Madame Stern

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Ein lustvolles Spiel um Eros, Macht und Geld.
Gisela Stern hat es geschafft. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, hat sie in eine wohlhabende Familie eingeheiratet, sich eine Karriere in einer Bank erarbeitet und verkehrt in der sogenannten besseren Gesellschaft. Trotzdem bleibt eine ungewisse Sehnsucht, ein Gefühl der Deplatziertheit … Als ein gut aussehender, ehrgeiziger Mann in ihr Leben tritt, beginnt sich das Karussell der Macht zu drehen, die Verknüpfung von Politik und Begehren nimmt ihren Lauf.
Meisterlich inszeniert Peter Rosei mit den Mitteln seines lakonischen Stils den Aufstieg und Fall einer Frau vor dem Hintergrund einer höchst korrupten Gesellschaft. Ein scharfsinniger und facettenreicher Roman.

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FALTER-Rezension

"Ich will eigentlich das Unmögliche"

Peter Rosei über seinen neuen Roman "Madame Stern", Aufsteigerbiografien, Geld und die politische Sphäre

Seine letzten Bücher sind so dünn, dass man sie fast übersehen könnte. Doch das wäre ein großer Fehler – und man sollte sich durch die sehr überschaubaren Umfänge auch nicht täuschen lassen: Peter Rosei hat einen Auftrag. Unermüdlich arbeitet er seit Jahren an einem österreichischen Sittengemälde, das von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart reicht. Nach dem Präludium "Wien Metropolis" (2005) und den Büchern "Das große Töten" (2009) und "Geld!" (2011) ist kürzlich mit "Madame Stern" der jüngste Teil dieses großen Erzählprojekts erschienen.

Falter: Ihre letzten drei Bücher ähneln sich: Sie schildern die Leben von Aufsteigern, die es im Österreich der letzten Jahrzehnte nach oben schaffen. Eine Trilogie?
Peter Rosei: Ich würde es eher mit Balzac vergleichen: Es ist eine Sammlung von Untersuchungen zu dieser Gesellschaft. Der Ausgangspunkt war schon "Wien Metropolis", das eine größere Aufnahme der ganzen Landschaft zeigte. Jetzt gibt es Spezialuntersuchungen, wie bei Balzac "Die Frau von 30 Jahren".

Begonnen haben Ihre Untersuchungen mit "Das große Töten", einem Buch über den Gewaltkomplex.
Rosei: Ich glaube, dass es bei uns genau wie in Amerika Amokläufer geben würde, wenn wir nicht so ein strenges Waffengesetz hätten. Die Voraussetzungen in der Gesellschaft sind vorhanden. "Geld!" hat dann von der Ablöse der Eigentümerkapitalisten durch Manager gehandelt. Und die "Madame Stern" beschäftigt sich nun mit Dingen wie Geltungsstreben. Das gibt es ja nach wie vor: Leute zeigen einem am Handy Fotos vom Opernball, auf denen irgendein James-Bond-Darsteller in der Nebenloge zu sehen ist.

"Madame Stern" kann man auch als Sittenbild der heutigen Politik und der allgegenwärtigen Korruption lesen.
Rosei: Da bin ich von der Hauptfigur aus zwangsläufig hingekommen. Nicht weil ich so gern über unsere Politiker schreibe, sondern weil es mich im Laufe der Untersuchung dort hingetrieben hat. Ich fange an mit der Herkunft einer Figur, darauf folgen die Ableitungen, die sich daraus ergeben, die Karrieremöglichkeiten. Und daraus kristallisieren sich weitere Figuren heraus. Manche finden am Ende doch keinen Platz, manchmal muss ich mehrere Figuren zu einer zusammenziehen. Ein wichtiger Punkt beim Erzählen ist die Ökonomie.

Stimmt. In Ihren Büchern steht kaum ein Satz zu viel.
Rosei: Alles Weihevolle geht mir gegen den Strich. Dazu kommt, dass ich einfach keine dicken Bücher mag. Es ist eine Zumutung, dem Leser so viel Lebenszeit wegzunehmen. Ich glaube auch nicht, dass man heute noch einen Roman wie "Die Buddenbrooks" schreiben kann, wo man in einem Buch alles bewältigt. Dafür ist die Gesellschaft viel zu zerbrochen in Spezialgesellschaften. Insofern reicht auch eine Trilogie nicht, das geht noch weiter.

Wie gehen Sie vor?
Rosei: Wenn man so will, unternehme ich Bewusstseinsexpeditionen. Ich beschreibe nicht die Welt, sondern ich erfinde die Welt, als ob sie noch nicht da gewesen wäre. Sie soll vertraut wirken, aber ich arbeite nicht im Sinne eines journalistischen Entlangerzählens an den Dingen. Es sind Suchbewegungen, die ich beim Schreiben vollziehe.

Sie treten als Erzähler nicht hervor, es gibt auch kaum Wertungen über die Figuren.
Rosei: Ich muss mit meinen Urteilen immer im Schatten bleiben. Meine Meinung soll schon durchkommen, aber ich kann den Leser nicht plakativ draufstoßen: Schau, das ist ein Bösewicht! Oder: Die is liab! Der soll selber entscheiden, was er sich denkt. Eine Katechismus-Literatur hat's sicher leichter. Aber wie schon Musil gesagt hat: "Eine fertige Weltanschauung verträgt keine Dichtung." Manche Sachen aus den 70ern waren ja Propagandaschriften.

Die Hauptfiguren ähneln sich in gewisser Weise. Sie wollen nach oben und zeichnen sich oft durch eine gewisse Skrupellosigkeit aus.
Rosei: Es kommt keine Figur doppelt vor, aber natürlich ist unsere Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg geprägt durch den Aufsteiger. Er ist eine Mustergestalt. Mir ist aber wichtig, dass nicht alles schwarzgemalt wird. Noch der Böseste hat bei mir menschliche Züge. Und alles ist doppelt codiert: Den Finanzminister Maiernigg konnte ich nur so schreiben, weil ich ihn von seinem Unternehmervater abgeleitet habe. Aufgrund seiner Herkunft hat er zur Korruption fast schon ein Muttermilchverhältnis.

Maiernigg erinnert an Karl-Heinz Grasser.
Rosei: Das war unausweichlich. Dieser Herr verkörpert idealiter verschiedene Eigenschaften. Aber mein Interesse war überhaupt nicht, einen Schlüsselroman zu schreiben. Ich kümmere mich um einen Typus und der taucht heute überall auf. Wir haben nicht nur einen Grasser, sondern sehr viele Grassers. Mich wundert das nicht. Ich habe schon zu Vranitzky-Zeiten, als der meinte, wer Visionen habe, müsse zum Arzt, geschrieben: Eine Gesellschaft, die so antritt, verfault. Wenn ich die Utopie abschaffen will, lande ich bei der ewigen Fortschreibung.

Der Sozialdemokratie stellen Sie generell kein gutes Zeugnis aus.
Rosei: Die SPÖ war immer eine reformistische Partei. Aber wenn man kein Reformmodell mehr hat, wird es irgendwann schwierig. Es bleibt einem, wenn man über die Sozialdemokratie spricht, nur mehr ein bitteres Lachen. Schüssel war nur die Vollendung. In der Schüssel-Zeit habe ich eine Zeit gar keine Kommentare mehr geschrieben, dazu ist mir nichts mehr eingefallen.

Während der Finanzkrise haben
Sie wieder begonnen, sich öffentlich
zu äußern.
Rosei: 2005 war ich längere Zeit in Amerika. Da waren die Häuser am Land schon leer. Es war mit Händen zu greifen, dass es bald krachen würde. Und was haben unsere Experten prognostiziert? "Eine positive konjunkturelle Entwicklung, ausgenommen Turbulenzen aus dem Dollar-Raum", lautete damals die Formel. Diese Turbulenzen sind natürlich nicht ausgeblieben.

Nicht viele Autoren befassen sich so intensiv mit Wirtschaft wie Sie. Warum eigentlich?
Rosei: Das hat in unseren Breiten Tradition. Die Handke-Schule strebt sowieso eine Weltabkehr an, für mich ist das weltfern. Meine Ableitung war immer so: Die Intellektuellen waren in Österreich, nachdem wir keine Aufklärung hatten und auch kein richtiges Bürgertum, immer aus der Machtsphäre ausgeschlossen. Da haben sie den Spieß umgedreht und gesagt: Geld ist sowieso schmutzig, das interessiert uns alles nicht. In Österreich bin ich wahrscheinlich der Einzige, der sich durchgängig damit beschäftigt hat. Warum? Wenn ich beim Fenster rausschaue, sehe ich, wie sich die Menschen bewegen. Und die meisten dieser Bewegungen haben mit ökonomischen Zwängen zu tun. Das muss man beim Schreiben mitbedenken.

Sie waren in jungen Jahren Sekretär von Ernst Fuchs und Kunsthändler. Hätte auch aus Ihnen eine Rosei-Figur werden können?
Rosei: Ja, absolut. Der Unterschied ist nur, dass ich von dort weggegangen bin. Ich habe in Rekordzeit Jus studiert, war beim Bundesheer und bin dann mit 23 zum Fuchs gekommen. Seine Karriere hat damals richtig angefangen, das war ein Wahnsinnsgeschäft. Wien war damals vollkommen abgeschnitten vom Rest der Welt. Plötzlich sind Leute aus New York und Australien gekommen, und alles hat sich um Psychedelic Art und LSD gedreht. Ich war mittendrin und habe wirklich viel Geld verdient. Ich habe mir innerhalb kürzester Zeit eine große Wohnung kaufen können. Aber nach zweieinhalb Jahren habe ich gemerkt: Ich will was anderes vom Leben. Ich bin, mit einem Diktum von Helmut Eisendle, "der erfolgreiche Versager".

Kann man als Autor von der Juristerei etwas lernen?
Rosei: Als Jurist lernt man schon eine Art Weltbeschreibung. Und vor allem das Alte Strafgesetzbuch ist wunderschön geschrieben: "Wer gegen einen Menschen mit der Absicht zu töten so handelt, dass daraus dessen oder eines anderes Menschen Tod erfolgt, begeht das Verbrechen des Mordes" – oder so ähnlich. Herrlich. (Lacht.)

Was hat Sie von der Juristerei abgehalten?
Rosei: Sie ist so grob, wenn man sie übers Leben drüberlegt. An einem Tag hätte ich mich im Justizpalast für mein Gerichtsjahr vorstellen gehen sollen. Ich bin da vorne hineingegangen, habe mich umgeschaut und bin hinten bei den Stempelmarken wieder raus. Das war das Ende meiner juristischen Karriere. Menschen verurteilen, das hätte ich nicht zusammengebracht. In meinen Büchern kann ich extrem abschattiert urteilen.

Wonach streben Sie noch als Autor?
Rosei: Ich will eigentlich das Unmögliche: Ich möchte, dass meine Figuren lebendiger als lebendig sind. Mein Ideal ist eine Figur, die man nie wieder vergisst.

Sebastian Fasthuber in Falter 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 10)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783701716067
Erscheinungsdatum 15.02.2013
Umfang 160 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Residenz
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