Sachbuch-BESTENLISTE Januar 2022

Die Erfindung der Hausfrau – Geschichte einer Entwertung

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Kurzbeschreibung des Verlags:



Kinder, Küche und Karriere? – Über Arbeitsteilung, Rollenbilder und gekippte Machtverhältnisse


»Das bisschen Haushalt« – diese unsäglich anstrengende, undankbare Aufgabe kostet viele Frauen bis heute den letzten Nerv. Egal, ob sie berufstätig oder »nur« Hausfrau (und Mutter) sind. Doch unter welchen ökonomisch-gesellschaftlichen Verhältnissen konnte sich überhaupt ein solches Rollenmodell etablieren, das Frauen nicht nur in finanzielle Abhängigkeit drängte, sondern enormen psychischen Belastungen aussetzte?
Evke Rulffes erzählt die historische Entwicklung der Hausfrau nach und zeigt, wo sich diese alten Verhältnisse trotz all der politischen Bemühungen um ein gleichberechtigtes Miteinander heute noch wiederfinden, wie sie uns prägen und beeinflussen: Warum haben vor allem Mütter das Gefühl, sie müssen alles alleine schaffen? Warum ist es ihnen unangenehm, sich Hilfe zu organisieren? Und warum bleibt selbst das Organisieren von Hilfe in der Regel bei ihnen hängen?
Pointiert, fundiert und erhellend zeigt uns die Autorin die historischen Gründe für unseren Gender-Gap und was die Erfindung der Hausfrau mit dem schlechten Gewissen der Mutter zu tun hat. Denn »Das bisschen Haushalt« kommt nicht von ungefähr …


Ein Plädoyer für mehr Gerechtigkeit und Wertschätzung von Care- und Hausarbeit





»Evke Rulffes zeigt in ihrem Buch "Die Erfindung der Hausfrau" das fehlende Bewusstsein für eine unverzichtbare Arbeit - und liefert amüsante Einblicke in die Alltagskniffe des 18. Jahrhunderts.« Marlene Knobloch, Süddeutsche Zeitung, 18.10.2021
»Ein sehr spannendes Buch.« Judith Heitkamp, BR2 Kulturwelt, 28.10.2021
»Präzise macht Rulffes deutlich, dass wirkmächtige Rollenbilder sich aus ideologischen Motiven entwickelten, zum Nachteil von Frauen.« Elisa von Hof, Der Spiegel, 30.10.2021
»[Es] lohnt sich das Buch zu lesen – Die Erfindung der Hausfrau – sehr interessant, sehr vielschichtig.« Kristin Hunfeld, Bremen Zwei, 31.20.2021

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FALTER-Rezension

Am Beispiel der Butter

Die Hausfrau gilt als Inbegriff des konservativen Familienmodells. Die deutsche Autorin Evke Rulffes erklärt, wie es dazu kam, und erzählt von Still-Nazis und dem Imperativ des selbstgebackenen Kuchens

Die Geschichte der Hausfrau ist eine Geschichte voller Missverständnisse. "Es ist schon immer so gewesen", lautet das grundlegendste. Bereits im Paläolithikum wären die Männer auf die Jagd gegangen, wohingegen die Frauen ein bisschen gesammelt und sich ansonsten um den Nachwuchs, die Zubereitung des Mammut-Steaks sowie darum gekümmert hätten, dass die Höhle sauber gekehrt und gut geheizt ist. Tatsächlich waren Frauen sehr wohl an der Jagd beteiligt. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, wie wir sie mit der heutigen Form der Kleinfamilie verbinden, wurde milieubedingt und erst im Laufe der Industrialisierung etabliert.

In ihrem klugen Sachbuch "Die Erfindung der Hausfrau - Geschichte einer Entwertung" zeichnet die Berliner Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes nach, wann und wie unser Bild der "Hausfrau" geprägt wurde. Die 47-jährige Autorin und Kuratorin hat dabei vor allem die Umbruchszeit des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts im Blick, ihre Analyse führt aber bis zu Paaren von heute, deren theoretischer Anspruch einer gleichberechtigten und arbeitsteiligen Beziehung oft an seine praktischen Grenzen stößt, sobald Kinder ins Spiel kommen.

Noch Anfang der 1980er-Jahre war von Gleichberechtigung nicht einmal theoretisch die Rede. Was halten Sie vom Karenzurlaub für Männer?", wollte die Reporterin des ORF-Magazins "Prisma" 1982 wissen. Befragt wurden Passantinnen und Passanten auf dem Stephansplatz. Ein schnauzbärtiger Mann in seinen Vierzigern findet schon die Frage absurd: "Für Männer? Des is a Bledsinn!""Warum?", will die Reporterin wissen. "Najo, waaß i ned. Weil des eben so is. A Frau ghead in Karenzurlaub, die muass beim Kind sei, oba a Mann, der soi in d'Arbeit geh'n und aus."

Ein junges Paar - adrette Föhnfrisuren alle beide, er mit Krawatte, sie mit modischem Halstuch - wird mit derselben Frage konfrontiert. Nach einer kurzen Pause ergreift sie das Wort: "I halt gar nix davon. Weil i das an Blödsinn find. I mein, a Mann soll weder zuhaus sein noch für die Kinder da sein. Das ist die Arbeit der Frau, und die Frau soll das machen."

Die Umfrage fand 2019 Eingang in den Dokumentarfilm "Die Dohnal". Sie belegt, dass sich geschichtlich gewachsene Verhaltens-und Argumentationsmuster auch noch halten, nachdem sie als "anachronistisch" und "überholt" durchschaut worden sind - aber eben nicht von allen. Noch in den 1970ern wusste der Verhaltensforscher Otto Koenig in seiner ORF-Serie "Rendezvous mit Tier und Mensch" darauf hinzuweisen, dass Frauen aufgrund der geschlechtsspezifischen Anlage ihrer Muskulatur für ausdauernde Tätigkeiten wie Bügeln besser geeignet wären als Männer.

Zugleich wurde das als naturgegeben missverstandene Bild der Ehe-und Hausfrau, das sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert etabliert hatte, in diesem Jahrzehnt von feministischer Seite massiv kritisiert; entsprechende Reformen und Gesetzesänderungen haben ihm auch die rechtliche Grundlage entzogen. Bereits ein halbes Jahrhundert zuvor hatte unter anderen die sozialdemokratische Abgeordnete und Frauenrechtlerin Adelheid Popp die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter gefordert. Durch die mit dem Namen des verantwortlichen Justizministers Christian Broda verbundene "Große Familienrechtsreform" war es nun im Österreich der 1970er so weit: Sie demontierte die Rolle des Mannes als "Haushaltsvorstand" und "Familienoberhaupt", ohne dessen Zustimmung die Frau zuvor weder ein Bankkonto eröffnen noch den Führerschein machen geschweige denn einer "Erwerbsarbeit" nachgehen konnte.

Die "Hausarbeit" hatte sie selbstverständlich weiterhin unentgeltlich zu leisten. Sie galt als "Liebesdienst", der im "privaten Rahmen", also im Verborgenen, erbracht werden musste. Das Stopfen der Strümpfe und Ausbessern der Wäsche etwa, so hält eine Schrift aus dem Jahr 1881 fest, habe in den frühen Morgenstunden zu erfolgen, damit "anderen nicht der Einblick in diese gewissermaßen inneren Familienangelegenheiten gestattet wird".

Nimmt man etwa das 2020 erschienene Buch "Die schlechteste Hausfrau der Welt" der Bloggerin und Kolumnistin Jacinta Nandi für bare Münze, hat sich daran nicht viel geändert. Ihre Bestandsaufnahme ist wohl satirisch gemeint, affirmiert letztlich aber platteste Gender-Klischees. Die autobiografisch inszenierte Ich-Erzählerin quält sich ganz furchtbar mit dem zum Scheitern verurteilten Versuch, zugleich eine gute Feministin und eine gute Hausfrau zu sein, sprich: ihrem Uniprof-Lebensgefährten, der sich weigert, einen Staubsauger auch nur anzurühren, ein adrettes Heim zu bereiten und mit den von ihm präferierten Praktiken sexuell zur Verfügung zu stehen. Allen Ernstes rät ihr eine Freundin, einfach etwas früher aufzustehen und schon einmal eine Runde "Speed Cleaning" einzulegen, damit sich das alles ausgeht - inklusive des pädagogischen Managements der beiden Buben.

Weniger selbstmitleidig und analytisch deutlich tiefer schürfend wurde die "Hausfrauisierung der Arbeit" bereits vor Jahrzehnten untersucht. Zwei bahnbrechende Arbeiten haben die historischen Wurzeln dieses Phänomens 1976 freigelegt. Die deutsche Historikerin Karin Hausen machte "Die Polarisierung der ,Geschlechtscharaktere'", die "Rationalität","Aktivität" und "Öffentliches Leben" et cetera dem Mann, "Emotionalität","Passivität" und "Häuslichkeit" der Frau zuordnet, anhand der sich wandelnden Einträge in Enzyklopädien nachvollziehbar.

Die Frau wird darin noch bis in die 1770er-Jahre durch ihre Rechte und Pflichten, nicht aber durch etwaige Charaktereigenschaften definiert. Diese nehmen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr Raum ein. Im "Brockhaus" von 1815 herrscht bereits gestrenge Geschlechter-Dualität: "Aus dem Manne stürmt die laute Begierde, in dem Weibe siedelt sich die stille Sehnsucht an. [] Der Mann muß erwerben, das Weib sucht zu erhalten; der Mann mit Gewalt, das Weib mit Güte und List. Jener gehört dem geräuschvollen öffentlichen Leben, dieses dem stillen häuslichen Cirkel. Der Mann arbeitet im Schweiße seines Angesichtes und bedarf erschöpft der tiefen Ruhe; das Weib ist geschäftig immerdar, in nimmer ruhender Betriebsamkeit."

Ebenfalls im Jahr 1976 erschien der ausführliche Aufsatz "Arbeit aus Liebe - Liebe als Arbeit", in dem Gisela Bock und Barbara Duden analysieren, "wie eine bestimmte und noch dazu unbezahlte Arbeit für ein ganzes Geschlecht zur einzig möglichen Existenzform erklärt und diese Existenzform mit dem Kapitalismus neu geschaffen wird".

Anhand historischer Quellen von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert belegen die Autorinnen, dass "die Hausfrau", wie wir sie kennen, das Produkt einer anhaltenden ideologischen Anstrengung und gewaltiger ökonomischer, sozialer und technologischer Veränderungen war. Erst in der von Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und Konsumismus geprägten Trente Glorieuses zwischen Kriegsende und dem Ölpreisschock von 1973 konnte die Haushaltsmanagement, Kindererziehung und die emotionale und sexuelle Versorgung des Partners unter einen Hut bringende Hausfrau als Role Model klassenübergreifende Verbindlichkeit gewinnen.

All das bereitet Evke Rulffes in "Die Erfindung der Hausfrau" materialreich, aber kurzweilig und spannend auf (...).

Klaus Nüchtern in Falter 6/2022 vom 11.02.2022 (S. 24)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783749902408
Ausgabe 4. Auflage
Erscheinungsdatum 26.10.2021
Umfang 288 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag HarperCollins

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