Stimmen

Texte, die bleiben sollten
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Dass Unfertiges, Unvollendetes, gänzlich Unveröffentlichtes aus seinem Nachlass publiziert wird, wollte Wolfgang Herrndorf nicht. In seinem Testament verfügte er, solche Arbeiten seien zu vernichten. Daran haben die Erben sich gehalten. Es gibt aber eine Anzahl von Texten, die schon zu Herrndorfs Lebzeiten einen Weg in die Öffentlichkeit gefunden hatten, sei es abgedruckt an entlegenem Ort, sei es durch Lesungen, vor allem aber digital: Herrndorf war Mitglied des Internet-Forums "Wir höflichen Paparazzi", einem Verbund von Selbstdenkern und kreativen Menschen, aus dem inzwischen namhafte Autoren wie Kathrin Passig, Klaus Cäsar Zehrer oder Christian Y. Schmidt hervorgegangen sind. Das Forum war, so formuliert es Tex Rubinowitz, „eine beinharte stalinistische Schreibschule". Und alle, die dabei waren, sind sich einig: Am strengsten bei der Beurteilung eigener und fremder Texte war Wolfgang Herrndorf. Meist schrieb er unter dem Pseudonym „Stimmen“.Der vorliegende Band präsentiert eine Auswahl, Texte, die mal an "In Plüschgewittern" erinnern, mal an "Tschick", mal an die magischen Erinnerungsfragmente aus "Arbeit und Struktur". Es gibt u.a. eine Fahrt mit einem gestohlenen Schrottauto über Land, nur sind es keine Jugendlichen und das Auto ist kein Lada; Herrndorf selbst verirrt sich nachts mit dem Fahrrad im Wald und klingt wie Isa auf ihren Wanderungen im Mondschein. Nichts findet sich hier, das nur Dokument oder Autorenreliquie wäre; alles ist Literatur, auch das unvollendet Gebliebene, wo es vom Autor selbst in die Tradition des romantischen Fragments gestellt wird. Ein Schatz für Wolfgang Herrndorfs Leser.

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FALTER-Rezension

Ein Virtuose der Verliebtheit und Phänomenologe der Verpeiltheit

Wie streng der bereits von seiner schweren Krankheit gezeichnete Wolfgang Herrndorf mit dem eigenen Werk verfuhr, konnte man schon dem postum in Buchform erschienenen Blog „Arbeit und Struktur“ entnehmen. Vor seinem Suizid im August 2013 verfügte der damals 48-Jährige, was auf keinen Fall veröffentlicht werden dürfe. Daran haben sich Marcus Gärtner und Cornelius Reiber gehalten und in dem soeben erschienenen Band Jugendgedichte, ein rechtschaffen durchgeknalltes Dramolett, vor allem aber Beiträge versammelt, die Herrndorf von 2001 bis zu seinem Tod im Internetforum „Wir höflichen Paparazzi“ veröffentlichte.

Unter mehreren Pseudonymen war „Stimmen“ das von Herrndorf am häufigsten gebrauchte und so ist auch die vorliegende Kompilation betitelt. Sie enthält zwar nicht ausschließlich literarische Kleinodien, aber auch nichts, was peinlich nach Restlverwertung röche. Zwischen Phlegma und nonchalanter Schnoddrigkeit liefert Herrndorf lesenswerte Beiträge zu einer Phänomenologie der Verpeiltheit, erzählt von einem unfreiwilligen Puffbesuch im Zustand der Volltrunkenheit, einer kaum wesentlich nüchterner unternommenen nächtlichen Radfahrt durch einen sehr finsteren Wald oder davon, wie ihm eine völlig fremde junge Frau das Klo versaut. Außerdem gibt es einige ebenso knappe wie kluge und lässige Anmerkungen zur Unfehlbarkeit des Unterbewussten oder die Überflüssigkeit literarischer Manifeste.

Am überzeugendsten aber ist Herrndorf, wenn er gar nicht erst versucht aufzudrehen. Die vierzeiligen Kreuzreimstrophen der Gedichte mit viel Mond sind konventionell in Machart und Sujet, aber gerade in ihrer lapidaren Schlichtheit mitunter zum Weinen schön. Das Gleiche gilt für die Prosatexte, in denen sich dieser enthusiastische Mädchengutfinder von Bubenbeinen an seiner Kinder- und Jugendlieben erinnert – etwa an die fünfjährige Katharina. „Wir zerdrückten Erdklumpen mit Stöcken und schütteten einen Kaninchenbau zu. Der Himmel war von Licht gesprenkelt, die Bäume waren hoch, die Felder gelb. Das war jeden Tag so, es änderte sich nie.“ Hammer!

Klaus Nüchtern in Falter 39/2018 vom 28.09.2018 (S. 31)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783737100571
Ausgabe 2. Auflage
Erscheinungsdatum 25.09.2018
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Rowohlt Berlin
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