Sachbuch-Bestenliste Oktober 2026

Wer wir waren, wer wir sind

Eine Geschichte Europas | Ein packender, mitreißend erzählter Gang durch zweitausend Jahre
560 Seiten, Hardcover
€ 32,90
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Mehr Informationen
Themen Geschichte und Archäologie Geschichte Europäische Geschichte
ISBN 9783737102506
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 18.09.2026
Größe 22 x 15.4 cm
Verlag Rowohlt Berlin
Übersetzung Elsbeth Ranke, Thomas Stauder
LieferzeitLieferung in 2-5 Werktagen
HerstellerangabenAnzeigen
Rowohlt Berlin Verlag GmbH
Kreuzbergstraße 30 | DE-10965 Berlin
produktsicherheit@rowohlt.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Wo kommen wir her? Wie sind wir geworden, wer wir sind? In Zeiten der Neuordnung der westlichen Welt und wachsender Orientierungslosigkeit müssen wir uns in Europa diese Fragen dringlicher denn je stellen. Géraldine Schwarz führt uns durch mehr als zweitausend Jahre europäischer Geschichte, von den Anfängen bis heute, und zeigt: Wenn wir uns auf unsere gemeinsamen Wurzeln besinnen, können wir auch unserer Gegenwart Sinn verleihen. Anhand von drei zentralen historischen Säulen – Christentum, Kapitalismus und Freiheit – erzählt sie Europa mit seinen Licht- und Schattenseiten, weit abseits der engen Grenzen nationaler Narrative. Sie führt vor Augen, wie vielseitig und verwoben die Entwicklungen auf unserem Kontinent sind. Von der Erfindung der Demokratie über die Ausbreitung des Christentums, den Aufstieg zur wirtschaftlichen und kolonialen Weltmacht bis zu den großen Aufbrüchen zur Freiheit spürt sie Querverbindungen der europäischen Geschichte nach, fördert die bis heute einenden wie auch widerstreitenden Ideen zutage. Ein packendes Panorama, das uns daran erinnert: Europa ist nicht etwa ein abstraktes Konstrukt, sondern lebendige Realität.

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Themen Geschichte und Archäologie Geschichte Europäische Geschichte
ISBN 9783737102506
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 18.09.2026
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Verlag Rowohlt Berlin
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FALTER-Rezension

Europäische Heimatkunde

Georg Renöckl in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 33)

as Wort „Heimat“ kann man bekanntlich kaum übersetzen, schon gar nicht ins Französische. Dennoch stellt es die deutsch-französische Autorin Géraldine Schwarz ganz an den Beginn. Kann die Europäische Union so etwas wie „Heimat“ sein, für die Autorin trotz seiner problematischen Geschichte „ein Begriff von großer poetischer und affektiver Kraft“?

Vielleicht, doch höchstens als „zweite Heimat“, die man eher aus intellektuellen denn aus affektiven Gründen annimmt, als Ergebnis einer bewussten Entscheidung für bestimmte Werte und ein historisches Erbe, meint Géraldine Schwarz. Sie zeigt sich allerdings davon überzeugt, dass Europa mehr sein muss und auch mehr ist als eine Reaktion auf die Gewalt des 20. Jahrhunderts, als eine Vorsichtsmaßnahme gegen die Wiederholung des Überwundenen: „Europa gründet auf einer jahrtausendealten Geschichte voller Schatten und Licht, die unseren sozialen und moralischen Normen, unseren Begrifflichkeiten, unseren Institutionen, unseren Mentalitäten und unseren Bräuchen Struktur gegeben hat und das bis heute tut.“

Die mehrfach ausgezeichnete Autorin nimmt sich nichts Geringeres vor, als diese Geschichte auf gut 500 Seiten so zu erzählen, dass sie uns „Schlüssel und Orientierungspunkte“ bietet, „um zu verstehen, wer wir waren, wer wir sind und woher wir kommen“.

Diese selbst gewählte Herkulesaufgabe bewältigt die 1974 geborene Autorin und Journalistin mit Bravour. Sie erzählt Europas Geschichte nicht als Abfolge von Schlachten, Herrscherhäusern oder Nationalepen, sondern verbindet Disziplinen wie Wirtschafts-, Religions-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte zu einem Überblick über gesamteuropäische Entwicklungen, den sie in drei große Kapitel einteilt: Christentum, Kapitalismus und Freiheit.

Das Christentum wurde bekanntlich nicht in Europa begründet und erlaubt es der Autorin, die vielfältigen Beziehungen zwischen Orient und Okzident zu schildern, von Christi Geburt bis zu den arabischen Gelehrten, die Europas antikes Erbe bewahrten. In der Reformation an der Schwelle zur Neuzeit erkennt sie dann den größten „Umbruch, den Europa seit seiner Christianisierung erlebt hat. Nach Jahrhunderten der Infantilisierung und der Angst spielt der Gläubige endlich eine aktive Rolle.“

Der Protestantismus schafft die Voraussetzungen für Industrialisierung und Modernisierung: „Die Protestanten brauchen eine stabile Währung, um investieren, also langfristig planen zu können. Sie setzen eher aufs Sparen, während die katholischen Länder deutlich stärker verschuldet sind. Auch im Konsumentenverhalten sind diese Vorlieben zu spüren. Nicht von ungefähr hat es Deutschland zur Meisterschaft im Discount gebracht – man denke nur an den legendären Werbeslogan ,Geiz ist geil‘.“

Womit wir bei der Wirtschaft wären, dem zweiten großen Kapitel in Géraldine Schwarz’ Opus Magnum. In den Hansestädten, in Flandern, Venedig und Florenz entsteht gegen Ende des Mittelalters das Bankenwesen. Die Erfindung der Überweisung, Wechselbrief genannt, revolutioniert den Handel in Europa. Bald baut man in Florenz die größte Kuppel der Christenheit, während Portugiesen, Spanier, Niederländer, Franzosen und Engländer sich daranmachen, die Welt zu unterwerfen. Sklavenhandel, Massaker und Rassismus sind die Begleiterscheinungen des Aufstiegs europäischer Länder zu Weltmächten.

Schwarz’ Darstellung des Kapitalismus reicht bis zum Aufstieg der künstlichen Intelligenz, die eine ins Extreme getriebene kapitalistische Logik verkörpere, und darüber hinaus: Sie schlägt ein Um- und Weiterdenken unseres Wirtschaftssystems vor, das „mit der Anerkennung einer vom Kapitalismus vergessenen Wahrheit“ einhergehen sollte, nämlich „dass jeglicher Reichtum von der belebten Welt abhängt, dass Werte nicht nur durch den Markt und die Akkumulation geschaffen werden, sondern durch Beziehungen, Solidarität, Bildung, Fürsorge und den Erhalt aller Formen des Lebens“.

Im Kapitel „Freiheit“ spannt die Autorin den Bogen vom antiken Erbe Europas, das die Humanisten wiederentdeckten, bis zur Aufklärung, die in die Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts mündet. Auch diese sieht sie in ihrem europäischen Kontext, etwa die Revolutionen von 1848, die oft als gescheiterte Umsturzversuche angesehen werden. „Dabei sind sie völlig beispiellos: Erstmals erhoben sich die Menschen in verschiedenen Teilen Europas gleichzeitig mit denselben oder fast identischen Forderungen.“

Mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts endet Europas Vorherrschaft über die Welt. Aus der Verwüstung erwächst der europäische Traum der Überwindung von Nationalismus und Gewalt.

Heute ist dieser zunehmend von äußeren und inneren Feinden bedroht, doch genau darin sieht Géraldine Schwarz auch die Chance für Europa, sich seiner selbst bewusst zu werden. „Die Brutalität der nahenden Welt macht gerade Europas eigene kollektive Identität sichtbar, deren politisches Überleben zu großen Teilen von seiner Einheit abhängt.“

„Wer wir waren, wer wir sind“ beeindruckt auf vielen Ebenen. Das Buch zeugt von stupendem Wissen genauso wie vom erzählerischen Können der Autorin, die es scheinbar mühelos versteht, ihre Überlegungen elegant, klar und mitreißend an die Frau und an den Mann zu bringen.

Darüber hinaus ist ihre Geschichte Europas ein flammendes Plädoyer für humanistische und historische Bildung. Für Géraldine Schwarz brauchen wir ein tiefes Verständnis unserer eigenen Herkunft, um den existenziellen Herausforderungen unseres Zeitalters gewachsen zu sein, denn: „Wenn wir vergessen, wer wir waren und wer wir sind, verlernen wir die Freiheit.“

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