Die Geister, die ich teilte

Wie soziale Medien unsere Freiheit bedrohen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Das vergangene Jahrzehnt brachte uns erstmals seit Ende des 2. Weltkriegs einen bedenklichen Anstieg der autokratisch regierten Staaten. Hängt das Wiedererstarken von Autokratien mit dem Aufstieg der sozialen Medien zusammen? Fritz Jergitsch zeigt in „Die Geister, die ich teilte“ auf, wie Facebook, Twitter und Co. ticken, und beschreibt, wie Autokraten und andere dieser Welt die sozialen Medien für Fake News missbrauchen. Dabei bezieht sich Jergitsch auf aktuelle Entwicklungen und analysiert, wieso in einer Pandemie plötzlich Millionen Menschen glaubten, das Virus sei nur eine Erfindung, und wieso ein US-Präsident seine Anhänger zum Sturm auf das Kapitol aufhetzen konnte. Werden wir die Geister, die wir teilten, wieder los?

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FALTER-Rezension

"Dürfen wir Sie gleich live schalten?"

In zwei Stunden haben wir es mit einer Fake-Meldung in die Schlagzeilen geschafft. Das ist ein Problem

Es gibt Chancen, die bieten sich einem im Leben eines Satirikers nur einmal. Greift man nicht sofort zu, zerfließt die Gelegenheit wie Schokolade auf der Zunge und hinterlässt das restliche Leben lang einen bitter-wehmütigen Nachgeschmack. Einen solchen Moment erlebte ich am vergangenen Dienstagvormittag.

Anruf von einer unbekannten Nummer, ich hebe ab, eine aufgeregte Stimme meldet sich. "Hallo, hier ist Niki Fellner. Spreche ich mit Max Hagen, dem Sprecher vom Team Stronach? Ja? Sehr gut. Dürfen wir Sie gleich live schalten auf oe24.tv und Sie zur Kandidatur von Stronach als Bundespräsident interviewen?"

Ich bin aber nicht Max Hagen, sondern Fritz Jergitsch, und wenige Minuten zuvor verschickten wir ein Aviso-E-Mail an alle Onlinemedien mit der Nachricht, dass Frank Stronach einen Antritt als Bundespräsident 2022 plant -inklusive Link zur Website auf der von uns gekauften Originaldomain, teamstronach.at. Nun bin ich also live auf einem der bekanntesten Live-News-Sender Österreichs. Ich bestätige Stronachs Rückkehr in die Politik und spreche so lange durchgehend über die Fake-Kampagne, bis man mich grußlos wegschaltet.

Operation "Todesstrafe für Rufskiller", wie wir die Aktion intern nannten, nahm uns in etwa zwei Arbeitsstunden in Anspruch, in der wir eine Kampagnen-Website erstellten, um diese mit vielen Worten, aber wenig Inhalt zu füllen: "Zukunft", "Erneuerung","Werte", das Standardrepertoire aus dem Vokabular des NLP-Trainers. Zahlreiche Medien saßen der Meldung auf. Wir kamen mit dem Screenshot-Anfertigen kaum nach.

Die für mich am wenigsten überraschende Erkenntnis aus der Aktion: dass Menschen dazu neigen, das zu glauben, was sie sehen. Wenn Redakteure im Trubel des Wettrennens um den ersten "Breaking News"-Tweet eine kohärente Story präsentiert bekommen sowie einen Pressesprecher, der alles telefonisch bestätigt, werden sie die Story auch kaufen. Dass diese Tatsache der wirtschaftlich maroden Lage der heimischen Medienbranche mitgeschuldet ist, die wenig Zeit für Recherche lässt, liegt auf der Hand und steht auf einem anderen Blatt.

Überraschender fand ich dann schon die primitiven Mittel, die uns gereicht haben, um die Fassade einer ernstgemeinten Kampagne für das wichtigste Amt Österreichs hochzuziehen. Im Kern dachten all jene, die uns auf den Leim gegangen sind: Sollte Stronach wirklich antreten, dann würde seine Kampagnen-Website exakt so aussehen - voller schöner, leerer Rhetorik-Seifenblasen.

In Zeiten sozialer Medien, kleiner Smartphone-Bildschirme und kurzer Aufmerksamkeitsspannen fällt die Abwesenheit einer programmatischen Darstellung der eigenen Ideen gar nicht mehr auf, nicht einmal Vollprofis in den Politikredaktionen. Vermutlich ist sogar das Gegenteil der Fall: Hätten wir auf der Website ein 300-seitiges Manifest von Stronachs Vision für Österreich veröffentlicht, hätte man sich in den Redaktionen verdutzt am Kopf gekratzt, die Aktion wäre sofort enttarnt gewesen. Sagt uns das nicht mehr über unsere Demokratie als über unsere Medien?

Wann dieses Vakuum der Inhalte in der politischen Kommunikation entstanden ist, darüber kann nur spekuliert werden, ich vermute, irgendwann zwischen dem "Ederer-Tausender" und der "Balkanroute". Und so überrascht es nicht, dass in einem Land, das von einer türkisen PR-Agentur regiert wird, mit einem Kanzler, der sich ohne seine 59 Pressemitarbeiter nicht einmal in der Früh die Schuhe zubinden kann, die Meldung über den Wiederantritt von Frank Stronach ganz ohne Programm weitläufig geglaubt wird.

Als wir gegen zehn Uhr feststellen, dass noch niemand unseren Fake durchschaut hat, ändern wir schließlich die Adresse im Impressum der Kampagnen-Website auf unsere Redaktionsadresse. Nur Augenblicke später wird die Meldung auf Twitter als Tagespresse-Aktion entlarvt.

Diebisch, fast schon masochistisch freut sich die Medienbranche immer dann, wenn es gelingt, ihr den Spiegel vorzuhalten und ihre Missstände offenzulegen. Reingelegte Journalisten melden sich bei uns und gratulieren zum Erfolg. Wieso freut ihr euch? Wir haben gerade eure Glaubwürdigkeit beschädigt, in Zeiten von Querdenkern, QAnon und Trump.

Womöglich bin ich zu zynisch, um diese Gratulationen anzunehmen. Unter Umständen haben wir der Medienbranche ja wirklich einen immunologischen Dienst geleistet. Wie eine mRNA, die den T-Zellen zeigt, wie sie sich gegen Corona wehren, haben wir vielleicht den Medien gezeigt, wie das Fake-News-Virus aussieht, und so die Herdenimmunität gegen Message-Controller und Telegram-Trolle gestärkt. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Falschmeldung grassiert. Nicht nur Corona, sondern auch Autokraten, Rechtsextreme und Demokratiefeinde können ihr Erscheinungsbild mutieren. Und dann passiert es schon einmal, dass ein naseweiser Journalist, der gerade zufällig Dienst hat, eine Gefahr verkennt und keine Immunreaktion einleitet.

Ob diese pathetische Sicht der Dinge nun zutrifft oder nicht, sei dahingestellt. Ich denke nicht viel darüber nach, denn als Satiriker ist es unsere gesellschaftliche Aufgabe, Unruhe zu stiften, ohne an die Konsequenzen zu denken. Und nicht, den Medien wie ein FH-Lektor pädagogisch auf die Finger zu klopfen. Was mich mit großem Abstand ohnehin am meisten überrascht hat an jenem Dienstagvormittag, war, wie leicht man live zu oe24. tv geschaltet wird. Hallo?! Vielleicht sollten wir einmal darüber eine Podiumsdiskussion veranstalten?


Buchtipp: In seinem soeben erschienenen Buch "Die Geister, die ich teilte" warnt Fritz Jergitsch vor den sozialen Medien, Fake News und Polarisierung

Fritz Jergitsch in Falter 38/2021 vom 24.09.2021 (S. 26)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783701735334
Erscheinungsdatum 21.09.2021
Umfang 224 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Taschenbuch
Verlag Residenz
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