Facetten meines Lebens

Optimismus, Selbstvertrauen und manchmal Glück. Eine Autobiografie. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
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Kurzbeschreibung des Verlags:

„Ein Buch voller Inspiration. Martin Karplus erzählt meisterhaft eine Geschichte über Spitzenwissenschaft und stellt gleichzeitig Aussagen über die Zukunft infrage.“ (Dudley Herschbach, Chemie-Nobelpreisträger 1986)
„Der ergreifende Lebensbericht eines versierten Ornithologen, Fotografen, Kochs, politischen „Umstürzlers“, Chemie-Nobelpreisträgers und Menschenfreundes ist reich an Worten und Bildern. Martin lässt uns die Welt durch seine Augen sehen und lenkt den Blick mit außergewöhnlicher gedanklicher Klarheit und Kompetenz auf das Wesentliche. Seine Berichte über Menschen, Orte und Leistungen, aber auch seine Visionen für die Zukunft vermitteln einen optimistischen, einfühlsamen Blick auf unsere Welt.“ (John Straub, Boston University, USA)
„In diesem Buch erzählt Martin Karplus sehr lebendig sein Leben. Aufgewachsen in einer jüdischen Großfamilie in Wien, vertrieben 1938 durch die Nationalsozialisten, machte er in den USA eine beeindruckende Karriere zum weltberühmten Wissenschaftler. Die Beschreibungen von Martin Karplus, sei es über seine Neugier in Bezug auf die Wissenschaft, seine Passion zur Fotografie oder seine Erlebnisse mit berühmten Köchen, machen dieses Buch, besonders auch für die junge Generation, absolut lesenswert.“ (Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)

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FALTER-Rezension

Der Bindungsforscher

Am 11. März 1938 ist Martin Karplus wütend. Eigentlich ist für diesen Freitagabend seine Geburtstagsfeier geplant, am 15. März wird er acht Jahre alt. Doch stattdessen sitzen die Eltern im Wohnzimmer des Döblinger Einfamilienhauses und hören Radio. Der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg gibt seinen Rücktritt bekannt, das Bundesheer wird keinen Widerstand leisten, wenn am nächsten Tag die deutsche Wehrmacht einmarschiert.
Seinen achten Geburtstag vier Tage später verbringt Martin Karplus im Zug in Richtung Schweiz. Dort bleibt die Wiener Familie einige Wochen, dann fliehen sie weiter nach Frankreich und schließlich in die USA. Am 8. Oktober 1938 erreichen sie Ellis Island, die Einwanderungsbehörde vor New York.

Die Voraussicht der Eltern, die schon vor dem "Anschluss" Englischunterricht und Auswanderungsvisa organisieren und einen "Skiurlaub" in die Schweiz buchen, rettet die jüdische Familie. "Hätte ich nicht fliehen müssen, wäre ich wohl Arzt geworden", sagt Karplus. Stattdessen studierte er Chemie. 2013 wurde ihm gemeinsam mit Michael Levitt und Arieh Warshel der Nobelpreis für Chemie verliehen, für die Entwicklung von Multiskalenmodellen für komplexe chemische Systeme. In den 1970ern erstellten sie an Karplus' Labor an der Harvard-Universität ein Computerprogramm, das erstmals chemische Reaktionen simulieren konnte. Weil die Interaktion von Atomen in Millisekunden geschieht, lässt sie sich nicht direkt beobachten; deshalb braucht es Modellrechnungen.

Ein Leben im Rückblick betrachtet ergibt meist eine schlüssige Geschichte. Was war, erklärt das, was ist -sonst wäre es ja anders gekommen. Beschäftigt man sich mit der Biografie von Martin Karplus, ist die Versuchung umso größer, den Nobelpreis als unausweichlich zu sehen. Deutet nicht alles darauf hin? Die weitverzweigte, wohlhabende und hochgebildete Großfamilie beispielsweise -Sigmund Freud war ein Freund der Familie. Oder waren es nicht vielmehr Zufälle, die Lehrerin in der Junior High School in Newton, einem Vorort von Boston, beispielsweise, die den jungen Karplus in seinem eigenen Tempo arbeiten ließ, weil sie merkte, dass er sich langweilte?

Vielleicht wäre es auch anders gekommen, hätte er im Frühjahr 1950 nicht seinen Bruder Bob besucht, der, drei Jahre älter als er, an der Universität von Princeton einen Postdoc in Physik machte. Zufälligerweise kam gerade Albert Einstein vorbei, man machte Smalltalk. Karplus, der sich gerade nach einer Doktorandenstelle umsah, sagte, er interessiere sich für Biologie aus der Sicht des Chemikers. "Das ist gut", antwortete Einstein. Karplus fühlte sich bestärkt.

Heute ist Karplus 92 Jahre alt, er lebt im US-amerikanischen Cambridge nahe Boston, wo sich die Harvard-Universität befindet, an der er Professor für Chemie ist. Eine Handvoll Postdocs betreut er noch, sie beschäftigen sich mit der Entwicklung einer universalen Grippeimpfung.

Seine Antwort auf die Frage, wie er seinen Erfolg erklärt, ob alles von Anfang an darauf hindeutete, dass er einmal einen Nobelpreis gewinnen würde? "Optimismus, Selbstvertrauen und manchmal Glück" sei es gewesen; "Fleiß, Talent und Originalität" möchte man hinzufügen. Karplus' Aufzählung ist auch der Untertitel seiner Autobiografie "Facetten meines Lebens". 2020 erschien sie auf Englisch, nun hat der Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sie ins Deutsche übersetzt.

Bereitwillig beantwortet Karplus auf Zoom weitere Fragen, er spricht gewählt in amerikanischem Englisch. Als die Familie in die USA kam, weigerte er sich, mit den Eltern Deutsch zu sprechen; sie gaben nach. "Es ist mir jetzt etwas peinlich, mich daran zu erinnern", sagt Karplus. "Aber es war mein Weg, ein echter Amerikaner zu werden."

Das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören, sich stärker beweisen zu müssen als die anderen, blieb ihm. Besonders prägt ihn dabei sein Doktorvater, der zweifache Nobelpreisträger Linus Pauling. Die beiden beschäftigen sich mit Wasserstoffbrückenbindungen, die Wechselwirkung zwischen dem Wasserstoffatom und anderen Atomen. Sie existieren beispielsweise im Wasser; gefriert es, werden sie räumlich fixiert.

Jeden Morgen, wenn Karplus in sein Labor kommt, findet er eine handgeschriebene Notiz von Pauling vor. "Es wäre interessant, sich anzusehen, ob ..." beginnt sie stets. Der 21-Jährige bemüht sich, Antworten zu finden -bis ihn andere Studenten beruhigen, er müsse nicht auf alles reagieren.

Eine Postdoc-Stelle in Oxford, eine Dozentur an der Universität von Illinois, eine beigeordnete Professur an der Columbia University, nach seinem Doktorat will Karplus die Welt sehen. Damals fasst er den Entschluss, alle fünf Jahre die Hochschule oder das Forschungsgebiet zu wechseln. "Wenn ich nichts weiß, bin ich nicht von alten Ideen voreingenommen", sagt Karplus. "Und sobald ich das Gefühl hatte, etwas verstanden zu haben, hat es mich nicht mehr interessiert."

Den Fünfjahresplan adaptiert er später etwas: 1965 kehrt er als Professor nach Harvard zurück, 1975 nimmt er zeitgleich eine Stelle an der Universität Paris VII an. Jahrzehntelang pendelt Karplus, mittlerweile verheiratet und Vater dreier Kinder, zwischen Frankreich und den USA. Bis heute ist er (inzwischen emeritierter) Professor an der Universität von Straßburg.

Im Groben bleibt Karplus seinem Gebiet treu: Ihn interessiert die Chemie aus der Sicht des Biologen, also, wie sich Moleküle bei chemischen Reaktionen verhalten. Dabei arbeitet er theoretisch, entwickelt Gleichungen und Simulationen. Bis heute ist die "Karplus-Gleichung" im Einsatz, um Kernresonanzspektroskopie, also die Beobachtung der Magnetfelder rund um Atomkerne, auszuwerten. Grob vereinfacht berechnet die Gleichung die Wechselwirkung der positiven Teilchen im Atomkern.

Damals gab es zwei unterschiedliche Zugänge, um zu berechnen, wie sich die Teilchen bei chemischen Reaktionen verhalten. Bei einer chemischen Reaktion gehen die Atome unterschiedlicher chemischer Verbindungen neue Bindungen ein. Dabei wird Energie umgewandelt oder freigesetzt. Die klassische Physik kann berechnen, wie die Struktur von Atomen und Molekülen im Ruhezustand aussieht; die Quantentheorie hat Modelle, um die Interaktion der Teilchen zu berechnen, also zu erklären, wie sie sich verhalten, wenn sie energiegeladen sind. Diese Berechnungen sind extrem aufwendig. Die beiden Zugänge zu kombinieren ist bis dahin noch niemandem gelungen; doch das ist notwendig, um eine chemische Reaktion von Anfang bis zum Ende zu simulieren, weil bei einer chemischen Reaktion die Teilchen sowohl im Ruhezustand wie auch in Interaktion sind.

Im Jahr 1970 kommt ein junger Biochemiker zu Karplus nach Harvard: Arieh Warshel, er hat zuvor am israelischen Weizmann-Institut gemeinsam mit dem südafrikanischen Biophysiker Michael Levitt am Supercomputer "Golem" ein Programm entwickelt, das Moleküle modellieren kann. Ihr Zugang ist ein klassischer. Gemeinsam mit Karplus, der quantentheoretisch arbeitet, entwickeln sie es weiter. Ihnen gelingt eine Modellrechnung, die erstmals beide Zugänge kombiniert. Für die Elektronen und Atomkerne, die direkt an der Reaktion beteiligt sind, verwenden sie quantentheoretische, für die übrigen Teilchen klassische Berechnungen. Es funktioniert.

1972 wird die Arbeit veröffentlicht, bis heute ist sie grundlegend dafür, um chemische Prozesse zu simulieren, ob es nun darum geht, Solarzellen zu optimieren, Katalysatoren zu entwickeln oder die Wirkung von Medikamenten zu testen.

Am 9. Oktober 2013, 75 Jahre und einen Tag nachdem Martin Karplus in den USA angekommen ist, wird er frühmorgens von einem Telefonanruf geweckt. Es ist das Nobelpreiskomitee. An jenem Tag gibt er sein erstes Interview auf Deutsch, erzählt dem ORF, dass sich Österreich 75 Jahre nicht für ihn interessierte; als er 1998 nach Wien kam, hörte er antisemitische Kommentare.

Anna Goldenberg in Falter 33/2022 vom 19.08.2022 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783700192107
Erscheinungsdatum 23.06.2022
Umfang 315 Seiten
Genre Chemie
Format Taschenbuch
Verlag Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften
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