
In Russland stirbt die Hoffnung zuerst
Erich Klein in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 10)
ussland grenzt an Gott, schrieb Rainer Maria Rilke nach seiner ersten Russlandreise 1899, zu einer Zeit, als Gott längst tot war. Mit der Beantwortung der Frage nach dem Wesen Russlands beschäftigten sich auch Heerscharen von russischen Schriftstellern. Aber selbst einer der größten von ihnen, der gebürtige Ukrainer Nikolaj Gogol, gelangte am Ende seiner „Toten Seelen“ nur bis zum ratlosen Aufschrei: „Russland, wohin jagst du!“ Ansonsten wurde meist von Obskurantismus oder Wodka gesprochen, oder es ertönten Gesänge auf und aus dem Gulag.
Einer, der vor dieser großen Frage nie zurückscheute, ist der 1947 in Moskau geborene Viktor Jerofejew. Als privilegierter Botschaftersohn studierte er an der Pariser Sorbonne. 1979 wurde er als Mitherausgeber eines dissidenten Literaturalmanachs aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und avancierte in der Hochzeit der Perestrojka zum Totengräber der Sowjetliteratur. Schriftsteller hätten – auch wenn in Russland gerne Gegenteiliges behauptet wurde – nicht mehr über das Leben zu sagen als jeder und jede andere auch.
Seit mittlerweile vier Jahrzehnten treibt den exzellenten Essayisten und Verfasser internationaler Besteller wie „Moskauer Schönheit“ (1990), „Der gute Stalin“ (2004) oder „Der große Gopnik“ (2023) dennoch besagte Frage um. Mit „Gopnik“ – einem kleinen Wüstling und Hooligan – war übrigens Wladimir Putin gemeint. In Jerofejews jüngstem Buch „Die neue Barbarei“ figuriert der Diktator aus dem Kreml als „Pontschik“. Das ist eine Art Krapfen, neudeutsch ein Donut – etwas mit einem Loch.
Den gebührenden Ernst des Unternehmens versinnbildlicht allerdings schon der Totenschädel am Buchcover. Mitte der 1950er-Jahre, so erfahren wir, spielten die Buben in den Moskauer Hinterhöfen mit einem solchen Fußball, allein der kleine Victor Jerofejew hielt sich davon eher fern: „Dieses Himmlische Moskau ähnelt in den Himmel gehobenen Katakomben.“
Das seit Jerofejews Flucht aus Putins Russland im April 2022 entstandene Buch – trotz des Untertitels „Romanfantasie über Russlands Schuld“ kein Roman im herkömmlichen Sinn – besteht aus 150 kürzeren und längeren Prosastücken. Einige davon sind explizit autobiografischer Natur, wie jenes am Anfang zur Beantwortung der Frage nach Russlands Schuld: „Meine Großmutter Anastassia Nikandrowna war eine schöne Frau mit rosigen Wangen. Aber auch bei schönen Frauen kann es vorkommen, dass sie Tassen zerdeppern.“
Der Erzähler schlägt einen rasanten Bogen vom banalen Alltagsvorkommnis zur Zeit der Blockade Leningrads während des Weltkriegs. Fast eine Million Menschen kamen dabei ums Leben, Jerofejews Großeltern überlebten.
Was das mit dem kaputten Geschirr zu tun hat? „In dieser zerschlagenen Tasse konzentriert sich die russische Vorstellung von Schuld und die kategorische Weigerung, diese zuzugeben.“ Nicht der Zorn der Großmutter, sondern die Tasse selbst sei schuld daran, dass sie zu Bruch ging. Für Jerofejew repräsentiert die Szene die Geschichtslosigkeit des Landes: Aller Schrecken und alle Übel der Vergangenheit fallen sofort der Vergessenheit anheim. Und er macht einen Grund dafür namhaft: „Vermutlich liegt es daran, dass die Strafe für ein begangenes Verbrechen in Russland nicht dem Verbrechen selbst entspricht. Die Strafe ist immer größer, sie ist wie der Hefeteig, der aus der Schüssel quillt und das Leben unter sich begräbt. Warum ist sie größer? Vielleicht, weil eine Tasse in einer armen Familie etwas Wertvolles ist und Armut das Übel Russlands?“
Diese reichlich spekulative „These“ entfaltet der Erzähler in Aphorismen à la „In Russland stirbt die Hoffnung zuerst“, kurzen Dialogen und Dramoletten reichlich surrealer Natur: Etwa so: „Natalja Nikolajewna weckte ihn um vier Uhr morgens mit einem wilden Schrei: ,Krieg!‘ Puschkin sprang aus dem Bett, starrte seine Frau mit hasserfülltem Blick an: ,Scheiße!‘“ Damit wird der Dichter Alexander Puschkin als Ahnherr aller oppositionellen russischen Intelligenzija beschworen, der Erzähler schlüpft in dessen Rolle und räsoniert dann weiter über die Gegenwart des Angiffskrieges gegen die Ukraine: „Russland ohne die Ukraine ist nicht mehr Russland, sondern geografisch betrachtet irgendwie ein Unding, ein Nonsens.“ Was daraus folgt, wissen wir nicht.
Derartige Rollenwechsel und -spiele werden in ihrer überbordenden Menge gelegentlich unübersichtlich. Der im Westen in seiner Bedeutung als Putins Stichwortgeber überschätzte „Philosoph“ Alexander Dugin diskutiert mit dem in Russland hoch angesehenen Kulturwissenschaftler Michail Epstein, Martin Heidegger trifft auf Hannah Arendt und Karl Jaspers, Dostojewskij gerät mit Turgenjew in einen verbalen Clinch über „Westler“, und schließlich melden sich auch noch diverse Kriegsteilnehmer, Drohnenpiloten, Ärztinnen, und vor allem die russische Schuld höchstpersönlich in Gestalt einer 35-jährigen Schönen zu Wort. So gelehrt und unterhaltsam das Ganze auch sein mag, die Gefahr, den Faden in diesem erzählerischen Labyrinth zu verlieren, ist nicht gering.
„Der Russe befindet sich im Konzentrationslager eines Zaubermärchens“, heißt es einmal apodiktisch. Grenzt Russland also doch an Gott? Dessen Stelle nimmt bei Victor Jerofejew Pontschik/Putin als Inbegriff der neuen Barbarei ein: „Oberbefehlshaber Pontschik will nicht nur die Landkarte Europas verändern, sondern auch in den inneren Angelegenheiten seines Landes ein für alle Mal Ordnung schaffen. Er hat sich, wie wir uns erinnern, die Idee der Unsterblichkeit in den Kopf gesetzt.“ Um es mit den Worten Daniil Charms’ zu kommentieren: „Mehr wäre darüber nicht zu sagen.“


