
Wanderer, kommst du nach Memersdorf
Tobias Heyl in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 15)
Irgendwo im Tal der Thaya treffen drei Straßen aufeinander, die Wegweiser zeigen nach Wien, Raab und Memersdorf. Der Icherzähler, ein Mann in seinen besten Jahren, hält an: Nach Wien will er nicht, denn da kommt er her. Gegen Raab spricht, dass seine Familie von dort stammt. Also nach Memersdorf. Viel mehr als die Pandemie, die gerade abklingt, belastet ihn seine Schlaflosigkeit, gegen die er Antidepressiva nimmt. Dabei werden ihm die eigenen Erinnerungen fremd, lösen sich aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen. Klingt ein Ort namens Memersdorf in so einer Lage nicht wie ein Versprechen, die verlorene Ordnung wiederherzustellen? Erst recht, wenn dieser tief in einem Funkloch liegt?
Memersdorf wird von einem eindrucksvollen Schloss überragt, der einzigen Übernachtungsmöglichkeit für den Touristen. Der Reisende ist dort dann auch noch der alleinige Gast, die Verwalterin und der Hausdiener sind nur für ihn da, was eher ein diffuses Unbehagen auslöst als dass es zum Wohlbefinden beiträgt. Um sich etwas zu essen zu kaufen, steigt er hinab ins Dorf, wird im Laden mit einer alten Frau bekanntgemacht. Zita kennt alle hier unten im Dorf und oben im Schloss, aber auch den „Herren Touristen“, obwohl der sich an keine Begegnung mit ihr erinnern kann. Man könnte meinen, die Figuren aus Thomas Bernhards frühen Romanen hätten sich in den Kulissen Franz Kafkas eingerichtet.
Bei seiner Rückkehr beobachtet der Protagonist, wie der Hausdiener das Schlossgemäuer traktiert, sich mit einem Bohrer ins Innere vorarbeitet. Als wäre das abgesprochen, geht er ihm zur Hand, und nach einiger Zeit fördern die beiden eine Kassette zutage. Darin befindet sich ein Stapel Papiere, den der Erzähler in einem unbemerkten Moment an sich bringt, um in Ruhe darin zu lesen. Damit niemand seinen Diebstahl bemerkt, verfasst er ein ähnlich dickes Manuskript und deponiert es in der Kassette.
An dieser Stelle beginnt sich das Rätsel um die beiden Textebenen zu lösen, die einander den ganzen Roman über abwechseln und durch verschiedene Schrifttypen unterschieden sind. In die Erzählung von Memersdorf eingewoben sind Kindheitserinnerungen, Traumsequenzen, verdrängte Ängste, verstörende Bilder, erotische Szenen, theoretische Abschweifungen.
Glaubt man anfangs, die Aufzeichnungen des Protagonisten zu lesen, gerät diese Sicherheit nach und nach ins Wanken: Sind es nicht doch die Papiere, die ursprünglich in der Kassette aufbewahrt worden waren? Zwei Autorschaften beginnen sich zu vermischen, und schließlich gesteht der Erzähler selbst, dass er das eine Manuskript nicht vom anderen unterscheiden kann.
Da hat sich die postulierte Realität der Schlossgeschichte jedoch bereits auf die Fantasien und Träume des Manuskripts (der Manuskripte?) zubewegt: Kann es wirklich sein, dass in der Schlossmauer eine Kassette versteckt ist? Dass die Verwalterin hinter ihrem Schreibtisch ungeniert masturbiert? Und verfügt die alte Frau im Laden gar über übersinnliche Fähigkeiten, mit denen sie sich über die Koordinaten von Raum und Zeit hinwegsetzen kann?
Thomas Raab bedient sich aller möglichen literarischen Register – von der Gothic Novel über das realistische Erzählen bis zum Traumprotokoll –, um die Gewissheit ins Wanken zu bringen, mit der wir über die Wirklichkeit sprechen. Der Ansatz ist zwar nicht neu, wird hier aber in atemberaubender Konsequenz durchgespielt.
Von den magischen Traumweltbildern geht es zur präzisen Wahrnehmung der Welt, deren Partikel dann wieder herabsinken in Erinnerungsfetzen und Träume. Die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Sphären sind fließend, und so entsteht eine fiktive Welt, die vielleicht nur auf Assoziationen gegründet ist und dabei eine Ahnung davon vermittelt, als wie fragil und unzuverlässig sich am Ende jene Konstruktion erweist, die wir Wirklichkeit nennen – und der wir zu Unrecht blind vertrauen.


