Übermacht im Netz

Warum wir für ein gerechtes Internet kämpfen müssen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Im Internet geben große Plattformen den Ton an. Rasant steuern wir auf eine Zukunft zu, in der die Bürger ohnmächtig sind. Unternehmen wie Facebook, Google und Amazon häufen enormen Reichtum an – und zahlen so gut wie keine Steuern. Im Eiltempo arbeiten diese digitalen Riesen an einem Umbau der Gesellschaft: Ganze Branchen werden „disruptiert“ und durch billigere Arbeitskräfte, Software und Roboter ersetzt. Der Mensch wird zur gewinnbringenden Datenquelle reduziert. Doch wir können uns wehren! Ingrid Brodnig hat Schauplätze des digitalen Wandels – von Amazons Lagerhallen bis zum Silicon Valley – besucht und liefert einen flammenden Appell für einen Neustart im Netz. Ihr Buch hilft jedem einzelnen, unfaire Mechanismen des Digitalzeitalters zu durchschauen. Und es liefert konkrete Empfehlungen, wie wir auch online Bürgerrechte verteidigen können. Höchste Zeit, ein gerechtes Internet einzufordern!

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FALTER-Rezension

Die digitale Welt und der Wille zur Kritik

Medien: Drei neue Bücher zeichnen die Abgründe von Big Data, rufen zum Widerstand oder geben sich abgeklärt

Der erste Lack ist ab. Das ist als Bemerkung über den Zustand der digitalen Gesellschaft trivial. Der Autor erinnert sich aber nur zu gut an die (natürlich digitale) Haue, die er erhielt, als er wagte, die Digitalisierung nicht nur als Segen zu betrachten.

Nein, weder das World Wide Web noch die digitalisierte Gesellschaft sind Orte von unreflektierten, technooptimistischen ­Hoffnungen. Nur unsere Politiker blöken noch blöde Slogans wie „Digitalisiert euch!“ und haben dabei nur im Sinn, die Volksschulen Microsoft zu übereignen. Vielleicht ist das ja wirklich besser als die Vermittlung von Grundfähigkeiten wie Lesen und Denken, statt der Kronen Zeitung, Österreich und Heute Smartphones und You-
tube zu überlassen.

Jedenfalls ist der zukunftsgläubige Ton in der Publizistik über Digitales längst verflogen. Drei Bücher zum Thema zeigen uns drei Sprechweisen, jede auf ihre Weise interessant, manche auch faszinierend. Und am Ende, das sei gleich vorweggenommen, gibt keine der Varianten ihren Optimismus auf. Schließlich, auch das ist nicht ganz ohne Bedeutung, handelt es sich in allen Fällen um Bücher, selbst wenn sie als E-Books gelesen wurden.

Die Journalistin Ingrid Brodnig wählt den skeptischen Ton. Sie hat sich von der zukunftsgläubigen Apologetin, die überzeugt war, dass „wir Menschen das Internet auf eine Weise nutzen werden, die uns alle bereichert“, zu einer Kritikerin gewandelt. Ihre Buchserie über „Lügen im Netz“ und „Hass im Netz“ setzt sie nun mit „Übermacht im Netz“ fort. Sie zeigt Schritt für Schritt, wie die Utopie zur Dystopie wurde, wie das digitale Wesen nicht nur dazu dient, unser Leben zu erleichtern, sondern die Verhältnisse verschärfen kann.

Digitale Diagnosen in der Medizin könnten Ärzten helfen, besser zu diagnostizieren und mehr Zeit für ihre Patienten zu haben. Tatsächlich wird die Zeit dafür kürzer, die Taktfrequenz höher – mit einem Wort: „Die Gefahr ist nicht so sehr, dass wir neben Robotern arbeiten müssen, sondern dass wir wie Roboter arbeiten müssen.“ Brodnig zeigt, wie Maschinen irren, wie diese Irrtümer unser Leben beeinflussen, von entgleisender, objektiv rassistischer Gesichtserkennungssoftware bis zu maschinellen Entscheidungen, ob wir einen Kredit erhalten, auf Bewährung entlassen werden oder im Gefängnis sitzen müssen.

Und das alles aufgrund mangelnder Transparenz. Wir wissen wenig über digitale Machtverhältnisse, über die Funktionsweise von Algorithmen. Strafen allein helfen da nichts, Brodnig berichtet, dass der Aktienkurs von Facebook nach einer Fünf-Milliarden-Dollar-Buße der Wettbewerbsbehörde FTC sogar stieg. Die Forderungen der Autorin erinnern an jene der bürgerlichen Revolte gegen den Adel. Bürger, fordert Einblick! Steht auf gegen die übermächtigen Riesen, die sich bereits mit Regierungen vergleichen (Facebook-Chef Zuckerberg tat das), aber längst mächtiger sind als diese. Schafft Öffentlichkeit!

Der britische Künstler und Journalist James Bridle hingegen ruft in seinem Buch „New Dark Age“ nichts weniger als „das Ende der Zukunft“ aus. Kämpft Brodnig um bürgerliche Freiheiten, evoziert Bridle ein Zeitalter der Unvernunft, historisch angesiedelt nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs, lange vor jeder Aufklärung. Bridle hat – für einen Künstler wenig überraschend – einen Zug zum frappierenden Bild. Die dunkle Wolke, die Cloud, dekliniert er in vielfacher Weise durch; etwa wenn er den Kunsthistoriker John Ruskin zitiert und dessen Beschreibung der neuen bösen Art von Wolke, die uns die industrielle Revolution brachte. Oder wenn er verhandelt, wie Kondensstreifen von Flugzeugen und ihre reale Wirkung auf das Wetter sich vermischen mit den Mythen von Chemtrails, die nicht mehr aus der digitalen Sphäre zu verscheuchen sind. Das geht oft gut, manchmal auch schief (wenn er Fotos der aufbrechenden Tundra neben solchen von Hirnen mit Creutzfeld-Jakob-Krankheit stellt).

Bridles Punkt: Computational thinking ist das Problem. Systeme helfen nicht, wir müssen die Geschichte von Systemen erkunden, wissen, wer sie wozu kontrolliert, und abwägen, wo sie hinführen können. Die Aufforderung, Programmieren zu lernen, ist hilflos. Sie hilft so viel, sagt Bridle, wie es hilft, einen Abfluss zu installieren, um Probleme des Grundwassers und der politischen Geografie zu verstehen.

Wir lassen uns mit einfachen Metaphern abspeisen. Wir entsorgen im Bild der Wolke die Tatsache, dass wir wenig über dieses komplexe System aus Leitungen, Satelliten und riesigen Lagerhallen voller Computer wissen – eine anonyme Industrie über unseren Häuptern, die zu regulieren wir nicht imstande oder willens sind.

Das alles schildert Bridle ziemlich brilliant mit literarischen Verweisen und originellen Analogien. Immer wieder führt er auf das zentrale Paradox zurück: Mehr Daten, weniger Vernunft. „Je obsessiver wir versuchen, die Welt zu berechnen, desto komplexer und unbegreiflicher erscheint sie.“ Die Vervielfachung der Daten in der medizinischen Forschung habe in den letzten Jahren nicht zu mehr, sondern zu weniger angemeldeten Medikamenten geführt. Riesiges aufklärerisches Potenzial wird zur Verdunkelung benutzt. Mit technischen Mitteln schreiten wir immer weiter fort zu mehr und künstlicher Intelligenz, bringen uns aber zugleich um den Verstand – buchstäblich. Höherer CO2-Gehalt reduziert nämlich die Denkfähigkeit des Menschen, kurz „das Nachdenken über den Klimawandel wird durch den Klimawandel selbst eingeschränkt, so wie Kommunikationsnetzwerke durch den aufweichenden Boden untergraben werden“. Das Netzwerk des Internet wird dazu missbraucht, die Krise zu beschleunigen. Wie etwas Noumenales, ein dunkles, undeutliches Verstandeswesen, wie eine Wolke schwebt es über uns.

Helles Licht der Aufklärung strahlt hingegen aus dem eleganten Buch des deutschen Soziologen Armin Nassehi. Oder sollte man sagen: der Abklärung? Seine These ist einfach und wird doch einigermaßen komplex vorgetragen. Die digitale Gesellschaft ist nichts strukturell Neues, sie stellt nur eine durch Big Data erweiterte technische Zuspitzung der Moderne dar. Nassehi ist als Schüler des Soziologen Niklas Luhmann Systemtheoretiker. Nicht sehr überraschend definiert er Gesellschaft so: Soziale Systeme lassen sich „nur als kybernetische, also sich selbst in je gegenwärtigen Akten steuernde Systeme beschreiben, die Strukturen dadurch ausbilden, dass Prozesse selektiv werden: sich also bewähren und damit verstetigen“. Was bei Luhmann nervte, nämlich dass sich seine Theorie nur in Beschreibung erschöpfte, wird bei Nassehi phasenweise doch durch Wertungen abgemildert, durch eine „normative Komponente … nämlich mitzudenken, was die Alternative wäre“.

Man hat Nassehi vorgeworfen, er habe eine Apologie von Big Data geschrieben. Das stimmt nur, wenn man ihn auch als Apologeten des Kapitalismus versteht, und dazu bietet er keinen Anlass. Vielmehr ist seine These, die Schwäche des modernen Kapitalismus sei gewesen, dass sich seine Institutionen nur arrangiert hätten, er aber als optionsversessenes System weder „interne Stoppregeln“ noch „externe Kontrollmechanismen“ kenne.

Der digitale Plattformkapitalismus ist dann nur die konsequente, codegestützte Ausnützung dieses Tatbestands. Codierte Systeme kennen weder Selbstbeschränkung, also „Verzicht auf Optionen“, noch haben sie einen Hang „zu völliger Transparenz der eigenen Logik“. Kapitalisten wären blöd, würden sie bestehende Freiräume nicht nutzen. „Wenn man es genau nimmt, hat sich alles geändert, und es bleibt doch alles beim Alten“, sagt Nassehi. Zweiter Lehrsatz der soziologischen Publizistik: Der Wille zur Kritik nimmt mit dem Grad der Komplexität von Beschreibung ab.

Armin Thurnher in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 39)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783710603662
Erscheinungsdatum 16.09.2019
Umfang 208 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Brandstätter Verlag
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