
Untergang auf Polnisch: Schönheit im ärgsten Dreck
Sebastian Fasthuber in FALTER 7/2026 vom 11.02.2026 (S. 29)
Dorota Masłowska war mit ihrem Debüt "Schneeweiß und Russenrot" 2004 das Popliteratur-Phänomen aus Polen. Verpackt in eine Coming-of-Age-Story, erzählte der Roman von der Perspektivlosigkeit und Hässlichkeit des Lebens in dem postkommunistischen Land.
Selbstverständlich wurde die Autorin, die gerade die Schule abgeschlossen hatte, zu Hause als Nestbeschmutzerin gegeißelt. Diese Stimmen arbeitete sie in ihr zweites Buch ein, den literarischen Rap "Die Reiherkönigin":"Mit Prosa hat das gar nichts zu tun, das sind einfach nur viele hässliche und vulgäre Wörter, die Polen im Westen im schlechtesten Licht präsentieren."
Inzwischen hat es Masłowska im Vulgären zur Virtuosin gebracht. Ihr jüngstes Buch "Im Paradies" ist eine auf 160 Seiten verdichtete Sezierung der polnischen Gesellschaft zwischen Turbokapitalismus und Armut, Naturbackstuben und Billig-Wodka, die sich niederschmetternd liest -und großen Spaß macht.
Masłowska wühlt im Dreck, schildert die Härten des täglichen Lebens und die kaputten Beziehungen ihrer Figuren. Ihre Beobachtungs-und fantasievolle Formulierungskunst verleihen den tristen Verhältnissen gleichzeitig einen seltsamen Glanz. Das ist Literatur, in der Sprache und Sound noch im Mittelpunkt stehen. Auch Übersetzer Olaf Kühl leistet großartige Arbeit.
"Im Paradies" wird zwar als Roman verkauft, ist de facto jedoch eine Sammlung von Kurzgeschichten. Die Lebensläufe der Gym-Betreiberin und des alternden Barmanns, der in stiller Verzweiflung verheirateten Mittelständlerin ("Generell bin ich glücklich ..., vielleicht sieht man das nicht") und des Serienkopulierers, der sich selbst als Feminist bezeichnet, berühren sich an einigen Stellen.
Sie alle, ob nun neureich und auf Koks oder aus Kostengründen wieder bei den Eltern wohnhaft, sitzen im selben Boot. Es steuert munter auf eine Katastrophe zu. So einfallsreich beschrieben lassen wir uns den Untergang gern gefallen.


