Schauplatzwunden

Über zwölf ungewollt verknüpfte Leben
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Zwölf Menschen sind durch ungeheuerliche Umstände und einen Schauplatz, den NS-Lagerkomplex St. Pantaleon-Weyer, unfreiwillig miteinander verbunden. Ludwig Lahers neue Prosa porträtiert Opfer, Täter und anderweitig von diesem Ort nachhaltig Berührte auf eindringliche Weise. Willkür, Ohnmacht und Terror im demokratiebefreiten Staatswesen: im 21. Jahrhundert immer noch hochaktuell.
Auf den ersten Blick scheint diese zwölf Lebensgeschichten kaum etwas zu verbinden. Vorgestellt werden etwa ein Jurist mit erstaunlicher Karriere, ein Säugling, der mit vier Wochen sterben muss, ein extrem gewalttätiger Fleischhauer und eine achtfache Mutter aus dem Schaustellergewerbe. Doch ihre Leben sind miteinander verknüpft, denn sie alle steuern von verschiedenen Seiten aus auf den NS-Lagerkomplex St. Pantaleon-Weyer zu, der zwischen 1940 und 1941 zuerst als Arbeitserziehungslager und später als Zigeuneranhaltelager geführt wurde.
Ludwig Laher variiert gekonnt die Erzählperspektiven und demonstriert an einem einzigen Ort in der Provinz, wie eine zynische Gewaltherrschaft funktioniert, die verbrecherische Energie und rücksichtsloses politisches Kalkül vereint.

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FALTER-Rezension

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Weyer, die kleine, idyllisch anmutende Ortschaft der oberösterreichischen Gemeinde St. Pantaleon in Grenznähe zu Salzburg und Bayern, ist der Dreh- und Angelpunkt dieses halb historiografischen, halb literarischen Buches. Dort, wo die SA im Juni 1940 ein „Arbeitserziehungslager für Asoziale“ einrichtete, dem später ein „Zigeuneranhaltelager“ folgte, entstanden die „Schauplatzwunden“, die Ludwig Laher nicht aus dem Sinn gehen: „Schließlich lebe ich dort, wo sich das alles zutrug.“

Als Laher 2001 nach jahrelanger Recherche den Roman „Herz­fleisch­entartung“ über das Lager Weyer veröffentlichte, folgten heftige Reaktionen bei Lesungen. Die Schilderungen von Einschüchterung, Korruption, blanker Gewalt und Mord, begangen von „echten Österreichern“, waren hart und ergreifend. Der Autor wurde mit neuen Informationen überhäuft, recherchierte weiter in Taufbüchern und Behördenakten, sammelte Familien-, Klassen- und Erstkommunionsfotos. Als wertvollstes Stück erwies sich eine verschollen geglaubte Liste aller Lagerinsassen. Jetzt liegt das Ergebnis dieser jahrzehntelangen Anstrengungen in einem eindrucksvollen Buch vor.

Anders als der Roman „Herz­fleischentartung“, in dem der Autor den biografischen Zugang verwarf und sich auf die Mentalitäten und Sprachregulierungen des NS-Regimes konzentrierte, geht „Schauplatzwunden“ einen scheinbar einfacheren Weg. Als Überschriften der zwölf Kapitel dienen Namen. Dahinter tun sich Menschenleben auf, denen Laher von der Geburt bis zum Tod folgt. Eigentlich hätten diese Personen nichts miteinander zu tun gehabt, aber als „Spielbälle der Verhältnisse, Nutznießer die einen, Leidtragende die anderen, problematisch Eingebundene die Dritten“ hatten sie als Gemeinsamkeit einen Ort, der über ihr Leben entschied.

Die Wahl der biografischen Methode hat natürlich Tücken, denn die Opfer bleiben oft „konturlos, ihrer Individualität beraubt“. Welche Geschichte kann man von einem Baby erzählen, das im Lager zur Welt kam und vier Wochen nach seiner Geburt verscharrt wurde? Von den Tätern dagegen sind Aktenvermerke, Eingaben und Stellungnahmen in den Behörden- und Gerichtsarchiven erhalten, teils stammen sie von ihnen selbst, teils sind sie über sie geschrieben worden.

Das ausführlichste Täterporträt erhält August Steininger, der sadistische Lagerkommandant von Weyer, der nach 1945 zusammen mit Franz Stangl, dem „Schlächter“ von Hartheim, Sobibor/Treblinka und Bernburg, über Vermittlung des österreichischen Bischofs Alois Hudal nach Südamerika flüchten konnte. 1952 kam er zurück, das Linzer Volksgericht verurteilte ihn zu exakt zweieinhalb Jahren Haft, was nach den verschiedenen Vorhaftzeiten einem Freispruch gleichkam.

Der Autor verbleibt als Erzähler nicht im Hintergrund, sondern lässt den Leser an seinen Recherchen und Begegnungen, Funden und Schlüssen teilhaben. Auch mit seinen Emotionen und Urteilen will er sich nicht zurückhalten: Bei aller Faktentreue kommen Trauer, Abscheu und Entsetzen zum Ausdruck. Viel Sorgfalt und Liebe verwendet Laher auf jene, die durch Zufall in die Räder des NS-Vernichtungssystems gerieten – wie etwa im merkwürdigen, ja rätselhaften Fall des Germanisten Edmund Haller, dessen Leben schließlich im KZ Dachau endet.

Beeindruckend die differenzierte Studie über den Staatsanwalt ­Josef Neuwirth, der 1941 den brutalen Tätern von Weyer den Prozess machte und damit eine Machtprobe mit der oberösterreichischen Gauleitung riskierte. So monolithisch war Nationalsozialismus also doch nicht.

„Schauplatzwunden“ führt mitten hinein ins Herz der Finsternis. Gerade dadurch, dass sich das Buch auf diese unterschiedlichen Lebensgeschichten rund um das Lager Weyer einlässt, gibt es den Blick frei auf eine Welt von schier unbegreiflicher Barbarei. Es ist auch ein Lehrstück darüber, wie schwierig es ist, die Opfer nicht zu vergessen und die Täter mit ihrem Vergessenwollen ins Visier zu nehmen.

Alfred Pfoser in Falter 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 15)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783707607079
Erscheinungsdatum 26.08.2020
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Historische Romane, Erzählungen
Format Hardcover
Verlag Czernin
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