Das Antwerpener Testament

€ 22.9
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Ein Jahrhundert, eine Familie, eine Ehe. Und nichts als Lügen.
Als Henriette Stanley stirbt, ist die Familie, die sich um ihr Grab versammelt, schon nicht mehr groß: Da ist Harry, ihr „geistesgestörter“ Sohn, auf dem einst die Hoffnungen der Familie, Reeder aus Antwerpen, lagen. Da ist ihre Tochter Ann mit ihrem deutschen Mann, deren Ehe Henriette nicht verhindern konnte, obwohl sie die Verbindung nach dem Krieg um ihr Erbe aus Belgien gebracht hat. Und da ist die Schwester ihres Mannes, der vor vielen Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Niemand spricht mit ihr, aber sie allein weiß, was aus ihrem Bruder geworden ist und was in dem Testament aus Antwerpen wirklich gestanden ist. Und sie weiß auch, dass jede Anstrengung, vergessen zu wollen, vergebens ist.
Dieser Roman ist ein großes Gemälde, und Evelyn Grill beweist darin ihre ganze Meisterschaft. Sie erzählt die Geschichte einer Ehe, den Roman einer Familie voller Risse, in denen die Abgründe eines ganzen Jahrhunderts erkennbar werden.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Neues von der bösen Mutter

In "Das Antwerpener Testament" erzählt Evelyn Grill die Gruselgeschichte einer Familie in Form eines Jahrhundertromans

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierten in der Literatur ja eher der Entwicklung ihres Nachwuchses abträgliche Väter – nun holen die Mutter­figuren auf. Im Herbst 2010 erhielt "Rabenliebe" von Peter Wawerzinek den Deutschen Buchpreis, und Ayelet Waldmans und Elisabeth Badinters Kampfschriften "Böse Mütter" bzw. "Der Konflikt. Die Frau und die Mutter" beschäftigten die Feuilletons, im Januar noch überboten von den Reaktionen auf "Tigermutter" Amy Chua (siehe Rezension im Sachbuchteil, S. 34).
Evelyn Grill, in Kritiken regelmäßig für ihre Bosheit gelobt, ist keine Novizin auf diesem Gebiet. Bereits in ihrem letzten Roman "Das römische Licht" (2008) regierte im Hintergrund eine dominante und rücksichtslose Mutter das Leben der Tochter. In ihrem neuen Roman "Das Antwerpener Testament" zieht Henriette Stanley, eine tiefgläubige Katholikin aus einer Antwerpener Reederfamilie, die Fäden der Tragödie ihrer Kinder.

Zu Henriettes Begräbnis im Jahre 1983 treffen im englischen Worthing die wenigen Hinterbliebenen ein: Sohn Harry, von Absencen und epileptischen Anfällen heimgesucht, und Tochter Ann mit ihrer deutschen Familie, dem Ehemann Ulrich, einem Lehrer und Historiker, und den drei bereits erwachsenen Kindern, den unbeschwerten Zwillingen Greg und Maud und dem Sorgenkind David. Die Perücke der kaum 50-jährigen Ann verdeckt die Folgen der x-ten Chemotherapie, der behutsame Umgang der Ehepartner miteinander täuscht über eine gescheiterte Ehe hinweg – und über jede Menge Tabus.

Mit dem "Antwerpener Testament" legt Grill, für ihren Hang zu Groteske und Stilisierung bekannt, einen geradezu altmodischen Roman vor, eine Familiengeschichte, die allerdings – ein Wort, das gegen Ende des ersten Kapitels fällt – Züge einer "Grusel­geschichte" trägt. Grill ist eine Meisterin der Spannung, die ihre Romane bis ins kleinste Detail durchkomponiert.
Die Sprache bleibt dabei aber stets nüchtern und schmucklos. Poetische Bilder oder neue Metaphern erwartet man von dieser Denkerin unter den Romanautoren vergeblich. Unter diesem Primat des Gesamtkonstrukts leidet jedoch bisweilen auch die individuelle Ausformung der Charaktere.
Um, wie es im Klappentext heißt, die "Abgründe eines ganzen Jahrhunderts erkennbar" zu machen, stellt Grill der Geschichte von Ann und Ulrich diejenige von Ulrichs Cousine und Ziehschwester Lilly gegenüber, die ihrer jüdischen Herkunft wegen während des Zweiten Weltkriegs in die Vereinigten Staaten auswanderte und sich rückblickend an die Kriegswirren und die Zeit der Verfolgung in Amsterdam erinnert.
Lillys Schicksal sind insgesamt 70 Seiten gewidmet, die allerdings über bekannte Versatzstücke der Emigration und Stehsätze zum Krieg ("Man saß um einen Kerzenstummel zusammen und teilte das letzte Brot") nicht hinauskommen. Dabei "braucht" es Lilly im Romangefüge nur als Katalysator für die nach quälend langem Warten dann doch übereilte Heirat von
Ulrich und Ann, die zunächst am Veto von Henriette Stanley scheiterte.
Über diese Ehe hingegen, die mit altmodischen Liebesbriefen voller pathetischer Beschwörungen beginnt und schließlich auf altmodische Weise geführt wird – die Frau widmet sich den Kindern, während der Mann an der gebremsten Karriere leidet –, hätte man gerne noch mehr erfahren. Ebenso über den feinfühligen und harmoniesüchtigen Ulrich, der sich schließlich als Einziger der Vergangenheit stellt.

Obwohl die Wucht der Enthüllungen von den zwei Lilly-Exkursen zwischenzeitig arg gebremst wird, packt einen Grills unbarmherzige Kunst in den letzten Kapiteln doch wieder derart, dass man den Roman mit angehaltenem Atem zu Ende liest, mit klammem Herzen beiseitelegt und eine Weile braucht, um sich davon zu erholen. Denn sein Zentrum bleibt Henriette Stanley, die in unheimlicher Realitätsleugnung und archaischer Zerstörungskraft nicht nur ihren Sohn vernichtet, sondern auch ihre Tochter Ann, der sie auf Anraten ihres Pfarrers die unerwünschte Partnerwahl eigentlich längst "vergeben" hat.

Am 23.3., 19 Uhr, wird der Roman im Literatursalon der Österreichischen Nationalbibliothek präsentiert.

Kirstin Breitenfellner in Falter 10/2011 vom 11.03.2011 (S. 16)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783701715664
Erscheinungsdatum 15.01.2011
Umfang 320 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Residenz
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Muntaha Mohammed Al-Robaiy, Nicole Nickler
€ 14,40
Aboud Saeed, Sandra Hetzl
€ 25,00
Stefan Radtke
€ 25,60
Thomas Havlik
€ 15,00
Edward Douglas, blue panther books
€ 13,30
Leif Ericson
€ 22,70
Simona Wiles, blue panther books
€ 13,30