Hass im Netz

Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Das Buch zur Stunde zum Thema Hass & Hetze im Netz!
Konkrete Tipps und Strategien: Wie schützt man sich vor der digitalen Hasskultur?
Die Journalistin ist ausgewiesene Expertin für alle Aspekte der digitalen Welt.
Wir leben in zornigen Zeiten: Hasskommentare, Lügengeschichten und Hetze verdrängen im Netz sachliche Wortmeldungen. Die digitale Debatte hat sich radikalisiert, ein respektvoller Austausch scheint unmöglich. Dabei sollte das Internet doch ein Medium der Aufklärung sein: Höchste Zeit, das Netz zurückzuerobern.
Das Buch deckt die Mechanismen auf, die es den Trollen im Internet so einfach machen. Es zeigt die Tricks der Fälscher, die gezielt Unwahrheiten verbreiten, sowie die Rhetorik von Hassgruppen, um Diskussionen eskalieren zu lassen.
Damit die Aggression im Netz nicht sprachlos macht, werden konkrete Tipps und Strategien geliefert: Wie kann man auf untergriffige Rhetorik, Trolling oder Shitstorms reagieren? Wie entlarvt man Falschmeldungen oder Halbwahrheiten möglichst schnell? Was tun, wenn man im Netz mit Cybermobbing konfrontiert wird? Denn: Wir sind den Rüpeln, Hetzern und Hassgruppen nicht hilflos ausgeliefert – die Gegenwehr ist gar nicht so schwer.

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FALTER-Rezension

„Nicht alles, was Wut aus­löst, ist falsch“

Österreichs Digital Champion Ingrid Brodnig über die Dis­kriminier­ung der Google-Suche, eine Verstaat­lichung von Facebook und wie wenige User die Debatte im Netz verzerren

Nach „Der unsichtbare Mensch“ und „Hass im Netz“ hat Ingrid Brodnig nun ihr drittes Buch veröffentlicht: „Lügen im Netz“. Lange Jahre war sie beim Falter, dann zwei Jahre beim Profil, seit heuer ist sie selbstständige Publizistin und österreichischer Champion für Digitalisierung bei der Europäischen Union. Ein Gespräch darüber, was das ist, über Social Media, wie sie unsere Welt verändern und wie wir sie verändern könnten.

Falter: Du bist eine noch junge Medienkritikerin. Was ist die stärkste Veränderung der Medienlandschaft in deiner Zeit?
Ingrid Brodnig: Der Blick vieler Bürgerinnen und Bürger auf das Netz hat sich sehr verändert. Man denkt kritischer über die Silicon-Valley-Giganten. Die ersten zehn, 15 Jahre Web waren eine Phase des ständigen Staunens und Sich-Freuens über die Gadgets, die es gab. Man sah zwar schon die Riesen, die sich formierten, aber die Ängste waren diffus. Jetzt sind sie real. Menschen merken, dass ihr Leben von der Digitalisierung durchdrungen wird. Das Arbeitsleben und das Privatleben haben sich verändert. Wir kommunizieren über WhatsApp und nicht über SMS. Die Digitalisierung ist überall angekommen.

Du bist ja der österreichische Digital Champion und sollst die Digitalisierung vorantreiben. Was heißt das genau?
Brodnig: Die Digital Champions wurden von der EU-Kommission eingerichtet. Sie sind Experten, die sich zweimal im Jahr mit der Kommission zusammensetzen, über aktuelle Themen reden und im eigenen Land das Bewusstein für Fragen der Digitalisierung schärfen. Ich sehe Digitalisierung nicht als Wert an sich. Menschen müssen Digitalisierung für sich und für die Demokratie auf gute Weise nutzen können. Es bringt ja nichts, wenn alle online sind und ständig auf Falschmeldungen hereinfallen, weil sie keine Medienkompetenz haben. In Portugal ist zum Beispiel ein IT-Gründer Digital Champion, der ein Projekt entwickelt hat, in dem Arbeitslose in einem Crashkurs programmieren lernen. Die finden tatsächlich Jobs und verdienen dann besser.

Was ist dein Projekt?
Brodnig: Ich arbeite an einem konkreten Projekt, über das ich noch nichts sagen möchte. Auf jeden Fall will ich Forschung über aktuelle Entwicklungen publizieren, in einer Art Minireport, der auch für Lehrer als Unterrichtsmaterial taugt.

Ist der Job ehrenamtlich?
Brodnig: Ja. Aber ich kann Einzelprojekte wie Publikationen fördern lassen.

Wenn ich deine Bücher und deine Themen betrachte, stelle ich einen gewissen Sinneswandel fest. Du warst früher optimistisch, dass Digitalisierung automatisch eine bessere Gesellschaft mit sich bringt, jetzt schreibst du über Hass und Lügen. Stimmt die Beobachtung?
Brodnig: Eine gute Frage.

Ich stelle nur gute Fragen.
Brodnig: Ja. Bis zu einem gewissen Grad habe ich mich verändert, zu einem gewissen Grad hat sich auch die Debatte verändert. Ich kann mich an eine Coverstory im Falter im Jahr 2010 erinnern: „Die bösen drei“ – Facebook, Google und Apple. Es ging um Konsumentenrechte und eine faire Aufsicht großer Konzerne, was 2010 nur ein Randthema war. Wir haben damals schon Probleme erkannt, aber wir hatten nicht die griffigen Beispiele, um Risiken der Digitalisierung verständlich zu machen. Ich liebe das Internet noch immer, aber man muss über seinen hässlichen Teil reden, um den schönen zu bewahren.

Am Anfang verband eine neue Generation die technischen Möglichkeiten, die sie – anders als die Alten – souverän beherrschte, mit der Hoffnung auf eine andere Gesellschaft. Wer sich da kritisch äußerte, wurde selten verstanden.
Brodnig: Die Anfangseuphorie hat vieles verdeckt. Etwa die Problematik, dass manche sich organisieren, um Minderheiten online fertigzumachen. Darauf wurde schon in den 90er-Jahren hingewiesen, aber nicht breit diskutiert. Heute zeigt sich auch zunehmend, wie wir online amerikanisiert werden. In Form von Software bekommen wir amerikanische Werte übergestülpt.

Die Demokratie, wie wir sie nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen, ist auch ein amerikanischer Wert, oder? Unsere Großeltern haben Jeans, Coca-Cola
und Mickey Mouse verteufelt. Ja, wir werden kolonisiert, aber das hat immer auch zwei Seiten.
Brodnig: Hätte ein Deutschsprachiger Facebook erfunden, würden wir uns dort nicht „Freunde“ nennen, zum Beispiel. Gmail zeigt mir im Posteingang den Vornamen der Person, nicht den Nachnamen. Wenn ich wen flüchtig kennenlerne, merke ich mir aber den Nachnamen. Facebook achtet scharf darauf, dass keine Genitalien zu sehen sind, während es bei Hassreden oft lax vorgeht. Die Technologie durchdringt aber dauernd unsere Kommunikation, sie ist die Oberfläche, über die wir uns austauschen.

Urheberrecht und Schutz von geistigem Eigentum wurden im Zeichen der digitalen Revolte beiseitegefegt oder mit Augenzwinkern abgeschafft; man lud eben Filme und
Musik herunter und bedachte nicht, was man der europäischen Kulturindustrie damit antut.
Brodnig: Ja, ich bin Teil der Generation Napster und der illegalen Downloader. Erst als ich anfing, als Journalistin zu arbeiten, und mit Künstlern redete, sah ich, bei der Entlohnung künstlerischer Leistung ist das Internet bisher kein faires Ökosystem. Man dachte wirklich, das Internet mache die Gesellschaft mit einem Schlag besser.

Bis zu einem gewissen Teil ist die Digitalisierung die technische Seite des Neoliberalismus. Manche Leute finden Uber oder Amazon vorbehaltlos gut. Im Zeichen des „Sofortismus“ (Bernhard Pörksen) wird die moralische Verpflichtung aufgeweicht, bei seinem Verhalten soziale Folgen mitzubedenken.
Brodnig: Die digitale Ökonomie eignet sich zutiefst für Neoliberales. Der Silicon-Valley-Investor und Trump-Berater Peter Thiel argumentiert, Monopole seien etwas Gutes. Denn sie hätten genug Geld, um zu investieren, und keine lästigen Mitbewerber mehr. Die Praxis zeigt aber, dass Unternehmen nur investieren, bis sie eine Monopolstellung haben. Die Gefahr ist, dass Wettbewerb verlorengeht: Unter Trump könnte die Netzneutralität fallen, dann können sich reiche Konzerne eine Überholspur im Internet leisten. Davon hat der Konsument nichts, Investoren wie Thiel reiben sich aber die Hände.

Die digitalen Monopolisten behaupten, sie würden der Gesellschaft dienen, weil sie als große Konzerne Probleme in Bildung und Gesundheit besser lösen können als die Politik.
Brodnig: Der Netz-Kritiker Evgeny Morozov nennt das den modernen Feudalismus. Bisher hat der Kapitalismus über den Wettbewerb funktioniert. Durchgesetzt hat sich jenes Unternehmen, das den besten und fairsten Deal bot.

Sollte man hoffen.
Brodnig: Ja. Aber dass fehlender Wettbewerb Innovation hervorbringt, wie Thiel behauptet, ist nicht bewiesen.

Politik müsste also gegen die Monopole den Wettbewerb schützen. Wie kann sie das?
Brodnig: Die Forderung, diese Monopole zu zerschlagen, ist unrealistisch und überbordend. Aber es ist realistisch, große Konzerne zu prüfen und hohe Strafen zu verhängen, wie das Margrethe Vestager, die EU-Kommissarin für Wettbewerb jetzt gegen Google getan hat. Das EU-Wettbewerbsrecht gestattet bis zu zehn Prozent vom Umsatz als Strafe, und Google musste noch lange nicht zehn Prozent zahlen. Das Wettbewerbsrecht ist ein besserer Hebel als Datenschutz.

Anfangen müsste es beim Steuerrecht. Da wäre Politik gefordert. Wie bewertest du unsere Gratismitarbeit an diesen Diensten?
Brodnig: Wir nutzen diese Dienste ja gratis. Die Konzerne werten unser Verhalten aus, um neue Produkte zu entwickeln. Dass wir einen Teil des Produkts herstellen, ist unumgänglich. Das Problem liegt darin, dass wir nicht wissen, was von unserem Verhalten und wie sie es auswerten. Viele wissen nicht, dass Facebook nicht nur unsere Likes, sondern auch unser bloßes Mitlesen und Verweilen auf Beiträgen auswertet. Wir wissen nicht, was die von uns analysieren. Es ist ungerecht, dass wir das nicht erfahren.

Es kostet nicht viel zu fordern, der Algorithmus solle offengelegt werden. Wie aber setzt man das durch?
Brodnig: Ich weiß nicht, ob er offengelegt werden muss. Der Source-Code ist wirklich der Kern des Unternehmens. Aber man muss auf gesellschaftliche Nebeneffekte achten. Selbst die Google-Suche kann diskriminierend sein. Userinnen wurden zum Beispiel seltener Trainings für Spitzenjobs als Werbung angeboten; das ist ein Problem, wenn ich als Frau nur Werbung für Billigjobs bekomme, Männer aber jene für Top-Jobs. Das ist algorithmische Diskriminierung. Google und Facebook müssen ihre Algorithmen für unabhängiger Wissenschaftler leichter zugänglich machen, die so etwas testen. Was selektiert der Algorithmus? Was reiht er höher oder niedriger? Solche Untersuchungen ließen das Geschäftsgeheimnis intakt, aber wir wären als Gesellschaft besser informiert.

Google und Facebook werden mittlerweile behandelt wie Staaten.
Deutschland hat zuerst nicht versucht, sein Recht anzuwenden, sondern mit Facebook verhandelt. Wie erklärst du dir das?
Brodnig: Es ist der Glanz des Silicon Valley. Man kann schon fragen, wie das bei anderen Branchen wäre. Die Deutschen sind aber strukturiert vorgegangen. Sie haben Gespräche gesucht, aber zugleich Evaluierungen gemacht. Wie stark werden strafbare Hasspostings gelöscht, die User melden? Facebook löschte nur 39 Prozent, Google 90 Prozent und Twitter gerade ein Prozent. Dadurch hatte man harte Zahlen, auf dieser Basis brachte der deutsche Justizminister Heiko Maas das Netzwerkdurchsetzungsgesetz durch den Bundestag.

Das Gesetz wird kritisiert.
Brodnig: Ich verstehe, warum man Facebook und Twitter nun mit hohen Geldbußen droht, wenn sie Hetze und Bedrohungen ignorieren. Kritisiert wird das Gesetz aber zu Recht, denn die hohen drohenden Strafen können zu Overblocking führen, das heißt, ein Unternehmen löscht mehr, als es löschen müsste, also harmlose Postings oder gar unliebsame von kritischen Journalisten, die von erzürnten Usern gemeldet werden. Overblocking ist billiger als eine ordentliche Moderation. Gegen dieses Szenario hat das Gesetz zu wenige Sicherheitsmechanismen vorgesehen.

Ist es nicht ein extremer Souveränitäts­verlust, wenn die Öffentlichkeit von Staaten von privaten Unternehmen aus anderen Kontinenten zur Verfügung gestellt wird?
Brodnig: Unser Rechtsstaat bräuchte hundertmal mehr Richter, als wir jetzt haben, um all das zu bearbeiten, was Facebook gemeldet bekommt! Facebook sollte moderieren, und in Streitfällen sollten Gerichte herangezogen werden.

Mit normativen Forderungen kommt man nicht am Rechtsstaat vorbei.
Brodnig: Das stimmt. Unabhängig von der Meldung an Facebook sollten strafbare Postings auch angezeigt werden. Nur haben die Plattformen schon eine Verantwortung, gemeldete strafbare Hassrede rasch zu entfernen.

Wir Journalisten neigen dazu, die digitale Sphäre zu überschätzen. Wie sehr klaffen digitale und reale Welt auseinander?
Brodnig: Das Internet ist bei vielen Debatten ein Zerrspiegel. Bei Verhetzungsthemen hat man in Foren den Eindruck, alle sollen alles sagen dürfen, jede noch so grässliche Äußerung soll erlaubt sein. Schaut man Umfragedaten an, etwa jene des Pew-Center zu Gesetzen gegen Hassrede, dann ist in den USA jeder Vierte dafür, in Europa jeder Zweite. Ich denke mir dann immer, was ich im Netz sehe, ist nur ein kleiner Ausschnitt. Die rechte Wutblase zum Beispiel ist statistisch messbar: Hyperaktive User kommentieren tausende Male, sie können Diskurse dominieren, durchschnittliche User ergreifen viel seltener das Wort. Man muss also sehr aufpassen, solche Blasen als die Meinung des Volkes wahrzunehmen.

Du quantifizierst in deinen Büchern auch gern. „Dieses Posting zu Frau Merkel bekam 25.000 Likes.“
Brodnig: Das Beispiel habe ich genommen, weil ich die Wirkung einer Falschmeldung zeigen wollte. Tatsächlich sind Zahlen auf Facebook mit Vorsicht zu genießen. Ich bringe aber auch eine Liste der Top-20-Meldungen: Das sind vor allem Trash und wütend machende Inhalte. Jedenfalls zeigen solche Zahlen eines: Die digitale Debatte ist ganz sicher nicht qualitätsvoller als die nicht-digitale Debatte.

Das Tempo, die Notwendigkeit, sofort zu reagieren, lassen das wohl gar nicht zu.
Brodnig: Auf Social Media gibt es zwei, drei Themen am Tag, die gut gehen, damit kann man die Reichweite seines Accounts steigern. Mit der Geschichte um die Sebastian-Kurz-Leaks hat der Falter große Aufmerksamkeit erregt. Poste ich mitten in der Aufregung dazu etwas, bekomme ich mehr Aufmerksamkeit als mit einem ebenfalls wichtigen Aufsatz über Behindertenbetreuung.

Gibt es nicht Leute, die im Netz nur ihre paar Freunde treffen wollen, mit denen sie kommunizieren wie einst am Stammtisch? Oder verändern uns die Social Media, sodass wir alle nach Aufmerksamkeit gieren?
Brodnig: Die meisten Nutzer sind sogar eher passiv. Es ist für Facebook ein Problem, weil die ja möglichst aktive User wollen. Die äußerst aktiven Accounts sind in der Minderzahl. Und auch Fan- oder Like-Zahlen sind immer unsicher. Werden Bots eingesetzt? Im österreichischen Wahlkampf haben wir jetzt drei Kandidaten, die auf Facebook massiv aktiv sind und deren Accounts wachsen. Wie weit wird dieses Wachstum von Werbung getrieben? Wir wissen es nicht.

Trump hat ja mit dem normalen Zielgruppeninstrumentarium der Facebook-Werbung gearbeitet und nicht mit den berühmte Psychogrammen der Datenfirma Cambridge Analytica.
Brodnig: Diese Psychogramme wurden nie angewendet. Aber die Trump-Campaign machte das klassische Targeting. Die Amis regt es nicht auf, wenn ihnen nur angezeigt wird, was sie interessiert. Wenn sich jemand für Umweltschutz ausspricht, erkennt das die Software, er bekommt dann von seinem Kandidaten vor allem Informationen darüber, obwohl Umweltschutz vielleicht erst das 20-wichtigste Thema auf der Liste des Kandidaten ist. In meinen Augen kann das eine Verzerrung darstellen.

Kommen wir noch einmal auf die Frage der Verstaatlichung von Social Media zurück. Du hast das „unrealistisch“ genannt.
Brodnig: Ja. Ich denke, dass weitere Schockmomente wie die Trump-Wahl aber dazu führen können, dass wichtige Algorithmen öffentlich-rechtlich organisiert werden. Der erste Schritt wären die erwähnten wissenschaftlichen Tests. Facebook könnte auch ein Standardsetting mit einem möglichst ausgewogenem Algorithmus bieten, der nicht auf Zahlen und Likes abstellt, sondern auf gesellschaftlichen Pluralismus und Ausgleich.

Das Argument für eine Verstaatlichung wurde dadurch begünstigt, dass Facebook-gründer Mark Zuckerberg selbst Facebook ein Vorsorgenunternehmen nennt, eine Utility. Solche Unternehmen,
kann man argumentieren, dürfen nicht
dem Profit Einzelner dienen.
Brodnig: Ich persönlich fände das durchaus charmant, ich sehe nur keine Politik, die das machen könnte.

Andererseits muss man solche Ideen
säen, damit sie wachsen könne.
Brodnig: Ich finde, der Begriff Utility beschreibt das Problem sehr gut. Täglich nutzen 1,28 Milliarden Menschen diesen Dienst. Keine Zeitung, kein TV-Sender hatte je so eine Reichweite. Also muss man schon fragen, ist das noch ein Mitbewerber und nicht eine Infrastruktur. Tatsächlich ist Facebook die Infrastruktur unserer digitalen Debatte geworden.

Mark Zuckerberg wendet es ja, wie er es braucht. Medium ist er, wenn er den Schutz der Meinungsfreiheit sucht, Utility ist er, wenn er keine Redakteure beschäftigen will. Das prägt die Struktur von Debatten auf Facebook. Deswegen haben es Falschmeldungen hier leicht.
Brodnig: Falschmeldungen bedienen die Wut und bestehende Vorurteile. Sie gehen auf Politiker los, die ein Teil der Bevölkerung nicht mag. Und sie gehen auf Minderheiten los, die ohnehin schon in der Kritik stehen bei manchen Bürgern. Vorurteile lösen Wut aus. Aus der Politikwissenschaft wissen wir, dass Wut Menschen aktiviert. Politische Inserate auf Facebook werden doppelt so oft geklickt wie neutrale, wenn sie Wut auslösen. Und dann kommt der Algorithmus, bei dem die Zahl der Interaktionen eines der wichtigsten Kriterien ist. Also bekommt der Wutauslöser eine hohe Reichweite. Wissenschaftliche Tests dazu fehlen bisher, aber der Verdacht liegt nahe, dass Facebook wutauslösende Inhalte technisch begünstigt.

Auch vieles im klassischen Journalismus funktioniert gut, weil es Wut auslöst.
Brodnig: Nicht alles, was Wut auslöst, ist falsch. Meinungsgetriebener, wutmachender Boulevardjournalismus ist oft derb, aber nicht verboten. Konsens besteht wenigstens darin, dass wir nicht mit Falschmeldungen arbeiten sollen.

Am wenigsten Wut lösen Eigentumsverhältnisse aus. Dass Einzelne astronomisch reich sind und machen können, was sie wollen. Warum?
Brodnig: Viele Österreicher haben mehr Angst vor einem Flüchtling, der ihnen etwas wegnehmen könnte, als vor Reichen, die keine Steuern zahlen. Die Publizistin Ulrike Hermann beschreibt den Effekt, dass gerade die Mittelschicht sich selbst belügt: Viele Menschen hoffen, eines Tages auch reich zu sein – und für diesen Fall soll es kaum Steuern für Reiche geben. Dieser Aufstieg wird zwar kaum jemandem passieren, aber das macht es leichter, den Flüchtling als Gefahr wahrzunehmen als den Multimillionär, der Steuern vermeidet und deshalb den Sozialstaat gefährdet. Die Steuerproblematik betrifft ja nicht nur Silicon Valley, sondern nahezu alle multinationalen Konzerne. Da sieht man die Schwäche der EU, die hier nicht geschlossen auftritt, wenn einzelne Staaten versuchen, sich die Rosinen herauszupicken.

Da hast du eine wichtige Aufgabe als Champion!
Brodnig: Ich weiß nicht, ob das genau in meine Kompetenz fällt, aber ich werde mich bemühen.

Armin Thurnher in Falter 32/2017 vom 11.08.2017 (S. 20)


Boris wollte mich verbrennen

„Kann den wer anzünden bitte?“, schrieb Boris auf einer FPÖ-Facebook-Seite. Er meinte mich. Ich fuhr zu ihm und lernte, wie heute Politik und Propaganda funktionieren

Es gab Linsensuppe und Erdoğan hielt irgendeine nationalistische Ansprache. Ich löffelte die Suppe in einem türkischen Beisl in Ottakring und blickte zu den Männern am Nebentisch, denn Frauen waren keine da. Die Männer schauten zu einem Bildschirm hinauf und von dort sprach ihr Präsident herunter.
Neben dem Linsensuppenteller lag mein Smartphone. Weil mir langweilig war, twitterte ich einen schnellen Gedanken: „Der ORF sollte die Nachrichten optional mit türkischen Untertiteln senden.“ Die Männer hier, so meine Idee, könnten dann auch hiesige Erdoğan-kritische Nachrichten verstehen. Und vielleicht, so meine Hoffnung, lernen sie dabei auch ein bisschen Deutsch. Die BBC hat ähnliche Dienste im Angebot.
Der Gedanke war etwas einfältig, aber ich fand ihn in dieser Sekunde nicht provokant, im Gegenteil. Auf Twitter warnte mich jemand kurz darauf: „Wie lange wird es dauern, bis es dieser Tweet auf die FB-Seite von Strache schafft?“
Ich wischte den Teller mit dem Fladenbrot aus, zahlte und spazierte wieder nach Hause. Schon war es so weit.

Als ich ein paar Stunden später meine Face­book-Timeline checkte, staunte ich. Linke Sau! Dreckskerl! Bolschewik! Schwein! Größtes Arschloch von Österreich! So nannten mich Menschen, die ich nicht kannte und die ihre Identität nicht anonymisierten.
Es waren nicht nur Männer, auch Hausfrauen, Managerinnen und Mädchen, die bei H&M arbeiten. Den Grund für ihren Zorn fand ich schnell heraus. Nicht „Bürgerkanzler“ Strache, sondern Johann Gudenus, sein Wiener Stadtrat, stellte meinen Tweet in seine Auslage. Darunter höhnte er: „Der Herr Klenk vom Falter .... immer für einen Quatsch zu haben. Vielleicht arbeitet er ja optional für den kranken Mann am Bosporus.“
Gudenus hatte meine Aussage inhaltlich ins Gegenteil verkehrt. Der Gabelstapel­fahrer Helmut A. schrieb nun: „Den Klenk könnte man ja mal in ein arabisches Strafgefangenenlager stecken und dort optional von psychisch gestörten Einzelfällen, Einzeltätern vergewaltigen lassen. Und den Rest geb ich ihm dann.“
Und dann war da noch Boris. Der schrieb: „Kann den wer anzünden bitte?“ Er meinte mich.
Anzünden? Diese Fantasie war mir unheimlich, ja sie ging mir nahe. Ich stellte das Posting und Boris zu meinem Schutz öffentlich auf meine Wall. Es war spät und in meinem Kopf tauchten Bilder jener Menschen auf, die andere anzünden. Der Ku-Klux-Klan, der Mob von Mölln, die IS-Kämpfer. Ich stellte mir Fragen: Was macht Boris so aggressiv? Ist er gefährlich? Ich schickte seine Aufforderung auch an die Staatsanwaltschaft. Schon am nächsten Tag meldete sich der Verfassungsschutz. Ein Beamter bat mich zum Verhör und sagte bei der Protokollaufnahme, er nehme solche Postings ernst, die Leute wüssten nicht, dass sie hier öffentlich agierten.
Ich tauchte am Abend der Bedrohung in Boris’ Facebook-Profil ein und staunte. Da präsentierte sich ein durchtrainierter Bursche um die 30, einer dieser etwas eitlen Männer vom Land. Ich scrollte durch seine Timeline und verlor mich eine Stunde in seinem richtigen Leben und in seinen Fantasien.
Stolz zeigt er zum Beispiel Fotos seiner gelungenen Karriere. Da ist das Einfamilienhaus mit Wintergarten, das er selbst renoviert hat. Davor liegt der gepflegte Pool, dahinter das Abendrot. Ein schwarzer VW mit Ledersitzen parkt vor dem Idyll.
Boris postete mehrmals, dass er sich von einem Tischler ein Wohnzimmer hat desig­nen lassen, mit Heimkino und schicken Möbeln. Und auf einem Bild sieht man ihn mit seinem Baby. Er hält es hoch, er scheint ein liebevoller Vater zu sein, seine Frau sieht sympathisch aus, sie trägt Dirndl. In der Freizeit lässt er mit seinen Kumpels Modellflugzeuge steigen.
Boris, so kann ich seinem öffentlichen Facebook-Profil entnehmen, ist keiner dieser „Modernisierungsverlierer“, die wir Journalisten uns manchmal als FPÖ-Wähler herbeifantasieren. Im Gegenteil: Er repräsentiert die ländliche Oberschicht, die vieles erreicht hat.

Ich scrolle weiter, ich entdecke in seiner Timeline eine ungewöhnliche Karikatur. Man sieht das Foto eines Kamels namens „Küsül“: Das Tier, so die Bildunterschrift, sei „seit zwei Jahren nicht mehr sexuell belästigt worden“. Küsül sagt: „Ganz schön ruhig hier, seitdem alle in Deutschland sind!“ Dieses „Meme“, wie man solche Pam­phlete nennt, wurde hunderttausende Male auf Facebook geteilt. Es sollte wohl ausdrücken, dass Flüchtlinge früher Kamele vergewaltigten und jetzt „unsere“ Frauen. Facebook verbietet solche Hetzschriften nicht, im Gegenteil. Die Verbreitung führt zu monetarisierbaren Klicks. Hätte Boris nackte Nippel geteilt, wären sie von Facebook gelöscht worden.
Boris postete einige solcher Memes. Eines enthält fünf Fotos. Das erste Bild zeigt eine mit Stacheldraht gesicherte Grenze und Soldaten. Bildtext: „Ungarn Sommer 2015“. Das zweite Foto zeigt feiernde Menschen. Bildtext: „Ungarn Silvester 2015“. Dem stehen das dritte und vierte Foto gegenüber. Es zeigt junge Mädchen mit einem „Re­fugees Welcome!“-Schild: Deutschland Sommer 2015. Dann sieht man zwei junge Araber, die ein blondes Mädchen an den Haaren reißen: „Deutschland Silvester 2015.“ Das fünfte Bild zeigt Ungarns Premier Victor Orbán. Er lächelt: „Noch Fragen?“
Dann entdecke ich noch ein Posting, Diesmal mit einem Video. „Scheiss Bimbos! Sollten sich lieber gegenseitig im Urwald totknüppeln!“, schrieb Boris darüber. Darunter verlinkte er ein Filmchen, das ein Onlineportal namens Wochenblick teilte. Wochenblick wird vermutlich von der FPÖ mitfinanziert, das Medium streut immer wieder rechte Memes und Verschwörungstheorien in die Welt. Strache greift solche Berichte auf und teilt sie auf seiner Seite. Dort erreicht er damit über 430.000 Fans, die sich dann zur Meute formieren. Den Hass der Meute lässt er stunden-, wenn nicht sogar tagelang stehen. Das Video, das Boris so aufwühlte, kann man erst sehen, wenn man eine „Warnung“ vor dem Inhalt weggeklickt hat.
Ich sehe nun drei dunkelhäutige Männer und einen Hund. Irgendwer hat den Hund in eine Soldatenuniform gesteckt und an den Hinterbeinen an einem Seil hochgezogen. Die Männer prügeln den Hund. Sein Winseln irritiert sie nicht. Die Männer schlagen wie von Sinnen auf das Tier ein. Am Ende humpelt der Köter davon.
Das Video steht neben dem Kamel Küsül, den feiernden Ungarn, neben dem lachenden Orbán und einer Heute-Schlagzeile, die Boris mit den Worten „Stinksauer“ teilte. Die Heute-Schlagzeile besagt: „Asylkosten steigen auf 2 Milliarden Euro!“ Ich klappe den Laptop zu.

Soziologen nennen das, was auf Boris’ Facebook-Seite passiert, eine „diskursive Verknüpfung“. Asylwerber aus Syrien, der gequälte Hund, die Sexualstraftäter aus Köln, die bedrängten Frauen, Kamel Küsül und Orbáns Soldaten: Das verschmilzt zu einem „Narrativ“, zu einer größeren Erzählung. Sie handelt vom absoluten Kontrollverlust gegenüber dem angeblich primitiven und brutalen Fremden, der unsere Frauen schänden will.
Es ist eine hässliche Fantasie, die Boris ergriffen hat. Die Schriftstellerin Carolin Emcke schreibt in ihrem soeben erschienenen Buch „Gegen den Hass“ über die Struktur rechter Facebook-Portale: Es fehle dort „alles Spielerische, übrigens auch alles Zufällige“. Das zentrale Thema dieser Seiten sei der „angebliche Austausch der Bevölkerung, die von oben gesteuerte Vertreibung des eigenen Volkes durch alles, was als fremd bezeichnet wird“. Der Bürgerkrieg sei „das zugleich gefürchtete wie herbeigesehnte Szenario, das sich als Motiv, wie ein basso continuo durch diese Gedankenwelt zieht“. Eine apokalyptische Erzählung werde da immer wieder wiederholt. Vom „Counter-Jihad“ spricht auch der Radikalisierungsforscher Peter R. Neumann und betont, dass die Welt der Dschihadisten und der „kulturellen Nationalisten“ nur zwei Seiten derselben Medaille seien. Beide wittern Feinde von außen und Verräter von innen. Die Horden von außen und die naiven „Gutmenschen“ von innen. Die Ungläubigen von außen, die Abgefallenen von innen.
Als ich das Handy am nächsten Morgen aufdrehe, brummt es. Boris hat mir ein E-Mail geschrieben. Er hat offenbar gemerkt, dass ich ihn mit seinem Gewaltaufruf an meinen Pranger stellte. Er schreibt: „Sehr geehrter Hr. Klenk! Ich möchte mich hiermit in aller Form für diese zugegebenermaßen unangebrachte verbale Entgleisung bei Ihnen entschuldigen. Es war bestimmt nicht als Aufruf zur Gewalt gemeint, sondern sollte eher meinen Unmut über aktuelle politische und auch mediale Ereignisse erläutern.“
Ich antworte: „Wieso hat Sie mein Vorschlag mit den türkischen Untertiteln so aufgeregt? Das wäre doch eine gute Möglichkeit, dass Türken nicht nur Erdoğan-TV schauen“. Er schreibt: „Weil ich nicht weiter darüber nachgedacht habe.(...). Dass sie dann nicht mehr Erdoğan-TV schauen müssten, so weit hat mein Blick in dem Moment nicht gereicht.“

Ich will Boris kennenlernen. Ich schreibe ihm, dass er mich nun treffen müsse, wenn er schon das Maul so weit aufreiße. Ich nehme den Zug Richtung Oberösterreich. In einem kleinen Industriestädtchen, das hier nicht genannt sein soll, steige ich aus. Als ich den Bahnhof verlasse, sehe ich schon den schwarzen VW. Die Ledersitze kenne ich aus Facebook.
Boris tritt mir entgegen, er trägt eine schwarze Sportjacke, ein enges T-Shirt. Er ist ein durchaus sympathisch wirkender Bursche. „Guten Tag, mein Mörder!“, sage ich und er lächelt etwas unsicher. Ich setze mich in den Wagen, wir rollen los, der Mann, der mich anzünden wollte, und ich. Wir fahren in ein Wirtshaus. „Gibt es hier viele Flüchtlinge?“, frage ich. „Nein“, sagt Boris, „nicht dass ich wüsste.“ Nur ein paar unbegleitete Minderjährige. Die habe er einmal besucht. Alles sei harmlos. Es ist seltsam, diesem Mann, den ich gerade noch angezeigt habe, gegenüberzusitzen.
Schon bei der Fahrt erzählt Boris über sein geordnetes bürgerliches Leben. Er sei EDV-Techniker, habe immer gute Jobs gehabt, gut verdient. Nun avanciere er zum Juniorpartner eines mittelständischen Unternehmens, das einen Millionenumsatz in der Autozulieferindustrie erwirtschafte.
Der Betrieb, so seine Bedingung für das Treffen, soll hier nicht identifizierbar sein. Aber so viel darf man verraten: Er ist einer dieser erfolgreichen Familienbetriebe, die es ohne Globalisierung nicht geben würde. Und er lebt nicht zuletzt von türkischen Gastarbeitern.
Boris erzählt: „In unserer Firma arbeiten zwei Serben, vier Türken. Sie sind besonders fleißig. Manche wollen sogar am Wochenende arbeiten.“ Einige der Türken seien sehr gläubig. „Wenn sie im Sommer fasten müssen wegen des Ramadans, dann dürfen sie früher mit der Schicht beginnen.“ Weil es heiß werde in der Fabrik und weil sie sonst, wie man ihm erzählt habe, „200 Euro Strafe an die Moschee zahlen müssen, wenn sie untertags ein Glas Wasser trinken“. Man nehme Rücksicht auf die Mitarbeiter und ihre religiösen Gefühle.
Ich schaue aus dem Fenster des Wagens. Eine mit Werkshallen und Tankstellen verschandelte Landschaft zieht draußen vorbei. Hofer-Plakate. Kaum Van der Bellen.
Ich frage mich, ob Boris’ türkische Angestellte das Kamel Küsül kennen. Und mir fällt eines seiner Postings ein. „Jeder zweite Türke will Koffer packen!“, stand da im Wochenblick geschrieben. Viele Türken würden an die Heimkehr denken. Boris teilte die Schlagzeile mit den Worten: „Puh ... was machen wir denn dann mit den ganzen eingesparten Milliarden aus dem Sozial­system und den leeren Gefängnissen?“

Wir betreten das Wirtshaus, bestellen Suppe. Ich esse Wildschweinbraten mit dicker Sauce. „Wieso“, frage ich und teile meinen Leberknödel auseinander, „wieso wollten sich mich vergangene Woche eigentlich anzünden?“
Boris schlürft eine Frittate und bläst die Suppe kühl. Er sagt, er wisse es auch nicht mehr. Er habe am Abend Besuch gehabt, der Schwager sei da gewesen, man sei zusammengesessen, nach draußen zum Rauchen gegangen, und weil er nicht mehr rauche, habe er halt seine Timeline gecheckt. Da sei es offenbar wieder einmal passiert. „Ich hab gelesen, was Gudenus schrieb, und mir gedacht: ‚Was für ein Unsinn! Der Türke braucht ja gar nicht mehr Deutsch lernen. Dann hat er ja da seine Türkei!‘“
„Sie nehmen doch auch Rücksicht auf Türken“, entgegne ich. „Sie nehmen sogar Rücksicht auf islamische Riten!“ „Ja“, sagt Boris, „aber wenn sich einer deppert aufführt, dem sag ich auf Wiederschaun. Anders als euer Häupl. Ich hab die Kontrolle.“
Boris ist 33 Jahre alt, verheiratet, seine Frau erwartet ihr zweites Kind. Er präsentiert sich hier im Gasthaus ganz anders als im Netz: Er ist kein einfältiger rassistischer Provinzler, er spricht erstaunlich artikuliert und wirkt politisch interessiert. Er stellt die richtigen Fragen. Er hat, wie er erzählt, noch nie eine Zeitung abonniert. Seine Generation, sagt er, lese keine Zeitungen mehr. Er schaue auch kaum TV-Nachrichten. Nur wenn zufällig eine Zeitung vor ihm liege, blättere er darin herum. Journalisten, so erklärt er, würden ja doch nur das schreiben, was die Chefredakteure erlauben.

Politik war in seiner Familie nie Thema – zumindest nicht bis zum vergangenen Jahr. Dann rollte die Flüchtlingswelle, die Grenzen waren auf einmal offen, die Politiker gaben sich machtlos. Boris wunderte sich. Wieso war das möglich? Wurde das gesteuert? Von oben angeordnet? Oder ist es einfach passiert? „Vielleicht sollte man sich einmal mit dem Thema beschäftigten?“, sagte er zu sich.
Anstatt den Fernseher aufzudrehen, surfte er auf Youtube herum. Vom Fernsehen fühlt er sich manipuliert. „Warum werden in der ARD die Russen kritisiert, wenn sie Aleppo bombardieren? Und wieso werden im ZDF die Franzosen gelobt, wenn sie Mossul angreifen?“, fragt er. In beiden Städten regiere doch der Islamische Staat. Die­selbe Frage stellte ein Kommentator im Spiegel. Doch den liest Boris nicht.
Boris vertraut den Journalisten nicht mehr, die Nachrichten für ihn filtern, kommentieren und gewichten. Das mache er lieber selbst bzw. der Algorithmus von Google und Facebook. „Ich habe auf Youtube viele neue Meinungen gehört, von Journalisten und spannenden Autoren“, sagt Boris. Er fühlte sich ehrlich informiert. Und war doch immer mehr verloren.
Er begann jene Personen zu „abonnieren“, die für ihn am überzeugendsten klangen, vielleicht auch nur, weil sie die lautesten waren. Und die wiederum filterten und kommentierten nun für ihn die Welt. Dirk Müller etwa, ein Finanzguru, der auf seinem Youtube-Kanal gerne Verschwörungstheorien verbreitet. Thilo Sarrazin. Oder eben die FPÖ-Politiker Johann Gudenus oder Heinz-Christian Strache, der im Netz seit einiger Zeit von „meinem Volk“ spricht.
Boris, aber auch Strache, so würden es Internetforscher formulieren, richten sich eine „Echokammer“ ein. Um sie herum verdichtet sich die „Filterblase“. Der Internet­aktivist Eli Pariser hat diesen Begriff geprägt und dem Phänomen ein ganzes Buch gewidmet. Pariser glaubt, dass Facebook und Google algorithmisch vorauszusagen versuchen, welche Informationen Boris lesen möchte. Daraus resultiere eine Blockade gegenüber Informationen, die dem Standpunkt des Benutzers widersprechen. Er würde sie ja doch nicht anklicken. Dahinter stecke kapitalistisches Kalkül: Nur der Klick sei monetarisierbar.
In der realen Welt wird Boris immer unzufriedener: „Wieso zahle ich jeden Monat 2500 Euro Steuern? Wieso gehe ich seit der Schulzeit arbeiten, wenn andere das Geld einfach so bekommen?“ „Ja“, sagt er, „ich will, dass jenen geholfen wird, denen geholfen gehört. Aber man muss doch differenzieren, zwischen Flüchtlingen und Mig­ranten. Wieso tut das keiner?“
Wieso also dürfen die Schiffe ablegen? Wieso darf das sein, dass in Köln Marokkaner leben, die dort die Frauen begrapschen und „die linken Gutmenschen“ reden es schön? „Und der Erdoğan“, sagt Boris, „schickt uns doch nur die Pflegefälle und die Ungarn winken sie durch?“ „Es kann mir nicht egal sein, dass diese Leute aus Tschetschenien einfach hierher kommen, Geld und Hilfe kriegen, und unsere kriegen nichts.“
Wir diskutieren zwei Stunden, sehr gesittet. Ich wende ein, dass es auf viele seiner Fragen vernünftige Antworten gebe. Doch diese würden ihn in seiner Echokammer nicht mehr erreichen. Er wiederum sagt, dass wir Journalisten in einer elitären Welt lebten. Und es sei ja wirklich kein Zufall, dass ich seine Memes noch nie in meiner Timeline gehabt hätte.
Boris hört zu. Ich höre zu. Wir reden über den Merkel-Türkei-Plan, über Orbáns vorsätzlich organisiertes Chaos am ungarischen Keleti-Bahnhof, das Tausende in einen Fußmarsch trieb. Ich erzähle ihm, welche menschlichen Dramen meine Kollegin in jener Nacht erlebte. Wir sprechen über tote Journalisten bei Charlie Hebdo und über die „grünen Turboromantiker“, die „Bahnhofsklatscher“, die den Terror nach Ansicht von Boris zu verantworten hätten.
Boris fragt einmal ganz verzweifelt, „wieso sich die Herren Staatenlenker nicht endlich einmal hinsetzen und Frieden machen“. Man müsse Extreme wählen, sagt er, wenn man eine Kurskorrektur wolle.
Es gibt Kaffee. Boris nimmt keinen Nachtisch. Er ist gut trainiert, er achtet auf seinen Körper, wirkt diszipliniert, ganz anders als im Netz. Er sagt, am Tag, als er mich angezündet wissen wollte, sei er über sich selbst erschrocken. Er sei von Kollegen zur Rede gestellt worden. Eine Verwandte habe ihn gefragt, ob er „deppert geworden“ sei. Er habe gespürt, dass ihn das Netz „innerlich radikalisiert“ habe und dass ihn das die wirtschaftliche Existenz kosten könne.

Er hat offenbar begriffen, dass da nicht nur ein Filter über ihn gelegt wurde, der andere Meinungen fernhält. Es ist ihm wohl auch bewusst geworden, dass in ihm drinnen jener Filter weggebrochen sei, einer, der seine Affekte nicht nach außen dringen lässt. Eine „Art Kriegspropaganda“ habe ihn da im Griff gehabt, sagt er selbst. „Aber ich bin sicher, bei den Linken oder bei Islamisten ist das nicht anders.“ Da sehe man eben nur noch die Bilder aus Syrien. Die abgeschnittenen Köpfe der Feinde. Oder die Videos von Neonazis.
Ich weiß nicht, ob ich Boris’ Worten vertraue. Vielleicht mimt er nur den reuigen Sünder. Vielleicht ist er aber wirklich über sich erschrocken, weil er in eine andere Realität abtauchte.

Unsere Gesellschaft wird derzeit gerne „postfaktisch“ genannt. Doch der Begriff, so warnt etwa der Psychiater Patrick Frottier, sei irreführend: „Wir leben im kontrafaktischen Zeitalter.“ Wir leugnen Tatsachen, weil sie uns unsicher machen, weil wir sie nicht mehr verstehen und einordnen können, weil sie unseren tradierten Bildern widersprechen. Wir basteln uns vor allem im Netz eine Welt zusammen, die unsere Meinung stützt.
Ich kenne Frottier seit vielen Jahren. Er untersucht Menschen, die sich radikalisieren. Er erforscht, was Menschen in den Suizid treibt und was sie zu Mördern macht. Ich treffe ihn, um mit ihm über Boris zu sprechen. Ich zeige ihm die Postings. Ich will wissen, ob das, was den Mann da ereilt hat, schon der Beginn einer psychischen Deformation, einer gefährlichen Radikalisierung sein kann.
Frottier zögert mit Ferndiagnosen. Aber er sagt, wenn sich Menschen „ihrer selbst nicht mehr sicher“ seien, wenn sie Angst vor Kontrollverlust hätten, dann seien drei Reaktionsmuster zu beobachten: Weglaufen. Erstarren. Oder eben: der Angriff. Es seien übrigens die Wohlhabenden, jene, die nie Not oder Elend kennengelernt hätten, die sich nun vermehrt bei Pegida und FPÖ wiederfänden. Weil sie Angst vor dem Abstieg und dem Kontrollverlust hätten, eine Erfahrung, die sie nicht kennen.

„Kann den wer anzünden bitte?“ Habe ich verstanden, was Boris dazu trieb, diesen Satz zu schreiben? Vielleicht ist er einfach nur ein Rassist. Das wäre die einfachste Antwort. Vielleicht liegt aber auch ein Phänomen vor, das Psychiater Wolfgang de Boor „Monoperceptose“ nannte. Eine „pathologisch eingeengte Wirklichkeitsauffassung“, die Psychiater sprechen von „überwertigen Ideen“. De Boor hat diese These entwickelt, als er die Ursachen für den RAF-Terror und die linke Sympathie erforschte. Es ist kein Wahn, der Leute wie Boris erfasst, sondern es sind „einseitige Interpretationen der Welt“, eine Einengung. Facebook befeuere dieses Phänomen. Und so wird jeder türkische Untertitel im ORF zur Gefahr, gegen die man sich in der Fantasie mit Feuer wehren muss. Krankhaft ist das alles noch nicht. Wer seine Welt mit Ängsten überfrachtet, könne noch korrigiert werden. Etwa durch das Reden, durch die Konfrontation mit anderen Meinungen.
Boris führt mich zurück zum Bahnhof, wir schweigen. Er posiert für ein Foto. Er wirkt selbstsicher, entschlossen und doch auch verloren. Er bittet mich, seine Geschichte zu anonymisieren. Der Ruf, die Firma, alles könne so schnell zerstört sein.
Versprochen. Er ist ja doch nur einer von vielen.

Florian Klenk in Falter 45/2016 vom 11.11.2016 (S. 10)


In den Echoräumen des Irrsinns

Ingrid Brodnig hat ein instruktives Buch darüber geschrieben, wie es zu all dem Hass im Internet kommt

Kann die Demokratie das Internet überleben? Diese bange Frage drängt sich aufmerksamen Zeitgenossen in den vergangenen Jahren verstärkt auf. Die digitale Kommunikation etabliert Polarisierungen (oder verstärkt sie zumindest), überall wird gerüpelt und gerotzt, der Mob 2.0 schürt Pogromstimmung.
Diejenigen, die den absurdesten Gerüchten aufsitzen, halten sich groteskerweise für besonders gut informiert. Und ganz generell triggert die Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes die Erregung, Gereiztheit und den negativistischen Sensationalismus, da die Horrormeldung immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als die ausgewogene Bedächtigkeit. Schlimmer noch: Nicht nur die Irren erhalten eine Aufmerksamkeit, die sie früher nicht hatten, auch die Nicht-Irren werden in der Onlinekommunikation schnell zu Durchgeknallten. Für nicht wenige Leute gilt: Offline seid ihr ja ganz nett, aber online werdet ihr zu Monstern.
Ingrid Brodnig, vormals Medienredakteurin des Falter, heute bei Profil aktiv, ist spätestens seit ihrem Buch „Der unsichtbare Mensch“ in Österreich „die Expertin“ für die Abartigkeiten im Neuland Internet. In ihrem neuen Buch „Hass im Netz“ beschreibt sie Hetze, Mobbing und Lügen im Netz und gibt Anleitungen zur Frage, „was wir dagegen tun können“.
Sagen wir es vorweg: Es ist ein hervorragendes Buch, das all die Phänomene der Netzkommunikation – vor allem in sozialen Netzwerken und Postingforen – beschreibt, sie zu erklären versucht und diese Erklärungen auch mit Forschungsergebnissen aus der Verhaltenspsychologie unterlegt.
Zugleich liegt es natürlich in der Natur der Sache, dass jeder, der Postings liest, einen Facebook- oder Twitter-Account hat, das alles schon „irgendwie“ weiß. Ein bisschen ist es ein Buch, das Menschen das Internet erklärt, die noch nie im Internet waren und jetzt endlich auch etwas vom Netz erfahren wollen. Aber hören wir auf mit dem Nörgeln, schließlich sind wir hier nicht im Internet!

Algorithmen sind Verstärker
Ausgehend von ihrem ersten Buch unterstreicht Brodnig noch einmal den „Enthemmungseffekt“ im Netz, der tendenziell auf uns alle wirkt: Wir werden grob und äußern Dinge, die wir „kaum jemanden direkt ins Gesicht sagen würden“. Die nonverbale Seite der Kommunikation ist nicht vorhanden, und dass wir unser Gegenüber verletzen, das sehen wir nicht sofort.
Das führt nicht unbedingt dazu, dass wir allesamt zu Sadisten werden, aber dass viele Leute die sadistische Seite menschlicher Existenz rauslassen, während sie das in der realen Welt (angesichts der negativen Sanktionen, die damit verbunden wären) eher unterlassen würden.
Zugleich erhält jede radikale, extreme oder auch nur verschrobene Auffassung im Netz sofort Applaus und damit Bestätigung – selbst zwanzig Irre zwischen Bodensee und Neusiedlersee, die sich normalerweise nie begegnen, können sich so gegenseitig mit ihren Ansichten aufpeitschen. Zustimmung und Bestätigung etabliert in solchen Situationen oft einen fatalen Aufschaukelungszusammenhang.
Im Netz bewegen wir uns ganz bewusst zunehmend in solchen „Echoräumen“, in denen man nur Bestätigung für das erfährt, was man ohnehin schon denkt. Diese Tatsache wird durch Technologie noch bestärkt – etwa mittels Algorithmen der sozialen Netzwerke, die uns primär das zeigen, von dem sie glauben, dass es uns gefällt.
Deswegen spricht Ingrid Brodnig „von einer Mischung aus technischen und menschlichen Faktoren, die die Polarisierung im Internet antreibt: Es sind zum einen Menschen, die bei emotionalen Wortmeldungen eher auf den ‚Gefällt mir‘-Button drücken, aber dann kommt auch noch die Technik in Form vom Algorithmus zum Einsatz, der diese affektiven Äußerungen stärker hervorhebt.“

Ansteckender Hass
Eine beliebte These lautet, dass der Verdruss und der Hass, die ohnehin vorhanden seien, im Internet nur sichtbar würden und diese Sichtbarkeit sogar irgendeine positive Wirkung habe. Brodnig wendet sich entschieden gegen diese These, denn der Hass habe „ansteckende Wirkung“. Menschen, die jeden Tag mit zwanzig Falschmeldungen bombardiert werden, in denen es heißt, dass etwa Flüchtlinge Frauen vergewaltigen, Großmütter vermöbeln oder Kinder essen, verfallen in eine Stimmung, die sie nicht so ohne weiteres „vorher auch hatten“.
Brodnig beginnt ihr Buch mit der ­Anekdote eines Gesprächs mit einer ­sogenannten „besorgten Bürgerin“, die sich vor einigen Jahren überhaupt noch nicht für Politik interessiert hat und sich jetzt aber nur mehr auf den Pseudomedien von Pegida, Anti-Islam-Blogs und ähnlichen Seiten herumtreibt. Ihr Hass wird nicht bloß „sichtbar“, es gäbe ihn ohne das Desinformationsbombardement im Internet schlichtweg nicht.
Trotz allem glaubt Brodnig, dass die Netzkultur zivilisierbar ist. Bleibe sachlich, vergelte Hass mit Höflichkeit, und wenn das nicht wirkt, zeige die Verhetzer an – diese und viele andere Ratschläge erteilt sie in den Schlusskapiteln.
An einer Stelle zitiert sie die deutsche TV-Moderatorin Dunja Hayali mit der Frage: „Glaubt eigentlich irgendjemand, dass das irgendetwas bringt, dieser ganze Hass?“ Der Subtext der Frage ist natürlich: Kein vernünftiger Mensch kann so etwas glauben.
Ich fürchte, dass die Frage damit nicht erledigt ist. Denn das Verstörende ist: Ja, es glaubt natürlich irgendjemand, dass dieser Hass etwas bringt. Und es sind nicht wenige. Und die technikbasierte Struktur der Netzkommunikation begünstigt es nicht gerade, ihnen mit dem Hinweis auf die Vernunft beizukommen.

Robert Misik in Falter 16/2016 vom 22.04.2016 (S. 21)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783710600357
Erscheinungsdatum 18.04.2016
Umfang 232 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Taschenbuch
Verlag Brandstätter Verlag
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