
Den ganz normalen Wahnsinn in Worte fassen
Robert Misik in FALTER 16/2026 vom 15.04.2026 (S. 22)
In seiner Zeit als deutscher Gesundheitsminister während der Corona-Pandemie sagte Jens Spahn, heute Fraktionschef der konservativen CDU, einen klugen Satz: "Wir werden einander viel verzeihen müssen." Die Pandemie war eine gesundheitliche Krise, auf die unter den Bedingungen von beschränktem Wissen reagiert werden musste. Es wurden Maßnahmen gesetzt, von denen immer klar war, dass sich ein Teil davon später als überschießend, zu vorsichtig oder sachlich unnötig herausstellen wird. Zugleich ist eine Krise nie einfach objektiv eine "Krise". Eine Krise wird durch Krisenkommunikation erst diskursiv hergestellt. Was natürlich nicht bedeutet, dass krisenhafte Geschehnisse wie ein Krieg oder eine Epidemie, würde man nicht über sie sprechen, keine Krisen wären.
Nur: In medialisierten Massengesellschaften (und besonders in Demokratien) wird die Krise durch die Art und Weise, wie über sie gesprochen wird, koproduziert.
Das genau ist Thema des neuen Buches von Ruth Wodak und Markus Rheindorf: "Babyelefant und Hausverstand. Wie Krisen produziert werden." Wodak ist eine der weltweit führenden Linguistinnen und Diskursforscherinnen, Trägerin des renommierten Wittgenstein-Preises, Rheindorf Sprachwissenschaftler an der Universität Wien. Krise war ja genug, von der Finanzkrise über die Migrationsströme bis hin zu Corona-, Ukraine-und Energiekrise.
Die Krisenkommunikation ist nie nur die Kommunikation der Regierung oder der politischen Opposition, sie ist die Kommunikation der Gesellschaft mit sich selbst: Regierungslogik spielt eine Rolle, Oppositionslogik, Medienlogik und die diskursiven Impulse einer kommunizierenden Bevölkerung. Gänzlich steuern kann das niemand. Krisenkommunikation entfaltet sich, so das Autoren-Duo, in vier Schritten: Erst bricht die Krise in den Alltag ein, etwa als Angst vor dem Tod (wie in der Pandemie) oder als Angst, dass alles zusammenbricht (wie in der Öl-und Gasversorgungskrise).
Danach dominiert das Bestreben, praktikable Gegenmaßnahmen zu setzen und öffentliche Akzeptanz "für drastische Eingriffe in das gesellschaftliche Leben" zu schaffen. Experten kommen zu Wort, zugleich setzt aber ein, was Wodak und Rheindorf "emotionale Mobilisierung" nennen. Mit dieser wird abweichendes Verhalten mitunter delegitimiert. In einem dritten Schritt wird alles infrage gestellt und die praktische Wirksamkeit jeder einzelnen Maßnahme bekrittelt; in einer Ära der Polarisierung wird dieser Krisendiskurs dann sofort in das gängige Schwarz-Weiß-Muster eingebettet. Zuletzt - als vierter Schritt - wird versucht, die Krise und das kommunikative Krisengeschehen "in retrospektive Narrative" überzuführen.
Zentral bei jeder Krisenkommunikation ist, "Schuld zu leugnen", mit der Angst zu spielen, eine Rückkehr zur "Normalität" zu versprechen und, wenn die Komplexität zu groß und die Zielkonflikte kaum mehr zu überblicken sind, einer "Politik des Hausverstandes" das Wort zu reden. Souverän schreiten Wodak und Rheindorf durch die dominanten Muster heutiger öffentlicher Kommunikation, von Ressentimentbewirtschaftung bis hin zum Phänomen der "Nachrichtenvermeidung" seitens der Bevölkerung. "Medieninduzierte Polarisierungseffekte" werden nicht nur vorsätzlich produziert, sie lassen sich im heutigen Setting kaum vermeiden. Besonders spannend sind die Passagen, in denen die Autoren das Schlagwort "Hausverstand" sezieren und den politisch-diskursiven Wettbewerb darüber, was denn nun "normal" sei und was, im Umkehrschluss, daher "abnormal".


