Sarah

Roman
€ 22.9
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Ich weiß nur eine Sache übers Leben. Wenn du lang genug lebst, fängst du an, Dinge zu verlieren. Alles wird dir weggenommen: Zuerst verlierst du deine Jugend, dann deine Eltern, dann verlierst du deine Freunde, und am Ende verlierst du dich selbst.« So beginnt Scott McClanahans semiautobiografischer Roman über Sarah – seine erste Liebe, die Mutter seiner Kinder, seine Ex-Frau. Ein Buch über die Magie des Kennenlernens, über die Entstehung einer jungen Familie und ihre Auflösung. Genauso humorvoll wie traurig, tragisch wie hoffnungsreich, umspannt es den Bogen einer Existenz mit all ihren Höhenflügen und Absurditäten und entwirft so auch das Bild einer ganzen Generation. Mit ihren Sorgen und Hoffnungen, gefangen auf kleinstädtischen Walmart-Parkplätzen und in abgefuckten Kellern. Sehr amerikanisch und dabei universal. Eine frische, leichtfüßige und unerbittlich klare Stimme, wie man sie so noch selten gehört hat.
Über die Liebe und ihren Verlust: Indie-Ikone Scott McClanahan erstmals auf Deutsch.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Der letzte große Romantiker

Scott hat ein gefährliches Hobby. Wenn seine Frau Sarah, die sehr bald schon seine Exfrau sein wird, vom Nachtdienst nach Hause kommt und müde ins Bett fällt, setzt er sich ans Steuer, um mit überhöhter Geschwindigkeit über den Highway zu brettern. Das wäre an sich schon bescheuert, aber er ist bei diesen Ausfahrten in der Regel sternhagelvoll. Aus Überzeugung: „Ich war der beste betrunkene Autofahrer der Welt.“

Eines Morgens sitzen bei diesem Höllenritt auch noch seine beiden Kinder auf dem Rücksitz. Im Rausch bemerkt Scott das erst auf der Straße mitten im Verkehr. Im nächsten Moment sieht er im Rückspiegel Blaulicht aufblitzen. Es könnte das Ende sein. Doch es handelt sich um die Gänsehaut-Eröffnungsszene von Scott McClanahans Roman „Sarah“ – also geht es weiter. Dem Officer im Polizeiwagen fällt bei der Kontrolle nichts Ungewöhnliches auf und er belässt es bei einer Verwarnung.

Scott ist nochmal davongekommen: „Ich lächelte und hörte den Kindern beim Heulen zu und fühlte die Welt leuchten. Ich übergab mich in eine Plastiktüte von Walmart und warf sie aus dem Fenster. Die Kinder weinten noch immer, aber es war mir jetzt egal. Ich war frei, ich war davongekommen und ich fuhr unseren Todeswagen so schnell und furchtlos über die Erde. Ich zerstörte unser Leben und es fühlte sich so verdammt großartig an.“

Dieser Roman ist auch für die Leser ein wilder Ritt. Er packt einen bei der Gurgel und stürzt einen in ein Wechselbad der Gefühle. Alle paar Seiten hält man kurz inne und fragt sich, welche Haltung man zu dem Geschehen einnehmen soll. Soll man sich etwa darüber freuen, dass Scott nicht erwischt worden ist? Irgendwie tut man letztlich genau das. Der Typ ist zwar offenkundig ein gefährlicher Irrer, aber auch eine traurige Gestalt, die Mitgefühl hervorruft. Und er erzählt mit so viel Drive, einer Portion Wahnsinn und Poesie vom Niedergang seiner Ehe und seinem Alkoholismus, dass er einen bald schon um den Finger gewickelt hat. Man möchte mehr haarsträubende Episoden aus seinem Leben hören.

Gut wird die Geschichte nicht ausgehen, das ist schnell klar. Sarah verlässt Scott bald und er fällt noch tiefer. Eine Zeitlang lebt er sogar in seinem Auto auf einem Supermarktparkplatz. Später geht er eine Zweckwohngemeinschaft mit einem anderen Geschiedenen ein. Und immer wieder treibt Scott Unsinn, bringt sich und andere in furchtbare Situationen, die nicht nur Eltern mit Schaudern lesen werden.

Clemens Setz ist es zu verdanken, dass es dieses Buch auf Deutsch gibt. Der Grazer ist selbst Verfasser außergewöhnlicher Romane und könnte ein entfernter Verwandter McClanahans auf einem anderen Kontinent sein. Er hat „Sarah“ entdeckt, war gefesselt von der „emotionalen Intensität der Szenen“ und hat gleich zu übersetzen begonnen.

Wenn Künstler das eigene Leben für ihre Arbeit schamlos ausbeuten, ist das oft faszinierend. Aber es stellt sich auch die Frage: Soll man das alles für bare Münze nehmen und autobiografisch lesen – oder ist „Sarah“ in Wahrheit ein großer Bluff und die Hälfte erfunden? Der Verlag verkauft es als semi-autobiografischen Roman. Der Autor selbst, der wegen der Corona-Krise im Frühjahr nicht nach Europa kommen konnte, um das Buch zu präsentieren, vermeidet im Telefoninterview die Bezeichnung Roman. Er hat einen eigenen Namen dafür: „Es ist ein McClanahan. Ich bin mit diesem Buch so eng verbunden, dass ich das Buch bin.“ Das spricht wohl für den Wahrheitsgehalt.

Die Aussage zeugt außerdem von Selbstbewusstsein und davon, dass McClanahan sich seines Außenseiterstatus bewusst ist. „Die meisten Romane sind so wie andere Romane, sie folgen ähnlichen Gesetzmäßigkeiten“, sagt er. „Ich wollte diese Bücher wegblasen. Mein Ziel war, etwas zu machen, das vorher noch nicht existiert hat. Dieses Buch sollte sich anfühlen wie eine echte Trennung.“

Dass ihm das gelungen ist, spricht für seine sprachlichen und stilistischen Fähigkeiten. Scott McClanahan versteht es, gleichzeitig vulgär und zärtlich, pathetisch und witzig zu schreiben. Er arbeitet gern mit dem Mittel der Wiederholung, aber auch mit Widersprüchen. Was als Nächstes kommt, bleibt stets unvorhersehbar; auch die nicht-linearen Sprünge durch die Chronologie von Scotts und Sarahs Beziehung tragen zur Lebendigkeit des Buches bei.

Dazu kommt noch eine gute Portion Komik, die oft plötzlich aus einer Überdosis Leid und Tragik entsteht. Bei dem Thema kommt McClanahan im Gespräch auf seine aktuelle Lektüre zu sprechen, die „Geschichte der Französischen Revolution“ von Thomas Carlyle: „Er beschreibt, wie ein Wissenschaftler guillotiniert wird. Dieser vertrat die Theorie, dass man danach noch eine Zeit lang am Leben bleibt. Er ließ seine Studenten bei seiner Ermordung zusehen und sagte, er würde ihnen zublinzeln. Es gelang ihm mehrfach, obwohl sein Kopf schon vom Körper abgetrennt war. Eine Horrorgeschichte – aber ist sie nicht auch komisch?“

Komisch im Sinne von merkwürdig erscheint, dass „Sarah“ in den USA nicht auf den Bestsellerlisten stand. Dabei lechzt der Buchmarkt nach einzigartigen Arbeiten, Phänomenen und Typen. Der 1978 in West Virginia geborene und bis heute dort lebende McClanahan wäre auch ohne sein Faible für schräge Fotos in Kleidern oder im Hasenkostüm ein Topkandidat.

Für einen angloamerikanischen Autor völlig unüblich, schlägt er sich jedoch ohne Agenten durch und veröffentlicht mit Vorliebe in dubiosen Kleinverlagen, die kurz darauf pleitegehen. Trotz einiger euphorischer Kritiken in wichtigen Medien hat McClanahan nach acht Büchern immer noch den Ruf eines Kuriosums, das schwer zu berechnen ist und dem Literaturbetrieb daher suspekt bleibt.

Ihn scheint das nicht sehr zu stören, im Gegenteil: „Schreiben ist meine große Leidenschaft. Das damit verbundene Geschäft hingegen macht mich krank. Ich habe das Gefühl, für ein Leben bereits genug publiziert zu haben. Es würde mir nichts ausmachen, von jetzt an nur für mich zu ­schreiben und ein paar Manuskripte an Freunde zu verteilen. Wenn diese Bücher etwas taugen, sollen sie nach meinem Tod veröffentlicht werden.“

Apropos Sterben: In der US-Literatur schließt McClanahan an die so gut wie ausgestorbene Riege der Regionalisten an. William Faulkner, Mark ­Twain, Henry David Thoreau oder ­Flannery O’Connor waren alle Landeier, ihr Schreiben war stark in ihrer Region verwurzelt. Dem Rang ihres Werks und dem Zuspruch vonseiten der Kritik und des Publikums tat das keinen Abbruch. Heute ist es trotz Internet praktisch unmöglich, von einer Kleinstadt in West Virginia aus ohne ständige Netzwerkpflege allein durch gute Arbeit aufzufallen.

Bleibt zu hoffen, dass McClanahan dafür den deutschsprachigen Markt erobert und mehr von ihm übersetzt wird. Auch für seine anderen Werke griff er zumeist auf seinen Erfahrungsschatz zurück. So erzählt er in „Crapalachia: A Biography of a Place“ von seiner Jugend, die er bei der Großmutter und dem Onkel in einem abgelegenen Landstrich West Virginias verbracht hat. Gleichzeitig ist das Buch ein detailliertes Porträt dieser sonst kaum beschriebenen Gegend.

Mit etwas über 40 ist Scott McClanahan inzwischen fast respektabel geworden. Er lüge in Interviews nicht mehr so viel wie früher, sagt er. Er trinke auch nicht mehr und habe inzwischen ein zweites Mal geheiratet. Ganz gewiss ist er kein nachtragender Egoist, der mit „Sarah“ seiner Ex eins auswischen wollte.

Man muss ihn sich vielmehr als Schwärmer vorstellen – und sein Buch als eine Elegie auf etwas, das nicht von Dauer sein sollte. McClanahan selbst versteht es als Geschenk an seine Verflossene. „So wird sie sich daran erinnern können und wir werden alle wieder zusammen sein. Strahlend“, heißt es in einer Zwischenbemerkung im Buch.

Vielleicht ist er der letzte große Romantiker.

Sebastian Fasthuber in Falter 26/2020 vom 26.06.2020 (S. 30)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783747201077
Erscheinungsdatum 25.02.2020
Umfang 206 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag ars vivendi
Übersetzung Clemens J. Setz
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Georges Simenon, Ingrid Altrichter
€ 12,40
Tomasz Jedrowski, Brigitte Jakobeit
€ 13,30
Siegfried Lenz, Günter Berg, Heinrich Detering
€ 47,30
Tahmima Anam, Kirsten Riesselmann
€ 22,70
Georges Simenon, Hansjürgen Wille, Barbara Klau
€ 12,40
Georges Simenon, Sophia Marzolff
€ 12,40
Lizzie Damilola Blackburn, Stefanie Jacobs
€ 22,70
Siegfried Lenz
€ 14,40