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| Themen | Kunst Themen und Techniken Kunstgeschichte |
|---|---|
| ISBN | 9783710609787 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 16.09.2026 |
| Größe | 30.5 x 24.5 cm |
| Verlag | Brandstätter Verlag |
| Übersetzung | Andrea Kunstmann |
| Beiträge von | Natalie Lettner |
| Beiträge von | Philipp Blom, Julia Carrera, Veronika Helfert, Georg Gaugusch, Peter Eigner, Richard Cockett, Steven Beller, Gavin Plumley |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Christian Brandstätter Verlag GmbH & Co KG Wickenburggasse 26 | AT-1080 Wien verantwortung@brandstaetterverlag.com |
Blütezeit und Aufbruchsstimmung um die Wende zum 20. Jahrhundert: Dieses außergewöhnliche Buch in bibliophiler Ausstattung bietet neue, überraschende Perspektiven auf eine ikonische Epoche der Kultur-, Kunst- und Stadtgeschichte Wiens. Herausgegeben vom renommierten Historiker Philipp Blom, schafft Wien. Aufbruch um 1900 ein neues Verständnis des künstlerischen und gesellschaftlichen Lebens der Wiener Moderne – einer Ära, die bis in die Gegenwart strahlt. Die Beiträge von führenden Expert*innen sowie zahlreiche historische Abbildungen und Illustrationen zeichnen eine Stadt der Kontraste, der Neuanfänge und der Netzwerke. Sie laden ein, die kulturelle Avantgarde hinter den bekannten Namen zu entdecken, die weibliche Aufbruchs- und Gestaltungskraft, das Spiel der Leidenschaften, das intellektuelle Ideenlabor und seine Strahlkraft nach außen, aber auch einen zeitgemäß-differenzierten Blick auf Lebensrealitäten und gesellschaftspolitische Strömungen hinter dem Glanz prächtiger Fassaden.
| Themen | Kunst Themen und Techniken Kunstgeschichte |
|---|---|
| ISBN | 9783710609787 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 16.09.2026 |
| Größe | 30.5 x 24.5 cm |
| Verlag | Brandstätter Verlag |
| Übersetzung | Andrea Kunstmann |
| Beiträge von | Natalie Lettner |
| Beiträge von | Philipp Blom, Julia Carrera, Veronika Helfert, Georg Gaugusch, Peter Eigner, Richard Cockett, Steven Beller, Gavin Plumley |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Christian Brandstätter Verlag GmbH & Co KG Wickenburggasse 26 | AT-1080 Wien verantwortung@brandstaetterverlag.com |
Oliver Hochadel in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 42)
Im Jahr 1898 können Mädchen und junge Frauen in der Habsburgermonarchie erstmals die Matura ablegen. 1898 muss ein Großteil der Wiener Haushalte mehr als 20 Prozent des monatlichen Einkommens für die Wohnungsmiete hinblättern. 1898 wird die erste Linie der zunächst dampfbetriebenen Stadtbahn eröffnet (Teile der heutigen U4 und U6).
Auch die erste offizielle Ausstellung der Wiener Secession findet in diesem Jahr statt, und Victor Adler besucht ein Wiesenfest in Favoriten: Ein Foto zeigt den SPÖ-Gründer umringt von Ziegelarbeitern und ihren Familien, deren Elend er in Zeitungsartikeln vehement angeprangert hatte. 1898 publizierte Fotos und kolorierte Postkarten zeigen die prächtige Verkaufshalle von Herzmansky, dem größten Textilkaufhaus der Monarchie (Stiftgasse, mondänes Publikum, beflissene Bedienstete), das im Jahr davor eröffnet worden war. Im selben Jahr gewinnt die in Favoriten geborene Cenzi Flendrovsky mehrere Radrennen in Wien und vertritt die Habsburgermonarchie beim ersten internationalen Damenrennen in Berlin.
In „Wien – Aufbruch um 1900“ ließe sich für wohl jedes Jahr zwischen 1867 und 1914 ein ähnliches Potpourri an Innovationen und Krisenphänomenen zusammenstellen.
Die unvergleichliche kulturelle Blüte der Kaiserstadt in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg ist längst ein fixer Topos. Der US-Historiker Carl Schorske sprach schon 1980 vom Fin-de-Siècle-Wien als „Laboratorium der Moderne“. Auch die urbane Kehrseite, das „andere Wien“ jenseits des Gürtels, die bittere Armut großer Teile der Wiener Bevölkerung in den überfüllten Mietskasernen, wurde in den vergangenen Jahrzehnten vielfach beschrieben.
Der vom in Wien ansässigen deutschen Historiker Philipp Blom herausgegebene Sammelband liest sich wie ein Kaleidoskop. Die zehn Beiträge behandeln etwa die Arbeiterbewegung, Kunst, Sex, Frauenemanzipation, Wissenschaft und jüdisches Leben in Wien. Das Buch versucht, der wohluntersuchten Epoche neue Facetten abzugewinnen. Mithilfe neuer Forschungsansätze soll unser Verständnis des kreativen Wien-Hubs um 1900 vertieft werden. Nur zwei Beispiele: die Netzwerktheorie und die Nähe zwischen Wissenschaft und Kunst.
Zu Ersterem argumentiert der britische Historiker Steven Beller, dass nur der Blick weit über Wien hinaus die Habsburgermetropole angemessen verstehen lässt. Sowohl der Hof als auch das liberale Bürgertum verfügten über weitgespannte internationale Netzwerke. Der Jugendstil etwa wurde so aus Paris importiert und fiel in Wien bekanntlich auf fruchtbaren Boden.
Ein Evergreen in der historischen Forschung ist die Frage, wieso Wiener jüdischer Abstammung eine so immense Bedeutung im Geistes- und Wirtschaftsleben der Stadt hatten. Diese bildungshungrigen Köpfe lebten fast alle in erster und zweiter Generation in Wien und griffen auf ihre meist osteuropäischen Netzwerke zurück. Die jüdischen Großbürger waren deswegen besser informiert, verfügten über beachtliche personelle und materielle Ressourcen und hatten buchstäblich einen weiteren Horizont als die konservativen Milieus Wiens. Sie waren neuen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen und agierten ungleich dynamischer und daher auch erfolgreicher als die Alteingesessenen: in der Industrie, im Bankwesen, aber auch in der Musik. „Gustav Mahler zitierte in seinen Symphonien musikalische Formen aus dem gesamten Gebiet der Habsburgermonarchie“, schreibt Beller. Der Stahlbaron Karl Wittgenstein, Vater des Philosophen Ludwig, spielte als Mäzen aufgrund seiner vielfältigen Kontakte eine zentrale Rolle bei der Internationalisierung von Kunst und Musik in Wien.
Der britische Historiker Richard Cockett verweist auf die enge Verzahnung von wissenschaftlichen und künstlerischen Milieus im Fin-de-Siècle-Wien – an den medizinischen und naturwissenschaftlichen Instituten der Wiener Universität, in den (meist jüdischen) Salons, im literarischen Werk des Dr. med. Arthur Schnitzler, der in seinen Texten einen geradezu klinischen Blick auf die Pathologien der Wiener Gesellschaft warf. Das Palais Lieben-Auspitz (Oppolzergasse) war über Jahrzehnte der Umschlagplatz neuer Ideen. Bei der Schriftstellerin Berta Zuckerkandl (verheiratet mit dem Anatomen Emil Zuckerkandl) gaben sich fast alle großen Künstler und Wissenschaftler Wiens die Klinke in die Hand.
Die Artikel sind gleichermaßen gelehrt wie kurzweilig – und enthalten mehr Bilder als Text. Etwa 350 Abbildungen zieren den fast zwei Kilo schweren Band, was auch den stolzen Preis erklärt: ein Coffee-Table-Book, das man gerne auch nur mal der Illustrationen wegen durchblättert. Viele der Bilder kennt man, etwa von Klimt und Schiele (außer vielleicht die Kinderzeichnung von Eisenbahnen des jungen Egon). Aber in der Mehrheit sind es doch weniger bekannte Abbildungen, die einem Wien um 1900 in seiner verwirrenden Widersprüchlichkeit und urbanen Energie noch einmal ganz anders nahebringen als die klugen Texte.
Vergnügt zeigt sich die bessere Gesellschaft Wiens in ihren Innenstadt-Kaffeehäusern und Restaurants, auf Bällen, am menschenumfluteten Opernring und beim Pferderennen in der Freudenau. Das holzvertäfelte Speisezimmer im Palais Tedesco in der Kärntner Straße bietet einen Einblick in die luxuriöse Innenwelt der Superreichen.
Dazu gesellt sich die flirrende Welt des großstädtischen Konsums: Kaufhäuser und Modegeschäfte, grellbunte Plakate, die touristische Ziele und Bahnfahrten bewerben, die Opern- und Theatergebäude, die das Wiener Architekturbüro Fellner & Helmer in so vielen Städten des Reiches baute, „woraus fast eine Art Prototyp des ‚Habsburgertheaters‘ entstand“ (Steven Beller). Fein illustriert findet sich auch die stilbildende Produktpalette der Wiener Werkstätte – Küchen, Inneneinrichtung, Mode – mit ihrem sozialutopischen Anspruch, die Kunst möge „das Leben – auch den Alltag – mit Schönheit durchdringen“.
Fotos zeigen nicht nur das fertige (und bald berühmte) Postsparkassengebäude von Otto Wagner (Georg-Coch-Platz), sondern auch dessen Baubeginn – eine Erinnerung daran, dass Wien seit Mitte des 19. Jahrhunderts durchgehend eine einzige Baustelle war.
Das visuelle Kontrastprogramm liefert die kritische Sozialfotografie des „Wiens von unten“: Hausierer, Volksküchen, Wärmestuben, Frauen auf Arbeitssuche, das Laufband der Ziegelfabriken am Wienerberg, die Kinderarbeit und immer wieder die Wohnmisere – die Asyle, in denen die Obdachlosen wie Sardinen in Kellern nebeneinander schliefen. Aber auch die sich formierende Arbeiterkultur wird fotografisch eingefangen: das tschechische Gasthaus in Ottakring (um 1900 war ein Viertel der Wiener tschechischer Abstammung!), die Tanzlokale im Prater, die einfachen Kaffeehäuser jenseits des Gürtels, die politischen Kundgebungen.
Die Illustrationen zur Frauenrechtsbewegung um 1900 führen vor Augen, dass diese nicht nur in der Forderung nach dem Wahlrecht bestand. Frauen bei der Turnstunde auf dem Flachdach oder in sogenannten Reformkleidern (weit geschnitten, bequem) stehen für den Widerstand gegen das physisch wie sozial einengende Korsett. Geben Sie Bewegungsfreiheit!
Zahlreiche Bilder machen lange vergessene Künstlerinnen wie Elena Luksch-Makowsky, Teresa Feodorowna Ries, Helene Funke und Broncia Koller-Pinell wieder sichtbar. Faszinierende Frauenporträts von Madame d’Ora (Dora Kallmus) erinnern an eine der ersten professionellen österreichischen Fotografinnen. Das Kapitel zur Sexualität illustriert noch einmal die tiefe Widersprüchlichkeit Wiens um 1900. Ins Bild gesetzt werden neben dem Klischee des süßen Mädels (streng genommen eine Chiffre für Gelegenheitsprostituierte, der sozialen Not geschuldet) auch die quicklebendige queere Kultur der Stadt. Das Werbeplakat für das „Centralbad“ in der Weihburggasse richtete sich verdeckt an die schwule Klientel.
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