Alles Gute

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Rudi Klein ist eine der prägendsten Figuren der österreichischen Cartoonszene. Als Rudi, Rudolf, Ruud und Ivan unterhält er seit über 30 Jahren Millionen von Zeitungslesern mit seinen gezeichneten Kommentaren zu den Absurditäten des Alltags und der Tagespolitik. Alles Gute gewährt anlässlich seines 60. Geburtstags endlich einen Überblick über das Schaffen dieses Meisters der Minimalistik und die Entwicklung seiner spitzen Feder.
Klein wählt nicht nur unterschiedliche Vornamen für verschiedene Medien wie Profil, Falter, Standard und AK für Sie, sondern versteht es auch einzigartig, seine pointierte Zeichensprache dem jeweiligen Publikum anzupassen. Diesen unterschiedlichen Aspekten seiner Persönlichkeit wird der Sammelband gerecht: Vier „Gebrüder“ präsentieren sich in vier Kapiteln und eröffnen das Universum Klein abseits der flüchtigen Präsentationsform eines Printmediums. Als „Bonustrack“ findet sich reichlich unveröffentlichtes Material.

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FALTER-Rezension

"Der Junk ist meins"

Zum 60. Geburtstag widmet das Wien Museum dem Wiener Zeichner Rudi Klein eine Werkschau. Aus gegebenem Anlass besuchten zwei Falter-Redakteure den ehemaligen Falter-Mitarbeiter in seinem Atelier, einem ehemaligen Hemdengeschäft am Anfang der Favoritenstraße.

Falter: Sie wurden heuer 60. Hat es weh getan?
Rudi Klein: Ja, ich hatte zwei Nierensteine. Statt wie geplant nach Rom zu fliegen, lag ich im 17. Stock des AKH. Die Aussicht ist übrigens okay dort.
Warum gerade Rom?
Klein: Eigentlich wollte ich nach Damaskus. Aber ich kann doch nicht in eine Stadt fahren, wo die Leute um ihr Leben kämpfen.
Für Ihre Arbeit müssten Sie gar nicht in Wien sitzen. Haben Sie schon einmal überlegt, ins Ausland zu gehen?
Klein: Technisch wäre es heutzutage möglich, aber ich verreise nicht gern allein. Ich bin leider ein großer Teiler. Das ist ein großer Nachteil im Leben, wenn man sich nicht allein vor den Sonnenuntergang setzen und sagen kann: "Das ist schön."
Das Atelier liegt am Rande des Freihausviertels, in einem Grätzel voller Galerien und Lokale. Ist Ihnen das wichtig?
Klein: Ich schätze die Gegend, weil das ein bürgerlicher Bezirk ist, in dem sich die Szene angesiedelt hat – im Gegensatz zum Karmelitermarkt oder dem Yppenmarkt, wo die Szene zu Fremden gezogen ist. In Wirklichkeit haben die doch kaum Kontakt miteinander, die Türken am Yppenplatz sitzen nicht in den schicken Lokalen. Mein nächster Friseur wird übrigens ein Türke sein, nachdem mein alter Friseur wegen einer 23-jährigen Sexsüchtigen nach Schweden ausgewandert ist – was ich gut verstehen kann. Ich wollte immer schon zu einem türkischen Friseur, wegen der Ohrenfackeln und dieser Dinge.
Was haben Sie für ein Verhältnis zum Alter?
Klein: Ein schwieriges, aber ich bin damit nicht allein. Ich sehe die Panik überall um mich herum, auch bei jüngeren Leuten. Ich habe sie, mindestens seit ich 40 bin. Ich habe einmal die Theorie entwickelt, dass Männer zwischen 40 und 50 besonders vorsichtig sein müssen; dann geht's wieder. Leider stimmt diese Theorie nicht. Von außen gesehen könnte man sich ja zurücklehnen und sagen: Ja, man wird halt alt und manches funktioniert dann schlechter. Aber so weit bin ich noch immer nicht. Eigentlich ist das Alter eine Frechheit. Aber es ist nicht das Einzige, was ich den Göttern vorwerfe.
Was denn noch?
Klein: Zum Beispiel die Geburt. Warum gibt es nicht ein Kasterl, wo man reingreifen kann und ein Kind rausnimmt? Oder im Alter wird ein Knopf gedrückt, und aus.
Sie sind in Floridsdorf aufgewachsen, also jenseits der Donau. Wie ist es dort?
Klein: Der schicke Teil hat dörflichen Charakter, aber es gibt schon auch richtige Deprigegenden. Ich habe keine süßlichen Erinnerungen an den Ort meiner Kindheit. Ich mochte ihn eigentlich nie besonders. Nach außen hatte ich eine behütete Kindheit, die aber offensichtlich auch Schrecken beinhaltet hat.
Katholische Schrecken?
Klein: Ich war vier Jahre in der Schule der Schulbrüder. Aber die haben mir nur Arschtritte versetzt.
Stammen Sie aus proletarischen Verhältnissen?
Klein: Nein, mein Vater war praktischer Arzt in einem Gemeindebau, wir haben also etwas geräumiger gewohnt als die anderen. Floridsdorf war ein Arbeiterbezirk, und auch der Gemeindebau war nicht kleinbürgerlich. Mein Leben schon.
Wie sind Sie politisch sozialisiert worden?
Klein: Mein Vater war damals einer der wenigen sozialdemokratischen Ärzte. Er hat einige Patienten verloren, weil er am
1. Mai Fahnen aus dem Fenster gehängt hat. Ich bin leider nicht vermögend, was bei einem Arztsohn der Fall sein könnte, dafür hatte ich einen anständigen Vater. Er hat sich geweigert, der NSDAP beizutreten, und er hatte nie einen Privatpatienten.
Normalerweise werden Söhne von Ärzten auch Ärzte. Warum sind Sie keiner geworden?
Klein: Mir war bereits mit vier bewusst, dass mein Vater eine unangenehme Tätigkeit macht. Als Hausarzt musste er damals auch mitten in der Nacht weg – für die Patienten war das super. Einer der wenigen Witze, die ich mir gemerkt habe, geht so: "Was ist der Unterschied zwischen einem Bäcker und einem Teppich? Der Bäcker steht um drei Uhr in der Früh auf, der Teppich bleibt liegen." Ich hab mich mein ganzes Leben lang mit dem Teppich identifiziert.
War Floridsdorf ein hartes Pflaster?
Klein: Durchaus. Da gab's zum Beispiel den jüngsten Zuhälter von Wien – ein Titel, den er natürlich relativ rasch verloren hat. Und als erstmals einer meiner Spielkameraden in der Zeitung gestanden ist, war die Schlagzeile "Todesstich ohne Motiv". Der kam betrunken aus einem Espresso und hat dem Nächstbesten einen Herzstich versetzt.
Was hatten Sie mit dem so gespielt?
Klein: Einmal haben wir Ölfässer ausgelassen, die unsere Eltern dann zahlen mussten. Wir sind in einer Autowerkstatt herumgeschlichen, haben am Verschluss eines Ölfasses herumgedreht und ihn nicht wieder zubekommen. Dann sind wir weggerannt.
Wie sind Sie aufgeflogen?
Klein: Mein Freund war Albino und hatte Öl in den weißen Haaren. Und er hat mich vernadert.
Sind Sie als Arztsohn gemobbt worden?
Klein: Nein. Aber weil ich leider nicht gelernt habe, Gewalt auszuüben, habe ich lernen müssen, Konflikte rhetorisch zu lösen, so zu agieren, dass man nicht g'haut wird. Deswegen habe ich heute immer wieder Magenschmerzen – Leute, die ab und zu jemanden verdreschen, haben die nicht.
Sie haben sich einmal als "nicht praktizierenden Jähzornigen" bezeichnet.
Klein: Stimmt. Meine Grabinschrift sollte aber lauten: "Furchtloser Angsthase".
Klaus Nüchtern hat Sie als "Stalinorgel der schlechten Laune" bezeichnet. Zu Recht?
Klein: Das ist ein Missverständnis. Ich bin kein Misanthrop und möchte es schön haben. Allerdings bin ich Realist genug, um zu sehen, dass diese Welt nicht oberprima ist. Dazu muss man entweder zugedrogt oder blöd sein. Das sind die Markenzeichen des Optimisten. Der Peter Bichsel hat einmal gesagt: "Die Optimisten sind schuld an allem Unglück dieser Welt, oder kennen Sie einen Diktator, der Pessimist ist?"
Den Zustand der Welt sehen auch andere, aber Sie leiden darunter. Kann man es so ausdrücken?
Klein: Das ist eine trotzige Gegenwehr. Die Berufswahl war auch der Versuch, dagegen zu kämpfen, wenn auch mit untauglichen Mitteln.
Zeichner wurden Sie aber erst später. Was haben Sie denn nach der Matura gemacht?
Klein: Nach der Matura habe ich einmal zehn Jahre nichts gemacht. Um mich vor meinen Eltern zu rechtfertigen, habe ich ein Pro-forma-Studium gemacht. Ich bin fast fertiger Jurist.
Die 70er-Jahre waren eine gute Zeit, um nichts zu tun.
Klein: Ja, so unbedarft jung kann man heute nicht mehr sein. Es gab eine materielle Vollversorgung. Einen Arbeitsplatz zu bekommen war kein Problem.
Da haben Sie sich gedacht, in zehn Jahren wird es auch noch einen Job für mich geben?
Klein: Ich habe eher überlegt, wie ich das vermeiden kann.
Und warum haben Sie ausgerechnet Jus studiert?
Klein: Das war kindisch. Ein Freund und ich haben uns überlegt, was das größte Deppenstudium ist: Welthandel oder Jus? Das Studium war dann auch eine große Enttäuschung. Für die Professoren war es wunderbar, wenn du Passagen aus ihren Büchern auswendig heruntergeleiert hast.
Die 70er-Jahre gelten als das coole Jahrzehnt. Gleichzeitig war Wien damals noch ziemlich verschlafen, oder?
Klein: Einerseits musste man nicht dauernd an die Miete denken, man konnte träumen. Andererseits war es wesentlich schwieriger, eine Nacht durchzumachen.
Wie hat so ein Abend ausgeschaut?
Klein: Zuerst bin ich ins Krugerstüberl in der Krugerstraße gegangen, wo die Nutten von der Kärntner Straße pausiert und in der Musicbox "Aner hat immer des Bummerl" gedrückt haben. Da saß ich immer mit dem Otto Kobalek (1995 verstorbenes Wiener Szene-Original, Red.) der mich unter seine Fittiche genommen und mir ein Achterl gezahlt hat. Dann sind wir mit dem Taxi ins "Bücke dich" gefahren, wo ich heute noch die Jukebox-Nummern weiß: S4 war "Summer Wine" und T6 "Just a Little Lovin'".
Und die Kunstszene?
Klein: Ich war damals oft in der Galerie nächst St. Stephan, das hat mich sehr interessiert. Die Brigitte Kowanz wollte mir damals zum Beispiel einreden, dass ich mit einem Mann schlafe und sie schaut zu. Das wollte ich dann zwar nicht, aber es war natürlich aufregend. Wenn man aus einem bürgerlichen Elternhaus kommt, findet man ja leicht was aufregend. Die Aufregung hat sich inzwischen gelegt. Das ist eine der positiven und zugleich negativen Eigenschaften des Alters.
Was waren prägende Kunsterlebnisse?
Klein: Als Schüler habe ich mit meiner Zeichenprofessorin den Staudacher, den Rainer und den Mikl im Atelier besucht. Der Staudacher grüßt mich jetzt noch!
Wie sind Sie Künstler geworden?
Klein: Nach dem Studium habe ich ein Jahr beim ORF gearbeitet, als Unterhilfswurm im Werbefunk. Damals habe ich 8000 Schilling bekommen – und sofort einen Überziehungsrahmen von 40.000 gekriegt. Den hatte ich innerhalb von ein paar Monaten ausgeschöpft. Daraufhin habe ich gekündigt – und mit 40.000 minus angefangen, vom Zeichnen zu leben.
Also, das Zeichnen hatten Sie schon immer im Hinterkopf?
Klein: Ja, wie ich zum ersten Mal ein Comicheft in der Hand hatte, mit diesen bunten Farben, hat das schlagartig alles verändert. Da wusste ich: Der Junk ist meins. Das ist heute noch so. Ich schau mir lieber Street-Art an als die heiligen Bilder.
In Ihren Arbeiten gibt es viele Verweise auf die Kunstgeschichte, etwa auf Dadaismus oder Surrealismus.
Klein: Mein Bestreben ist immer, mehrere Ebenen zu bedienen. Eine Zeichnung soll einerseits einfach ein guter Witz sein, aber darunter soll noch etwas sein, was man auch anders verstehen kann. Mein Ziel war nie Avantgarde, sondern der Ö3-Hit, der trotzdem Qualität hat. Was ich für schwieriger halte.
Sind Sie ein Konzeptkünstler?
Klein: Weiß ich nicht. Aber im Prinzip genügt es oft, Sachen zu finden. Da gibt es Dinge, die mein Herz öffnen. Schwechater hatte einmal den Slogan "Ein Bier wie ein Handschlag", und da hab ich in einem Beisl am Land einmal gesehen, wie jemand unter "Ein Bier wie ein Handschlag" mit Kugelschreiber hingeschrieben hat: "Warm und feucht." Da dachte ich mir: Ja, ich glaube noch an die Menschheit. Es gibt doch noch Humor! Ich war ja immer davon überzeugt, dass mein Humor bei der Zielgruppe ankommen würde – wenn es dazwischen nicht irgendwelche Menschen gäbe, die das nicht zulassen.
Sie haben einen sehr reduzierten Stil entwickelt, das sind ja fast schon Piktogramme.
Klein: Mir geht es eigentlich um die Idee, die Ausführung ist mir immer eher lästig. Muss aber bis zu einem gewissen Grad sein, weil das verlangt wird. Da muss ich Kompromisse eingehen.
Wie weit gehen Sie da?
Klein: Ich sitze mit meiner Arbeit ja zwischen allen Stühlen. Für das Verkaufen ist das oft ein Problem. Der Vorteil daran ist: Ich habe nie ganz unmoralische Angebote bekommen. Der Dichand hat sich nie um mich bemüht, die Presse auch nicht.
Die Presse ginge nicht?
Klein: Ungern.
Fellner?
Klein: Eigentlich überhaupt nicht. Aber wie gesagt: Ich komme ja gar nicht in Versuchung. Wie der Deix damals in der Kronen Zeitung angefangen hat, haben viele gesagt: dieser Verräter! Ich hab gewusst, dass der 60.000 Schilling pro Zeichnung kriegt, viermal im Monat. Und ich weiß nicht, wie ich da reagieren würde. So wie ich nicht weiß, ob ich im "Dritten Reich" so besonders tapfer gewesen wäre. Ich habe schon für einige Medien gearbeitet, die nicht unbedingt meine sind. Aber ich wäre verhungert, wenn ich nur für Zeitungen gearbeitet hätte, die ich gern lese!
Ihr Humor ist sehr wienerisch, Ihr Zeichenstil nicht. Inwiefern funktioniert Ihre Arbeit im Ausland?
Klein: Ich hab ab und zu für deutsche Zeitungen gearbeitet, aber das ist ein schwieriges Pflaster. Der politische Cartoon im deutschsprachigen Raum ist im Großen und Ganzen scheiße – altmodisch, vorhersehbar.
Woran denken Sie da? An die Karikaturen in der Süddeutschen?
Klein: Die Süddeutsche ist ein Phänomen für mich. Ich hab da eine Zeitlang für die Wochenendbeilage was gemacht, aber bei politischen Themen würden die so etwas nie akzeptieren. Lustigerweise bringen sie aber Zeichnungen von Ironimus – was überhaupt nicht zu der Zeitung passt. Wenn du dort einen Artikel in der Qualität einer Ironimus-Zeichnung ablieferst, fliegst du hochkant raus.

Matthias Dusini in Falter 36/2011 vom 09.09.2011 (S. 36)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783707603477
Erscheinungsdatum 01.09.2011
Umfang 304 Seiten
Genre Belletristik/Comic, Cartoon, Humor, Satire/Cartoons
Format Taschenbuch
Verlag Czernin
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