Kaiser, Krieger, Heldinnen
Exkursionen in die Gegenwart der Vergangenheit

von Bettina Balàka

€ 21,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Haymon Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2018


Rezension aus FALTER 26/2018

Hundert Jahre österreichischer Frauengeschichte

Großartiges Panorama von einhundert Jahren österreichischer Frauengeschichte. Am Anfang stehen die Bedenken einer Erzherzogin aus 1917 über Straßenbahnfahrerinnen und am Ende 2001 die erste österreichische Pilotin. Die „Gegenwart der Vergangenheit“ einer Autorin wie Ada Christen oder der Frauenrechtlerin Adelheid Popp wird essayistisch aufbereitet, in London über austriakische Identität räsoniert, inSarajewo diskutiert, wie gut Kakanien tatsächlich war. Und wie es wurde, als Frauenwahlrecht nicht mehr nur hieß, Männer wählen zu dürfen.

Erich Klein in FALTER 26/2018 vom 29.06.2018 (S. 9)



Rezension aus FALTER 21/2018

„Österreich hat eine unglaubliche Masn gehabt“

Über 600 Jahre bestand die Habsburgermonarchie, ehe das Riesenreich 1918 zu einer winzigen Republik schrumpfte. Ein Gespräch darüber, wie das Land zu dem wurde, was es heute ist – und wie es auch anders hätte kommen können

Gedenkjahre können Anlass sein für patriotische Weihestunden, betuliche Staatsakte oder kritische Reflexion. So oder so sagt die Art und Weise, wie die Vergangenheit erinnert und wie ihrer gedacht wird, ebenso viel über die Gegenwart aus. Ein ganzer Reigen von Achter-Jubiläen macht 2018 gleichsam zu einem „multiplen“ Gedenkjahr, in dem es naheliegt, historische Längsschnitte zu legen, nach verborgenen Korrespondenzen zu forschen, Kontinuitäten herauszustreichen oder auch infrage zu stellen.
Insbesondere in Hinblick auf die 600 Jahre währende, im Laufe ihrer Geschichte wiederholt totgesagte, 1918 dann aber sehr abrupt endenden Habsburgermonarchie gilt es der Verlockung zu widerstehen, im Rückblick eine fatale Logik der Folgerichtigkeit zu konstruieren und jene Momente zu rekonstruieren, in denen es auch ganz anders hätte kommen können. In jüngster Zeit haben voluminöse Studien wie etwa jene von Christopher Clark („Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“, 2012/dt. 2013) oder Pieter M. Judson („Habsburg. Geschichte eines Imperiums 1740 – 1918“, 2016/2017) sich bemüht, ein differenziertes Bild zu erstellen, sodass sich heute abseits aller überzuckerten Nostalgie sagen lässt: Es war nicht alles schlecht an der Habsburgermonarchie.
Hierzulande haben die Schriftstellerin Bettina Balàka, der Historiker Hannes ­Leidinger und Alfred Pfoser, Publizist und Bibliothekar im Ruhestand, mit ihren ­aktuellen, höchst lesenswerten ­Büchern wertvolle Beiträge für eine differenzierte Neueinschätzung der zu Ende gehenden Monarchie und der jungen Republik geleistet. Der Falter lud sie zu einem Round-Table-Gespräch.

Falter: 1848, 1918, 1938, 1968 – dem Reigen der geschichtsträchtigen Jubiläen kann man heuer nicht entkommen. Aber welche Chancen bietet das aus Sicht der Forschung tatsächlich?
Hannes Leidinger: Ich war da früher sehr skeptisch, musste aber 2014 einsehen, dass zum Beispiel das Bibliothekswesen wirklich auf Vordermann gebracht wurde: Was wir uns in Studienzeiten noch mühsam über Monate erarbeiten mussten, findet man heute ganz schnell online.
Bettina Balàka: Dem kann ich nur zustimmen. Ich wünschte, ich hätte schon 2003, als ich für meinen Roman „Eisflüstern“ zu recherchieren begonnen habe, auf all das zugreifen können. Außerdem haben Jubiläen den Vorteil, dass sie immer neue Anstöße geben. Für mich war das ein Anlass, mir einmal genauer anzusehen, was es in den 100 Jahren seit der Einführung des Frauenwahlrechts an Fort- und Rückschritten gegeben hat.
Alfred Pfoser: Wenn man sich mit 1918 befasst, kommt man schnell drauf, dass sich in den letzten zehn, 20 Jahren hinsichtlich der Aufarbeitung der Gründungsjahre der Ersten Republik relativ wenig getan hat. Das Interesse konzentrierte sich weitgehend auf die Nazizeit, sodass die wichtigsten Forschungsergebnisse zur Ersten Republik mittlerweile schon 30, 40 Jahren alt sind. Außerdem bieten diese runden Jubiläen eine reizvolle Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie viel von 1848 in 1918 oder 1968 in 1918 steckt und was von 1938 im Jahr 1918 schon angelegt war.
Ist es in den letzten Jahren zu einer Neubewertung der Habsburgermonarchie gekommen?
Leidinger: Ja. Wer früher zu diesem Thema kritisch geforscht hat, ist relativ schnell verdächtigt worden, dass das alles ideologisch aufgeladen oder nur polemisch sei. Die Auseinandersetzung mit Themen wie Kriegsverbrechen, die es aus heutiger Sicht zwischen 1914 und 1918 natürlich auch gegeben hat, oder die Verwicklung in richtiggehende Guerillakriege, die durch Plünderungsfeldzüge verursacht wurden, hatte es in der Forschung bislang nicht gegeben.
Balàka: Wir waren in der Tat lange so auf die Nazizeit fokussiert, dass wir uns um das, was davor war, viel zu wenig gekümmert haben. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist dann langsam die Erkenntnis eingesickert: Oh, das war ja einmal alles eins. Ich finde das Gedenkjahr wichtig, um die Frage zu stellen: Wo stehen wir eigentlich jetzt? Wir haben uns ja alle mit dieser komplizierten Grenzziehung von 1918 befasst, und man kann schon ironisch anmerken, dass viele jener Nationen, die damals ganz dringend wegwollten, das heute wieder ganz anders sehen. Wenn jemand aus Czernowitz sagt, er wäre gerne österreichischer Staatsbürger, ist das schon bizarr.
Leidinger: Das ist allerdings in den ferneren Regionen der ehemaligen Monarchie zum Teil der Fall. Die Tschechen etwa sehen das vielfach anders und feiern.
Balàka: Das ist klar. Aber ich finde es wichtig, daran zu erinnern, dass es einen einheitlichen Wirtschaftsraum schon einmal gegeben hat – wenn auch natürlich unter anderen Voraussetzungen. Wir Literaten werden momentan sehr oft in Länder der ehemaligen Monarchie eingeladen, was einem die Möglichkeit verschafft, die gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten. Ich habe zum Beispiel einmal bei einem Treffen in Sarajevo ausführlich darüber geschimpft, wie furchtbar sich die Habsburger dort aufgeführt haben, und wurde vom bosnischen Kollegen über meine historische Ahnungslosigkeit belehrt, weil die Habsburger massiv in die Infrastruktur investiert hätten und alles, was danach kam, viel schlimmer gewesen sei.
Leidinger: In Czernowitz oder Lemberg ist es haargenau das Gleiche. Aber das ist eben von Region zu Region verschieden. Der ungarische Blick auf die Monarchie unterscheidet sich vollkommen vom wienerischen, der in Wirklichkeit immer schon deutsch-zentristisch war. 1908 gab es das 60-jährige Thronjubiläum von Franz Joseph, und in Wahrheit haben sich die Wiener als Völker verkleidet, weil etwa die Italiener oder die Tschechen gar nicht gekommen sind. Die Ungarn haben überhaupt das beste Argument gehabt: Warum sollen wir den Kaiser von Österreich feiern? Als ungarischer König ist der ja erst 1867 auf den Thron gekommen.

Früher hätte man gesagt: „Das hat alles einmal uns gehört!“, heute ist der Bezug zur Monarchie doch reflektierter und gebrochen, oder?
Pfoser: Da bin ich mir gar nicht so sicher. Wenn man im Friaul in ein Gasthaus geht, hängen überall Bilder von Kaiser Franz Joseph an der Wand – das ist schon ziemlich verstörend. In der Westukraine erinnert man bewusst an die Monarchie. Dort sucht man über die Geschichte den Kontakt zu Mitteleuropa wieder aufzunehmen. Mit der Vergangenheit wird Politik, auch Gefühlspolitik gemacht.

In jeder historischen Einführungsvorlesung wird einem eingetrichtert, dass die Auffassung von der Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens obsolet ist. In Ihrem Buch, Herr Leidinger, wird aber genau dieses Bild bemüht.
Leidinger: Ja, warum denn auch nicht? Ich hab damit kein Problem. Die Frage, ob wir aus der Geschichte lernen können, ist insofern blöd, weil: Es wird ja gelernt! Die Frage ist nur: wie? Wir Historiker sind dann vielleicht eher die Störfaktoren, die die ohnehin stattfindende Instrumentalisierung von Geschichte mit Gegenbildern ein bisschen korrigieren können. Für einen jungen Historiker in Polen, Ungarn oder Serbien ist die Situation ja nicht einfach. Christopher Clark hat mir erzählt, dass er zu einigen Studenten aus Mittelosteuropa einfach keinen Kontakt mehr hat. Der sieht das durchaus mit Sorge.

Ihre Bücher wenden sich ja alle gegen Simplifizierungen. Aus der Rückschau scheint dann alles ganz folgerichtig, man darf aber nicht vergessen, dass die Habsburgermonarchie ja mehrfach totgesagt wurde.
Leidinger: Insofern war sie eigentlich sehr zählebig oder sogar lebendig. Man muss daran erinnern, dass es 1914 bei der Mobilisierung praktisch keine Probleme gegeben hat – und zwar auch in jenen Gebieten nicht, die als „illoyal“ galten. Die Illoyalität haben die Habsburger und deren Truppen zum Teil selber erzeugt, indem sie Leute verfolgt haben, die gar nicht illoyal waren. Trotzdem gab es in diesen Gebieten keine Massenabsetzbewegungen, selbst 1916/17 nicht. Die Entscheidung fällt dann vermutlich wirklich erst im April, Mai 1918 vor allem auch mit dem Eintritt der Amerikaner gegen Österreich-Ungarn.
Balàka: Ein nicht zu unterschätzender Faktor war doch die Versorgungslage. Das Elend hat dazu geführt, dass es den Leuten einfach gereicht hat.
Leidinger: Aber auch hier unterscheiden sich die Verhältnisse grundlegend: In Sankt Petersburg kommt es angesichts der katastrophalen Versorgungslage zu schweren Protesten am Newski-Prospekt. Einen solchen revolutionären Aufstand gibt es in Österreich-Ungarn nicht.
Balàka: Hungeraufstände gab es schon.
Leidinger: Aber die konnte man alle wieder einhegen.
Pfoser: Man muss bedenken, dass nicht nur die Eliten bis zum September 1918 an den Sieg geglaubt haben. Süd- und Osteuropa waren von den Mittelmächten besetzt, die Front in Italien verlief in der Po-Ebene.
Leidinger: Ein Aspekt, den ich selber lange vernachlässigt habe, ist der Umstand, dass die nationalen Oppositionen keine Aufstandspolitik mehr betrieben haben, und zwar im Wissen, dass sich die Sache schon von selbst regeln wird. Die tschechische Führung pfeift sogar die linken Parteien zurück, als die am 14. Oktober losschlagen wollen.
Balàka: Und das Beispiel der Russischen Revolution war immerhin so abschreckend, dass man in Österreich-Ungarn zu den Angehörigen der Herrscherdynastie gesagt hat: „Bitte gehts einfach, bevor ihr abgeschlachtet werdet.“

Das Spannende für Historiker sind doch die Momente, in denen die Geschichte auch ganz anders verlaufen hätte können. Auch eine Räterepublik wäre in Österreich eine realistische Option gewesen.
Pfoser: Sicher. Es geht dann wahnsinnig schnell: Ein Reich, das über 600 Jahre existiert hat, bricht innerhalb eines Zeitraums von zwei bis vier Wochen zusammen. Auf einmal ist der Staat weg. Das muss man sich einmal vorstellen!
Leidinger: Der Krieg hat die Auflösung der Monarchie beschleunigt. Bis 1914 gab es Ausgleichsverhandlungen und -übereinkünfte vor allem in der Bukowina, in Galizien, in Mähren. Es ist erstaunlich, welches Potenzial es da noch gab. Den Leuten ist es nur zu langsam gegangen mit der großen Reichsreform.
Pfoser: Warum aber war die Stimmung unter den Eliten 1914 und in den Jahren davor so pessimistisch? Aufgrund der entworfenen Verfallsszenarien hat man ja den Krieg überhaupt erst riskiert.
Leidinger: Das hat unter anderem mit der prekären Lage der ungarischen Reichshälfte oder mit der Badeni-Krise zu tun, die dazu beitragen, dass man auch im Ausland auf einmal das Gefühl hatte: Die Monarchie ist nicht zu retten. Plötzlich fragen sich französische Investoren, ob man in Wien überhaupt noch investieren oder lieber gleich nach Prag gehen soll. Was auffällt, ist, dass die Untergangsdiskurse, die es gibt, oft mit Institutionenkritik verbunden sind. Und das führt dazu, dass es der Öffentlichkeit so erscheint, als sei alles faul. Das hängt aber damit zusammen, dass es nun eine kritische Presse und Massenparteien gibt, die auf einmal nachsehen, wie es den armen Leuten, den einfachen Soldaten, den Schülern in der Schule geht. Es gab einen richtigen Medienboost, der eine negative Stimmung erzeugt hat, obwohl es eigentlich ein Schritt Richtung Demokratisierung war, dass Missstände, die es davor genauso gegeben hat, erstmals auch benannt wurden.
Balàka: Ein Grundproblem dieser Untergangsfantasien bestand sicher darin, dass man den Krieg als Metapher und nicht als Realität verstanden hat: eine große, fast religiöse Reinigungsfantasie, die mit der Wirklichkeit des technologisierten Krieges überhaupt nichts zu tun hatte.
Leidinger: Dass die Männer und Söhne in den Krieg mussten, war für die Arbeiter und Bauern ja nicht gerade eine tolle Aussicht. Also hat man sie mit dem Bild eines zeitlich stark begrenzten Krieges gelockt: Möglicherweise geht es sich sogar aus, dass ihr bis zur nächsten Ernte wieder da seid! Echte Opposition gab es allerdings keine: Hätte die Sozialdemokratie Nein zum Krieg gesagt, hätte sich auch die Arbeiterschaft anders verhalten. Uneingeschränkten Massenjubel gab es keinen, aber die Verantwortung der Eliten und Intellektuellen kann man kaum unterschätzen – mit denen würde ich noch einmal hart ins Gericht gehen.
Pfoser: Eine Frage, die ich gerne in die Runde werfen möchte, ist die nach der Deutschorientierung des österreichischen Bürgertums. Die gibt es 1848, die gibt es auch noch in den späten Phasen des Ersten Weltkriegs, wo man darauf hofft, dass die Deutschen den Sieg noch herbeiführen werden, und die setzt sich im Anschlussgedanken bis zum tatsächlichen „Anschluss“ von 1938 fort. An die multi-ethnische Monarchie hat schon niemand mehr geglaubt, ans Deutschtum aber schon noch.
Leidinger: Das war zunächst gar kein Widerspruch, ist aber einer geworden. Deutsch sein bedeutete ja damals nicht, gegen die Monarchie zu sein, sondern sich als Führungselite innerhalb der Monarchie zu verstehen. Mit Ausnahme von ein paar lauten alldeutschen Schönerer-Anhängern war aber niemand für den Austritt aus der Monarchie. Eine für den Imperialismus typische Kulturelite fühlte sich überlegen: den Nicht-Europäern sowieso, und innerhalb Europas gab es auch noch einmal eine Hierarchie. Der Blick auf die Slawen war schon despektierlich, nach dem Motto: „Die gehören erzogen.“ Wer nicht ganz ins Bild passt, sind die Polen, denn die gehören in besonderer Weise zum österreichischen Establishment.
Balàka: Was mich im Rückblick fasziniert, ist, dass Österreich im 20. Jahrhundert zweimal vollkommen am Ende war. Und heute leben wir in einem Land mit einer unglaublich hohen Lebensqualität. Wie kommt das? Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir immer eine unglaubliche Masn gehabt haben – etwa dadurch, dass man uns den Anschluss verboten hat.
Leidinger: Ich sage da mit einem Augenzwinkern zu den Amerikanern, Briten und Franzosen: „Ihr habt es besser gewusst!“
Balàka: Es ist – gerade unter Schriftstellern – schick, auf Österreich zu schimpfen. Wir sind ja alle mit Thomas Bernhard aufgewachsen. Pauschalisierend kann man aber festhalten, dass „der Österreicher“ auch etwas Konziliantes hat, wie das Stefan Zweig in „Die Welt von gestern“ festhält. Dieses Konziliante hat sich als Gegenströmung zu allem anderen doch auch erhalten.
Leidinger: Damit tu ich mir ein bissl schwer. Wenn Thomas Bernhard Nazis in jeder Nudelsuppe entdeckt, dann muss man schon sagen, dass es die auch gegeben hat.
Balàka: Es hat aber nicht nur die gegeben.
Leidinger: Nein, es gibt auch eine Erfolgsgeschichte nach 1945, und die soll man auch erzählen.
Balàka: Genau das meine ich!
Leidinger: Es ist wahrlich keine Ruhmestat, dass wir die Verfolgten des Nazi-Regimes schäbig behandelt haben. Auf der anderen Seite ist dieser Kleinstaat in der Zweiten Republik endlich angenommen worden. Das war davor nicht der Fall. Jetzt kann man natürlich einwenden, dass das auf Schmäh und Tourismus aufgebaut ist, aber: Es funktioniert!
Pfoser: Mir ist aufgefallen, dass Österreich in den Jahren zwischen 1918 und 1922 aus der mittel- und osteuropäischen Entwicklung eigentlich herausfällt. Das waren erstaunlich friedliche Jahre ohne Bürgerkrieg, während rundherum eine unglaubliche Instabilität herrschte, die zu Kriegen und Bürgerkriegen führte und auch viele Tote forderte. Wohingegen hierzulande Politiker wie Karl Renner, Otto Bauer oder Jodok Fink den Übergang von der Monarchie zur Republik sehr gut und pragmatisch gemanagt haben. Gegenüber der Lagertheorie, die immer nur einen schrecklichen Kulturkampf am Werk sieht, muss man betonen, dass es auch einen – gewiss aus der Not geborenen – Konsens gab.
Leidinger: Eigentlich ist die Koalition von 1918 bis 1920 angesichts der wirtschaftlichen Lage und der Einflussnahme von außen ein Wunder. Die ideologischen Risse eines von Bürgerkriegen erschütterten Europa haben ja nicht vor der österreichischen Grenze halt gemacht. Dass sich das in den 1920er-Jahren nicht fortgesetzt hat, ist traurig. Die Voraussetzungen wären gegeben gewesen. Aber es stimmt schon: Ein Masel haben wir schon auch gehabt. Die Interventionsversuche von Räte-Ungarn hätten auch anders ausgehen können. Oder nehmen wir 1948 und die Berlin-Krise: Da liegt es nicht mehr in unserer Hand. Man kann allerdings sagen: Unsere Politiker haben auch nichts falsch gemacht.

Musil hat schon im „Mann ohne Eigenschaften“ ein Lob des Fortwurstelns angestimmt.
Leidinger: Das scheint wirklich eine österreichische Tugend zu sein. Und damit kommt man in der Monarchie auch viel eher zu einem Erfolg. Wie man beim galizischen Ausgleich die Wahlsprengel festgelegt hat, damit die Juden auch eine Mehrheit zusammenbringen, obwohl sie keine „Nation“ waren – darin liegt schon auch eine sehr sensible Berücksichtigung von Minderheiten.
Balàka: Oder nehmen wir das Frauenwahlrecht. Da war Österreich im Vergleich zu Frankreich, Großbritannien oder den USA relativ weit vorne – von der Schweiz einmal ganz zu schweigen.
Pfoser: Stellt sich die Frage, ob solche Fortschritte auch dann so schnell erzielt worden wären, wenn es keine Niederlage gegeben hätte.
Leidinger: Niederlagen können zur Selbstkritik führen und die kann einen Lernprozess einleiten. Der Militarismus etwa wurde durch das Katastrophenzeitalter von 1914 bis 1945 in Deutschland und Österreich wirklich gebrochen. In den USA sieht das ganz anders aus.

Reflexhaft würde man da immer sagen: Ja, die dürfen – weil die haben schließlich auch gewonnen.
Leidinger: Sie haben einen „guten Krieg“ geführt. Das stimmt angesichts des Gegners auch. Was aber, wenn sie keinen „gerechten Krieg“ führen? Die Kriegskultur wird ja mitgenommen. Und das wurde 1945 bei uns definitiv gebrochen. Ob das immer so bleibt, ist eine andere Frage.
Pfoser: Was wäre denn gewesen, wenn der Anschluss 1918 funktioniert hätte?
Leidinger: Es hätte ganz gute Chancen auf einen sozialdemokratisch geführten Großstaat gegeben.
Balàka: Und Hitler wäre nicht passiert?
Leidinger: Das ist wieder eine andere Geschichte. Man kann das Gewaltpotenzial Hitlers nicht immer nur mit Versailles erklären. Es wäre aber in jedem Falle schwieriger gewesen für Radikale und Revisionisten auf dieser Klaviatur zu spielen. Man muss die Anschluss-Bemühungen von 1918 auf jeden Fall nicht skandalisieren.
Balàka: Das liegt einfach am Wort „Anschluss“, das 1938 aber was ganz anderes bedeutet als 1918.
Leidinger: Das ist eine Rückprojektion und eine vollkommen falsche noch dazu, denn es gibt viele Deutschnationale, die mit den Nazis überhaupt nichts am Hut haben. Und es hat ja auch die Sozialdemokratische Partei 1933 ein klares Statement abgegeben: nicht unter Hitler!
Pfoser: Der Anschlussbeschluss 1918 war als Abkehr vom katholischen Österreich gedacht. Wenn’s um Geburt, Verehelichung und Tod ging, hatte die katholische Kirche die Verwaltung inne – eine Entwicklung, die im Austrofaschismus ihren Höhepunkt gefunden hat. Für die bürgerlichen-liberalen, deutschnationalen und sozialdemokratischen Schichten war der Anschluss auch eine Möglichkeit, sich von diesem Katholizismus zu lösen.
Leidinger: Es war ein verlängerter Kulturkampf. Der spielt schon ab 1848/49 in der deutschen Frage eine große Rolle. Will man sich bei einer großdeutschen Lösung wirklich so viele Katholiken hereinholen? Umgekehrt: Haben die Katholiken einen Gusto darauf, sich mit den Protestanten zusammenzutun? Das und vor allem der Gegensatz zwischen religiösen Milieus und liberalen, säkularen Tendenzen sind massive Probleme, die sich über historische Brüche hinweg erhalten und in Österreich in der Zwischenkriegszeit ihre volle Ausformung erleben. Jetzt gibt es echte Gegenkulturen und einen Kulturkampf, der für die Bürgerkriegssituation mindestens so relevant ist wie die meist genannten politischen oder wirtschaftlichen Aspekte. Und die Überwindung dieses Konflikts besteht nach 1945 eigentlich darin, dass sich die katholische Kultur wieder durchsetzt.
Pfoser: Wobei 1938 eine verheerende Niederlage für die katholische Kirche darstellt und trotz aller bischöflicher Ergebenheitsadressen zur denkbar größten Demütigung des katholischen Lebensentwurfes führte. Als Erstes setzen die Nazis die Zivilehe durch.
Leidinger: Und das kirchliche Schulwesen wird mit dem Vorschlaghammer demoliert. Es ist der brutalst mögliche Kulturkampf überhaupt, und nach 1945 erfolgt der Backlash. Der politische Katholizismus verabschiedet sich 1952 mit dem Mariazeller Manifest von der Bühne, aber letztendlich setzt sich die katholische Mentalität durch, weil die Sozialdemokratie ihr Gegenkonzept auch nicht mehr weiterverfolgt.
Balàka: Marie Jahoda hat für ihre Dissertation in den 30er-Jahren zahlreiche Menschen aus Versorgungsheimen interviewt, und von denen sagen wieder sehr viele: „Ich glaube nicht an Gott, ich bin Freidenker.“ Das steht doch in einem starken Kontrast zum Bild eines durchgängig katholischen Landes.
Leidinger: Danke für den Einwand. Wenn ich vorhin vom Sieg des Katholizismus gesprochen habe, meinte ich die offizielle Ebene. Darunter waren die Verhältnisse sicher sehr viel komplexer. Nationalsozialisten oder Sozialdemokraten kann man nicht einfach wieder ins Boot hereinholen. Und der allgemeine Säkularisierungsprozess macht auch vor dem katholischen Lager nicht halt.
Pfoser: Das Tolle an Ihrem Buch, Frau Balàka, ist ja auch, dass die Fortschrittsgewinne benannt und datiert werden. Man vergisst das so leicht und nimmt so etwas wie eine Familienrechtsreform als gegeben hin.
Balàka: Dabei hat Adelheid Popp schon 1925 versucht, den Mann als Haushaltsvorstand mit weitgehenden vormundschaftlichen Rechten gegenüber seiner Ehefrau abzuschaffen. Das hat ja nicht Bruno Kreisky erfunden!
Pfoser: In 1918 steckt schon viel von 1968 drinnen.
Leidinger: Man darf es nur nicht zu sehr an den suggestiven Gedenkjahrsdaten festmachen. Adelheid Popp wurde bereits in den 1890er-Jahren aktiv. Die 20er-Jahre waren sicher eine Ära der Reformen und das, was man mit der Chiffre 1968 bezeichnet, fand bei uns dann im Laufe der 70er-Jahre seinen Niederschlag.
Pfoser: Die kurzen Röcke der 70er-Jahre gab’s schon 1918, die Rockmusik hatte im Jazz und in den Shimmy-Tänzen Vorläufer. Einen großen Unterschied gibt es allerdings auch: 1968 waren die Studenten und die Universitäten die politische Avantgarde, von 1918 lässt sich das nicht behaupten. Außerdem gibt es zwei Figuren, die in beiden Stichjahren Bedeutung erlangen: Ernst Fischer und Wilhelm Reich. Fischers Buch über die Krise der Jugend steckt voll kulturrevolutionärer Ideen, die 1968 wieder aufpoppen. Und die kulturkämpferische Bedeutung von Sexualität hat Reich auch schon in den 20er-Jahren erkannt und praktiziert.
Leidinger: Aber wer sind die Träger dieser Revolutionen? Wenn man an die Oktoberrevolution oder den Umbruch von 1918 denkt, hat man immer unendliche Massen von Verelendeten vor dem geistigen Auge. 1968 ist ein Beweis, dass es ganz anders laufen kann. Wir haben 1969 Vollbeschäftigung: Der Kapitalismus liefert! Vielleicht sind es also gerade nicht Not und Elend, sondern eine gewisse Positionierung in der Gesellschaft, die es überhaupt ermöglicht, diese revolutionären Prozess anzugehen – so wie eben 1918 auch Ansätze zu sozialpartnerschaftlichen Entwicklungen vorhanden sind und die Arbeiter ganz andere Forderungen stellen können, auch wenn sie sich damit noch nicht durchsetzen.
Pfoser: Es gibt eine Kontinuität in der Sozialgesetzgebung zwischen 1918 bis 1920 und den Kreisky-Jahren.
Leidinger: Was ich interessant und sehr österreichisch finde, ist der Umstand, wie stark die Veränderungsprozesse in die herkömmliche politische Struktur eingebettet sind: Die Reformen kommen von oben. 68 ist aber eigentlich eine Jugendrevolte! Das ist in den USA oder Paris ganz anders gelaufen als in Österreich.

Wenn wir die Kontinuitäten und Korrespondenzen betonen, vernachlässigen wir dann nicht die Brüche? Immerhin wurde da ein gigantisches Reich auf ein Neuntel seiner vormaligen Größe reduziert. Das ist in etwa so, als würde Österreich morgen nur noch aus der Steiermark bestehen.
Leidinger: Keine Frage, man darf das Ausmaß der Kränkung nicht unterschätzen. Die Schichten, die sich wirklich ganz und gar mit der Monarchie identifizierten – Beamte, Offiziere – haben diese Zäsur ganz sicher als persönliche Katastrophe empfunden. Es ist schon schlimm genug, wenn man denen auf der Straße die Epauletten herunterreißt. Aber hinzu kommt die völlige Unklarheit, was mit diesen Leuten überhaupt passiert. Der letzte Geheimdienstchef von Österreich-Ungarn sitzt dann in der Handelskammer und lernt Stenografie, weil er wahrscheinlich in der Privatwirtschaft unterkommen muss. Das sind ungeheure Brüche in den Biografien! Man sollte sich wirklich einmal die Leute ansehen, die 1918/19 in diesen Erwachsenenkursen sitzen. Theodor Körner saß da übrigens auch drinnen. Der letzte Kriegspressequartierchef wird Vertreter, scheitert vollkommen, geht pleite und stürzt sich in Frankfurt in die Oder. Das sind Joseph-Roth-Figuren der vollkommenen Entwurzelung.

Klaus Nüchtern in FALTER 21/2018 vom 25.05.2018 (S. 26)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Untergang der Habsburgermonarchie (Hannes Leidinger)
Die erste Stunde Null - Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918-1922 (Andreas Weigl, Alfred Pfoser)

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