
Zur Ehrenrettung der Stiefmutter
Klaus Nüchtern in FALTER 52/2025 vom 24.12.2025 (S. 47)
Es war einmal ein Virus mit einer Krone auf dem Kopf, das über das ganze Land fegte., Geht in eure Häuser', sagte das Virus,,oder ich esse eure Lungen zum Frühstück, Mittag-und Abendessen. Die Stadt, die niemals schläft, soll in einen tiefen Schlummer verfallen, euer Gold soll zu Staub werden, und eure Gesichter sollt ihr an die Fensterscheiben drücken. Und die Alten dürfen die Jungen nicht mehr umarmen, denn das kann tödlich sein.'"
Das ist eine der Stellen in Sabrina Orah Marks "Happily", an denen die Realität deutlich durchschimmert und auch zeitlich unschwer zu verorten ist. Als "eine persönliche Geschichte mit Märchen" weist die US-Schriftstellerin ihr jüngstes Buch aus.
Zwischen den Pro-und den Epilog hat sie 26 Kapitel gepackt, so viele, wie das Alphabet Buchstaben hat. "Das Märchenvirus" betitelt sich das eingangs zitierte, andere heißen "Das Schweigen von Hexen","Die Albträume von Pferden" oder "Rapunzel, Entwurf Nummer eintausend".
Die Märchen, die der Franzose Charles Perrault Ende des 17. und die Gebrüder Grimm zu Beginn des 19. Jahrhunderts gesammelt und ediert haben, aber auch die Kunstmärchen von E.T.A. Hoffmann oder Hans Christian Andersen sowie Kinderbuchklassiker wie "Pinocchio" und "Peter Pan" stellen einen Fundus bereit, aus dem sich Mark großzügig bedient. Sie sortiert gleichsam die Motive und Stoffe, um zu überprüfen, welche davon ihr "passen" und welche nicht - durchaus im doppelten Sinne.
Deren bizarre Grausamkeit zählt zu den großen Mysterien von Märchen. Vielfach geht sie von Stiefmüttern aus, richtet sich aber auch gegen diese selbst -etwa in Form herabfallender Mühlsteine. Es sei leicht, so schreibt Mark, die Stiefmütter im Märchen "als grausig und grausam abzutun".
Sie selbst aber sehe "im Wunsch der Stiefmutter, das Kind weichzuklopfen, zu kochen und aufzutischen, auch den Versuch, [] das Kind einer anderen auf ihrem Boden gedeihen zu lassen". Das Märchen "Von dem Machandelboom" oder von König Blaubart bietet der Autorin Anlass, ihr eigenes Dasein als Ehefrau und Stiefmutter zu reflektieren. "Ich habe meine Stieftochter sehr gern, aber ich bin nicht gern Stiefmutter", heißt es an einer Stelle.
Sabrina Orah Mark ist 1975 geboren und in Brooklyn aufgewachsen. Sie ist Jüdin, Enkelin eines Holocaust-Überlebenden und die Ehefrau des schwarzen Schriftstellers Reginald McKnight, mit dem sie zwei Söhne hat und der seinerseits Töchter aus zwei vorangegangenen Ehen mitbringt.
Es gibt unkompliziertere Familienverhältnisse, und als Ehefrau Nummer zwei ihre Tochter Eve bei ihrem Ex in Georgia "deponiert", ist Nummer drei nicht unbedingt begeistert - zumal Eve in Begleitung einer Tarantel namens Mavis antanzt. Eve wird aus dem Haushalt von Papa und Stiefmama wieder ausziehen, Mavis nicht.
"Märchen bleiben bestehen", so sieht es die Autorin, weil sie uns "einen doppelten Blick" auf uns selbst erlauben, unsere Rollen gerade so viel übertreiben, "dass die kleinen Ungeheuerzacken, die auf unseren Herzen wuchern, deutlich sichtbar werden." Vom Märchen borgt sich Sabrina Orah Mark die Lizenz zur Uneindeutigkeit, zu gleitenden Identitäten und wuchernden Metaphern. Das Ergebnis ist poetisch, berührend, mitunter auch enigmatisch oder verstiegen, und immer wieder verdammt witzig: "Als Mutter bekomme ich oft Schweißausbrüche bei dem Versuch, Firlefanz und Freude auszubalancieren.,Zauberei gefällig? Spaß ohne Ende? Schwindelerregender Frohsinn?',Nein', sagen meine Söhne.,Alles gut.'"


