Gespräche mit Freunden

Roman
€ 20.6
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Frances und ihre Freundin Bobbi, Studentinnen in Dublin, lernen das gut zehn Jahre ältere Ehepaar Melissa und Nick kennen. Sie treffen sich bei Events, zum Essen, führen Gespräche. Persönlich und online diskutieren sie über Sex und Freundschaft, Kunst und Literatur, Politik und Genderfragen und, natürlich, über sich selbst. Während Bobbi von Melissa fasziniert ist, fühlt sich Frances immer stärker zu Nick hingezogen … Ein intensiver Roman über Intimität, Untreue und die Möglichkeit der Liebe, eine hinreißende, kluge Antwort auf die Frage, wie es ist, heute jung und weiblich zu sein.

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FALTER-Rezension

Die Liebe in Zeiten von Dick Pics

Der vielgepriesene Millennial-Roman„Gespräche mit Freunden“ der irischen Autorin Sally Rooney liegt endlich auf Deutsch vor

Frances ist 21 Jahre alt, hochbegabt und voller Selbstzweifel. Am wohlsten fühlt sich die Literaturstudentin zwischen Buchseiten. Mit Traurigkeit und Wut kann sie schlecht umgehen. Wenn der emotionale Druck unerträglich wird, zwickt oder kratzt sie sich blutig, um etwas zu spüren. Ihre Freunde bezeichnen sie als „bisexuell“, sie selbst nennt sich einen „Allesfresser“.

Wir lernen die Hauptfigur von Sally Rooneys Debütroman „Gespräche mit Freunden“ nach einer Poetry Night in Dublin kennen, bei der sie mit ihrer Freundin und Ex-Geliebten Bobbi aufgetreten ist. Ihre Stimmung wird noch aufgekratzter, als sie die neue Bekanntschaft Melissa auf einen Drink nach Hause einlädt.

In der Folge entwickelt sich eine Menage à trois zwischen zwei zerrütteten Paaren. Die Fotografin/Autorin Melissa flirtet zunächst mit Bobbi, was Frances eifersüchtig macht. Diese lässt sich daraufhin von Melissas Mann Nick entjungfern und hält die Affäre vor ihrer Busenfreundin Bobbi geheim. Was sich daraus in einem provenzalischen Ferienhaus entwickelt, reicht an einen französischen Beziehungsfilm à la „Swimmingpool“ heran, allerdings ohne dessen böses Ende.

„Gespräche mit Freunden“ ist ein irreführender Titel, denn Konversation nimmt darin nicht mehr Raum ein als in anderen Romanen auch, sie findet nur häufiger im Netz statt. Es ist aber weniger das Surfen, Posten und Chatten, das Frances als Digital Native ausweist. Wichtiger erscheint das Aufwachsen in dem Bewusstsein, dass diese Datenströme die ganze Zeit nebenher laufen und jederzeit Intimes offenbaren können.

Es geht schon im Teenageralter los, als die Leseratte Frances einem netten Typen schreibt, bis der ihr bald ein „dick pic“ – also ein Foto seines Ständers – schickt. Später muss sie angesichts eines auf Facebook geteilten Videos schlucken, in dem ihr Lover und dessen Frau einen Sinatra-Song als trautes Duett zum Besten geben.

Als ambivalent wird auch die Freiheit dargestellt, die 2000er-Kinder in puncto Beziehungs- und Berufswahl genießen. Da wird zwar keine mehr gemobbt, weil sie auf der Highschool eine lesbische Liebe lebt; Männer und Frauen gleich attraktiv zu finden bleibt aber auch 100 Jahre nach Freuds Entdeckung der grundsätzlich bisexuellen Veranlagung des Menschen dubios.

Beruflich weiß Frances anfangs nur, was sie nicht will: einen Bürojob, wie sie ihn als Praktikantin einer Literaturagentin kennengelernt hat. Als sie später kellnern muss, erscheint das Verlagswesen dann doch wieder als attraktiv. Womit wir beim heutigen Literaturbetrieb wären: Schreibbegabte ­Millennials poppen zunächst zwar in einem Blog oder einem Onlinemagazin auf; Networking wird dann aber doch wieder, sorgsam gestylt, auf Buchpräsentationen, Lesungen und Spoken-Word-Events betrieben.

Sowohl in „Conversations with Friends“ (2017) als auch in Rooneys zweitem, im darauffolgenden Jahr erschienenen Roman „Normal People“ kommt eine ungewollte Schwangerschaft vor. Diese Episoden haben auch mit dem erst 2018 aufgehobenen Abtreibungsverbot in Irland zu tun, gegen das Rooney wiederholt öffentlich protestiert hat. Auch Frances’ schmerzvolle Frauenkrankheit Endometriose schildert die Feministin plastisch – ein Novum in einer Literaturwelt, in der sonst nur die Prostatabeschwerden älterer weißer Autoren breitgetreten werden.

Rooneys Debüt hält die Leserinnen und Leser bei der Stange. Die Sexszenen sind gut geschrieben, man will erfahren, wie es mit den (poly-)amourösen Verstrickungen weitergeht, und die unerwarteten Wendungen runden das Buch am Ende gelungen ab. „Gespräche mit Freunden“ hat es nicht nötig, als der Roman der Millennials vermarktet zu werden, er besticht auch so durch seine präzise Wahrnehmung von Habitus und Machtstatus in einer Welt, in der Klasse, Geschlecht und gedruckte Bücher angeblich keine Rolle mehr spielen.

Nicole Scheyerer in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 12)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783630875415
Ausgabe Deutsche Erstausgabe
Erscheinungsdatum 22.07.2019
Umfang 384 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Luchterhand
Übersetzung Zoë Beck
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