Ich bleib in der Stadt und verreise
Vom Gehen und Verweilen in Wien

von Oskar Aichinger

€ 20,00
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Verlag: Picus Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 196 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.09.2017


Rezension aus FALTER 41/2017

Hymnen an die Lebendigkeit der Stadt

Stadtforschung: Oskar Aichinger und Peter Payer erkunden ihre Wahlheimat Wien und deren Geschichte

Weit weg fahren? Nicht notwendig. Wien wartet vor der Tür. Oskar Aichinger, der Musiker und Theatermacher, schlägt ziellose Erkundungen vor. Sich treiben lassen. Und vor allem schauen. Auf Überraschungen gefasst sein. „Ich habe gelernt, dass eine Stadt kein mehr oder weniger gleichförmiges Gebilde ist, sondern ein Konglomerat aus den unterschiedlichsten Landschaften. Schon beim Biegen um eine Ecke kann sich ihr Gesicht schlagartig verändern. Um sie zu entdecken, lohnt es sich, zu gehen, immer wieder.“

Die Gasthäuser und Cafés haben eine magische Anziehungskraft, sie sind die glorreichen Ziele der Stadtspazierwege, dort zieht es den Autor hin, um Leute zu bestaunen, das braun getäfelte Ambiente zu genießen oder einfach das Bier mit der schlagobersartig steifen Haube zu trinken. Ja, das Weinhaus Sittl. Der „imperiale Weg“ mündet dort. Parlament und Ringstraße sind nur mäßig interessant, aber das Sittl ist ein Wunderland, für das Aichinger sogar eine lyrische Speisekarte entwirft. Und so ist es auch mit dem Anzengruber, dem Quell, dem Birner, dem Wickerl, dem Sieg, dem Holunderbusch (und etlichen anderen mehr).
Da werden Beislbesucher, Wirtinnen und Kellner in skurrilen Thekenarchitekturen lebendig. Kein Angst, hier ist kein Gastrokritiker am Werk, da geht es um Essenzielleres. Ein Gewitter im Schweizergarten wird zur großen Szene. Und wenn sich real wenig tut, dann sorgt schon die Fantasie dafür, dass aus Passanten ein menschlicher Zoo entsteht: „Der Löwe hat sich gut gehalten, das Pferd ist mir schon lange nicht mehr untergekommen ...“ Auch beim Beschreiben seiner Wahlheimat Wien erweist sich Oskar Aichinger als starkes Talent. Als Leser ist man da gerne dabei und schätzt die wundersame Atmosphäre, die er beim Gang durch die Straßen, beim Passieren von besonderen Häusern, beim Besuch von Kirchen bildkräftig herbeizaubert und bei der en passant auch etwas von seiner eigenen Vita einfließt.
Die versammelten Eindrücke ergeben in Summe eine Hymne an die Lebendigkeit der Stadt, sind Großstadtidyllen, reißen an, dass einzelne Viertel mit Gefühlen und Erinnerungen an (verflossene) Freunde und Freundinnen besetzt sind. „Ich bleib in der Stadt und verreise“ ist ein Buch für Einsteiger und auch für Fortgeschrittene, um wieder einmal Lust auf das Ungetüm namens Wien zu bekommen. Vielleicht muss man aus Vöcklabruck, wo Aichinger geboren ist, kommen, um Wien derart schön zu finden.

Ganz anders strukturiert Peter Payer sein neues Wien-Buch. Der Autor, geboren in Leobersdorf, hat schon viele kulturhistorische Wien-Bücher geschrieben. Zum Teil waren es Essay- und Feuilletonsammlungen, zum Teil widmete er sich in Monografien einem Spezialthema, etwa dem Aufzug, öffentlichen Uhren, dem Donaukanal, der Stadtreinigung oder dem „Gestank von Wien“. Im neuesten Buch kehrt manches davon wieder. „Quer durch Wien“ öffnet – als „kulturhistorische Streifzüge“ in kleineren, lebendigen Lesehappen geschrieben (die meisten sind als Feuilletons im „Spectrum“ der Presse erschienen) – ein weites Feld.
Das Buch ist kein Reiseführer, der die Leser gezielt wo hinführt und in einer Stadtwanderung Attraktionen aus der Vergangenheit erleben lässt, sondern geht die Erforschung der Gegenwart, die regelmäßig in die Vergangenheit mündet und von dort wieder zurückführt, thematisch an. Payer ist ein Augenöffner. Er geht Phänomenen auf den historischen Grund, die wir im Alltag oft wenig bemerken, weil wir sie schlicht übersehen, etwa die Wetterhäuschen in den Parks, die aus der Zeit gefallen scheinen. Wer schaut noch auf sie? Andere Einrichtungen wiederum sind uns so selbstverständlich, dass wir ganz vergessen, dass es sie nicht immer gab.
Und da gibt es noch die Fossile, die nach wie vor im Einsatz sind, aber uns wie aus grauer Vorzeit in die Gegenwart verschlagen erscheinen, wie etwa der Paternoster, der Endlos-rauf-und-runter-Lift. Karl Kraus hat einst über ihn geschrieben: „Ein Aufzug, bei dessen Besteigen es sich empfiehlt, ein Vaterunser zu beten.“
Payer liefert uns eine kurze Geschichte der fünf Sinne. Er erinnert an die Rauchschwaden und Dampfwolken, die der über den Semmering hechelnde Zug in der Landschaft hinterließ und die mit der nach Harz duftenden Luft kollidierten. Er widmet sich dem Thema Lärm in der Stadt und belehrt uns, dass sich da im Lauf der Jahre ziemlich viel getan hat. Die Bestückung der Fahrzeuge mit luftbefüllten Gummireifen war einst Labsal für die städtischen Ohren. Nicht durchgesetzt haben sich die mit Elektromotoren betriebenen Autos, die „lautlos wie auf Filzsohlen vorüberschleichend“ unterwegs waren. Der mangelnde Erfolg anno 1900 hatte einen Grund, der uns heute bekannt vorkommt: „mangelnde Reichweite“.

Die Benutzung des Stadtraums hat sich verändert und verändert sich laufend weiter. Es ist der Vorzug von Payers Texten, dass sie reichlich feuilletonistische Zitate aus alten Zeitungen wiedergeben. Der Autor greift auf einen erstaunlich großen Fundus zurück, er hat ja auch Feuilletonsammlungen herausgegeben. So kommt Farbe in seine kulturhistorischen Ausführungen. Joseph Roth liefert das Leitmotiv des Stadtforschers: „Es ist eine große Vermessenheit, Städte beschreiben zu wollen. Städte haben viele Gesichter, viele Launen, tausend Richtungen, bunte Ziele, düstere Geheimnisse. Städte verbergen viel und offenbaren viel, jede ist eine Einheit, jede eine Vielheit.“
Fazit: zwei neue Stadtbücher, zwei unterschiedliche Zugänge. Beide sehr brauchbar im Umgang mit Wien.

Alfred Pfoser in FALTER 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 46)


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