Sachbuch-BESTENLISTE März 2020

Hitler – prägende Jahre

Kindheit und Jugend 1889-1914
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die Autoren schließen eine Lücke der Geschichtsforschung: Jenseits psychologischer Spekulationen stellen sie Hitlers Familie, Kindheit und Jugend im sozialen und kulturellen Kontext dar. Sie konzentrieren sich auf Hitlers Zeit in Braunau bis zu den Erfahrungen in Wien und lassen dabei charakterliche und weltanschauliche Prägungen erkennbar werden. Sie untersuchen Hitlers Werdegang sowie sein gesellschaftliches Umfeld. Nationaler Fanatismus, Rassenhass und Antisemitismus sind in der Gesellschaft längst verankert, ehe Hitler und die Nationalsozialisten ihren Aufstieg beginnen. Hitlers radikalisierte Rhetorik konnte erst dann wirksam werden, als sein Publikum bereits wusste, wovon er sprach. Leidinger und Rapp zeigen Hitlers Kindheit und Jugend in neuem Licht.

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FALTER-Rezension

Bevor er die Welt in Flammen setzte

Nationalsozialismus: Schon wieder Hitler? Es muss sein. Eine neue Biografie analysiert Hitlers prägende Jahre

Welche Einflüsse prägten den jungen Adolf Hitler? Wie verhält sich sein erster Lebensabschnitt vor dem Ersten Weltkrieg als Versager in Schule und Kunstbetrieb zu seinem zweiten, in dem er so schnell zum bekannten Politiker wurde und als nationalsozialistischer Feldherr und Diktator den Zweiten Weltkrieg entfachte und Verheerungen unermesslichen Ausmaßes hinterließ?

So befremdlich unterschiedlich die zwei Lebensabschnitte scheinen: Zu trennen sind sie voneinander nicht. In der langen Auseinandersetzung mit Hitler steht zumeist sein Leben als Politiker und Massenmörder im Mittelpunkt, zuletzt etwa im Spielfilm „Jojo Rabbit“ von Taika Waititi.

Der junge Hitler ist seltener Gegenstand von Betrachtungen. Und es gibt auch 75 Jahre nach seinem Selbstmord in Berlin noch Lücken im Lebenslauf. Diese zu füllen, unternehmen der Historiker Hannes Leidinger und der Kulturwissenschaftler Christian Rapp in ihrer Biografie „Hitler – Prägende Jahre 1889–1914“. Sie fügen Details hinzu oder stellen Forschungsergebnisse richtig. Etwa dass Hitler im Herbst 1909 in Wien „keineswegs wochen- oder gar monatelang unterstandslos“ war. Er wollte der Stellungspflicht entgehen.

Bloß um neue Details zum an sich gut erforschten Leben Hitlers geht es den Autoren aber nicht. Zentral ist in ihrer Darstellung die lange Vorgeschichte des „Lausbuben“ aus Braunau am Inn, des „Dorfrüpels“ mit der „zerstörungsfreudigen Neigung“. Leidinger und Rapp arbeiten akribisch die prägenden weltanschaulichen Erfahrungen und charakterlichen Einflüsse heraus, sei es in Hitlers Kindheit an mehreren Orten in Oberösterreich, in der Jugendzeit in Linz und in seinem jungen Erwachsenenleben in Wien. Die lesenswerte Biografie über Hitlers Leben in Österreich ist chronologisch aufgebaut. Die einzelnen Kapitel erfassen, thematisch gegliedert, den gesellschaftspolitischen Kontext. In Linz zur Jahrhundertwende war das aufgeheizte Klima völkisch gestimmt. Die meisten Jugendlichen der Realschule Linz, die auch Hitler besuchte, lehnten den Vielvölkerstaat ab.

Inmitten des „Kulturkampfs“ zwischen den klerikalen Kaisertreuen und den antiklerikalen Nationalen, den „Alldeutschen“ Georg von Schönerers, beschließt Adolf Hitler, „fanatischer Deutschnationaler“ zu werden, wie er in „Mein Kampf“ schreibt. Die Propagandaschrift von 1925 wird in der Biografie häufig zitiert.

Neben dem Hass auf Slawen verinnerlichte der Schüler Hitler auch das Feindbild Juden, das sich später in Wien, geprägt durch den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger sowie den Bund der Antisemiten, verfestigte. Um 1900 entwickelten sich xenophobe und rassistische Strömungen noch in Schüben, nicht als Konstanten. Im Elternhaus Hitler war das Wort „Jude“ eher irrelevant. Der jüdische Arzt Eduard Bloch pflegte die todkranke Mutter Klara bis zuletzt, sie starb 1907, und Adolf verspürte ihm gegenüber große Dankbarkeit. Nach dem sogenannten „Anschluss“ 1938 bewahrte er ihn vor der Gestapo. In Wien, wo Hitler ab 1908 als Student und Bohemien von seinem Erbe lebte und dieses in kurzer Zeit durchbrachte, erwarb er eine ganze Palette an antisemitischen Positionen, die ihm als Grundlage für seinen späteren „Vernichtungsantisemitismus“ diente.

Die neue Biografie, versehen mit einem Bildteil, ist auch deshalb wertvoll, weil sie den Radikalisierungsprozess des Einzelgängers Adolf Hitler Stück für Stück offenlegt. Man kann daraus viel lernen. Es ist zu wünschen, dass sich viele Schulklassen nach St. Pölten aufmachen, um im Haus der Geschichte die bis August 2020 laufende Ausstellung über den jungen Hitler zu sehen, die ebenfalls von Leidinger und Rapp mitsamt einem Historikerteam kuratiert wurde.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg wirkten Militarismus und Rassenhass auf den späteren Diktator ein. Doch die sozialen Umstände in der neurotischen Jahrhundertwendezeit in Wien zwischen Moderne und Reaktion sind als Erklärung zu wenig. Die Autoren geben mit knapp 1000 Fußnoten auf 220 Seiten plus Quellenmaterial auch eine eindrucksvolle Charakterstudie Adolf Hitlers, die auf mühsame „Was wäre wenn?“-Fragen und hochtrabende psychologische Gedankenexperimente verzichtet. Wo es Ungereimtheiten gibt, folgen nüchterne Erklärungen, etwa warum die Qualität der Postkarten-Aquarelle, die der Möchtegernmaler und mittellose Männerheimbewohner ab 1910 herstellt, so dürftig ist und so schlecht zu seinem aggressiven Selbstbewusstsein passt.

Sprachlich gewandt und mit kritischer Distanz werden historische Fakten präsentiert und Wahrnehmungen von Zeitgenossen zitiert. „Er hatte etwas Festes, Starres, Unbewegliches, hartnäckig Fixiertes“, schreibt Hitlers Freund August Kubizek. „Was in diesen fixierten Bereichen seines Wesens lag, blieb unverändert für immer.“ Hitler entwickelte sich nicht, seine bösen Anlagen prägten sich aus. Seine „Doppelnatur“ changiert zwischen „Kontrolle und Unbeherrschtheit, zwischen Passivität und Hyperaktivität, zwischen Charme und Rohheit“. Bemerkenswert ist die maßlose Selbstüberschätzung des Künstler-Dilettanten, der an der Akademie in Wien abgelehnt wurde, sich mit seiner „Neigung zu uferlosen Generalisierungen“ aber zum „verkannten Genie“ stilisierte. Im Männerheim Meldemannstraße steigert sich Hitler nach dem Vorbild Lueger in radikale politische Ideen hinein. Mit Zornausbrüchen verteidigt der Wirklichkeitsverweigerer seine Ideale. 1913 überträgt er seinen „Geniewahn“ allmählich von der Kunst auf das Politische.

Das Unglück nimmt seinen Lauf.

Sebastian Gilli in Falter 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 42)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783701735006
Erscheinungsdatum 18.02.2020
Umfang 256 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Residenz
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