die stimme über den dächern

von Verena Mermer

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Verlag: Residenz
Format: Buch
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.08.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Reichlich Baklava in Baku

In ihrem Debütroman befasst sich Verena Mermer mit den fast vergessenen Protesten der Zivilgesellschaft in Aserbaidschan



Anfang des Jahres 2011 begannen Bilder und Berichte von Aufständen in die neuen und alten Medien einzuwandern. Die Berichte über widerständige Bürger, die auf öffentlichen Plätzen versammelt gegen die autoritären Regime der arabischen Welt demonstrierten, überschlugen sich.

In Tunesien, Libyen, Ägypten und Syrien schien sich die Geschichte gewaltsam zu entladen. Wer aber erinnert sich an die Proteste in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku im Februar 2011, die von den ägyptischen Demonstranten am Tahrir-Platz inspiriert waren?

Die junge Autorin Verena Mermer hat den niedergeschlagenen Protesten ein Denkmal gesetzt und ihren Debütroman „die stimme über den dächern“ in diesem Umfeld angesiedelt.



Das Personal des schmalen Bandes wird im Wesentlichen von zwei Pärchen gebildet, die zusammen eine WG bewohnen. Alle vier Figuren weisen aus dem erzählten Baku hinaus: Die Lehrerin Nino und der ewige Student Ali verweisen auf das Liebespaar aus Kurban Saids „Nino und Ali“, der Arzt Che mit seiner „argentinischen oder kubanischen“ Staatsbürgerschaft ist nach dem ikonischen Comandante, die Schauspielerin Frida nach der Schmerzensmalerinnenmutter Kahlo modelliert.

Dergleichen historische und intertextuelle Bezüge spielt die Autorin ab der ersten Seite offen aus, auf der wir neben je einem Motto von Said, Guevara und Kahlo auch eines von Bulgakov finden. Den Lesern bleibt es erspart, versteckte Zitate entschlüsseln zu müssen.



Che und Frida sind Hybride aus ihren historischen Vorlagen und aus Twens mit den üblichen Jungemenschenproblemen, die sich zwischen Wohnung, Job und sentimentalen Verstrickungen abspielen. Von Guevara und Kahlo heißt es, sie seien „schon tot, sie bringen trotzdem noch die chronologie der erzählung durcheinander“.

Typografisch gibt sich der Roman einen experimentellen Anstrich: Textblöcke sind mit kursiv gesetzten inneren Monologen durchsetzt, bei denen jeweils in Klammer der erlebende Protagonist angegeben wird.

Dieses Versprechen auf innovative Gestaltung wird erzählerisch allerdings nicht eingelöst. Die erste, bemerkenswert ereignisarme Hälfte des Buches widmet sich dem Ort des Geschehens und bemüht dabei reichlich Lokalkolorit. In diesem deprimierenden Baku wird reichlich „baklava“, „dolma“, „kebab“ und „khachpuri“ verzehrt, und man fährt mit „ladas“ und „maschrutkas“.

Sprachlich schwankt „die stimme über den dächern“ zwischen äußerst gelungenen Bildern und Patzern in der Beschreibungskunst: Pointierten Sätzen über schwule Liebschaften während des Militärdienstes („dort konnten selten zwei einander ort sein, noch seltener: sich umarmen oder schnellen sex haben hinter den olivgrünen oder khakifarbenen türen“) stehen solche gegenüber, bei denen es der Autorin die Poesie vollends verschlagen hat („in emotionalen angelegenheiten denkt er meist gar nicht, sondern horcht auf sein gefühl“).

Und genauso durchwachsen geht es weiter. Die vier Protagonisten nehmen zwischen vielen gerauchten Zigaretten und berauschenden Getränken an den Demonstrationen teil und bekommen die Repressionen des Regimes zu spüren. Ali wird für einige Zeit inhaftiert, ob er zurückkehren wird, bleibt für die anderen lange ungewiss. Nino verliert ihre Stelle als Lehrerin, alle werden überwacht.



Viele Passagen lesen sich wie die schnörkellose Inhaltsangabe der Handlung, die sie erzählen: „nach mitternacht gehen sie zu bett, frühmorgens wecken sie die geräusche des bäuerlichen lebens. auf der terrasse wird gefrühstückt, dann nehmen sie abschied.“

Diese Absenz jeglicher erzählerischen Verve ist allerdings keiner kritischen Reflexion der Grenzen von Sinnvermittlung geschuldet, sondern lediglich einer irregeleiteten Ambition, die bemühte Bilder hervorbringt. Talent beweist die Autorin in jenen Passagen, in denen es ihr gelingt, eine diffus-gespenstische Stimmung zu erzeugen, sodass die Paranoia der Figuren auch den Leser erfasst.

Florian Baranyi in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 26)


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