
Der letzte Sommer „wie damals“
Martin Pesl in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 6)
Oh, süße Jugend! Kann es sein, dass sie länger dauert als früher? Die Protagonisten in „Hitzetage“ sind bereits Ende 20, aber wie sie so durch den heißen Londoner Sommer des Jahres 2019 taumeln, hat das etwas von einer Coming-of-Age-Geschichte, wie sie etwa die deutlich jüngeren Figuren bei Sally Rooney erleben. Mit dem Werk der irischen Bestsellerautorin wurde das Romandebüt ihres Landsmanns Oisín McKenna nach seinem Erscheinen denn auch verglichen.
Als McKenna in eben jenem Jahr seinen ersten Roman begann, lebte er mit ein paar Gleichaltrigen in einer stillgelegten Lagerhalle in London, wissend, dass die Behörden sie jeden Moment rauswerfen könnten – was auch geschah. Solch eine Industriegebiet-Kommune bildet auch das Zentrum des Buches, dessen Originaltitel „Evenings and Weekends“ lautet. Denn nicht die dröge Arbeitswelt dieser Spät-Millennials steht im Fokus, sondern das, was sie an den Abenden und Wochenenden treiben.
Durchgängig im Präsens erzählt, begleitet „Hitzetage“ abwechselnd die Angehörigen eines hauptsächlich queeren Freundeskreises. Da gibt es zum Beispiel Phil, der eine Affäre mit seinem Mitbewohner Keith hat und sich zunehmend in diesen verliebt, obwohl Keith bereits in einer offenen Beziehung mit einem anderen lebt.
Phils beste Freundin Maggie hingegen erwartet ein Kind von ihrem Freund Ed und will zurück aufs Land ziehen. So ziemlich als Einzige weit und breit ist sie hetero, fühlt sich in der Offenheit ihres LGBTQIA+-Umfelds aber pudelwohl. Trotzdem traut sie sich lange nicht, Phil von ihrer Schwangerschaft zu erzählen – er könnte es als Verrat am queeren Mindset verstehen. Ed wiederum hat seinerseits ein Geheimnis: Er steht (vielleicht sogar ein bisschen mehr) auf Männer. Als er einem davon spontan auf ein öffentliches WC folgt, wird er dabei zufällig von Phil beobachtet. Tage der inneren Folter sind die Folge, denn von Eds Bisexualität wusste bisher niemand, am wenigsten Maggie.
Man kann „Hitzetage“ nicht nur als Literatur, sondern auch als historisches Dokument lesen. Denn der Sommer des Jahres 2019 war der letzte „wie damals“, bevor die Corona-Pandemie alles veränderte. Zehn Jahre zuvor wiederum wäre es wohl noch nicht glaubwürdig gewesen, eine relativ unbeschwerte queere Community zu zeigen. Nicht Repressionen der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft halten Ed vom Outing ab, sondern lediglich dessen eigene Sorge, seine Partnerin zu verletzen.
Eds krebskranke Mutter Rosaleen wiederum schwelgt in Erinnerungen an eine früh verstorbene Freundin. Bald ahnt man, dass da – zumindest im Kopf – mehr lief als nur keusche Freundschaft, was zur Zeit von Rosaleens Jugend freilich noch ganz andere Schwierigkeiten nach sich zog als im Jahr 2019.
Eine entscheidende Rolle für die Einordnung des Romangeschehens spielt die Allgegenwart des Internets: Ein Wal hat sich bei London in die Themse verirrt und ist steckengeblieben (etwas Ähnliches passierte 2019 tatsächlich). Die Rettungsaktion ist an diesen Tagen Stadtgespräch, und das Bild einer interviewten Meeresbiologin geht binnen kürzester Zeit viral, weil sie angeblich aussieht wie Prinzessin Diana.
Der humorvolle äußere Rahmen harmoniert gut mit der Leichtigkeit von McKennas rastlos flirrender Prosa. Ihr geht in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser und Alexandra Titze-Grabec zwar unweigerlich manches von dem Rhythmus verloren, der im Original den Bühnenautor erkennen lässt; den Drive, der zum rastlosen Umblättern motiviert, kann sie aber erhalten.
Nicht zuletzt resultiert dieser aus einer gewissen Frustration darüber, dass diese liebenswerten, glaubwürdig beschriebenen Figuren nicht früher miteinander reden. Was kann in einer Gemeinschaft, in der man so offen miteinander umgeht, schon schiefgehen? Aber wie sich zeigt, ist es so einfach dann doch wieder nicht.


