Jugend einer Arbeiterin

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Ein Schlüsselwerk der sozialdemokratischen Frauenbewegung in neuer, historisch und politisch kommentierter Ausgabe in bibliophiler Aufmachung.Adelheid Popp war die erste Frau, die am 4. März 1919 im österreichischen Parlament das Wort ergriff. Sie war ein Kind aus den Wiener Elendsquartieren, aus einer bitterarmen, patriarchalen, gewalttätigen, bildungsfernen Zuwandererfamilie. Eine wie sie hätte es eigentlich nie so weit bringen dürfen. Doch sie überwand die Hindernisse ihres Herkunftsmilieus und wurde zur Pionierin der österreichischen Frauenbewegung. Wie gelang das? Was können wir von ihr lernen? Welche Kräfte sind es, die bis heute Kinder aus ähnlichen Milieus kleinhalten? Und was muss in Österreich geschehen, damit das Potenzial vieler kleiner Adelheids gehoben wird?Sibylle Hamann und Katharina Prager zeichnen nicht nur den historischen Rahmen der Erinnerungen Adelheid Popps nach, sondern stellen diese auch in einen aktuellen Kontext.

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FALTER-Rezension

„Allerliebstes Wiener Fabriksmädel“

Neo-Politikerin Sibylle Hamann hat die Autobiografie der Arbeiterführerin Adelheid Popp kommentiert neu herausgebracht

Hundert Jahre ist es her, da erhob die erste Frau ihre Stimme als Abgeordnete im österreichischen Parlament: Adelheid Popp, damals 50 Jahre alt, wurde gemeinsam mit sieben anderen Frauen am 4. März 1919 in den Nationalrat gewählt. In der achten Sitzung meldete sich Popp mit einer Rede über die „Aufhebung des Adels, der weltlichen Ritter und Damenorden und gewisser Titel und Hürden“ zu Wort.

Friedrich Engels, der große alte Mann des Sozialismus, hat über Adelheid Popp geschrieben, sie sei „ein allerliebstes Wiener Fabriksmädel“. Ihre Autobiografie „Jugend einer Arbeiterin“, die Adelheid Popp 1907/08 niedergeschrieben hat, lässt allerdings keinen Platz für Verklärungen zu. Sie beschreibt anschaulich eine Kindheit, in der das nackte Überleben schon ein Sieg war.

Adelheid Dworschak, 1869 in Inzersdorf geboren, stammte aus einer bettelarmen, patriarchalen, gewalttätigen Einwandererfamilie aus Böhmen. Die Kraft der Jugenderinnerungen Popps liegt in der ungeheuren emanzipatorischen Entwicklung. Niemand hatte in ihrer Kindheit annehmen können, dass sie sich erst Lesen beibringen würde, dann politische Artikel schreiben, Vorträge über die Bedingungen von Arbeiterinnen in Fabriken halten und schließlich Politikerin werden würde.

Ein wenig geholfen hatte ihr dabei Friedrich Engels gemeinsam mit Viktor und Emma Adler. Sie hatten Popps politisches Talent erkannt und gezielt gefördert. So wurde sie gewissermaßen das erste politische Poster-Girl Österreichs.

Man bedauert als Leserin, dass den Jugenderinnerungen nicht gleich auch die späteren autobiografischen Texte folgen. In „Blätter der Erinnerung“ beschrieb Popp ihre Jahre als Politikerin bis 1934. Damals lag über Österreichs Demokratie schon der Schatten der Diktatur.

Die Neuauflage ihrer Jugendbeschreibung 100 Jahre nach Popps erster Rede im Nationalrat hat nicht nur dokumentarischen Wert. Neo-Politikerin Sibylle Hamann, die im September 2019 als grüne Abgeordnete ins österreichische Parlament gewählt wurde, hat die kommentierte Ausgabe herausgegeben und schreibt in ihrem Essay „Adelheid Popp und wir“: „Auch heute wachsen in Wien Kinder in bitterer Armut auf. In manchen Schulklassen sind Frustration und Perspektivlosigkeit mit beiden Händen zu greifen. Jeder sechste Teenager verlässt die Pflichtschule, ohne richtig lesen und schreiben zu können.“

Dazu beschreibt die Historikerin Katharina Prager in ihrem einleitenden Beitrag detailliert, unter welch schwierigen gesellschaftlichen, sozialen und politischen Umständen Popp aufwuchs.

Hamann schlägt ein gemeinsames Schulsystem für bildungsnähere und bildungsfernere Kinder vor, das gemeinsame Lernen sei der Schlüssel zu Integration und sozialer Mobilität. Auch jene Mechanismen, die Frauen in Abhängigkeit halten, gäbe es heute immer noch – oder wieder: „Scham und Ohnmacht, Patriarchat und Religion, Stress und Vereinzelung“ tragen dazu bei, dass Frauen in inakzeptablen Lebens- und Arbeitsverhältnissen hängen bleiben.

Hamanns Schlussessay ist ein Aufruf dazu, die neuen Fronten aufzubrechen, die sich innerhalb der Arbeiterschaft – und der Wählerschaft der Sozialdemokratie – aufgetan haben: „Die etablierte Arbeiterklasse, die vor hundert Jahren ihren gesellschaftlichen Aufstieg begann, positioniert sich gegen das neue Subproletariat, das heute ungefähr dort steht, wo Adelheid Popps Familie vor hundert Jahren war.“ Erfolg oder Versagen sei nicht Schuld des Einzelnen: „Es gibt systemische Ursachen dafür.“ Diese aufzuzeigen sollte die Aufgabe heutiger Politik sein, deren Grundmelodie aus einem alten Stoff gemacht ist: „Solidarität“

Tessa Szyszkowitz in Falter 43/2019 vom 25.10.2019 (S. 16)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783711720870
Erscheinungsdatum 28.08.2019
Umfang 158 Seiten
Genre Belletristik/Romanhafte Biografien
Format Hardcover
Verlag Picus Verlag
Herausgegeben von Sibylle Hamann
Beiträge von Katharina Prager
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