Schwarzweißbuch Milch

von Thomas Stollenwerk

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Verlag: Residenz
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Milchseen und Butterberge gibt es noch immer

Ökologie: Bei Thomas Stollenberg erfährt man – von der Überproduktionsabgabe bis zum Tierleid – alles über die Milch

Auf die Stimmen der Veganer müssen die Grünen mit der Nominierung der Star-Köchin Sarah Wiener als Kandidatin für das EU-Parlament wohl verzichten. Schließlich hat sich Wiener mehrmals medienwirksam gegen vegane Produkte wie Mandelmilch etc. geäußert.

Für Veganer ist Milch bekanntlich ein No-go, ebenso wie andere tierische Produkte. Für sie ist es also irrelevant, dass die Milchproduktion nicht erst in der industriellen Landwirtschaft, sondern schon in weit früheren Zeiten, im Neolithikum, alles andere als tierfreundlich war. Da wurden Kälber geschlachtet und deren Felle den Müttern zum Beschnuppern hingehalten, auf dass die Milch nicht so schnell versiege. Andere Kälber wurden „nur“ verstümmelt, damit sie nicht so viel saugen konnten und ihren Besitzern mehr Milch zur Verfügung stand. Trotzdem haben sich die Dimensionen in den letzten Jahrzehnten geändert.

In Thomas Stollenwerks lesenswertem „Schwarzweißbuch Milch“ erfährt man viel. Auch dass die berühmt-berüchtigte „Milchquote“ innerhalb der Europäischen Union am 31. März 2015 abgeschafft wurde. Seither dürfen die Milchbauern in der EU so viel Milch produzieren, wie sie wollen oder können. Ohne Überproduktionsabgabe. Diese mussten Bauern bis dahin zahlen, wenn sie (bzw. deren Vieh) „zu viel“ Milch produzierten. Österreichische Bauern etwa überwiesen von 1995 bis 2015 rund 450 Millionen Euro Überproduktionsabgabe nach Brüssel. Und sie waren keine Ausnahme.

Fast jedes Jahr wurde die Milchquote übertroffen, auch von großen EU-Ländern wie Deutschland. Ökologisch war die (neo-)liberale „Entfesselung“ der Milchproduktionsmenge allerdings nicht unproblematisch: Sie förderte agroindustrielle Strukturen zu Lasten von kleinbäuerlichen Betrieben, die mehr und mehr zusperren mussten, und nicht zuletzt der Lebensqualität der Milchproduzentinnen, der Kühe.

Stollenwerk geht aber nicht nur wirtschaftlich-technischen Fragen nach, sondern auch der seit rund 20 Jahren bestehenden urbanen Legende, wonach viele Stadtkinder glaubten, Kühe hätten (wie in der Milka-Werbung) ein lila Fell. Die Frage, ob Milch gesund oder ungesund für den europäischen Teil der Menschheit sei, der Milch als Erwachsene noch verdauen könnte, könne man mit einem eindeutigen „Jein“ beantworten, meint Stollenwerk. Mehrheitlich halten Wissenschaftler Milch allerdings für gesund.

Der Stall mit den meisten Kühen steht – man höre und staune – übrigens nicht in den Niederlanden oder Dänemark, sondern in Saudi-Arabien. Mehr als 20.000 Holstein-Kühe findet man auf der Al-Badiah-Farm. Laut Stollenwerk arbeiten dort 250 Melker, viermal am Tag werden die Kühe gemolken. Eigentümer sei der saudi-arabische Lebensmittelkonzern Almarai, der in der Wüstenlandschaft des Öl-Königreichs ganze sieben „Superfarmen“ betreibe und damit auch die Nachbarstaaten mit Milchprodukten versorge. Wenn man weiß, dass selbst „Hochleistungskühe“ drei Liter Wasser brauchen, um einen Liter Milch zu produzieren, ist klar, dass sich das auf Dauer mitten in der Wüste nicht ausgehen wird. Von Nachhaltigkeit ganz zu schweigen.

Stollenwerk setzt sich auch mit dem Mythos Milch auseinander, einem Produkt, das wie kaum ein anderes lange für Unschuld, Reinheit und Natur stand. Dabei ist dieses Image, mit dem Werbung für Milch heute noch spielt, hoch problematisch: „Massenware mit tollem Image, die frei von Kritik bleibt, gibt es kaum. Das Image von Milch leidet darunter, dass das, was den uralten Milchmythos ausmachte, nicht zur Realität der heutigen Milchindustrie passt. Die meisten Menschen, die sich gern eine unschuldige, reine und nährstoffreiche Quelle des Lebens vorstellen, stellen sie sich ungern in einer Fabrik vor.“

Stollenwerk erinnert an die in den 1950er- und 1960er-Jahren verbreiteten Milchbars und nicht zuletzt die Schulmilch. Beide dienten auch dazu, das „unschuldige“ Image von Milch und Milchprodukten aufrechtzuerhalten.

Karin Chladek in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 42)


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