Die zitternde Welt
Roman

von Tanja Paar

€ 22,90
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Verlag: Haymon Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 300 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.09.2020


Rezension aus FALTER 43/2020

Große Geschichte, kleines Schicksal

Der Bau der Bagdadbahn! Er war aus vielen Gründen ein Faszinosum für die damalige Welt. Realisiert werden konnte das Projekt, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Angriff genommen wurde, nur durch ausländische Investitionen. Deutsches Geld und deutsches Know-how sollten dem Osmanischen Reich zu wirtschaftlichem Aufschwung verhelfen, während die Finanziers aus dem Kaiserreich nicht zuletzt an den Rohstoffvorkommen entlang der Bahnlinie Interesse hatten.

Ein aufsehenerregendes Prestigeprojekt war der Bau in jedem Fall, Wilhelm II. zeigte großes Interesse. Und Wilhelm heißt auch eine Hauptfigur in Tanja Paars Roman „Die zitternde Welt“. Gemeinsamkeiten mit dem Monarchen gibt es ansonsten keine. Dieser Wilhelm ist alles andere als privilegiert. Der junge Mann, ein Eisenbahningenieur aus Wien, reist bereits in den 1890er-Jahren nach Anatolien, um Arbeiten an jener Strecke zu leiten, die Jahre später mit dem Bau der Bagdadbahn fortgesetzt wird.

Ohne Perspektive in der Heimat sind die Aufgaben in der Fremde eine Voraussetzung nicht nur für das persönliche Fortkommen, sondern auch Grundlage für eine Familiengründung. Und diese erfolgt anders, als Wilhelm sie offenbar geplant hatte. 1896 taucht Maria auf. Die junge Frau aus Leonding ist dem Geliebten nachgereist. Auf die versprochene Rückkehr Wilhelms will und kann sie nicht warten: Sie erwartet ein Kind.

Inmitten der wilden und einsamen anatolischen Bergwelt lebt Maria nun ein Leben, das ihr in der Heimat verwehrt geblieben wäre. Den Bevormundungsversuchen Wilhelms widersetzt sie sich zumeist erfolgreich. Sie reitet ohne Sattel, trägt Reformkleider und hat sogar einen Liebhaber. Als aber eines der Kinder stirbt, weil der nächste Arzt zu weit entfernt ist, zeigen sich die Schattenseiten des unkonventionellen Lebens abseits der Zivilisation. Auch andere Gründe sprechen schließlich für einen Umzug. Wilhelm muss dorthin, wo es Arbeit gibt. Die Bagdadbahn wird zum bestimmenden Faktor für sein und das Leben seiner Familie.

Maria verkehrt indessen mit der „besseren“ Gesellschaft, trauert aber dem einfachen, weil freieren Leben in den Bergen nach. Kontakt zu den Einheimischen gibt es nun kaum mehr. Wie deren Alltag aussieht, bleibt im Wesentlichen unklar. Nachrichten über Gräuel, die an Armeniern verübt werden, verstärken die Distanz. Die Politik der Jungtürken beunruhigt Wilhelm zusehends. Er befürchtet einen Krieg. Die Kinder sind in der Zwischenzeit groß geworden, die Heimat ihrer Eltern kennen sie nicht. Als aber der Erste Weltkrieg ausbricht, erscheint die Rückkehr in das Habsburgerreich unausweichlich. Nun müssen schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden. Im Rückblick erweisen sie sich als fatal.

Sind es die Umstände, die unser Leben bestimmen, oder sind es nicht trotz aller Unwägbarkeiten wir selbst, die die wesentlichen Entscheidungen über unser Schicksal treffen? Was haben wir tatsächlich in der Hand? Gibt es Zwangsläufigkeiten, denen wir nicht entrinnen können? Wie werden Charaktere geformt? Nicht zuletzt diese Fragen sind es, die Tanja Paars Roman aufwirft. Der Erste Weltkrieg erweist sich dabei als die große Zäsur. Maria und Wilhelm geraten von nun an in den Hintergrund. Jetzt ist es ihr Sohn Erich, der in den Mittelpunkt rückt.

Historische Romane muss man mögen. Die Frage, was von dem, was als Folie dient, nun fiktiv ist oder eben nicht, lässt vielleicht zum Geschichtsbuch greifen – was ja durchaus begrüßenswert ist. „Die zitternde Welt“ ist sowohl historischer Roman als auch Familiengeschichte. Paar setzt auf Dialoge, um ihre Figuren lebendig zu machen. Das gelingt nicht immer. Vielleicht, weil es am Ende dann doch nicht so sehr der „großen Geschichte“ bedarf, nicht des Osmanischen Reichs, nicht der Bagdadbahn und womöglich auch nicht des Ersten Weltkriegs, um das Schicksal von Maria, Wilhelm und ihren Kindern so zu erzählen, wie es „Die zitternde Welt“ tut?

Verena Moritz in FALTER 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 14)


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