19. Jahrhunderts in England aufgetaucht. Auf der Insel verfügten die Massen dank der industriellen Revolution und ihrer Arbeitsstruktur über fixe Freizeit an den Tages- und Wochenrändern – der ideale Platz für Sport.
Als die industrielle Revolution mit Verzögerung auf den Kontinent übergriff, stellte sich auch hier die ganze Gesellschaft neu auf. Der Wiener Baron Nathaniel Rothschild hatte aus England Gärtner kommen lassen, die nicht auf das von zu Hause gewohnte Kickerl verzichten wollten. Sie zogen sich Leiberln in den Farben der Rothschild-Jockeys an, Blau-Gelb, und los ging’s. Sie erweckten das Interesse ihrer Wiener Arbeitskollegen und der Zuseher, die am Rand der Wiese stehenblieben und dem Rennen, Schießen und Stoßen, den unerwarteten, von Schreien der Spieler begleiteten Wendungen zusahen, und den Lauf der störrischen und fügsamen Kugel verfolgten.
1894 gründeten Engländer mit freundlicher Unterstützung einiger Wiener den „First Vienna Football Club“ und den „Vienna Cricket Football Club“. Es war die Zeit, wie Leo Schidrowitz, der Chronist und „Propagandareferent“ des Österreichischen Fußballverbandes („Geschichte des Fußballsportes in Österreich“, 1951) schreibt, „da ein bürgerlicher Sonntagsausflug in den Prater bestenfalls bis zum ,Dritten Kaffeehaus‘ führte. Plötzlich tobten Männer freiwillig und im Freien herum, ohne Notwendigkeit und sichtlich auch noch mit Freude!“
Es waren formative Jahre, Fridtjof Nansens Buch „Auf Schneeschuhen durch Grönland“ (1891) versetzte Europa in Hysterie und gab den Anstoß zur Entwicklung des alpinen Skisports. Verschiedene sozialdemokratische Organisationen vereinigten sich 1898 auf Initiative des Arztes und Sozialreporters Victor Adler (1852–1918) auf dem Hainfelder Parteitag zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der heutigen SPÖ. Der christdemokratische, populistisch-antisemitisch agitierende Karl Lueger stellte mit seiner Massengefolgschaft (heute ÖVP) im Rücken den Anspruch auf das Amt des Wiener Bürgermeisters.

Fußball ist ebenfalls eine Massenpartei, er hat allerdings kein Parteiprogramm. Was nicht heißt, dass er keine Botschaft verbreitet. In seinem Geltungsbereich Platz herrschen noch immer die Prinzipien der französischen Revolution von 1789, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ohne die liberal-demokratische Bewegung ist der Sport nicht denkbar. Wie kam aber ein Sport dazu, wenige Jahre nach der von Engländern 1894 betriebenen Vereinsgründungen für die ganze Stadt zu sprechen?
1902 trat eine Wiener Städteauswahl gegen ein Team Budapests an. Auf dem WAC-Platz sahen 500 Zuschauer zu, und drei Stürmer des WAC, Josef Taurer, Johann Studnicka (3) und Gustav Huber erzielten die Tore zum 5:0-Sieg. Später wurde die Partie als erstes Länderspiel vom ÖFB kanonisiert. Der ungarische Fußballverband war erst 1901 gegründet worden, schreibt Leo Schidrowitz, ein 15 Zeilen langer Bericht im Tagblatt habe mit den Zeilen geendet: „Der Sieg war eine Selbstverständlichkeit.“
Am 22. Juni 1912 meldete das Illustrierte (Österreichische) Sportblatt, das „österreichische olympische Komitee hat nach reiflicher Überlegung und Anhörung der einzelnen Sportverbände die Mannschaften gewählt, die Österreich bei den Olympischen Spielen in Stockholm vertreten sollen“. In der österreichischen Fußballmannschaft standen damals fünf Kicker des D.F.C. Prag. Als Betreuer fungierten der spätere Manager des Wunderteams Hugo Meisl (1881–1937) und einer der berühmtesten Fachleute seiner Zeit, der Engländer Jimmy Hogan (1882–1974).
Die Prager würde man heute als Legionäre bezeichnen, da sie einer anderen Nation als derjenigen angehörten, die von der Mannschaft repräsentiert werden sollte. Da Böhmen 1912 noch ein Teil der 1918 untergegangenen österreichisch-ungarischen Monarchie war, ist die Bezeichnung Legionär aber im strengen Sinn unrichtig.
Doch die Internationalisierung schritt voran. 1903 nahm der D.F.C. Prag sogar an der ersten deutschen Meisterschaft teil. Die Böhmen waren eine hervorragende Mannschaft, Produkt des inspirierenden Dreiecks Wien–Budapest–Prag, und verloren erst im Finale gegen den VfB Leipzig.

In Stockholm flog Österreich, also die Abordnung der Monarchie, übrigens trotz der böhmischen Legionäre schon im Achtelfinale (1:5 gegen Deutschland) aus dem Turnier und verlor im Finale des Trostturniers gegen Ungarn 0:3.
Seit 1918 dürfen die Böhmen nicht mehr für Österreich spielen, die völker­übergreifende, integrative Idee der Monarchie ist (auch an der Unfähigkeit ihrer Vertreter) gescheitert. Der Zerfall der UdSSR hatte später ähnliche Folgen. 1918 und 1990 trat jeweils eine Reihe neuer Nationen und Nationalmannschaften auf den Plan. Und wenige Jahre später wiederholte sich das mit dem Zusammenbruch Jugoslawiens.
Das Verhältnis der Österreicher und der Ungarn nahm nach dem Ende der Monarchie die Gestalt einer freudvoll-streitbaren Gemeinschaft an. Der Witz „Heute ist Österreich – Ungarn! Und gegen wen?“ wurde zu einem geflügelten Wort, schließlich erlebten beide Länder den schleichenden Verfall ihrer Mannschaften sozusagen am eigenen Leib des anderen. Geblieben sind blasse Erinnerungen: Österreichs Wunderteam der Jahre 1931/32; die Goldene Generation der Ungarn um Ferenc Puskas, die 1954 im WM-Finale den (gedopten?) Deutschen 2:3 unterlagen. Die Österreicher besiegten Uruguay im Spiel um den dritten Platz 3:1. Die Erinnerung an diese Zeit wird kurz aufleben, wenn Österreicher und Ungarn am 14. Juni 2016 in Bordeaux zum ersten Gruppenspiel der EM gegeneinander antreten.
Um 1900 war der von Lueger und dem völkischen Antisemiten Georg von Schönerer (1842–1921) beeinflusste öffentliche Diskurs so weit, schreibt der US-Historiker Pieter M. Judson („Rethinking the Liberal Legacy“, 2001), dass man in Volksvertretungen und Medien Wert auf strikte Trennung von Deutschen und Böhmen, Deutschen und Tschechen oder Deutschen und Italienern legte. Selbst die Liberalen nutzten den Nationalismus im 19. Jahrhundert, schreibt Judson, um ihrer Klientel die Vorteile einer größeren Gemeinschaft, sei es die tschechische, ungarische oder deutsche, nahezubringen.
Wie hätte sich der Fußball diesem Sog entziehen können? Er erwies sich als hilfreich für die Austragung von Konflikten, er wirkt bis heute radikalisierend und beschwichtigend zugleich. Zugrunde liegt diesem Prozess ein simpler Trick, der dem Fußball fast natürlich innewohnt: die Trennung in „wir“ und „die“. Der Wahlkampf um die Bundespräsidentschaft 2016 hat gezeigt, wie rechte Populisten ihn zu ihrem Vorteil ausnützen.
Zuletzt lieferte die fremdenfeindliche Partei Alternative für Deutschland (AfD) ein Lehrbeispiel: AfD-Vize Alexander Gauland hatte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den schwarzen Nationalteamkicker Jérome Boateng, Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters, beleidigt: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“
Gauland bestritt, die Worte verwendet zu haben, die FAS beharrte auf ihrer Darstellung, AfD-Vorsitzende Frauke Petry entschuldigte sich bei Boateng. Viele Deutsche baten Boateng, doch in ihrer Nachbarschaft einzuziehen. Boateng selbst reagierte gelassen: „Schade, dass das heute noch möglich ist.“ Zurück bleibt ein klassisches Beispiel für die ambivalente Mobilisierungskraft des Fußballs. Wenn der Fußball(-Fan) die rassistischen Töne der AfD auch nur zurückweist, darf er sich schon missbraucht fühlen.

Im Rahmen eines Wiener Symposions über „Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit“ analysierten Historiker aus vielen Ländern die Mechanismen der Feindbildkonstruktion im Fußball. Am Beispiel der Dichotomie israelischer und palästinensischer oder jüdischer und deutschnationaler Klubs zeigt sich, wie Stereotypen das Bild des „Anderen“ zeichnen. Rassische Vorurteile oder die Lage eines Vereins in einem Stadtteil, der „immer schon als von Juden bewohnt galt“, genügten in vielen Fällen, um Klubs zur „Heimat“ der „Juden“ zu stempeln. Ähnliches gilt für „Proletarier“ wie Rapid oder „Bürgerliche“ wie Austria Wien.
Der Journalist und Universitätslehrer James M. Dorsey (Blog: „The Turbulent World of Middle East Soccer“) hat 2015 eine Studie zum Thema „Herstellung nationaler Identität mittels Fußball“ vorgelegt. Am Beispiel „Muskeljudentum versus palästinensischer Underdog“ beschreibt er, wie politische Führer die emotionalisierende Kraft des Fußballs instrumentalisieren, um soziale, politische, ethnische, sektiererische und andere Unterscheidungen in der Bevölkerung zu verankern. Dorsey: „Im Fußball geht es um die Besetzung des fremden Territoriums und die Eroberung des feindlichen Tors. Die Auseinandersetzung wird unter anderem durch die Segregation der Fans der beiden Mannschaften angeheizt.“
Der französische Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint hat ein Buch über persönliche Erlebnisse und Erinnerungen im Stadion („Fußball“, Frankfurter Verlagsanstalt, 2016) geschrieben. Der Fußball erlaube „zwar nicht nationalistisch, da gibt es eine abscheuliche Konnotation, an die ich keine Sekunde denken will, nicht einmal patriotisch, aber chauvinistisch zu sein“. Toussaint betrachtet das Toben des Nationalen im Fußball als „einen kindlichen Nationalismus, im Sinn einer kleinen Angeberei“.

„Immer wieder Österreich“ wird heute vorgelebt von den Teamspielern György Garics, der in Ungarn geboren wurde, Zlatko Junuzović, der in Serbien auf die Welt kam; Martin Harnik, der aus Hamburg stammt. Und David Alaba, Sohn einer philippinischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, Fremdarbeiter beim FC Bayern.
Im Wiener Happel-Stadion schwingen 42.000 Menschen zu kitschigen Klängen (nicht die Nationalhymne, das Austro-Pop-Gerät!) rot-weiß-rote Fähnchen mit dem Logo einer Biermarke. Ein Verband, der sich für Österreich hält, verscherbelt dem Hersteller eines Getränks zur Bewusstseinstrübung das Recht, mit nationalen Gefühlen zu wacheln und zu wuchern. Toussaint hat Recht, das ist Schmiere und keine politische Ansage. Unernster kann Nationalismus nicht sein. Und schöner. Der Fußball ist die einzige Massenpartei mit Zukunft.
Alexander Van der Bellen interessiert sich eigentlich nicht für Sport. Vielleicht sollte er das ändern. Er könnte lernen, wie man mit Nationalisten spielt und überzeugend gewinnt.

Johann Skocek in FALTER 22/2016 vom 03.06.2016 (S. 42)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Fever Pitch (Nick Hornby, Ingo Herzke)
Das Leben in 90 Minuten (Gunter Gebauer)
Staat und Sportverband (Andreas Thomasser)

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