
Die Hunde heulen, die Milane kreisen wieder
Sigrid Löffler in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 9)
m Grunde hat António Lobo Antunes, der Großbürgersohn, Arzt und Schriftsteller, der Anfang März mit 83 Jahren in Lissabon verstorben ist, sein Leben lang ein und denselben Roman geschrieben – in mehr als 30 Varianten. Sein Werk ist lesbar als Chronik der verschwiegenen portugiesischen Geschichte. Antunes leuchtet Portugals Traumata aus: die Gewaltherrschaft des ewigen Diktators Salazar, gestützt auf Geheimdienst, Militär und Kirche; die nicht aufgearbeitete Geschichte, insbesondere den Kolonialkrieg in Angola, in dem der junge Antunes als Militärarzt Dienst tun musste; den Niedergang der alten Machteliten aus Landadel und Großbürgertum.
Der bevorzugte Schauplatz des Autors ist ein verfallendes feudales Landgut, und der Familienroman ist sein liebstes, weil aussagekräftigstes Erzählformat. Im Modell der zerrütteten patriarchalen Familie spiegelt sich immer der Untergang des autoritären Staates, der Familiendespot ist Repräsentant der Diktatur.
Alle Bücher Antunes’ ähneln einander, denn alle schöpfen aus ein und demselben Reservoir – den Erinnerungen des Autors an seine feudale Kindheits- und Herkunftswelt. Die Figuren entstammen entweder der alten Herrschaftsklasse des Landes oder der verelendeten Unterschicht, darunter viele „Retornados“, entwurzelte Rückwanderer aus den verlorenen Überseekolonien. Die Feudalgesellschaft hat sich überlebt, kann aber nicht sterben und schwärt kraftlos fort, gänzlich unberührt von EU-Beitritt, Massentourismus und Modernisierungsfieber, die Portugal in den letzten Jahrzehnten gründlich durchgerüttelt haben. In der fiktiven Welt dieses Autors ist die Zeit mit der Nelkenrevolution von 1974 stehen geblieben.
Geübte Antunes-Leser werden die Kulissen und Requisiten in jedem Roman wiedererkennen: das düstere, übermöblierte Herrenhaus mit seinem modrigen Hausrat, die Truhen vollgestopft mit Erb-Plunder, das Ganze untermalt von Vogelgesang und allerlei anderen Tierlauten.
In „Wörterbuch der Sprache der Blumen“ von 2020, seinem 31. Roman, der soeben in der brillanten Übersetzung Maralde Meyer-Minnemanns auf Deutsch erschienen ist, recycelt Antunes abermals sein angestammtes Milieu und seine Lieblingsthemen.
Und da ist auch wieder das einst prächtige, jetzt aber heruntergekommene Landgut, der Rosengarten vertrocknet, der Getreidespeicher zusammengesackt, der Olivenhain mit einer Hypothek belegt. Da sind sie wieder, die lärmenden Raben, Störche und Möwen, die kreisenden Milane und die heulenden Hunde.
Der Protagonist ist angelehnt an eine historische Gestalt, an Júlio de Melo Fogaça, homosexueller abtrünniger Sohn eines Großgrundbesitzers, der als Kommunist unter Salazar 18 Jahre lang im Gefängnis saß. Er tritt im Roman allerdings nicht selbst auf, sondern wird in 23 Kapiteln im Bewusstseinsstrom von ebenso vielen Weggefährten umkreist, wodurch ein widersprüchliches Bild des abwesenden Helden entsteht.
Hier kommt Antunes’ singuläre Erzähltechnik ins Spiel. Sie hat ihn berühmt gemacht und zugleich als unlesbar abgestempelt. Es gibt bei ihm nämlich keine chronologische Erzählführung, der eigentliche Plot ist eliminiert und wird ersetzt durch ein polyphones, jazzartig rhythmisiertes Stimmengewirr. Alle Zeiten sind im Augenblick des Jetzt aufgehoben. Auf diese Weise entsteht eine symphonische Vielstimmigkeit mit einer ganz eigenen, ausgeklügelten Leitmotiv-Technik. Bestimmte Schlüsselsätze und Requisiten sind bestimmten Romanfiguren zugeordnet und kehren refrainartig wieder.
Man mag den extremen Verismus der Anschaulichkeits- und Detailbesessenheit dieses Autors bewundern oder sich als Leser im Sprachdickicht dieses Verrätselungsvirtuosen verloren fühlen. Dass die Weltliteratur mit António Lobo Antunes einen einzigartigen Erzähler verloren hat, ist unbestreitbar.



