Sachbuch-BESTENLISTE Mai 2021

Anatomie eines Genozids

Vom Leben und Sterben einer Stadt namens Buczacz
€ 28.8
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:


Buczacz war jahrhundertelang eine vielsprachige Kleinstadt in einer osteuropäischen Grenzregion. Als die polnischen und ukrainischen Nationalbewegungen sich gegen die imperiale Macht auflehnten, geriet eine Gruppe zwischen alle Fronten: die Juden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie zu den Leidtragenden einer gescheiterten Minderheitenpolitik.
1942/1943 richteten sich die Angehörigen der deutschen Besatzungsmacht mit ihren Familien in der Stadt ein. Angestellte der Firma Ackermann, die bei Brückenarbeiten die Erschießung jüdischer Zwangsarbeiter mitansehen. Oder eine Frau wie Berta Herzig, die ein jüdisches Kindermädchen beschäftigt und sich mit Henriette Lissberg, der Frau des Landkommissars, die Friseurin teilt. Ungerührt genießen sie die idyllische Provinz. Etwa 10 000 Juden wurden damals in Buczacz umgebracht – vor aller Augen.
Ausgehend von einem Gespräch mit der Mutter in Tel Aviv kurz vor ihrem Tod, beginnt Bartov seine Recherchen, die ihn durch unzählige Archive führen. Seine glänzend geschriebene Mikrogeschichte der ostgalizischen Stadt ist ein Meilenstein der Holocaust-Forschung.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Polen und Ukrainer fürchteten, der Völkermord an den Juden könnte ihre Opfer überschatten

Ein Panorama der drei Ethnien Galiziens, Polen, Juden und Ukrainer, steht am Anfang der regionalgeschichtlichen Studie. Auf dem Gebiet der heutigen Westukraine ermordeten die Nazis 1,5 Millionen Juden, nach 1945 setzte sich mit der Vertreibung von einer halben Million Polen die Tragödie fort, ebenso viele Ukrainer mussten Polen verlassen. Der Genozid wurde vergessen: „Vor allem Polen und Ukrainern lag daran, ihr Martyrium herauszustreichen. Sie fürchteten, der Völkermord der Nazis an den Juden könne ihre eigenen Opfer überschatten!“

Rudi Klein in Falter 43/2021 vom 29.10.2021 (S. 9)


Der Holocaust, erzählt und verdichtet wie sonst nie

Omer Bartov arbeitet Geschichte und Wesen des Holocaust am Beispiel einer einst polnischen, heute ukrainischen Kleinstadt auf

In Buczacz, das heute in der Westukraine liegt, erinnert nichts mehr an die einstige polnisch-jüdische Geschichte. Die Orte des Todes, die Massengräber sind unbezeichnet, ein Interesse, sich der Vergangenheit zu stellen, ist nicht vorhanden. Dabei wurde in Buczacz neben bedeutenden Schriftstellern und Historikern auch Simon Wiesenthal geboren, aber nicht einmal seinen Namen findet man im örtlichen Heimatmuseum. Es ist, als hätte es nie Juden in dieser Stadt gegeben. Und das gilt für die gesamte Westukraine, das ehemalige Ostgalizien, sowohl was die hier verübten Massaker als auch was den Umgang mit der Geschichte betrifft.

Zwei Jahrzehnte hat der israelische Historiker Omer Bartov an dieser Studie gearbeitet, und so gut wie alles darin hat Modellcharakter: Buczacz steht beispielhaft für den Völkermord in Osteuropa, für die Verbrechen, die Deutsche und Ukrainer zwischen 1941 und 1944 an der jüdischen Bevölkerung verübten. Der Fokus auf diesen Ort hat ein familiäres Motiv: Bartovs Mutter hat ihre Kindheitsjahre in Buczacz verbracht. Während sie noch rechtzeitig nach Palästina auswandern konnte, hat von den zurückgebliebenen Verwandten niemand überlebt. Erst drei Jahre vor ihrem Tod hat die Mutter zu erzählen begonnen.

Es gibt in der Holocaustliteratur kaum ein intensiver recherchiertes Buch, das zugleich weit über eine nüchterne Dokumentation hinausgeht. Es ist vielmehr eine Erzählung, ein Zeugnis von Mordaktionen, wobei Bartov den berührenden Opfergeschichten die entsprechenden Täterbiografien gegenüberstellt. Sie können zumindest im Ansatz erhellen, was Menschen zum ganz gewöhnlichen, alltäglichen Morden befähigt hat. Ja, man muss geradezu von einer Wollust des Tötens sprechen.

Und dabei geht es nicht nur um die Verbrechen der Deutschen, es ist auch ein ukrainisches Problem, das bis heute weitgehend unreflektiert ist. Auch wenn nichts die deutsche Verantwortung relativieren kann, muss klar miteinbezogen werden, dass dieser Genozid nicht nur von einem Täter verübt wurde. Die Drecksarbeit erledigten allzu oft die unteren Chargen, ukrainische Hilfspolizisten, die man gar nicht erst dazu ermuntern musste.

Pogrome hatten im Osten Tradition, nicht selten waren es orthodoxe Priester, die dazu aufriefen. Dass zeitgleich zum Holocaust der ukrainische Nationalismus seine blutige Spur zog, ist kein Zufall, man arbeitete sich gegenseitig in die Hände. Die Kämpfer des ukrainischen Faschistenführers Stepan Bandera verfolgten ein klares Ziel: eine unabhängige Ukraine ohne Juden und Polen. Die Brutalität, mit der sie dabei vorgingen, ist auch eine Antwort auf die massive Polonisierung Ostgaliziens nach dem Ersten Weltkrieg. Aber nicht nur nationaler Hass war ausschlaggebend, oft war es blanke Gier, um sich etwa die Habe der Nachbarn anzueignen.

Die Deutschen hatten andere Motive. Für die vielen Polizisten, Gestapobeamten und SS-Männer, die hier Dienst versahen, war das Morden wie ein "Urlaubserlebnis", eine Abwechslung in ihrer Karriere, und sie wurden auch reichlich belohnt: "Lebensmittel, Alkohol, Tabak und Sex standen ihnen fast unbegrenzt zur Verfügung", für drei Jahre waren sie "die uneingeschränkten Herren über Leben und Tod".

Nachher hatten sie kaum etwas zu befürchten. Von 106.000 Personen, gegen die BRD-Gerichte später ermittelten, wurden nur 6500 verurteilt, lediglich 166 zu lebenslanger Haft. Das "staatlich gelenkte Massenverbrechen", so Bartov, bietet "reichlich Anschauungsmaterial dafür, dass bei einem Genozid die Mörder in der Regel davonkommen".

Gerhard Zeillinger in Falter 38/2021 vom 24.09.2021 (S. 22)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783633543090
Erscheinungsdatum 28.03.2021
Umfang 486 Seiten
Genre Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Format Hardcover
Verlag Jüdischer Verlag
Übersetzung Anselm Bühling
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Guido von Büren, Horst Walraff
€ 30,90
Barbara Yelin, Charlotte Schallié, Rita Seuß, Miriam Libicki, Gilad Seli...
€ 25,70
Timothy Snyder, Martin Richter
€ 35,00
Benjamin Lahusen
€ 35,00
Susanne Schattenberg
€ 10,30
Arthur Ponsonby, Lena Gundrum, Charlyne Huckins
€ 24,70
Chris Webb, Jerry Steinberg
€ 41,00
Mario Keßler
€ 20,40