FanniPold

€ 26
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Das Poldi-Erbrochene ist im Moment das
kleinste Problem. Fanni krallt sich an den
Stamm, man weiß nicht, wie stark der
Schirm sich verkeilt hat. Oder ob der
Stoff reißt. Ist der reißfest, der Stoff?
Jeden Mittwoch Frauenstammtisch, Blatt -
salat mit Zanderstreifen in Cornflakes -
panier, Grappa auf’s Haus. Die Pizzeria
zwischen Fleischhacker und Bestatter.
Links ein tönernes Schwein im Schau -
fenster, Rauchwurst und Salami, ein
Plastikschinken auf einem Teller mit
karierten Servietten. Rechts der beleuchtete
Kasten mit den Partezetteln, Seiden -
blumen, eine goldene Urne auf einem
weißen Sockel. Im Ort wächst der Leer -
stand, verstauben die Auslagen. Wieder -
holen sich ewig gleiche Routinen bis an
den Rand des Ertragbaren.
„Ich habe Krebs“, lügt Fanni. „Hat schon
gestreut.“
Harzduft. Grüner Nadelduft. Ein abgebrochener
Ast, ein Stummel, so lang wie eine
Hand breit, knapp vor Fannis Brust. Tupft
sie an.
Die Lüge führt zu weiteren Lügen, zu
Wahrheiten und zum tatsächlichen
Absturz: Ein Tandemflug endet in einem
Tannenwipfel, Poldi und Fanni müssen auf
Hilfe warten. Absurd, findet Fanni. Aber
auch nicht absurder als ihr bisheriges
Leben.
„Brangelina, verstehst?“ „Was?“ Poldi
entlastet vorsichtig den linken Fuß, nur
eine Spur, um die Zehen zu bewegen.
„Angelina Jolie und Brad Pitt. Wären
wir berühmt, weißt, wie wir heißen
würden?“ „Wie?“ Poldi spürt Fannis
Herz pochen unter seiner Hand.
„FanniPold“, sagt sie.

weiterlesen
FALTER-Rezension

„Der Zug mit der Wohlfühlliteratur ist abgefahren“

Mit ihrem soeben erschienenen zweiten Roman „FanniPold“ bestätigt Karin Peschka ihren Ruf als beste Spätstarterin der heimischen Literatur

Karin Peschka ist die vielleicht aufregendste, ganz sicher aber unwahrscheinlichste und effektivste literarische Newcomerin der letzten Jahre. Als die damals 45-jährige Eferdingerin im Februar 2013 beim Literaturwettbewerb Wartholz aus ihrem eben erst begonnenen Debütroman vorlas, war sie ein unbeschriebenes Blatt und gewann prompt den Preis. „Deswegen war es ein bissl blöd, als die Verlage kamen und fragten: ,Können wir mehr lesen?‘, weil ich mit ,Nein, leider nicht‘ antworten musste“, erinnert sich Peschka.
Die ersten zwei Kapitel aus dem „Watschenmann“ brachten die erste Auszeichnung. Nachdem der Roman im Herbst 2014 erschienen war, trug er der Debütantin auch den Literaturpreis Floriana und im Jahr darauf den Literaturpreis Alpha ein. Keine schlechte Ausbeute.
Dabei ist Peschka von Herkunft und Habitus genau das Gegenteil eines Shootingstars. Die Wahrscheinlichkeit, dass man die studierte Sozialarbeiterin bittet, sich für ein Coverfoto in ein Dirndl zu zwängen und an wiederkäuende Paarhufer zu schmiegen, geht gegen null und würde wohl auch abschlägig beschieden werden: Wie unglücklich sie auf dem Firmungsfoto im Dirndl der Cousine aussah, weiß sie heute noch.
Auf ihrer Homepage fehlen übrigens jegliche Angaben zur eigenen Vita, dafür gibt es einen Link auf die Website herr-peschka-kocht.com, die Karin Peschka und ihre Schwester Ursula Ecker dem Papa eingerichtet haben. Man kann dort mit appetitlichen Fotos versehene, bodenständige Rezepte finden – für Erdäpfelkäse zum Beispiel, Fisolengemüse, gefüllten Schweinsbauch, Hollerröster oder Kaiserschmarrn.

Als „Wirtstochter“ wurde Peschka bislang noch in jedem biografischen Abriss ausgewiesen, so auch auf dem Klappentext zu ihrem soeben erschienenen Roman „FanniPold“. Diese Herkunftsgeschichte ist ihr offenbar wichtig, und wenn sie davon erzählt, dass das Wirtshaus ihrer Eltern in Eferding, in dem sie 30 Jahre lang gelebt hat, im Kern 600 Jahre alt ist, schwingt hörbar ein gewisser Stolz mit.
Dass Peschka jegliche Verklärung der Provinz fremd ist, macht „FanniPold“ auf unzimperliche Weise deutlich. Auch die Autorin selbst wollte dem Kleinstadtleben bereits als Teenagerin entfliehen. Weil sie jedoch wenig Lust verspürt, in aller Herrgottsfrüh aufzustehen, um ins Gymnasium zu fahren, wählt sie die nur zwei Radminuten entfernte Handelsakademie – die sich allerdings bald als falsche Entscheidung erweist: „Es hat mich Nüsse interessiert, und ich hatte jedes Jahr eine Entscheidungsprüfung.“
Als es mit dem erhofften Stipendium nichts wird, ist Peschka erst einmal ein paar Jahre als Sachbearbeiterin in einem Industriebetrieb tätig. Während dieser, retrospektiv als „spannend“ bezeichneten, Zeit zieht sie sich eine lebensbedrohliche Gallenwegserkrankung zu. Aus einer „Motorradbeziehung“ geht ein Sohn hervor, der kurz vor ihrem 22. Geburtstag auf die Welt kommt. „Ich wollte ja nie Mutter sein“, gesteht Peschka, die den schreienden Buben immerhin der eigenen Mama übergeben kann und dafür den Gastraum putzt.
Damals, Ende der 80er-Jahre, war Mutterschaftsreue freilich noch kein Volkssport, und heute sieht Peschka die Sache ohnedies ganz anders: „Ist ein toller Mann geworden“, schwärmt sie von ihrem Toni, der mittlerweile 27 Jahre alt, von Beruf Barkeeper und also auch nicht allzu weit vom Stamm gefallen ist. Schon Peschkas Großvater war Koch, zunächst in einem Schweizer Nobelrestaurant, später dann im Salzburger Peterskeller.
So wie ihre elenden („Watschenmann“) oder desperaten („FanniPold“) Protagonisten bewahrt auch die Autorin selbst stets einen bodenständigen Pragmatismus. Nur das Wort „Schriftstellerin“ scheint sie ein wenig einzuschüchtern – so, als wäre sie noch nicht groß genug, um es auszufüllen. „Schau ma mal“, kommentiert sie, die schon mit Demenz- und Suchtkranken, in Online-Redaktionen, Start-up-Firmen oder als Ghostwriter für den Skispringer Hubert Neuper gearbeitet hat. „Wenn ich versucht habe, etwas zu planen, ging sich das meistens nicht aus.“

Aus Peschkas Mund klingt das freilich weniger verzagt als vielmehr zuversichtlich. „If something is kaputt, macht nix! I’ll fix it, bestimmt“, sagt der freundliche GI Elmer im „Watschenmann“, der während der Wiener Wiederaufbaujahre und hauptsächlich unter Randfiguren und Ausgestoßenen spielt, sich aber von Anklage, Pathos oder gar Sozialpornografie fernhält. Zur Trümmersprache in der Ära der Trümmerfrauen gesellen sich Überlebenswille, Empathie und Solidarität.
Im Unterschied zur illusionslosen provinziellen Enge, die in den Romanen Gernot Wolfgrubers eine hysterische Mischung aus Aggression und Wehleidigkeit erzeugt, kann sich die komatöse Kleinstadt Laurinz, der Schauplatz von „FanniPold“, den eigenen Status immerhin schönreden.
Zum Beispiel durch den samstäglichen Ladenschluss-Kompromiss: „Nicht 18 Uhr wie in den angeblich pulsierenden Zentren, was eine Lüge gewesen wäre. Nicht zwölf Uhr, was das Eingestehen der kommunalen Verödung bedeutet hätte, sondern eben 15 Uhr. Noch hatte man hier kein betonglasiges, parkflächig gähnendes Einkaufszentrum vor der Ortseinfahrt, obwohl sich ein Acker anbieten würde, nur eine Wiese, einen Graben, ein paar Bäume entfernt von Friedhof und Kirche.“
Darüber hinaus stehen diverse Möglichkeiten der Sedierung zur Verfügung, um den Alltagstrott erträglicher zu machen: Die eine schreibt Berichte für die Lokalzeitung, die andere verbreitet Politklatsch, die Dritte weiß um die Macht der Farben und Steine. Gemeinsam trifft man sich in der Pizzeria (eventuell mit Grappa auf Haus) oder zum „Weiberbrunch“ in der Konditorei Rössl, um dort einen gemeinsamen „Weiberausflug“ nach Grado oder Venedig zu planen.
Dass Fanni – stellvertretende Filialleiterin des Supermarktes, zwei Kinder, ein Mann mit Migräneneigung – auszubrechen sucht, ist nachvollziehbar und manifestiert sich schon in den Namen ihrer Freundinnen: Wer Woche für Woche mit Waltraud, Hilda und Gerfriede zwischen Sekt und Blattsalat mit Zanderstreifen in Cornflakespanier Sozialroutine abwickeln muss, darf als stark gefährdet gelten, sich oder anderen etwas anzutun. Fanni entwickelt nicht nur eine Neigung zu Vandalismus und moderater Bösartigkeit (die beide ziemlich komisch sind), sondern erfindet sich auch eine seltene Krebserkrankung.

Aus der Nummer wird sie so schnell nicht wieder herauskommen. Noch schwerer wiegt allerdings, dass sie gleich von Beginn des Romans an, der über weite Strecken in Rückblenden erzählt ist, im Wipfel einer Tanne hängt und sich einen Zweig in die Brust gerammt hat. Der (nicht lizensierte) Gleitschirmlehrer, mit dem sie den tragisch gescheiterten Tandemflug unternommen hat, heißt Leopold. „Brangelina, verstehst?“, fragt Fanni. Der Poldi versteht natürlich nicht. „,Angelina Jolie und Brad Pitt. Wären wir berühmt, weißt wie wir heißen würden?‘ ,Wie?‘ (…) ,FanniPold‘.“
Man muss über einen ziemlich schrägen Humor und ein gerüttelt Maß an Eigensinn verfügen, um aus einer solchen Konstellation einen ganzen Roman zu entwickeln. „Ich denke beim Schreiben nicht viel nach, sondern lasse mich gehen und warte darauf, was für einen Ton die Geschichte haben möchte“, erklärt die Autorin unumwunden. „Man kann’s dann immer noch so ändern, dass es auch grammatikalisch richtig ist.“
Wer so spät zum Schreiben kommt und davor schon einiges gesehen hat, bringt gute Voraussetzungen mit. Karin Peschka, einer deklarierten Bewunderin von „Fight Club“-Autor Chuck Palahniuk, eignet eine Unverblümtheit, die quer steht zu aller Gefallsucht; die sich nicht um „Marktgängigkeit“ bemüht, aber dies auch nicht als hochliterarische Verweigerungsgeste zelebriert. „Der Zug mit der Wohlfühlliteratur“, so weiß sie, „ist bei mir abgefahren.“ Was für ein Glück für die Leserinnen und Leser.

Klaus Nüchtern in Falter 44/2016 vom 04.11.2016 (S. 32)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783701312443
Erscheinungsdatum 07.09.2016
Umfang 250 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Otto Müller Verlag GmbH

Bücher, die Ihnen auch gefallen könnten
Bücher, die Ihnen auch gefallen könnten