Ein Staat stirbt

Österreich 1934-38
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Kurzbeschreibung des Verlags:

In 29 kurzen Kapiteln erzählt „Ein Staat stirbt. Österreich 1934–38“ die Geschichte des Austrofaschismus und der Zerschlagung Österreichs. Das Buch liest sich dabei schnell, reißt den Leser und die Leserin mit sich wie kaum ein anderes. Obwohl es inzwischen zahlreiche Darstellungen der vier Jahre hauseigener Diktatur gibt, existieren wenige so klare und geraffte Beschreibungen wie diese: Perspektiven und Propenenten wechseln in raschem Tempo, der Beschreibung folgt die Analyse, der Anklage das Urteil. Und man spürt, mit welcher Emotion und mit welcher Angst und Sorge das Buch geschrieben ist. Man kann den Sieg des Nationalsozialismus vielleicht noch verhindern. Doch auch eine Vorahnung des Holocaust schwingt schon mit.Otto Leichters im Pariser Exil 1939 entstandener Text steht unter dem Eindruck des ‚Anschlusses‘. Vor dem Münchner Abkommen verfasst und unter dem Pseudonym Georg Wieser erschienen, ist es kein wissenschaftliches Buch: Leichters Werke oszillierten grundsätzlich zwischen Essayismus, Journalismus und Wissenschaft. „Ein Staat stirbt“ ist auch Beschreibung und Analyse zugleich, und vielleicht noch mehr: eine politische Anklageschrift, die das Versagen einer reaktionären, in ihrer Unfähigkeit und Verblendung ins eigene Verderben rennenden Elite, aber auch die Unterlassungen der westlichen Demokratien anprangert. Bis heute ist das nur mehr schwer zugängliche Buch wohl eine der dichtesten, schärfsten und klarsten Beschreibungen des Finis Austriae 1938 geblieben.

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FALTER-Rezension

Die Leiche Österreich stank, eh sie starb

1934 bis 1945: Otto Leichter und Friederike Manner schrieben über Austrofaschismus, Krieg und Exil

Es dauerte keine 72 Stunden, bis die Nationalsozialisten im März 1938 den „Anschluss“ vollzogen und die gesamte Verwaltung im Land wie selbstverständlich übernommen hatten. Speed kills, sagt man heute, Triumph des Tempos damals. „Solch wirksame Machtausübung macht auf die Menschen immer großen Eindruck, selbst wenn sie mit den Zielen derer, die die Macht handhaben, nicht einverstanden sind.“

Autor dieser hellsichtigen Zeilen war der Sozialist Otto Leichter. Der ehemalige Redakteur der Arbeiter-Zeitung versuchte beim Einmarsch der Nazis nach Jugoslawien zu fliehen, wurde an der Grenze jedoch zurückgewiesen und gelangte in der Folge mit einem falschen Pass über die Tschechoslowakei nach Belgien, dann Frankreich und 1940 weiter in die USA. Noch auf der Flucht durch Europa verfasste er das Buch „Ein Staat stirbt. Österreich 1934–38“, das er Ende 1938 unter Pseudonym (Georg Wieser) in einem Exilverlag in Paris veröffentlichte.

Die buchlange Reportage über den klerikalfaschistischen Ständestaat ist aus nächster Nähe geschrieben, denn Otto Leichter und seine Frau, die später nach Ravensbrück verschleppte und von den Nazis ermordete Gewerkschafterin und Soziologin Käthe Leichter, zählten zu den führenden Köpfen des sozialdemokratischen Widerstands gegen den Austrofaschismus. Die vier Jahre dauernde „Halbdiktatur“, heißt es darin, litt an der „politischen Wahnvorstellung, dass Österreichs Freiheit nicht durch Freiheit in Österreich geschützt werden könne“.

Dass dieses Buch bis heute wenig bekannt ist, sollte sich jetzt dank einer Neuauflage nach 80 Jahren, herausgegeben und mit sachdienlicher Kommentierung von Béla Rásky in der Studienreihe des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien erschienen, gründlich ändern. Denn das Werk ist nicht nur eine schreiberisch gelungene Mischform zwischen journalistischem Essay und profunder Analyse, sondern besticht durch Genauigkeit ebenso wie durch Formulierlust.

So überrascht Leichter mit gewitzten Charakter-Vignetten. Während Kurt Schuschnigg für ihn ein zaudernder, „steifleinerner Diplomat“ ist, der außen- wie innenpolitisch stets danebenliegt, nimmt sich das Kapitel über Engelbert Dollfuß, dessen Vorgänger im Bundeskanzleramt, beinahe von Sympathie getragen aus: „Der begabte Junge sollte – wie das bei aufgeweckten Bauernkindern in Österreich die Regel ist – ursprünglich Geistlicher werden, aber der springlebendige junge Mann hielt das beschauliche Leben im Priesterseminar nicht aus, sprang aus der Kutte und studierte Jus.“

Dollfuß, der 1934 beim Juliputsch österreichischer Nazis den Tod fand, spekuliert der Autor schließlich, „starb nicht nur im Bewusstsein des herannahenden Todes, sondern er starb mit dem quälenden Gefühl, dass die Nazis gesiegt hatten und Österreich von ihnen erobert sei“.

Einerseits hat Leichter die widerständische Haltung der österreichischen Arbeiterschaft gewiss überschätzt; andererseits schrieb er das Buch wohl auch, um sie noch einmal im Kampf gegen den Faschismus zu bestärken. Umso bitterer sein Fazit: „Nicht erst der 12. Februar 1938, die Reise Schuschniggs nach Berchtesgaden, sondern der 12. Februar 1934 bedeutete das Ende Österreichs.“

„Früher dachte ich nicht viel an Politik“, lässt Friederike Manner ihr literarisches Alter Ego, die junge Klara, sagen. „Erst der 12. Februar hat mich aufgeweckt. Damals hätten wir kämpfen sollen –.“

Mittendrin verhallende Sätze wie dieser, mit Gedankenstrichen, die ins Leere weisen, gehören zu den stilistischen Auffälligkeiten des Romans „Die dunklen Jahre“, den Manner 1948 unter Pseudonym (Martha Florian, nach dem Mädchennamen ihrer Mutter) veröffentlichte. In sieben Kapiteln und mit engem Bezug auf autobiografische Details erzählt die gebürtige Wienerin darin von der „verzweifelten Einsamkeit des Exils“, das für die überzeugte Sozialistin freilich bereits mit dem Bürgerkrieg begann: „Die Leiche Österreich stank schon, eh sie starb.“

Wie die Autorin erlebt Klara, die Mutter zweier Kinder und zunächst noch mit einem jüdischen Arzt verehelicht ist, die Jahre 1934 bis 1945 in der Schweiz und danach in Serbien. Im deutsch besetzten Belgrad ist sie längst Alleinerzieherin und Alleinerhalterin, findet Arbeit, ein paar Freunde, aber hat „zu komplizierten Gefühlen wenig Zeit, wenig Kraft und gar keine Lust. Ich lebe gleichsam mit Scheuklappen vor den Augen, nur auf das eine Ziel gerichtet: die Kinder durchzubringen“.

In diese große Erzählung eingewoben sind Gedichte, einzelne Blätter aus Tagebüchern sowie auch längere Briefe: „Manches schreibt sich leichter, als es sich sagt. Papier errötet nicht.“ Das packt, berührt, reißt mit. Wie konnte dieses Buch, obwohl in den 1950ern nochmals aufgelegt, auf Jahre und Jahrzehnte so weithin aus dem Blickfeld verschwinden? „Dieser Roman schenkt niemandem etwas“, meinte Felix Hubalek damals in der Arbeiter-Zeitung, „den Freunden nicht und nicht den Feinden und am wenigsten den Lauen, die zwischen beiden ‚in Deckung‘ gingen“.

Eventuell ist genau das die Erklärung für das Vergessen, dem Friederike Manner und ihr Werk in der Zweiten Republik anheimfielen. Die Protagonistin Klara kehrt, genau wie die Autorin, 1945 nach Wien zurück. Doch es ist kein versöhnliches Wiedersehen, im Gegenteil: „Ich bin so von Herzen allein – ich bin so böse auf die Menschen, auf Gott, aber auch auf mich selber“, heißt es im Roman. „Es muß doch am Wiener Boden liegen. Oder geht es mir zu gut? Wie kommt es, daß ich, die ich die quälende Schwermut für alle Zeiten überwunden glaubte, nun wieder an Depressionen leide?“

Für die Autorin, die nach dem Krieg ihre Arbeit als Journalistin in Wien wieder aufnahm, endete derlei Selbstbefragung in Nihilismus. Sie starb 1956 von eigener Hand. Nicht ganz so tragisch erging es Otto Leichter. Auch er kam bald nach dem Krieg nach Wien zurück, „zeigte sich aber vom Rechtsruck der neuen SPÖ enttäuscht und ging 1949 wieder in die Vereinigten Staaten“ (Rásky). Diesmal for good.

Michael Omasta in Falter 35/2019 vom 30.08.2019 (S. 35)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheVWI Studienreihe
ISBN 9783700320968
Erscheinungsdatum 29.08.2018
Umfang 260 Seiten
Genre Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Format Buch
Verlag new academic press
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