Sachbuch-BESTENLISTE Dezember 2020

Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug

Erinnerungen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die Angst vor den Bomben, eine Kindheit im Krieg – damit beginnen Helmut Lethens Erinnerungen, die durch mehr als sieben Jahrzehnte bundesdeutscher Geschichte führen: der Schock, als er mit achtzehn Jahren in Alain Resnais’ Film «Nacht und Nebel» zum ersten Mal mit dem Holocaust konfrontiert ist. Das Gefühl der Befreiung, als er vom biederen Bonn in das viel liberalere Amsterdam zieht, um dort zu studieren. Schließlich das von Aufruhr und Protest aufgewühlte Berlin: Hier demonstriert Lethen 1967 gegen den Besuch des Schahs, und bald agitiert er als Sprecher der Kampagne für ein Kinderkrankenhaus in Kreuzberg an vorderster Front. Die maoistische K-Gruppe schließt Lethen wegen «Versöhnlertums» aus, dennoch trifft ihn der «Radikalenerlass», das Berufsverbot in Deutschland – das sich als unfreiwillige Chance erweist: In den Niederlanden schreibt Lethen die «Verhaltenslehren der Kälte», in denen er das Verhältnis von Geist und Politik im 20. Jahrhundert auf ganz neue und bis heute aktuelle Weise ausgeleuchtet hat.
Helmut Lethen berichtet in seiner Autobiographie, was ihn geprägt hat: von politischen und denkerischen Experimenten, von Weggefährten sowie Ideengebern wie Adorno und Enzensberger. Ein Entwicklungsroman der Bundesrepublik – wie ihn nur noch wenige Intellektuelle zu erzählen vermögen.

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FALTER-Rezension

Die eisigen Lehren des Germanisten Helmut Lethen

Wer interessiert sich schon für die Erinnerungen eines Germanisten? Der in Wien lebende Wissenschaftler Helmut Lethen hat zwei Joker, um die Aufmerksamkeit wachzuhalten. Er gehörte zum extrem linken Flügel der 68er-Bewegung und kann daher ein bizarres Kapitel des Protests erzählen. Zum anderen gibt Lethen unpeinlich ehrlich Auskunft über ein Drama, das sich unter seinem Dach abspielt. Lethens Ehefrau und Mutter dreier gemeinsamer Kinder tritt als Autorin der rechtsradikalen Identitären Bewegung in Erscheinung. Im alternativen Milieu des Bezirks Neubau war Caroline Sommerfeld als Betreiberin von Nachbarschaftsgärten bekannt, ehe sie gegen Flüchtlinge und die linke Betroffenheitskultur zu Felde zog. „Ein Riss, der schwer zu kitten ist“, schreibt Lethen in seinen feinsinnig erzählten Memoiren.

Der Aufbruch von 1968 führte Lethen mit brillanten Köpfen wie dem späteren Journalisten Christian Semler zusammen, mit dem er die maoistische Sekte KPD/Aufbauorganisation gründete, die sich auf den Kommunismus der 20er-Jahre berief. Die Kader arbeiteten rund um die Uhr, hektografierten Flugblätter und verteilten sie vor den Fabrikstoren: „Die Arbeiter waren selten aggressiv, eher mitleidig und ironisch.“ Als Lethen 1975 wegen „Versöhnlertums“ ausgeschlossen wurde, endete der bis dahin größte Irrtum seines Lebens.

Die Wende kam durch einen Zufall. Lethen entdeckte Baltasar Graciáns „Handorakel“, eine aus der Barockzeit stammende Ethik der Förmlichkeit. Der linke Schriftsteller Bertolt Brecht oder der rechte Jurist Carl Schmitt waren in den 1920er-Jahre Fans von Gracián. Lethens kultige Studie „Verhaltenslehre der Kälte“ (1994) arbeitete die Figur eines gegen Verletzungen gepanzerten Intellektuellen heraus, ein Menschenbild, das auch den Zynismus der Nazis vorwegnahm. Das Buch eröffnete Lethen eine späte akademische Karriere und fand zwei Jahrzehnte später eine unerwartete Leserschaft. Die Neuen Rechten fanden in den Schriften des Altlinken brillante Analysen ihrer Helden. Ein Erinnerungsband mit Schleudertrauma.

Matthias Dusini in Falter 6/2021 vom 12.02.2021 (S. 32)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783737100885
Ausgabe 2. Auflage
Erscheinungsdatum 13.10.2020
Umfang 384 Seiten
Genre Sachbücher/Philosophie, Religion/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Rowohlt Berlin
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