Schwarzweißbuch Milch

von Thomas Stollenwerk

€ 19,00
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Verlag: Residenz
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.03.2019


Rezension aus FALTER 33/2019

Die Melkroboter

Das letzte Kälbchen ist an einem Sonntag im Juli zur Welt gekommen. Diesen Tag wird sich Ewald Grünzweil merken: Es wird die letzte Kälbergeburt auf dem Hof gewesen sein, auf dem er gemeinsam mit Milchkühen aufgewachsen ist. Ein paar Monate werden die Mütter der jüngsten Kälber noch Milch geben, sagt der Biobauer aus Bad Leonfelden im Mühlviertel: „Und dann ist die Milch bei uns Geschichte.“ So wie rund 1000 Milchbauern im Vorjahr werden auch die Grünzweils die Melkroboter abbauen, die Kühe verkaufen und die Kannen ein für alle Mal verräumen. Dabei wollte Grünzweil eigentlich die Branche aufmischen und mit seiner IG Milch etwas verändern. Im Film „Bauer unser“ trat er als Rebell auf, erst vor kurzem hat er seinen Traktor vor der Raiffeisen-Zentrale in Wien, einen Sarg im Schlepptau, eingeparkt. Was ist passiert?



Günstige Milch ist für uns Konsumenten selbstverständlich. Konventionell gibt es sie ab 89 Cent pro Liter, die Biovariante erhält man ab 1,05 Euro. Doch jene, die dafür sorgen, dass die meterlangen Kühlregale immer gefüllt sind, kämpfen mit niedrigen Erzeugerpreisen und sind abhängig von den großen Molkereien. Und obwohl viel zu viel Milch auf dem Markt ist, sollen die Landwirte ihre Betriebe ständig vergrößern und müssen die hochgezüchteten Kühe immer mehr leisten. „Die Landwirtschaft ist so voller Widersprüche, es ist nicht auszuhalten“, sagt Grünzweil. Und: „Wir stehen auf dem Land nicht vor einem Strukturwandel, sondern vor einem Strukturbruch.“ Deswegen hat er mit Ernst Halbmayr und weiteren Bauern die IG Milch gegründet. Deswegen schmeißt Grünzweil jetzt trotzdem hin, und Halbmayr liefert keine Milch mehr an Genossenschaften. Die großen Molkereien sehen die beiden Biobauern nämlich als einen der Hauptfaktoren für die Misere.



In St. Peter/Au im Mostviertel führt Ernst Halbmayr, Grünzweils Kompagnon in der IG Milch, über den stattlichen Vierkanthof, den er mit seiner Frau bewirtschaftet. Es ist ein sonniger Sommernachmittag, so weit man über die umliegenden Hügel sieht, strotzt alles vor Grün. Man könnte meinen, hier sei die bäuerliche Welt noch in Ordnung. Doch Halbmayr sagt: „Es bedrückt mich, wie es den Milchbauern geht. Wie geschunden sie daherkommen, wie müde und gefangen in dem furchtbaren System.“



Die Bauern, sagt er, seien völlig abhängig von den Genossenschaften. Das fange damit an, dass viele sich gar nicht aussuchen könnten, an wen sie liefern, weil in zahlreichen Gegenden nur eine einzige Molkerei überhaupt mit dem Milchwagen durchfährt. „In Niederösterreich zum Beispiel, da gibt es von der Buckligen Welt bis zur burgenländischen Grenze nichts anderes als die NÖM.“ Entweder sie holt die Milch ab – oder niemand.



Wer bei einer Molkerei unter Vertrag steht, verpflichtet sich zudem, ihr die gesamte Milch zu überlassen. „Andienungspflicht“ nennt sich das: ganz oder gar nicht.



Die Bauern müssen außerdem unterschreiben, dass sie künftige Preisänderungen akzeptieren. So erfahren sie erst Wochen im Nachhinein, was sie für ihre Milch bekommen haben. „Sie hängen dir einen Zettel an den Tank, auf dem steht, dass sie einen Überschuss hätten und daher leider Gottes den Milchpreis hätten senken müssen“, schimpft Grünzweil. Der Handel, die Molkereien, alle wollten verdienen, aber die Bauern kämen als Allerletzte. „Wir sind fast wie Leibeigene“, sagt er. Grünzweil bekommt aktuell für den Liter Biomilch in etwa 43,8 Cent, für konventionelle Milch zahlt seine Genossenschaft 34,5 Cent.



Die Molkereibranche hat sich in den letzten Jahren stark konzentriert. Allein die Berglandmilch („Schärdinger“) hat nach Übernahme der Stainzer und der Tirol Milch einen Marktanteil von mehr als einem Drittel. Es folgen mit einigem Abstand die NÖM AG, die Salzburg Milch und die Gmundner Milch. Das Milchgeschäft steht und fällt mit Raiffeisen: 91 Genossenschaften, darunter auch Berglandmilch und NÖM, gehören zum Österreichischen Raiffeisenverband. Dieser übernimmt nach Eigenaussage sage und schreibe „circa 90 Prozent der in Österreich angelieferten Milch“.



Neue Mitspieler, sagen die IG-Milch-Rebellen, hätten da keine Chance. Halbmayr und Grünzweil haben es ausprobiert. 2008 gründeten sie die Freie Milch Austria (FMA), damit wollten sie die Bauern aus der Abhängigkeit von den großen Molkereien befreien. Auf dem freien Markt, hofften sie, könnten sie mehr für die Milch erlösen. Zuvor hatten sie schon „A faire Milch“ gegründet, die versprach: Bei uns kriegen die Bauern für jeden Liter zehn Cent mehr.



Ernst Halbmayr erzählt, wie die FMA zur besten Zeit die Milch von 700 Betrieben eingesammelt habe. Doch sie sei massiv geschnitten worden: „Einem Frächter hat eine Genossenschaft gesagt: ‚Wenn du noch einmal für die Freie Milch fährst, kriegst du bei uns keinen Auftrag mehr.‘“ Dasselbe habe eine Molkerei zu hören bekommen, bei der sie Flaschen waschen durften. Die hätten sich dann nicht mehr getraut, mit ihnen zu arbeiten. Dann wurden der FMA noch größere Lieferanten abgeworben, und 2007 musste sie ihr Scheitern einräumen.



„A faire Milch“ gibt es aber noch: Man bekommt sie um 1,35 Euro in einem Teil der Filialen von Spar, Nah & Frisch, Unimarkt und Zielpunkt. Pro Packerl wandern zehn Cent auf ein Treuhandkonto, einmal im Jahr wird das Geld an die Bauern verteilt.



Jenen aber, die von der FMA zu ihren früheren Molkereien zurückwollten, hätten diese gezeigt, wo der Bartl den Most holt. 37 Bauern standen erst einmal ohne Vertrag da. Einige nahmen die Rückkehrer bis heute nicht mehr als Genossenschaftsmitglieder auf, sondern gewähren ihnen immer nur einjährige Verträge. Außerdem ziehen sie ihnen sogenannte „Schüttgebühren“ ab: Die Rückkehrer bekommen also ein paar Cent weniger pro Kilo. Die NÖM mache das, die Berglandmilch knöpfe ihnen mit mehr als vier Cent am meisten ab, die Gmundner Milch tue es immerhin nicht mehr.



Ihre Biomilch müssten einige dieser Bauern außerdem zum Preis von konventioneller Milch hergeben: „Der Biowagen fährt an ihrem Hof vorbei, ohne die Milch mitzunehmen.“ Einer der Betriebe habe mehrere hunderttausend Euro in höhere Standards investiert und könne nun die Kreditraten nicht mehr zurückzahlen.



„Da geht es nur darum, ein Exempel zu statuieren“, knurrt Grünzweil, „es geht um Strafe und Demütigung.“ Halbmayr ergänzt: „Dabei haben wir nichts anderes getan als das, was die Landwirtschaftskammer sonst immer empfiehlt: ‚Tut euch, zum Beispiel, als Waldbesitzer zusammen, dann habt ihr gegenüber den Sägereibesitzern eine bessere Position.‘ Überall wird Werbung für mehr Wettbewerb gemacht, nur wir werden gestraft.“



Zu allem Überdruss kämen dazu noch „Maulkörbe“ für die Zurückgekehrten. Auch Ewald Grünzweil musste einen Vertrag unterschreiben, in dem es heißt: „Aufgrund der Bekanntheit und Medienpräsenz von Herrn Grünzweil“ behalte die Genossenschaft sich „ein fristloses Kündigungsrecht“ vor, falls Grünzweil etwas sage, was deren Ruf oder Geschäfte schädige. „Es war der demütigendste Tag meines Lebens, als ich das unterschreiben musste“, sagt er.



Halbmayr und Mitstreiter sehen in alledem einen Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung einiger Molkereien, daher haben sie die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) eingeschaltet. Diese hat Berglandmilch und NÖM bereits einmal zu Strafzahlungen vergattert: wegen verbotener Preisabsprachen mit Lebensmittelhändlern. 2012 zahlte etwa die Berglandmilch 1,125 Millionen Euro. Diesmal aber zeigte sich die BWB laut Halbmayr anfangs sehr interessiert, stellte dann jedoch die Ermittlungen ein: Die Vorwürfe hätten sich nicht erhärtet, heißt es in dem Mitteilungsschreiben.



Der Chef der Berglandmilch, Josef Braunshofer, weist die Vorwürfe im Gespräch mit dem Falter vehement zurück. Man habe die Freie Milch nie behindert und auch niemandem gesagt, dass er nicht für sie arbeiten dürfe.



Die Bedingungen für Rückkehrer begründet der Vorstandsvorsitzende so: „Wir haben, vorsichtig formuliert, nicht zu wenig Milch.“ Auch bestehende Genossenschaftsmitglieder, die Biomilch liefern möchten, stünden zum Teil auf Wartelisten.



Zur Nichtaufnahme der Rückkehrer sagt Braunshofer, man verlängere ihre Verträge ohnehin jährlich. Die Preisabschläge erklärten sich daraus, dass Nichtmitglieder auch nicht haften. Alle Entscheidungen würden mit den Mitgliedern getroffen, „wir sind eine Genossenschaft von 11.000 Milchbauern, wir gehören diesen, sonst niemandem“.



Und die Abhängigkeit der Bauern? Milch als schnell verderbliches Produkt könne man eben nicht so leicht quer durch Österreich karren. „Und: Das Verhältnis ist nicht einseitig.“ Ja, die Bauern müssten ihre gesamte Milch abliefern, dafür nehme die Genossenschaft ihnen auch „jeden Liter“ ab.



Die Vereinigung der österreichischen Milchverarbeiter (VÖM) wies die Vorwürfe der IG Milch nach deren letzter Pressekonferenz ebenfalls zurück. „Die Bauern haben viel Geld verloren und waren froh, neue Abnehmer gefunden zu haben“, hieß es. Es sei nicht Aufgabe der Molkereien, für Schäden der Freien Milch aufzukommen.



Matthias Krön war früher Miteigentümer der Molkerei Oberwart und der Mona-Gruppe und hat Milch von „A faire Milch“ an den Handel geliefert. „Zu meiner Popularität in der Branche hat das nicht wahnsinnig beigetragen“, sagt er heute, die Genossenschaften seien sehr verschnupft gewesen über diese Neugründung. Kartellrechtlich bedenkliche Vorgänge sieht er aber keine.



Inzwischen hat Krön sich vom Kuhmilchgeschäft losgesagt und das Segment an die NÖM verkauft. Die Mona stellte er auf Sojamilch um, er ist Mitbegründer des Vereins Donau Soja, als deren Geschäftsführer er heute die „europäische Eiweißwende“ propagiert: Es erscheine ihm „logischer, aus den Sojabohnen gleich Milch zu machen, statt sie vorher in Kühe zu stecken“.



Die Einschätzung des Machtgefälles teilt Krön. „Der Bauer wird hier als Unternehmer behandelt, ähnelt aber eher einem Arbeitnehmer, weil er im Vergleich zu den Abnehmern sehr klein ist und davon abhängig, welche Molkerei ihn überhaupt anfährt.“



Thomas Stollenwerk vom Magazin Biorama und Autor des faktenreichen „Schwarzweißbuch Milch“ sieht die Rolle der Genossenschaften ambivalent. Die Abnahmegarantie sei einerseits positiv, andererseits habe ein Bauer, der seine gesamte Milch abliefern muss, per se eine schwächere Verhandlungsposition. Und bei Genossenschaften, die von „stinknormalen Managern“ geführt werden, komme es zu „Interessenkonflikten“: Einerseits sollen sie die Bauern vertreten, die möglichst viel für ihren Rohstoff haben wollen. Als Manager wollen sie aber möglichst billig einkaufen und möglichst viel Ertrag herausschlagen.



Genau das sehe man auch beim Umgang mit Klein- und Großbauern, sagt Ewald Grünzweil. Hatte Österreich beim EU-Beitritt 1995 noch fast 84.000 Milchbauern, so waren es im Vorjahr nur noch 26.600. Die hatten dafür im Schnitt 20 Kühe im Stall und nicht 7,5 wie damals. Die größten Höfe mit mehr als 50 Kühen liefern bereits ein Viertel der gesamten Produktion.



„Die Genossenschaften“, klagt Grünzweil, „haben die Mindestabholmengen ständig erhöht.“ Die vielen, die weniger als zehn Kühe haben, müssten dem Milchwagen selber hinterherfahren. Und: Wer mehr liefert, bekommt pro Kilo auch mehr bezahlt.



Josef Braunshofer meint, dass Großlieferanten Mengenvorteile haben, sei ja logisch. Das Anfahren der Milchwagen, die Milchuntersuchung, all das verursache Kosten. Staffelungen brächten „eine gewisse Kostenwahrheit“. Außerdem gehe es nur noch um etwa einen Cent pro Kilo.



„Der Grundgedanke der Genossenschaft wäre aus meiner Sicht ein anderer“, winkt Grünzweil ab. Dabei liege genau hier „das Grundübel: im jahrelang übersättigten Milchmarkt. Bei Überschüssen kann man den Preis diktieren.“



Bis 2015 war die Milchlieferung in der EU durch eine Quote geregelt. Diese wurde abgeschafft, nun darf jeder Bauer so viel liefern, wie er will. Im ersten Jahr danach rasselte der Milchpreis in den Keller. Ein Teufelskreis begann: Um das Mindereinkommen aufzufüllen, liefern die Bauern, so viel sie können. Damit wächst der Milchsee, was die Preise weiter drückt.



Doch das Rennen um die Menge geht auf Kosten der Rinder und der Umwelt. „Viele Kühe sind bei uns nach zwei Kälbern ausgelutscht, fertig“, sagt Grünzweil. Dass die Lebensleistung trotzdem so hoch sei, bedeute: „Die Kuh ist permanent überfordert.“



Im Schnitt liefert eine heimische Kuh derzeit knapp 6400 Kilo Milch pro Jahr. Über Zahlen im Zeitablauf verfügt die Rinderzucht Austria (für ihre Kontrollkühe, mittlerweile 80 Prozent aller Kühe): Gab eine österreichische (Kontroll-)Kuh im Jahr 1950 unter 3000 Kilo Milch pro Jahr, so lag ihre Leistung im Vorjahr bei 7724 Kilo – also mehr als 2,5-mal so hoch.



Das gelang einerseits durch das Züchten spezieller Milchrassen. Nicht wenige Tierärzte sprechen bereits von „Qualzucht“. Gleichzeitig schaffen diese Kühe mit Gras und Heu allein gar nicht die gewünschte Leistung. Also erhalten sie immer mehr Getreide und Kraftfutter. Die Kälber nimmt man ihren Müttern schon in den ersten Tagen weg, denn die Milch ist ja für uns, die Menschen – selbst in der Biohaltung ist das fast überall so. Die Kälber bekommen stattdessen Milchaustauscher, teils mit Palmöl; die Biokälber erhalten immerhin richtige Milch. All das verbraucht sehr viel CO2, während das Füttern mit Gras und Heu positive Effekte für das Klima hat: Es erhält Grünland und Humus.



Im internationalen Vergleich sei die Milchleistung niedrig, hält der Berglandmilch-Chef dagegen. Und: „In Österreich hat jede Kuh noch einen Namen. Die Berglandmilch verwende seit zwei Jahren kein Futter aus Übersee mehr, außerdem erhielten die Bauern mit dem neuen „Tierwohlbonus“ für verbesserte Haltungsbedingungen bis zu einen Cent mehr pro Kilo.



Doch die Milchrebellen wollen mehr. „Weniger Leistung pro Kuh, mehr Gras in der Fütterung“, fordern sie etwa in ihrem „Milch-Manifest“. Rücksicht auf kleine Betriebe. Und „einen fairen Preis für Milch“.



Matthias Krön, der Ex-Molkereiinhaber, sagt, die Entwicklungen in der Landwirtschaft stimmten ihn „traurig: Viele österreichische Produkte werden nach höheren Standards produziert, aber abgegolten bekommen die Landwirte das nicht.“ Bei den Eiern sei es doch auch gelungen: Da haben die Supermärkte einst die Käfigeier aus den Regalen verbannt, und heute sind die teureren Eier mit besseren Haltungsbedingungen Normalität. So etwas würde er sich auch für Milchprodukte und Schweinefleisch wünschen. Klug erscheint ihm auch das Schweizer Modell, wonach der Bauer für die im Inland verkaufte Milch mehr bekommt als für die, die in den Export geht. Allerdings wurde das Modell inzwischen aufgeweicht, und auch die Schweizer Bauern klagen.



Dass sich in der Lebensmittelherstellung fast alles ändern muss, hat soeben auch der Weltklimarat eingemahnt: Er fordert die Wende hin zu weniger tierischer Ernährung und nachhaltiger Landwirtschaft. Zahlreiche Experten fordern eine Umstellung der EU-Agrarpolitik: die reine Flächenförderung zurückdrängen, dafür das ökologische Wirtschaften fördern. Doch ein deutsches Forscherteam warnte soeben: Die Reformpläne der Kommission ließen sogar einen Rückschritt erwarten.



Andrea und Ernst Halbmayr haben sich inzwischen mit anderen Biobauern zu den „Hoflieferanten“ zusammengetan und stellen selbst Joghurt, Sauerrahm und Butter her. Diese verkaufen sie ausschließlich ab Hof und in Bioläden. Mit Genossenschaften haben sie nichts mehr zu tun.



Politisch aktiv will Halbmayr weiterhin bleiben, genauso Grünzweil. Der wird bald Mastochsen halten, und man wird ihn öfter auf Bällen und Zeltfesten sehen: Dort tritt er mit seinen Bands auf. „Im Jahr 2000“, sagt er, „waren wir im Dorf noch 13 Milchbauern.“ Jetzt sind es vier. Bald drei.

Gerlinde Pölsler in FALTER 33/2019 vom 16.08.2019 (S. 51)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Bauer unser - Billige Nahrung teuer erkauft


Rezension aus FALTER 12/2019

Milchseen und Butterberge gibt es noch immer

Ökologie: Bei Thomas Stollenberg erfährt man – von der Überproduktionsabgabe bis zum Tierleid – alles über die Milch



Auf die Stimmen der Veganer müssen die Grünen mit der Nominierung der Star-Köchin Sarah Wiener als Kandidatin für das EU-Parlament wohl verzichten. Schließlich hat sich Wiener mehrmals medienwirksam gegen vegane Produkte wie Mandelmilch etc. geäußert.



Für Veganer ist Milch bekanntlich ein No-go, ebenso wie andere tierische Produkte. Für sie ist es also irrelevant, dass die Milchproduktion nicht erst in der industriellen Landwirtschaft, sondern schon in weit früheren Zeiten, im Neolithikum, alles andere als tierfreundlich war. Da wurden Kälber geschlachtet und deren Felle den Müttern zum Beschnuppern hingehalten, auf dass die Milch nicht so schnell versiege. Andere Kälber wurden „nur“ verstümmelt, damit sie nicht so viel saugen konnten und ihren Besitzern mehr Milch zur Verfügung stand. Trotzdem haben sich die Dimensionen in den letzten Jahrzehnten geändert.



In Thomas Stollenwerks lesenswertem „Schwarzweißbuch Milch“ erfährt man viel. Auch dass die berühmt-berüchtigte „Milchquote“ innerhalb der Europäischen Union am 31. März 2015 abgeschafft wurde. Seither dürfen die Milchbauern in der EU so viel Milch produzieren, wie sie wollen oder können. Ohne Überproduktionsabgabe. Diese mussten Bauern bis dahin zahlen, wenn sie (bzw. deren Vieh) „zu viel“ Milch produzierten. Österreichische Bauern etwa überwiesen von 1995 bis 2015 rund 450 Millionen Euro Überproduktionsabgabe nach Brüssel. Und sie waren keine Ausnahme.



Fast jedes Jahr wurde die Milchquote übertroffen, auch von großen EU-Ländern wie Deutschland. Ökologisch war die (neo-)liberale „Entfesselung“ der Milchproduktionsmenge allerdings nicht unproblematisch: Sie förderte agroindustrielle Strukturen zu Lasten von kleinbäuerlichen Betrieben, die mehr und mehr zusperren mussten, und nicht zuletzt der Lebensqualität der Milchproduzentinnen, der Kühe.



Stollenwerk geht aber nicht nur wirtschaftlich-technischen Fragen nach, sondern auch der seit rund 20 Jahren bestehenden urbanen Legende, wonach viele Stadtkinder glaubten, Kühe hätten (wie in der Milka-Werbung) ein lila Fell. Die Frage, ob Milch gesund oder ungesund für den europäischen Teil der Menschheit sei, der Milch als Erwachsene noch verdauen könnte, könne man mit einem eindeutigen „Jein“ beantworten, meint Stollenwerk. Mehrheitlich halten Wissenschaftler Milch allerdings für gesund.



Der Stall mit den meisten Kühen steht – man höre und staune – übrigens nicht in den Niederlanden oder Dänemark, sondern in Saudi-Arabien. Mehr als 20.000 Holstein-Kühe findet man auf der Al-Badiah-Farm. Laut Stollenwerk arbeiten dort 250 Melker, viermal am Tag werden die Kühe gemolken. Eigentümer sei der saudi-arabische Lebensmittelkonzern Almarai, der in der Wüstenlandschaft des Öl-Königreichs ganze sieben „Superfarmen“ betreibe und damit auch die Nachbarstaaten mit Milchprodukten versorge. Wenn man weiß, dass selbst „Hochleistungskühe“ drei Liter Wasser brauchen, um einen Liter Milch zu produzieren, ist klar, dass sich das auf Dauer mitten in der Wüste nicht ausgehen wird. Von Nachhaltigkeit ganz zu schweigen.



Stollenwerk setzt sich auch mit dem Mythos Milch auseinander, einem Produkt, das wie kaum ein anderes lange für Unschuld, Reinheit und Natur stand. Dabei ist dieses Image, mit dem Werbung für Milch heute noch spielt, hoch problematisch: „Massenware mit tollem Image, die frei von Kritik bleibt, gibt es kaum. Das Image von Milch leidet darunter, dass das, was den uralten Milchmythos ausmachte, nicht zur Realität der heutigen Milchindustrie passt. Die meisten Menschen, die sich gern eine unschuldige, reine und nährstoffreiche Quelle des Lebens vorstellen, stellen sie sich ungern in einer Fabrik vor.“



Stollenwerk erinnert an die in den 1950er- und 1960er-Jahren verbreiteten Milchbars und nicht zuletzt die Schulmilch. Beide dienten auch dazu, das „unschuldige“ Image von Milch und Milchprodukten aufrechtzuerhalten.

Karin Chladek in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 42)


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