Die von Europa träumen

Wie Flucht und Migration ablaufen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die ganze Welt spricht über Flüchtlinge und Migranten, Melita H. Šunjić, langjährige Pressesprecherin des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen, spricht mit ihnen. In den vergangenen Jahren führte Melita H. Šunjić Interviews in Asien, Afrika und Europa. Sie sprach mit Menschen, die die Absicht hatten, nach Europa zu kommen, die sich auf dem Weg befanden oder schon angekommen waren.In ihrem Buch erörtert sie die wichtigsten Begriffe und Zusammenhänge der Migrationsdebatte und geht mit der europäischen Migrationspolitik ins Gericht, die seit Jahren erfolglos auf der Stelle tritt. Darüber hinaus gibt sie Betroffenen eine Stimme und lässt sie von Flucht und Migration erzählen: Warum kommen sie, wie kommen sie, was haben sie sich erträumt und was finden sie tatsächlich vor? Prototypische Fallgeschichten  führen dramatische Lebensrealitäten vor Augen und zeigen, wie Schlepper- und Menschenhändlerringe funktionieren und welche Rolle soziale Medien dabei spielen.

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FALTER-Rezension

WAS KOMMT DA AUF UNS ZU?

Es könnte die größte Fluchtbewegung für Österreich seit 1945 werden: Mehr als drei Millionen Ukrainer haben bereits das Land verlassen, 200.000 könnten in Österreich bleiben. Was bedeutet das?

Frau Šunjić, die EU hat am 4. März zum ersten Mal in ihrer Geschichte die Richtlinie für vorübergehenden Schutz für Kriegsflüchtlinge aktiviert. Hatten die Regierungen denn eine andere Wahl?

Melita Šunjić: Das war der logische Schritt. Es ist unbürokratischer, geht schneller für die Betroffenen, und Staaten ersparen sich individuelle Asylverfahren. Es ist ein Schritt, den man schon 2015 setzen hätte sollen. Damals haben die Visegrád-und die baltischen Staaten gesagt: Wir stimmen da nicht zu, weil womöglich kommen zu uns auch Flüchtlinge. Jetzt, wo sie die Erstaufnahmeländer sind, wollen sie selbstverständlich eine Umverteilung.

Laut der Richtlinie können die Menschen vorerst ein Jahr bleiben. Was kommt danach?

Šunjić: Ein Asylstatus besagt ja, dass du nicht zurück in dein Heimatland kannst, sonst verlierst du deinen Status. Das wollten zum Beispiel auch die Flüchtlinge des Bosnienkriegs nicht. Damals wurde nach einem halben Jahr beurteilt, ob es die Möglichkeit einer Rückkehr gibt. Die, die Fuß gefasst haben und nicht zurückwollten, bekamen einen anderen Status. Die Idee ist, dass man eine Zeit überbrückt, in der Hilfe gebraucht wird, dann die Situation neu bewertet wird und eine Lösung bietet, die für alle akzeptabel ist.

Verändert sich nun etwas für jene, die schon länger auf ihren Asylstatus warten? Es wurden Vergleiche gezogen und "Rassismus" wegen der unterschiedlichen Behandlung der Flüchtlinge gerufen.

Šunjić: Diese Diskussion, dass es eine rassistische Flüchtlingspolitik ist, geht mir ein bisschen auf die Nerven. Es sind immer die Nachbarländer, die Flüchtlinge aufnehmen. Die meisten Afghanen sind in Pakistan und im Iran, die meisten Syrer in der Türkei, in Jordanien und im Libanon. Dann gibt es Flüchtlinge, die aus verschiedenen Gründen weiter migrieren. Und diesmal ist Europa am Anfang.

Zynisch könnten wir sagen: Die EU-Staaten agieren jetzt nur so, weil sie wissen, dass die ukrainischen Flüchtlinge, sobald es geht, zurückwollen.

Šunjić: Natürlich spielt das auch eine Rolle, und auch, dass hauptsächlich Frauen und Kinder flüchten. Junge Männer gelten nicht unbedingt als vulnerabel. Und man sieht nun unmittelbar, warum die Menschen flüchten. Auch ein Eritreer hat sehr gute Gründe zu flüchten. Aber der Durchschnittseuropäer hat keine Ahnung, was in Eritrea los ist. Da ist es schwerer, Empathie zu empfinden.

2015 landeten die meisten Flüchtlinge in Camps. Das ist momentan nicht so. Kann sich das ändern?

Šunjić: Wenn viele kommen, ist es die schnellste Unterbringung. Aber ich hoffe doch, dass wir keine Zeltlager aufbauen müssen.

Es gibt sie auch, weil Leute im Asylverfahren nicht arbeiten dürfen. Sie werden in diesem Menschenzoo gehalten, der sie psychisch und sozial zerstört. Trotz der Situation in der Ukraine darf man nicht vergessen, dass Europa seit Jahren ein unbewältigtes Problem hat. Es gibt nun eine private Welle der Hilfsbereitschaft. Die meisten Ukrainer kommen auch nicht arm hierher, sie wurden nur aus ihrem Leben gerissen.

Sie haben Gespräche mit tausenden Menschen geführt, die nach Europa geflohen sind. Was macht Flucht mit Menschen und was hat das mit dem Fluchtgrund zu tun?

Šunjić: Es hat weniger mit dem Fluchtgrund zu tun als mit der Perspektive. Sie flüchten, weil die Situation ökonomisch oder politisch unerträglich ist. Sie überleben die Flucht, werden in Ländern wie Libyen gefoltert, versklavt, vergewaltigt. Wenn sie ankommen, sitzen sie jahrelang in Asyleinrichtungen, wissen nicht, ob sie bleiben können. Die Leute zuhause sagen: Wieso schickt ihr kein Geld? Sie sind in einem moralischen und finanziellen Dilemma. Im langjährigen Schnitt hat ein Drittel Anspruch auf Schutz, zwei Drittel nicht. Das heißt, man schaufelt jeden Monat 60.000 Leute in ein Asylverfahren, das Menschen verbrennt, dem Staat wahnsinnig viel kostet und Fremdenfeindlichkeit nährt. Menschen aus der Ukraine werden auch Traumata von der Flucht haben, aber hier angekommen können sie relaxen und planen, wie es weitergeht. Das Dramatische ist eher, dass viele Ehemänner und Väter zurückgelassen haben und nicht wissen, welchen Gefahren sie ausgesetzt sind.

Könnte der Krieg in der Ukraine langfristig Gespräche über ein einheitliches europäisches Asylverfahren anregen?

Šunjić: Es gibt Projektionen, dass bis zu zehn Millionen Ukrainer kommen werden. Momentan hat die EU nicht den Kopf für eine längst überfällige Asylrechtsreform. Was ich für die Zeit danach raten würde: ein einheitliches, nicht 27 Asylverfahren. Anstatt von der Externalisierung des Asylverfahrens zu träumen, sollte die EU es dort durchführen, wo die Flüchtlinge eh schon sind, in Moria oder Lampedusa. Wir nehmen nicht mal mehr wahr, dass letzten Dienstag 19 Menschen vor der libyschen und 44 vor der marokkanischen Küste ertrunken sind. Das kann es nicht sein. Bei künftigen Massenzuströmen wird es auch für Länder wie Polen schwierig sein zu argumentieren, warum sie für die EU-Verteilung sind, wenn sie betroffen sind, aber nicht, wenn andere Länder hauptbetroffen sind. Es wird Bewegung in die Asylpolitik kommen.

Katharina Kropshofer in Falter 12/2022 vom 25.03.2022 (S. 14)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783711720955
Erscheinungsdatum 24.02.2021
Umfang 200 Seiten
Genre Politikwissenschaft/Politik, Wirtschaft
Format Hardcover
Verlag Picus Verlag
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