Mord zum Sonntag
Tatortphilosphie

von Alfred Pfabigan

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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Medien, Kommunikation/Medienwissenschaft
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 06.09.2016

Rezension aus FALTER 45/2016

„Borowski ist ein Pandabär“

1000 Teile „Tatort“ – rechtzeitig zum Jubiläum legt der Philosoph Alfred Pfabigan einen Obduktions­befund zur längst­dienenden und beliebtesten deutschen TV-Serie vor

Am 13. November wird die 1000. Folge des „Tatort“ ausgestrahlt, und sie wird so heißen, wie die allererste, die am 29. November 1970 über die Schirme flimmerte: „Taxi nach Leipzig“. Viel Wasser ist seitdem die Pleiße, die Elbe, die Spree, den Rhein hinunter oder in den Bodensee geflossen. Derzeit ermitteln 22 Teams in 20 deutschen Städten, Wien und Luzern.
Um das Wesen der Doyenne unter den deutschen TV-Serien zu erkunden, geht der Sozialphilosoph Alfred Pfabigan in seinem Buch „Der Mord zum Sonntag“ weit zurück – buchstäblich bis zu Adam und Eva, deren Erstgeborener Kain bekanntlich den ersten Mord der Menschheit beging. Für Pfabigan „steht der Tod des Abel am Anfang der Suche nach einer sozialen Ordnung“, die sich dem „,Urwissen‘ von der Gefährdung, die der Bruder dem Bruder darstellt“, verdanke.
Die Einsicht, dass der Mensch des Menschen Wolf ist und dieser „Naturzustand“ durch einen „Sozialvertrag“ befriedet werden muss, liegt auch der absolutistischen Staatstheorie zugrunde, die der englische Philosoph Thomas Hobbes in seiner epochalen Schrift „Leviathan“ (1651) entwickelt hat. Hobbes’ pessimistischer Pragmatismus ist ein weiterer Referenzpunkt von Pfabigans „Tatortphilosophie“.
Was treibt die „Tatort-Bourgeoisie“ seit Jahrzehnten Sonntag für Sonntag um 20.15 Uhr aufs Fernsehsofa? Was leistet der Konsum einer sozialkritisch sich gerierenden, ästhetisch aber recht konservativen und insgesamt nachgerade modernisierungsresistenten TV-Serie für die kollektive Psyche und die staatsbürgerliche „Erziehung“? In seinem ebenso informativen wie unterhaltsamen Buch, in welchem das Wesen nicht nur des „Tatort“, sondern auch anderer deutscher Polizeiserien im kontrastiven transatlantischen Vergleich erschlossen wird, findet Pfabigan überraschende Antworten.

Falter: Herr Pfabigan, Sie schreiben, dass man mit US-Serien einen Lebensabschnitt verbringen kann, „mit dem ,Tatort‘ aber ist man verheiratet“. Wie verlief denn Ihre „Ehe“?
Alfred Pfabigan: Nun, ich entstamme einer Generation, die nur zwei Fernsehprogramme kannte. Dass da Spielfilme ein dreiviertel Jahr nach ihrem Kinostart gezeigt worden wären, gab’s einfach nicht. So gesehen war der „Tatort“ was Aufregendes. Ich war allerdings nie wirklich mit ihm verheiratet und habe nach der Einführung des Privatfernsehens auch einmal 15 fernsehlose Jahre verbracht. Es gibt aber immer noch Milieus, in denen es ein Delikt ist, am Sonntag um 20.30 Uhr anzurufen.

Das steht allerdings quer zur hegemonialen Auffassung unter Medienauskennern, die besagt, dass die ganze Welt nur noch
HBO und Netflix schaut.
Pfabigan: Bloß, dass das nicht stimmt. Der erfolgreichste „Tatort“, „Rot – rot – tot“ mit Curd Jürgens von 1978, hatte bei der Erstausstrahlung über 26 Millionen Zuseher. Unter der Voraussetzung von zwei Fernsehprogrammen, wohlgemerkt. Heute hat ein Münsteraner „Tatort“ unter erheblich größerer Konkurrenz immer noch zwölf Millionen. Eigentlich ist das eine Vervielfachung des Interesses.

Woher kommt das, warum hält das an? Überraschungen sind ja kaum zu erwarten.
Pfabigan: Es gibt offenbar schon so etwas wie eine Wertegemeinschaft, die in ihrer Haltung auf eine moderierte Weise bestätigt wird und dann gut schlafen kann.

Ihr Interesse am „Tatort“ entspringt nicht der enzyklopädischen Passion des Fans, sondern eher der Irritation und dem Ärger?
Pfabigan: Ja, denn kurz nach der Jahrtausendwende kamen US-Serien wie „24 Hours“ oder „The Wire“ ins Fernsehen und die haben mein Interesse für serielles Erzählen geweckt. Die große strukturelle Schwäche des „Tatort“ besteht darin, dass wir den Ermittler oder die Ermittlerin nur fünf-, sechsmal im Jahr sehen, was den Aufbau eines Charakters extrem erschwert. Aus dieser Not hat die Serie eine Tugend gemacht, indem alles reingepackt wurde, was möglich ist: von langweiligen Polizeifilmen über unwürdige Kriminalkomödien aus Münster bis zu relativ harten, actiongeladenen Dominik-Graf-Filmen.

Da liegt doch der Vergleich mit „Columbo“
nahe, der über Jahrzehnte ein gleich­bleibendes Repertoire an Konstellationen, Gesten und Requisiten verwendet?
Pfabigan: „Columbo“ ist sicher eine stilprägende Vorlage, die ja auch durchzitiert wird: Über die Frau von Freddie Schenk wird stets gesprochen, ohne dass man sie je zu Gesicht bekäme, und Borowski versetzt seiner klapprigen Karre dann irgendwann den Gnadenschuss. Darüber hinaus war der „Tatort“ ursprünglich ganz ähnlich konzipiert: Wir wissen von Anfang an, wer’s war, und im Laufe der Aufklärung wird die Beziehung des Täters zum Opfer transparent.

Die bildet auch einen Schwerpunkt Ihres Buches – vor allem in Hinblick auf die Figur des „schuldigen Opfers“.
Pfabigan: Begonnen hat der „Tatort“ als ein für damalige Begriffe dezidiert linkes Format: Wir interessieren uns für den Täter, für die soziale Determiniertheit des Verbrechens, und wir stehen auf der Seite der kleinen Leute. Die Sozialkritik ist freilich sehr limitiert, denn sobald es um abweichende Lebensformen ging, war der „Tatort“ schon immer ziemlich restriktiv. Die betrügerische Ehefrau des alten Curd Jürgens wurde schon verurteilt, obwohl sie das Opfer war. Und es gibt mehrere Folgen, wo man sich nur wundern kann, dass Homosexuellen­organisationen nicht dagegen protestiert haben. Wenn Batic und Leitmayr ein schwules Paar spielen, das ein illegal importiertes russisches Kind adoptieren will, dann ist das eine absolute Karikatur: Die können die Finger nicht voneinander lassen.

Woher kommt eigentlich diese vermeintlich sozialkritische Schlagseite? Die Leute, die den deutschen Polizeifilm entwickelt haben, waren doch alle alte Nazis?
Pfabigan: Die Pioniere stammten aus der Reichsfilmführung der Hitlerjugend, aus Propagandakompanien der SS oder aus dem Leni-Riefenstahl-Umfeld. Herbert Reinecker war Leitartikler des Schwarzen Korps, des Zentralorgans der SS. Er hat den „Kommissar“, „Siska“ und „Derrick“ entwickelt. Letzteren übrigens gemeinsam mit Alfred Weidemann, der die Abteilung Film der Reichsjugendführung leitete. Ich habe mir immer vorgestellt, dass sich die am Set mit Horst Tappert, der ein SS-Grenadier war, mit dem Dienstgrad angesprochen haben.

Wie aber kommt es, dass von alten Nazis entwickelte Serien bruchlos an einen irgendwie „linken“ Zeitgeist andocken können? Die „böse Architektur“ etwa, von der Sie schreiben, war ja von Anfang an da.
Pfabigan: Dieser Begriff stammt nicht von mir, sondern von der Journalistin Barbara Gärtner, die in der SZ einmal meinte: „Die Bösen leben im ,Tatort‘ stets im modernistischen Glaskasten. Wer im Fachwerk wohnt, tötet höchstens aus Notwehr.“ Man darf eines nicht vergessen: Vor den Polizeifilmen kamen die Karl-May- und Edgar-Wallace-Verfilmungen des Riefenstahl-Assistenten Harald Reinl, und abzüglich des Antisemitismus ist das reine Ufa-Ästhetik (die 1917 in Potsdam gegründete Universum Film AG wurde 1933 an die NSDAP übertragen, Red.). Bei Wallace gibt’s auch noch richtig degenerierte Schurken: Der Klaus-Kinski-Psychopath ist im Grunde ein Kandidat fürs Euthanasieprogramm. Und die Vorgängerserie zum „Tatort“ hieß – das muss man sich auch einmal auf der Zunge zergehen lassen – „Stahlnetz“. Regie führte, wie dann später auch bei zahlreichen „Tatorten“, Jürgen Roland, der Angehöriger der Propagandakompanie der Waffen-SS war. Die Kritik gegen das „raffende Kapital“ im Namen des „schaffenden“ setzt sich dort fort, und auch im „Derrick“ werden die kleinen Handwerksmeister gerne gegen die Unternehmer ausgespielt.

Sie verwenden einmal Louis Althussers Begriff des „Ideologischen Staatsapparates“. Würden Sie sagen, dass der „Tatort“ Teil eines solchen ISA ist?
Pfabigan: Na ja, schauen Sie: Angela Merkel fordert angesichts einer sich häufenden Anzahl von Kindesmissbrauchsfällen „eine Kultur des Hinsehens“ – und, plopp, gibt’s einen „Tatort“ zum Thema. Und im Anschluss an den „Tatort“ kommt dann auch noch gleich Anne Will und liefert die Debatte dazu. Bereits 1992 gab es einen Kölner „Tatort“ über philippinische Buben, die von einem Pädophilenring nach Europa geschleust werden, worauf Ballauf und Schenk sogar in Manila ermitteln. Unmittelbar danach haben die Darsteller, Klaus Behrendt und Dietmar Bär, einen Verein zur Bekämpfung der Kinderprostitution gegründet und es wurde ein Medienkoffer für die deutschen Botschaften erstellt. Also, wenn die Drehbuchautoren, die Schauspieler und das Deutsche Außenamt zusammenarbeiten, kann man zumindest von „Regierungsfernsehen“ sprechen.

Es stellt sich allerdings die Frage, was zwei Kölner Kommissare auf den Philippinen verloren haben.
Pfabigan: Deutsche Kommissare ermitteln in der ganzen Welt! Es gibt einen Charlotte-Lindolm-„Tatort“, in dem eine Prostituierte die Aussage verweigert, weil sie ihr Kind in Weißrussland zurückgelassen hat und von den Zuhältern erpresst wird. Worauf sich die Kommissarin ins Auto setzt, nach Weißrussland fährt, dort ein Polizeiauto stiehlt und das Kind über die Schengengrenze nach Deutschland importiert. Ähnlich haarsträubend eine Folge von „Bella Block“, wo die Titelheldin in Moskau aufräumt. Das sind ja historische Wunschfantasien!

Ihre Kritik am „Tatort“ speist sich aus unterschiedlichen Quellen. Da wäre einmal das Realismusargument: Der „Tatort“ hinkt dem Status quo der Polizeiarbeit nicht nur einen Schritt hinterher.
Pfabigan: Der Gummihandschuh ist in der Tat erst sehr spät in den deutschen Polizei­film eingezogen. Davor wurde noch jahrelang der Inhalt einer Handtasche einfach auf den Bahnsteig gekippt. Da waren die ame­rikanischen Forensiker doch wesentlich weiter, auch wenn sie übertrieben haben: Eine DNA-Untersuchung ist mittler­weile vergleichsweise billig, aber kein Mensch genehmigt dir die Überprüfung von 58 Zigarettenstummeln, die sich am Tatort befin­den.

Der „Tatort“ ist einfach altbacken?
Pfabigan: Er ist total retro, und es ist bizarr, mit welcher sturen Hartnäckigkeit das verteidigt wird.

Das wäre Ihre zweite, ästhetische Kritik: dass die Story vor lauter Einschüben – Kaffeetrinken, Currywurstessen – gar nicht vom Fleck kommt.
Pfabigan: Was zum Teil einfach daran liegt, dass die Geschichte zu dünn ist, um eine Folge zu tragen, die Spielfilmlänge hat. Zugleich haben die Gags immer eine Ablenkungsfunktion, sodass der Entertainmenteffekt dafür sorgt, dass die Spannung nicht zu arg ansteigt. Ein Binge Watching von „Tatort“-Folgen, das dazu führt, dass es auf einmal drei Uhr in der Früh ist, weil man sich eine Folge nach der anderen reingezogen hat, ist undenkbar.

Vielleicht hat der „Tatort“ ja sogar die sozialpsychologische Funktion, die Zuseher zu sedieren, damit sie am Montag wieder frisch für die Arbeit sind?
Pfabigan: Das ist kein so falscher Ansatz. Es gibt schon einige actionreiche und aufregende „Tatorte“, aber die meisten entlassen einen nicht mit offenen Fragen oder Entsetzen. Selbst wenn die sogenannten „heißen Eisen“ angefasst werden, geschieht das mit einer gewissen beruhigenden Diskretion.

Und dazwischen wird viel mit dem Dienstwagen gefahren?
Pfabigan: Genau. Es gab ein Video im Netz, das die ARD sofort wieder entfernen hat lassen, weil es so blamabel war. Jemand hatte nämlich die Fahrten eines einzigen Hannover-„Tatort“ zusammengeschnitten, und da sitzt die Lindholm geschlagene sechs Minuten im Mercedes und kurvt durch die Gegend. Das ist zum einen Product Placement, zum anderen schiere Zeitschinderei.

Wie ist das in anderen Ländern?
Pfabigan: Der Rhythmus einer amerikanischen Polizeiserie ist ein völlig anderer. Ich habe aber auch einmal in eine japanische Serie reingeschaut, von der ich rein gar nichts verstand. Da saßen alle nur an einem Tisch und redeten. Von Zeit zu Zeit ging einer raus, dann passierte ein bisschen was, worauf er wieder zurückkam und es den anderen erzählt hat.

Apropos andere Länder: Ein Hauptunterschied zwischen deutschen und amerikanischen Polizeiserien, den Sie herausarbeiten, besteht im unterschiedlichen Umgang mit dem Hobbes’schen Leviathan, also dem Souverän, der über das Gewaltmonopol verfügt, seine Untertanen aber auch schützen muss.
Pfabigan: In den US-Fernsehserien werden die Rechte der Angehörigen sowohl der Opfer als auch der Verdächtigen viel stärker res­pektiert. Auch der Opferstatus als solcher ist viel gewichtiger, weil da in der Tat etwas geschehen ist, was nicht geschehen hätte dürfen. Wenn man mit „Tatort“-Machern spricht, beteuern diese natürlich, dass sie gerade dieser Zivilisationsbruch des Mordes interessieren würde, aber filmisch ist der eigentlich nicht präsent. Das ändert sich gerade langsam, war aber über Jahrzehnte eine sehr euphemistisch inszenierte Konvention: Behandschuhte Hand mit Revolver schiebt sich ins Bild – „peng!“ – das war’s.

Dabei gibt es in der US-Populärkultur ja eine mächtige Tradition der Selbstjustiz: von Mike Hammer über Dirty Harry bis zu Andrew Vachss’ Burke. Wie erklären Sie sich diesen überraschenden Unterschied?
Pfabigan: Wir haben historisch eine Tradition der Schuldigsprechung der Opfer. Ich hatte noch einen Lehrer, der meinte: „Ja, die Juden haben’s halt wirklich toll getrieben.“ Darüber hinaus gibt es auch die sehr deutsche Vorstellung vom guten Tod als Quintessenz des guten Lebens. Wenn sich die Gemeinschaft eines Ekelpakets entledigt, indem es umgebracht wird, hast du das Gefühl: Wenn ich anständig bin, kann mir eigentlich nix passieren. Im Grunde genommen liegt dem dieselbe Argumentationsfigur zugrunde wie dem Satz, mit dem jede Kontroll- und Überwachungstätigkeit kleingeredet wird: „Wenn S’ nix ang’stellt haben, brauchen S’ eana a ned fürchten.“ Selbst der meiner Meinung nach beste österreichische „Tatort“-Autor, Max Gärtner, bedient dieses Muster: Da wird ein Waffenhändler, der stark an Alfons Mensdorff-Pouilly erinnert, vom Mossad hingerichtet, und wir finden das irgendwie gut.

Was leistet so ein Narrativ?
Pfabigan: Da würde ich mich an den französischen Kulturwissenschaftler René Girard anhängen, der meint, dass wir Sündenböcke brauchen, weil deren Opferung uns hilft, unsere Gewaltimpulse einzuhegen und die Gemeinschaft wieder zu befrieden. Aber aus der Hobbes’schen Perspektive bleibt es doch so, dass der Leviathan den Sozialvertrag gebrochen hat, wenn jemand ermordet wurde: Wozu habe ich meine Freiheiten aufgegeben und die Gewalt an den Souverän delegiert, wenn das dann doch passiert?

Eine andere auffällige Differenz betrifft die Darstellung von Leichen.
Pfabigan: Was den „Tatort“ tatsächlich von amerikanischen Serien unterscheidet, ist die Anzahl von weiblichen Leichen, die ohne dramaturgische Funktion, also quasi als Dekoration herumliegen.

Was sagt Elisabeth Bronfen dazu?
Pfabigan: Die sagt, dass das ein Symptom und – wie jedes Symptom – Produkt einer misslungenen Verdrängung ist. Ich sehe da zunächst einmal eine Verletzung von Würde. Es gibt eine interessante „CSI“-Folge, in der ganz offensichtlich etwas nicht stimmt. Letztendlich stellt sich heraus, dass alle Untersuchungen durch den Umstand kontaminiert waren, dass die Leiche, ein weibliches Model, angezogen ist, obwohl sie nackt am Tatort hätte liegen müssen.

Und die Auflösung?
Pfabigan: Ist die, dass der Manager die Leiche gefunden und sie aus Pietät angezogen hat – gerade in Zeiten des Internets zückt ja schnell jemand sein Smartphone und stellt Fotos ins Netz. Wenn man dann sieht, wie Charlotte Lindholm neben einer nackten Frauenleiche steht und zum Sekundärverdächtigen sagt, er solle seine Beziehung zu Frauen überdenken, finde ich das im Vergleich ein bissl heuchlerisch.

Apropos Lindholm: Die wird in der 1000. „Tatort“-Folge erstmals gemeinsam mit Kommissar Borowski ermitteln. Können Sie eine Hochrechnung abgeben, wie das ausgehen wird?
Pfabigan: Nachdem sich die Schauspielerin Maria Furtwängler gerne ins Drehbuch einmischt, hat man sich wohl eine hochnarzisstische Schau zu erwarten, in der irgendein weibliches Elend thematisiert wird, das in ihrem Fall gar nicht existiert. So wie die Lindholm immer als jammernde Alleinerzieherin auftritt, tatsächlich aber auf ein dichtes Netz der Fürsorge zurückgreifen kann. Erotisch wird sich nichts abspielen, denn Borowski ist, wie man aus der Beziehung zu Frieda Jung weiß, ein Pandabär. Und nachdem beide eher einen kühlen Charakter haben, ist auch kein Zusammenprall von Lebensarten zu erwarten.

Man wird also anschließend beruhigt zu Bett gehen können?
Pfabigan: Davon darf man ausgehen.

Klaus Nüchtern in FALTER 45/2016 vom 11.11.2016 (S. 24)


Rezension aus FALTER 41/2016

Wutbürger, unschuldige Täter und schuldige Opfer

Fernsehgeschichte: Der Philosoph Alfred Pfabigan legt eine fulminante Kritik der beliebten Sonntagabend-Serie „Tatort“ vor

Was machen Sie sonntagabends um 20.15 Uhr? Wenn die Antwort „‚Tatort‘ schauen“ lautet, befinden Sie sich mit bis zu 26,57 Millionen Menschen (Zuseherrekord 1978) in guter Gesellschaft. Allerdings müssen Sie sich dann von Alfred Pfabigan den Vorwurf gefallen lassen, ein „zivilisatorisch gezähmter Wutbürger“ zu sein und in ihrer Freizeit Ermittler anzuglotzen, die als „Wiederkäuer das Dosenfutter ihrer Leitmedien“ reproduzieren.

Frechheit, denken Sie? Dann sollten Sie sich die Zeit nehmen und „Mord am Sonntag“ lesen, denn der Vorwurf des Konformismus ist noch der harmloseste Teil von dessen Thesen zum deutschen Polizeikrimi. Der Philosoph ist nämlich der Meinung, dass besonders der „Tatort“ inzwischen ein „inoffizielles Regierungsorgan“ darstellt.
Das meint er aber nicht polemisch, sondern argumentiert aus der Produktionssituation heraus: Der staatlich produzierte Polizeifilm setze eine gesellschaftlich akzeptable Form von Verbrechen und Sühne durch. Soll heißen: „Tatort“ und Konsorten inszenieren in Serie einen politischen Konsens, der sich auf den ersten Blick nicht mit dem sozialkritischen Selbstverständnis der Polizeiserien deckt.
Pfabigan weist auf die Unterschiede in amerikanischen und deutschsprachigen Krimiserien hin. Dort naturwissenschaftlicher Positivismus, spannungsgeladene Handlung, emotionale Ermittler und Täter, die sich mehrheitlich zum Bösen bekennen. Hier psychologisierendes Suchen nach dem Motiv, endlose Alltagshandlungen, abgeklärte Kommissare und eine Darstellung, die tendenziell schuldige Opfer und unschuldige Täter suggeriert.

In den stärksten Passagen weist Pfabigan die konsequente Persistenz von nationalsozialistischen Einflüssen auf deutsche Polizeiserien nach, argumentiert am Personal und den Arbeitsbiografien etwa von Alfred Weidenmann und Heribert Reinecker. Weidenmann war Leiter der Hauptabteilung Film in der Reichsjungendführung. Später erfand er die Figuren „Derrick“, den „Kommissar“ und führte Regie beim „Alten“. Reinecker schrieb in der Propagandakompanie der Waffen-SS. Nach 1945 war er erst als Drehbuchautor für Edgar-Wallace- und Karl-May-Filme tätig, später für den „Kommissar“ und „Derrick“. Ähnliches gilt für Jürgen Roland, den Erfinder des „Tatort“-Vorgängers „Stahlnetz“.
So entsteht das Bild eines Netzwerks, das praktisch in jeder Krimiserie bis ins Jahr 2000 federführend war. Die zweite, nicht minder luzide Diskussion des Verhältnisses zwischen NS-Ideologie und „Tatort“ setzt Pfabigan mit der Analyse der schuldigen Opfer und der schuldlosen Täter ins Werk. Opfer, die im Nachhinein zumindest moralisch schuldig gesprochen werden, und Täter, die sich als verkappte Mutige erweisen. Nicht von ungefähr erinnert diese Strategie Pfabigan an die politische Kommunikation Jörg Haiders.

Freilich ist er klug genug, dieses Begehren nach moralischer Hintersinnigkeit und Zweideutigkeit nicht allein der Psyche der deutsch-österreichischen Tätergesellschaften festzumachen. Er ist auch flugs dabei, allgemeine Beobachtungen zur Ästhetik der Gewalt anzustellen, eine Geschichte der Obduktion zu skizzieren und „Scheherazade“ zum Modell des seriellen Erzählens im Film zu stilisieren.
Hier wird der Emeritus selbst Opfer der „Ästhetik der Beiläufigkeit“, die er dem „Tatort“ attestiert. Dieser kranke daran, dass er unentwegt Einschübe (Sequenzen ohne Bedeutung für die Handlung) einflechte, was der Philosoph herrlich maliziös an den endlosen Diskussionen über Currywurst illustriert.
Pfabigan tappt in dieselbe Falle, wenn er unvermittelt Foucault, Althusser, Bourdieu usw. heraufbeschwört, ohne die Relevanz für das Thema plausibel zu machen.
Warum jeder Bildschirmmord ausgerechnet eine Aktualisierung des Traumas des biblischen Brudermordes von Kain sein soll, mag auch nicht so recht einzuleuchten.
Dennoch: Mit seiner Beschlagenheit in der Geschichte des „Tatort“ gelingt Pfabigan eine spannende Lektüre, die auch die jüngste Entwicklung der Lokalepisoden kommentiert und um Pointen nicht verlegen ist.

Florian Baranyi in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 53)


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