Ich muss raus

Autobiografie
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Von der verhassten Tanzstunde im Rock über den Versuch, so wie alle für den tollen Typen zu schwärmen, vom Sexismus in der Schauspielbranche über das private und das öffentliche Outing, vom Festgelegt-Werden auf die Tatort-Figur bis zur Frage, wer denn die Drehbücher für Frauenfiguren schreibt: Offenherzig, direkt und humorvoll erzählt Ulrike Folkerts von ihrem Kampf gegen innere und gegen äußere Widerstände.
Die beliebteste und längstdienende Tatort-Kommissarin hat in der Rolle der toughen Ermittlerin Lena Odenthal das Frauenbild im deutschen TV-Krimi revolutioniert. Doch bis sie ihre eigene Rolle im Leben gefunden hat, war es ein längerer und härterer Weg.
Ihre Erfahrungen als prominente Frau in der Filmbranche, als lesbische Frau, als kinderlose Frau, als älter werdende Frau spiegeln wider, was viele Frauen erleben. Um aus vorgesehenen Rollen auszubrechen, braucht es Kraft. Folkerts gibt uns den Mut, auch unseren eigenen Weg zu gehen.
In Zusammenarbeit mit Heike Vowinkel!

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FALTER-Rezension

„Ich hab das komplett unterschätzt“

Die meisten kennen Ulrike Folkerts als Lena Odenthal, längstdienende „Tatort“-Kommissarin. Und als eine der wenigen Schauspielerinnen, die sich als homosexuell geoutet haben. In ihrem neuen Buch erzählt sie über Sexismus in der Medienbranche und was #MeToo verändert hat – und was noch nicht.

Falter: Frau Folkerts, Sie haben bei der Anti-Corona-Künstlerinitiative #allesdichtmachen mitgemacht und dann zurückgezogen und sich entschuldigt. Warum funktioniert Satire und Zuspitzung nicht mehr beim Thema Corona?

Ulrike Folkerts: Vorweg: Ich habe das komplett unterschätzt. Ich fand #allesdichtmachen eine super Idee von Menschen, die ich weder der Querdenker- noch der AfD-Bewegung zuordne. Wir wollten ein Gespräch in Gang bringen, wie man den Kulturbereich langsam wieder öffnen könnte, wenn man die richtigen Konzepte findet. Die Form war komplett falsch. Corona und ­Satire: Das passt nicht. Es ist völlig nach hinten losgegangen. Die falschen Menschen haben uns beklatscht. Wir haben nicht die erreicht, die wir eigentlich kritisieren wollten: unsere eigene Regierung. Ich habe mich wahnsinnig erschreckt, ich kannte das ­Phänomen des Shitstorms auch nicht. Deswegen habe ich mich entschlossen, mein Video zurückzuziehen und mich zu entschuldigen.

Corona und Satire gehen nicht. Rückblickend, was hätte funktioniert?

Folkerts: Wir hätten 52 Videos drehen sollen, wo wir sagen, was man mit den Corona-Maßnahmen, die es gibt, alles anstellen kann. Zum Beispiel Tai Chi im Park machen mit Sicherheitsabstand. Draußen im Park tanzen mit einer großen Gruppe im Abstand. Autokinos in leeren Parkhäusern. Das ist mir natürlich alles erst im Nachhinein eingefallen.

In Ihrem neuen Buch erzählen Sie, wie schwer es immer noch ist, als lesbische Frau gute Rollenangebote zu bekommen. Im Jahr 2021, wie kann das sein?

Folkerts: Es hätte sich eigentlich unglaublich viel ändern sollen, müssen, können. Hat es auch, aber nicht unbedingt in meiner Branche. Im Februar gab es die Aktion #actout, mit der 150 lesbische, schwule, bi, trans, queer und nonbinäre Schauspielerinnen aufzeigten, dass sie sich benachteiligt fühlen. Diese jungen Menschen erleben, dass Caster, Besetzer, Agenten sagen: „Es ist besser, wenn du dich nicht outest.“ Die ARD-Verantwortlichen haben daraufhin das Gespräch mit uns gesucht. Sie waren völlig verdattert, dass es tatsächlich immer noch so ist. Und natürlich geht es auch darum, sichtbar zu machen, dass es in Serien und Spielfilmen andere Lebensformen zu erzählen gibt außer Vater, Mutter und zwei Kinder und dass man das normal erzählt und nicht als Problemfilm.

Ist das im deutschen Fernsehen spießiger und verstockter als woanders?

Folkerts: Nennen Sie mir mal amerikanische, italienische, französische, spanische, österreichische Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich geoutet haben? So viele sind es nicht. Es ist ein weltweites Problem. Es ist ja eigentlich auch nicht wichtig. Niemand muss thematisieren, warum er so oder so sexuell orientiert ist. Wir haben ja diesen Beruf gelernt, wir können ja alles spielen. Ich bin ja auch nicht Polizistin gewesen, bevor ich eine Polizistin spiele.

Aus dem Grund ist ihre Paraderolle, die „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal, auch nicht lesbisch, obwohl es ihr ständig unterstellt wird.

Folkerts: Ja, das ist eine Übertragung. Ich war 28 und noch lange nicht geoutet, als ich Odenthal erstmals spielte. Ich dachte, es ist besser, ich rede nicht darüber, weil ich auch diese Sorge hatte, dass mir das schaden könnte. Damals hätte ich das nie gewagt und ich wollte auch nicht, dass diese Figur so nah an mir dran ist. Es ist viel schöner, eine Figur zu spielen, die ein Stück Platz schafft zwischen mir und ihr.

Sie wurden damals auch immer wieder am Set belästigt – von Männern. Nach dem Outing änderte sich das. Hat die #MeToo-Bewegung wirklich viel verändert?

Folkerts: Diese #MeToo-Debatte war nötig, um die Struktur dahinter zu entblättern. Dass es um Machtverhältnisse geht, um Abhängigkeiten. Als ich beim „Tatort“ anfing und der Kollege Rolle und Mensch vermischte und ich so komische Momente erlebte, wo der mit mir anfing zu flirten und Situationen vor der Kamera benutzte, um mich anzufassen, wo er mich nicht anfassen hätte müssen, da war ich schon sehr irritiert. Man bringt das nicht sofort zur Sprache. Erstens war es mir selber peinlich. Ich habe dann angefangen, nein zu sagen, die Situation zu vermeiden, mit diesem Menschen allein in einem Raum zu sein. Aber ich habe nicht das Gespräch gesucht mit Verantwortlichen. Weil der hätte gesagt: Ist doch gar nichts passiert. Die Frage ist immer: Wo fängt es an, ein Übergriff zu sein, wann darf man das thematisieren? Deshalb sind anonyme Anlaufstellen so wichtig.

Wie viel verändert es, wenn die Branche diverser wird?

Folkerts: Es geht immer darum, gewohnte Strukturen aufzubrechen. Ich habe selber erschrocken festgestellt, dass bei meinen über 70 „Tatorten“ nur zehn von Frauen gemacht wurden.

Wie geht es Ihnen damit, wenn in der Bild-Zeitung Missbrauchsvorwürfe gegen den Chefredakteur auftauchen, er dann aber mit einer Frau an seiner Seite als Aufpasserin weitermachen darf?

Folkerts: Ich bin froh, dass ich da nicht arbeite. Das kann ich Ihnen sagen.

Barbara Tóth in Falter 18/2021 vom 07.05.2021 (S. 26)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783710605147
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 12.04.2021
Umfang 208 Seiten
Genre Sachbücher/Musik, Film, Theater/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Brandstätter Verlag
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