In die Waagschale geworfen

Geschichten über den Widerstand gegen Hitler
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Nachfolgende Generationen stellen sich oft schon als Jugendliche die Frage, was sie selbst in der Zeit des Nationalsozialismus getan hätten. Und erfahren dabei, dass die Grenze zwischen Tätern, Opfern und Mitläufern selten klar zu ziehen ist. In diesem Jugendbuch geht es jedoch um diejenigen, die eindeutig Widerstand leisteten – aus Menschlichkeit und tiefster Überzeugung.
Die Schauspielerin, die eine Jüdin in ihrer Wohnung versteckt hält und sämtliche Essensrationen teilt; der Priester, der sich international gegen das Regime vernetzt und dafür hingerichtet wird; die Hausgehilfin, die ihrem jüdischen Arbeitgeber auch nach dem Anschluss Lebensmittel bringt und dafür ins Konzentrationslager kommt: Renate Welsh erweckt die wahren Geschichten dieser Menschen in berührenden und fesselnden Erzählungen zum Leben. Auch, aber nicht nur für junge Leserinnen und Leser setzt sie die Einzelschicksale in prägnanten und informativen Nachträgen in einen historischen Kontext. Unter einem Regime, das die Unmenschlichkeit zum System gemacht hat, haben diejenigen, die klar nein sagten, bewiesen, was der Mensch sein kann. Und das macht Hoffnung für die Zukunft.

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FALTER-Rezension

Bücher gegen die Ohnmacht

Die Wienerin Renate Welsh ist als Kinder- und Jugendbuchautorin bekannt. Nun hat sie ihre Erinnerungen aufgezeichnet. Ein Buch zwischen Düsternis und Lichtgestalten

Die Möwe ist aus Holz, hat schmale, weite Schwingen und hängt an dünnen Schnüren unter einem der Fenster auf der Höhe des Heizkörpers. Wenn ein leichter Wind hereinweht, bewegen sich die Flügel sanft auf und ab.

In der Wohnung von Renate Welsh gibt es viel zu entdecken: unterschiedlichste Möbel, Vitrinen mit Figuren, ein Gemälde in tiefem Rot, Schwarzweißfotos von den Eltern und Großeltern. Nichts scheint zufällig nebeneinandergestellt. Jedes der Dinge ist an seinem Platz, alle zusammen ergeben sie eine Lebensgeschichte. In „Kieselsteine“, dem jüngsten Buch von Renate Welsh, geht es wieder um Kindheit. Diesmal um ihre eigene.

Seit 40 Jahren schreibt Welsh, die heute 82 Jahre alt ist, Literatur für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene. Über 70 Bücher hat sie mittlerweile veröffentlicht, dazu kommen einige Hörspiele. Den wohl größten Erfolg hatte sie mit der 1979 begonnenen Reihe über den kleinen Vampir Vamperl, der den Menschen das Gift aus der Galle saugt. Der Roman „Johanna“ (1979) handelt von einem Mädchen in den 1930er-Jahren, das als uneheliches Kind auf die Welt kommt, schikaniert und gedemütigt wird und trotzdem zu einer starken, selbstbewussten Frau heranwächst. Der heuer neu aufgelegte Band „In die Waagschale geworfen“ (1982) versammelt Geschichten über Österreicherinnen und Österreicher im Widerstand gegen die Nazis.

Renate Welsh sitzt an einem kleinen, edlen Holztisch und raucht eine Zigarette zum Kaffee. Ihre Stimme ist tief, sie spricht langsam und bedächtig, manchmal etwas zögerlich. Der Titel für „Kieselsteine“, so erzählt sie, verweise auf einen jüdischen Brauch. Früher legte man einem Toten, der in der Wüste begraben wurde, einen großen Stein aufs Grab, um zu verhindern, dass die Hyänen die Leichen fressen. Später wurde der große Stein durch Steinchen der Erinnerung ersetzt: „Damit bedankt man sich dafür, dass es einen Menschen gegeben hat.“ Auch Welsh wollte sich bei Menschen bedanken, die wichtig waren. „Die mir in Situationen, in denen ich ganz nah daran war, auseinanderzubrechen, das Gefühl gegeben haben, dass ich so sein darf, wie ich bin.“ Als Welsh begann, die Geschichten aufzuschreiben, merkte sie, dass diese allesamt um ihre eigene Kindheit kreisten.

Neben ihren Großeltern und Eltern, zu denen Welsh eine enge, aber teilweise auch schwierige Beziehungen hatte, gab es da zum Beispiel Fräulein Emma, dem die Geschichte „Der Pelikan“ gewidmet ist – eine „Lichtgestalt“, wie Welsh sagt. „Sogar Jod brannte weniger, wenn Fräulein Emma es auf unsere aufgeschürften Knie tupfte“, lautet der erste Satz. Die junge Frau hatte einen Buben, dessen Mutter während eines Bombenangriffs getötet worden war, in ihre Obhut genommen. Der kleine Tassilo litt an Trisomie 21 und Fräulein Emma kümmerte sich rührend um ihn. Untertags kamen andere Kinder, die im selben Wohnhaus lebten, zum Spielen zu ihr. Dann kehrte Tassilos Vater aus dem Krieg zurück, nahm seinen Sohn zu sich und beschloss, ihm „wenigstens Disziplin beizubringen, wenn er schon ein Trottel ist“. Eines Tages war Fräulein Emma verschwunden. Tassilo starb mit 16 an einer Lungenentzündung. „Pelikan“ nannte die Hausmeisterin Fräulein Emma. Weil sich ein Pelikan, wie die Mär geht, in Notzeiten die Brust aufreißt, um seine Jungen mit dem eigenen Blut zu ernähren.

Viele Geschichten in Welshs Buch sind ziemlich düster. Es geht um Erinnerungen an eine Kindheit im Krieg und tiefe Traumata. Das schlimmste von allen ist der Tod der Mutter. Sie starb an einem Hirntumor, als ihre Tochter Renate vier Jahre alt war. „Inzwischen weiß ich, dass ich sie nicht umgebracht habe“, meint Welsh, doch als Kind hätten sie die Schuldgefühle ständig begleitet.

Als die Mutter noch am Leben war, hatte Renate immer Angst um sie. In einer Geschichte schildert sie eine Szene wie aus einem Albtraum. „Ein düsterer Mann steht vor mir, über die rechte Schulter hat er einen Lederfleck geworfen, darauf liegt ein großer Block Eis, von dem es tropft. Mit einer Axt in der riesigen Hand geht er auf meine Mama zu. Ich beginne zu brüllen, Mama schiebt mich zur Seite, der Mann schwingt seine Axt, Eis splittert über den Küchenboden bis hinaus ins Vorzimmer.“ Es war nur der Eismann gekommen, der einmal in der Woche einen Eisblock für die Kühlung der Nahrungsmittel lieferte, aber die kleine Renate hatte Todesängste ausgestanden.

Welshs Erinnerungen an ihre frühen Jahre sind alles andere als gut. Umso wichtiger waren die Menschen, bei denen sie sich mit ihrem Buch bedanken will. Im Falle der Stiefmutter geht es auch um Versöhnung. Der Vater hatte kurze Zeit nach dem Tod seiner Frau erneut geheiratet. Während er sich als Arzt in Wien um seine Praxis kümmerte, verbrachte seine Tochter mit der Familie der Stiefmutter einen Großteil der Kriegszeit in Bad Aussee. Davon handelt auch Welshs autobiografischer Roman „Dieda oder Das fremde Kind“ (2002). „Ich habe es nicht ganz so furchtbar geschrieben, wie es war. Einen Teil des Horrors habe ich ausgeblendet.“ Der Schrecken hatte vor allem mit dem Stiefgroßvater zu tun. Im Buch nennt dieser das Mädchen nicht einmal beim Namen, sondern bezeichnet es nur abfällig als „Die da“. Daraufhin beschließt die Protagonistin, ihren Namen abzulegen und nur noch auf „Dieda“ zu hören.

Der alte Mann schlägt die neue Enkelin, tyrannisiert sie und die ganze Familie, nimmt Dieda die Briefe und Pakete des Vaters weg. Das Mädchen versucht, sich zu wehren. Ihr Hass und ihr Abscheu gegenüber „dem Alten“ sind zugleich unbändig und ohnmächtig. „Im Buch stelle ich Dieda als sehr widerständig dar. Ich selbst war es nicht, jedenfalls nicht immer. Ich habe auch versucht, angepasst zu sein, sogar Lob von dieser Familie zu bekommen, obwohl ich gewusst habe, dass das schlecht ist.“

Die Beziehung zum Stiefgroßvater sei „fünffachbödig“ gewesen, erklärt Welsh, und deswegen im Roman nicht konkret beschreibbar. „Es sollte ja trotzdem ein Kinderbuch werden. Ich habe mich vor der Tiefe des Hasses, den ich gegen ihn empfunden habe, gefürchtet.“ In „Kieselsteine“ findet nun auch eine Art literarische Aussprache mit der Stiefmutter statt. Es ist das Zugeständnis, dass sie es mit ihrem Ehemann und dem eigenen Vater auch nicht immer leicht hatte und dass es durchaus Momente gab, in denen sie eine Unterstützung für die kleine Renate war.

Immer wieder ist Renate Welsh vorgehalten worden, dass sie in ihren Büchern dem jungen Publikum zu viel zumute. „Das hat mich immer sehr böse gemacht. Das Schlimme ist, was Kindern alles von der Wirklichkeit zugemutet wird. Ich würde es für falsch halten, im Dreck zu waten und sich darin zu suhlen. Aber so zu tun, als gäbe es keinen, fände ich erst recht verkehrt.“

Renate Welsh begann Kinderbücher zu schreiben, nachdem ihr Sohn längere Zeit im Krankenhaus verbracht hatte. Schnell merkte sie, dass man sich um die hospitalisierten Kinder zwar gut kümmerte, aber ihnen auch niemand ihre Situation erklärte.

Ein Jahr lang besuchte Welsh vormittags die Klinik, spielte und bastelte mit den Kindern, erzählte ihnen Geschichten und hörte zu. „Die dachten zum Beispiel, dass sie im Krankenhaus sein mussten, weil sie schlimm gewesen waren. Oder weil die Mutter einen anderen Mann hat und sie zu Hause nicht mehr brauchen kann.“ Andere meinten sogar, dass ihnen Blut abgenommen wurde, um daraus Blutwurst zu machen. „Ich möchte Kinderbücher schreiben, in denen ich Ängste aufnehmen kann“, dachte Welsh. „Denn die grauslichsten Ängste sind die, die nicht fassbar sind, eine Mischung aus Matsch und Nebel. Doch sobald man das in eine Form bringen kann, kann es vielleicht sogar zum Baumaterial werden, entsteht daraus sogar ein Haus, das Schutz bietet.“

Renate Welshs Bücher spenden Trost, zeigen Auswege auf, bringen einen zum Lachen, aber verklären die Welt nicht. „In Büchern darf man nicht lügen, man darf nicht behaupten, die Welt wäre schön. Man darf aber darauf hinweisen, dass es Gänseblümchen gibt, dass es eine Hoffnung auf eine Hoffnung gibt, die größer wird, wenn man ihr eine Chance gibt.“

Bis heute sei das Schreiben oft mühsam, gesteht Welsh. Nicht immer gelinge es ihr, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und das aufs Papier zu bringen, was sie eigentlich ausdrücken wollte. Wobei das schwer vorstellbar ist, wenn man präzis-poetische Sätze wie diese liest: „Den schmalen Weg zwischen Sträuchern und Maschendrahtzaun, den hatte ich mir nicht eingebildet. Ich sah noch die Wassertropfen in der unteren Spitze der Drahtrhomben schimmern, sah, wie sie träge herunterschlierten. Ich spürte das Kitzeln in der Hand, wenn ich die reifen Schoten der hohen Rühr-mich-nicht-an-Stauden antupfte und sie mit einem Schnalzlaut wegsprangen.“

Renate Welsh sagt: „Die Grenzen dessen, was ich kann, sind mir sehr bewusst.“ Sehen kann man diese Grenzen nicht.

Stefanie Panzenböck in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 8)


Was war dein liebstes Kinderbuch?

Der Schulstart ist auch ein Lesestart. Doch zu welchen Büchern greifen? Der Falter hat sich umgehört

Vom Lesen und (Vor-)Lesenlassen sollte man gar nicht genug bekommen. Wissenschaftlich gesehen ermöglichen Geschichten es schon Kleinkindern, ihre Konzentration zu trainieren, sich in andere hineinzuversetzen. Sie regen die Fantasie an und schulen den Wortschatz.

Geschichten aber sind vor allem eines: emotionale Trägerraketen. Sie lassen uns auf unbekannten Planeten marschieren, ermöglichen uns Superkräfte, setzen sich über alle physikalischen Gesetze hinweg, ohne dass man selbst sich groß bewegen müsste. Sie holen uns ab.

Lesen beginnt dabei lange vor dem eigenen Lesen (siehe Interview S. 43) und die Freude an der Geschichte hängt nicht an Lettern. Erzähungen haben Menschen schon geteilt, als sie noch keine Schriftzeichen kannten. Das Alte und das Neue Testament wurden über Jahrhunderte mündlich weitergegeben, bevor man sie aufschrieb.

Für 85.000 Tafelklassler beginnt ab kommender Woche die Schule. Sie werden mühsam lernen, wie man aus Buchstaben Wörter baut, als Belohnung wartet eine völlig neue Welt.

Mit dem liebsten Kinderbuch verhält es sich wie mit dem ersten Kuscheltier: Ganz lassen kann man davon nie. Spätestens wenn man zum Vorleser wird, holt man es wieder heraus. Deshalb hat der Falter zwölf Persönlichkeiten nach ihrem liebsten Buch aus Kindertagen gefragt. Und was sie heute mit ausgestrecktem Arm zwischen Polster und Nachttischlampe vorlesen.

Heinz Fischer: „In die Waagschale geworfen“ von Renate Welsh

Ich bin 1938 geboren und daher fallen die ersten sieben Jahre meiner Kindheit (bis 1945) in die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und in die Zeit des Krieges. Da waren Kinderbücher von dieser Ideologie beeinflusst und ich habe keine besonders positiven Erinnerungen an Kinderbücher aus dieser Zeit. Auch die Kinderbücher nach Ende des Krieges, wie zum Beispiel der „Struwwelpeter“ oder „Hatschi Bratschis Luftballon“, waren rückblickend gesehen eher grausam und autoritär.

Wesentlich bessere Erinnerungen habe ich an die Kinderbücher, die ich meinen Kindern oder in jüngster Zeit meinen Enkelkindern vorlese. Ich liebe zum Beispiel die Kinderbücher von Renate Welsh und ein Blick in unseren Bücherkasten hat ergeben, dass wir von Renate Welsh 18 Bücher für Kinder und junge Menschen zu Hause haben. Eines davon trägt zum Beispiel den Titel „Zeit ist keine Torte“.

Ein besonderes interessantes Buch für Jugendliche, die sich auch für Geschichte interessieren, ist Welshs 1988 im Czernin-Verlag erschienenes „In die Waagschale geworfen“ – ein Buch über Widerstand gegen das NS-Regime, für dessen jüngst erschienene zweite Ausgabe ich ein Vorwort geschrieben habe.

Heinz Fischer ist Bundespräsident a.D.

Eva Konzett in Falter 35/2019 vom 30.08.2019 (S. 40)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783707606560
Erscheinungsdatum 27.02.2019
Umfang 120 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Czernin
Empf. Lesealter ab 14 Jahre
Vorwort Heinz Fischer
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