
Wider das Schwarz-Weiß-Malen
Julia Kospach in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 29)
rima vista führt der Titel von Robert Misiks neuem Essayband „Die Kunst des Widerstands“ womöglich auf eine falsche Fährte. Es ist ein immanent politisches Buch, doch es geht hier nicht um politische Widerstandsbewegungen im klassischen Wortsinn, sondern vor allem um Wider- und Eigenständigkeit des Denkens und wie diese zu erlangen und zu kultivieren wären. Zumal unter den Vorzeichen der zunehmend fragmentierten, polarisierten, in Freund- und Feind-Bubbles gespaltenen Gegenwart und des globalen Erstarkens von autoritärem Rechtsextremismus und Anti-Pluralismus.
Es dauert ein bisschen, doch bald kristallisieren sich in den acht Essays einige Themen heraus, um die die Gedanken des Wiener Kultur- und Politikpublizisten fieberhaft kreisen, und man versteht: Hier ringt ein linker Intellektueller mit Kernfragen von Kapitalismus, (Sozial-)Demokratie, Meinungsfreiheit, sozialer Gerechtigkeit und Humanismus. Er wendet sich radikal gegen die „Zerstörung der Vernunft“ im öffentlichen Diskurs, fahndet – jederzeit kritikbereit – bei politischen Theoretikern wie Karl Marx nach Deutungen von Macht- und Arbeitsprozessen, denkt ausführlich über die Krise der Demokratie nach und porträtiert schließlich große Widerständige der Kunst. Darunter Autoren wie den rätselhaften Franz Kafka, den „idealen Autor für das wirre Heute“. Oder George Orwell, für Misik der abseits aller Gruppenpfade wandelnde „Großmeister der Wahrhaftigkeit“, oder auch den italienischen Filmregisseur und Dichter Pier Paolo Pasolini, dessen Zerrissenheit als gleichzeitiger Revolutionär, Radikaler und Konservativer sich Robert Misik als „eine Art Vorgefühl, auch ein Vorzeichen auf heutige linke Debatten und Dilemmata“ darstellt.
Unübersehbar locken Misik widersprüchliche Charaktere. An ihnen lässt sich bestens verdeutlichen, wie viel scheinbar Unvereinbares sich in einem Menschen zusammenfinden kann. Es überrascht auch nicht, dass für Misik die Tragödie der zuletzt wegen ihrer radikal einseitigen Haltung im Israel-Palästina-Konflikt viel kritisierten Starphilosophin und Queer-Ikone Judith Butler darin liegt, dass „eine Denkerin, die ihr ganzes Leben lang starre Dichotomien auflöste, […] am Ende wieder bei Schwarz-Weiß und einem alles versimpelnden Freund-Feind-Weltbild landet“.
Anregungen zum differenzierten Nachdenken über komplexe Themen: So könnte man die Texte von Robert Misik nennen. Einer der Vorzüge seines Denkens ist die Bereitschaft, die eigenen deutlich formulierten Meinungen zu hinterfragen. Apodiktisches liegt ihm ebenso fern wie Erbarmungslosigkeit im Urteil. So banal es klingt: Die Dinge des Politischen sind kompliziert, und sie bis zur Unkenntlichkeit zu simplifizieren ist keine Lösung.
Sein Blick sieht die Dinge als vielschichtig. Interessen verschiedener Gruppen stünden eben per definitionem oft im Widerstreit miteinander. Just darum argumentiert er so feurig für geduldiges Ausverhandeln von Kompromissen.


