Geerbtes Schweigen

Die Folgen der NS-"Euthanasie"
260 Seiten, Hardcover
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Themen Geschichte und Archäologie Geschichte Besondere Ereignisse und Themen Genozide und ethnische Säuberung
ISBN 9783701312467
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 13.09.2016
Größe 21 x 14.5 cm
Verlag Otto Müller Verlag GmbH
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HerstellerangabenAnzeigen
Otto Müller Verlag GmbH
Ernest-Thun-Straße 11 | AT-5020 Salzburg
info@omvs.at
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Kurzbeschreibung des Verlags

Bis zu 300.000 Menschen wurden zwischen 1939 und 1945 Opfer der NS- „Euthanasie“. Die Erforschung und Auf - arbei tung der individuellen und gesellschaftlichen Folgen der „Euthanasie“- Morde steckt jedoch noch in den Kinder - schuhen. In diesem Werk begibt sich Bernhard Gitschtaler nun auf die Suche nach den Gründen des Verschweigens und Verdrängens und dessen Folgen. Bis heute ist es beinahe unmöglich die Namen der „Euthanasierten“ öffentlich zugänglich zu machen. Nicht selten ist der Grund dafür die direkte oder indirekte schuldhafte Verstrickung einzelner oder sogar mehrerer Familienmitglieder in den Mordprozess vermeintlich beeinträchtigter Verwandter. Aber auch die gesellschaftliche Stigmatisierung dieser Opfergruppe – vor, während und nach der NS-Herrschaft – stellt ein Hindernis dar, das eine Aufarbeitung und somit Verarbeitung der erlebten und geerbten Traumata der Nachkommen verhindert. Dem Autor gelingt es mit seinen Forschungen, österreichischen Familien bei der Suche nach ermordeten Vorfahren zu unterstützen und den innerfamiliären, zumeist von massiven Konflikten begleiteten Auf arbeitungs- und Auseinander - setzungs prozess von bis zu drei Genera - tionen in einer Familie mitzuverfolgen. Zum ersten Mal wird nicht nur über „Euthanasie“-Opfer und deren Nachfahren gesprochen, sie selbst sind es, die in diesem Buch zu Wort kommen.

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Themen Geschichte und Archäologie Geschichte Besondere Ereignisse und Themen Genozide und ethnische Säuberung
ISBN 9783701312467
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FALTER-Rezension

„Schlimmer als tot. Ganz vergessen“

Gerlinde Pölsler in FALTER 43/2016 vom 26.10.2016 (S. 20)

Bis zu 300.000 Menschen wurden Opfer der NS-„Euthanasie“. Dennoch gibt es „keine andere NS-Opfergruppe“, schreibt Bernhard Gitschtaler, „die mehr mit gesellschaftlichen Tabus und stillschweigend akzeptierten Sprechverboten belegt ist“. Die Gründe sind außer Scham und Negativsetzung von „Behinderung“, dass sich „nicht selten heraus(stellt), dass angehörige Vorfahren oder andere Verwandte bei der Ermordung oder zumindest der Einweisung der Patienten aktiv beteiligt waren“. Gitschtaler, Politologe, Sozialarbeiter und Obmann des Vereins „Erinnern Gailtal“, hat mehr als 20 Interviews geführt. Er zeichnet nach, wie sich Traumatisierungen von einer Generation auf die andere übertragen können und wie das verordnete Schweigen zusätzlich verletzt. Wer dagegen Verschüttetes ans Licht holen will, wird schnell als Unruhestifter verunglimpft und gemieden.
Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte der beim Interview 72-jährigen Maria Gruber, die als Einjährige ihre Mutter verlor. Das Mädchen ahnte, dass diese keines natürlichen Todes gestorben war, doch niemand sprach darüber, auch nicht der Vater. Ein Leben lang kämpfte die Frau mit Depressionen, war dem Suizid nah. Sie musste 60 Jahre werden, bis sie die Akten ihrer Mutter in Händen hielt. Endlich wusste sie: Ihre Mutter hatte NS-Gräueltaten gesehen, wurde daraufhin eingewiesen und kurze Zeit später in einer „Landes-Irrenanstalt“ ermordet. Gruber ist froh, sich dem Schockierenden gestellt zu haben, sie besucht regelmäßig das Grab ihrer Mutter. Anders als die meisten Nachkommen von „Euthanasie“-Opfern, die nicht einmal wissen, wo ihre Verwandten begraben sind.
Der Autor möchte allen Nachfahren Mut machen, die Ermordeten vor dem Vergessen zu bewahren. Er stellt aber auch Bezüge zum Jetzt her. Ein Schritt auf dem Weg zur Vernichtung sei „die sprachliche Gleichsetzung der späteren Opfer mit Ungeziefer gewesen“, eine „Entmenschlichung“, wie sie auch heute passiere. Hochbrisant in Zeiten, in denen Menschen Suizidversuche von Flüchtlingen offen beklatschen.

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