Des Teufels Leibspeise

Die Entstehung der verschlungenen Moderne
360 Seiten, Hardcover
€ 30,90
-
+
Lieferung in 2-5 Werktagen

Bitte haben Sie einen Moment Geduld, wir legen Ihr Produkt in den Warenkorb.

Mehr Informationen
Themen Gesellschaft und Sozialwissenschaften Gesellschaft und Kultur, allgemein
ISBN 9783751821070
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 30.04.2026
Größe 21.5 x 13.5 cm
Verlag Matthes & Seitz Berlin
LieferzeitLieferung in 2-5 Werktagen
HerstellerangabenAnzeigen
MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH
info@matthes-seitz-berlin.de
Unsere Prinzipien
  • ✔ kostenlose Lieferung innerhalb Österreichs ab € 35,–
  • ✔ über 1,5 Mio. Bücher, DVDs & CDs im Angebot
  • ✔ alle FALTER-Produkte und Abos, nur hier!
  • ✔ keine Weitergabe personenbezogener Daten an Dritte
  • ✔ als 100% österreichisches Unternehmen liefern wir innerhalb Österreichs mit der Österreichischen Post
Kurzbeschreibung des Verlags

Hat Europa Südamerika verschlungen – oder war es doch umgekehrt?

In einem als Chronik getarnten Beschwerdebrief, den Felipe Guaman Poma de Ayala um 1600 an den spanischen König schickt, zeichnet der indigene Gelehrte ein drastisches Bild: Den Berg Potosí im heutigen Bolivien, aus dem die Spanier unersättlich edle Erze abbauen, versieht er mit Darm und Anus – und er entleert sich mitten auf dem Hauptplatz von Sevilla. Vierhundert Jahre später versucht man bei den Dreharbeiten des oscarprämierten Spielfilms The Mission alles richtig zu machen. Und trotzdem rufen die indigenen Darsteller eines Tages den Streik aus: Sie begehren dasselbe Essen wie die Darsteller der Europäer. Anhand dieser und zahlreicher anderer Geschichten zeigt Karin Harrasser, dass sich die Begegnungen zwischen Eroberern und Eroberten immer bis auf die Körper ausgewirkt haben, in leibhaftigen Bildern darstellbar sind – und bis heute als ein Stoffwechsel fortwirken.

Des Teufels Leibspeise entwirft einen Kulturbegriff, der sich gegen die Reinheitsfantasien rechter Fanatiker stellt – genauso wie gegen die Vorstellung, dass kulturelle Appropriation eine Einbahnstraße ist. Und der stattdessen zeigt: Kultur ist ein Prozess des Verschlingens und Verschlungen-Werdens, der von Aneignungen und Gegenaneignungen lebt, der gewaltvoll sein kann, aber auch gewitzt gekontert worden ist.

Mehr Informationen
Themen Gesellschaft und Sozialwissenschaften Gesellschaft und Kultur, allgemein
ISBN 9783751821070
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 30.04.2026
Größe 21.5 x 13.5 cm
Verlag Matthes & Seitz Berlin
LieferzeitLieferung in 2-5 Werktagen
HerstellerangabenAnzeigen
MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH
info@matthes-seitz-berlin.de
Unsere Prinzipien
  • ✔ kostenlose Lieferung innerhalb Österreichs ab € 35,–
  • ✔ über 1,5 Mio. Bücher, DVDs & CDs im Angebot
  • ✔ alle FALTER-Produkte und Abos, nur hier!
  • ✔ keine Weitergabe personenbezogener Daten an Dritte
  • ✔ als 100% österreichisches Unternehmen liefern wir innerhalb Österreichs mit der Österreichischen Post
FALTER-Rezension

Kultur geht durch den Magen

Klaus Nüchtern in FALTER 31/2026 vom 29.07.2026 (S. 22)

Die "Entdeckung" Amerikas durch Kolumbus im Jahr 1492 markiert den Beginn der Kolonialisierung der Neuen Welt. Ihre Fortsetzung fand sie im 16. Jahrhundert in der blutigen Eroberung Mexikos und des andinen Inkareichs durch die Konquistadoren Hernán Cortés und Francisco Pizarro, die Spanien als Weltmacht etabliert. Legitimiert und begleitet wird die Unterwerfung der indigenen Bevölkerung durch ein von Franziskanern, Dominikanern und Jesuiten ins Werk gesetztes Missionierungsprogramm; wobei letztgenannter Orden für die Errichtung sogenannter "Reduktionen", autonomer Siedlungen für die Ureinwohner, bekannt wird.
Die Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Geschichte der Kolonialisierung aus einem oft allzu rigiden Täter-Opfer-Schema zu befreien. In ihrem so spannenden wie detailreichen Buch "Des Teufels Leibspeise. Die Entstehung der verschlungenen Moderne" richtet sie ihr Augenmerk nicht nur auf die physische Ausbeutung und kulturelle Zurichtung durch die Eroberer, sondern vor allem auf den Widerstand und die Gegenstrategien der indigenen Bevölkerung. Der "Clash of Civilizations" produziert nicht einfach Sieger und Besiegte, sondern setzt einen nicht anzuhaltenden Prozess der Aneignung, Umcodierung und Inkorporierung in Gang, der beide Seiten erfasst und verändert.

Falter: Frau Harrasser, das Cover Ihres Buches zeigt einen detailreich gestalteten Rahmen. Das Bild, das er umgibt, ist freilich völlig verschwommen. Was soll uns das sagen?

Karin Harrasser: Dass das Bild selbst unscharf bleibt, hat damit zu tun, dass die historische Quellenlage recht dünn wird, wenn man weiter zurückgeht. Und gerade die indigenen Quellen, die mich besonders interessieren, sind sehr rar. Man blickt auf diese und weiß zunächst nicht ganz genau, was man überhaupt sieht.

Welche Quellen können Sie denn lesen?

Harrasser: Im Zuge dieser Arbeit habe ich Spanisch gelernt, das geht sehr gut, Latein kann ich auch. Bei indigenen Quellen komme ich allerdings an meine Grenzen, wobei viele davon mittlerweile übersetzt und kommentiert sind.

Wie weit sind Sie bei Ihren Recherchen herumgekommen?

Harrasser: Ausgangspunkt war die Provinz Chiquitos im östlichen Tiefland Boliviens, weil ich wissen wollte, was all diese Missionare dort gemacht haben. Später war ich in Cusco, in La Paz, habe aber auch abgelegenere Missionskirchen besucht, wohin man mit dem Sammeltaxi noch ein paar Stunden unterwegs ist.

Wie lange haben Sie an Ihrem Buch gearbeitet?

Harrasser: Begonnen habe ich um 2013, 2014 herum. Ich musste mir erst einmal die ganze frühe Kolonialgeschichte auf die Festplatte laden.

Wie sind Sie von Ihrem ursprünglichen Forschungsgebiet, dem Cyborg-Feminismus, auf die Kolonialgeschichte der Frühen Neuzeit gekommen?

Harrasser: Mein Interesse gilt nach wie vor der Beziehung von Körper, Technik und Welt. Ich war ab 2009 regelmäßig in Südamerika und habe dort ein extrem interessantes akademisches und künstlerisches Milieu kennengelernt. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Art und Weise, wie wir Europäer uns mit Techniken beschäftigen, seltsam blass und verengt, auf Mechanik und Maschinen fokussiert ist.

Und wie haben Sie Ihren Blick erweitert?

Harrasser: Indem ich mich auf die Musik konzentriert habe.

Musik als Technik zu betrachten ist für Europäer wohl tatsächlich ungewöhnlich?

Harrasser: Für uns heute ja, aber die Musiktheologen der Frühen Neuzeit haben das anders gesehen. Für Athanasius Kircher (Jesuit und Universalgelehrter, Red.) war Musik ganz klar eine Technik, um die Seelen neu zu formatieren und neue Ideologien einzubauen.

Kircher hat auch diesen verrückten Komponierkasten entworfen.

Harrasser: Ja, das war ein Tool, um mit jeder beliebigen Sprache Kirchenlieder herzustellen, eine Art früher KI. Für jemanden wie Kircher stellt Musik sowohl eine transzendente als auch eine innerweltliche Beziehung her. Das hat im euro-amerikanischen Raum irgendwann die Kunst übernommen, während Technik als etwas rein Funktionales und Normiertes aufgefasst wird.

Aber im heutigen Lateinamerika sieht der Diskurs anders aus?

Harrasser: Ja. Für den Ethnologen Eduardo Viveiros de Castro etwa ist Technik wirklich eine alternative Metaphysik, die versucht, sich das Fremde anzueignen, anstatt es auszuschließen. Die Landwirtschaft ist ein gutes Beispiel: Du kannst jeden einzelnen Arbeitsschritt mechanisch durchbuchstabieren und mit dem Traktor aufs Feld fahren oder aber mit einem Ritual für Pachamama verbinden.

Wer oder was ist Pachamama?

Harrasser: Die Erdgöttin, also quasi Demeter. Wobei es in der andinen Kosmologie immer ein männliches Gegenstück dazu gibt, in diesem Falle El Tío, der für den Bergbau zuständig ist. Die Erze wachsen im Berg wie die Kartoffeln auf dem Feld, wobei es stets um Reziprozität geht: Man muss El Tío oder Pachamama immer irgendetwas zurückgeben.

Sie erzählen in Ihrem Buch auch von Ihrer eigenen Sozialisation, für die der Film "The Mission" mit Jeremy Irons und Robert de Niro wichtig war. Wieso?

Harrasser: Meine Eltern haben drei Jahre lang als Entwicklungshelfer in Papua-Neuguinea gearbeitet und dort im Hochland eine Schule aufgebaut; sie wollten etwas gegen die globale Ungleichheit unternehmen. Das ist auch das Narrativ von "The Mission": Die spanischen Konquistadoren sind die bösen Ausbeuter, und dann kommen die guten Jesuiten und helfen den Indigenen, sich zur Wehr zu setzen. Als 17-Jährige habe ich mir gedacht: Ja, so macht man das!

Eine klassische "White Saviour"-Erzählung.

Harrasser: Ja, es geht eigentlich immer nur um die weißen Retter. Und dass sich die am Ende durch ihre Nähe zu den "unverdorbenen" Indigenen auch noch selbst retten, ist die vielleicht perfideste Aneignung des Indigenen. Ein besonders krasser Fall einer solchen Selbstrettung war der Österreicher Gerardo Reichel-Dolmatoff. Der war ein illegaler Nazi in Oberösterreich und Mitglied der SS. Dann hat er irgendwann einen Nervenzusammenbruch, geht nach Kolumbien, wird dort zum Anthropologen und reinigt sich so komplett von seiner eigenen gewalttätigen Vergangenheit. Nach seinem Tod im Jahr 1994 hat es noch einmal Jahre gebraucht, bis jemand seine vollständige Biografie enthüllt hat.

Man könnte es aber doch auch als authentische Läuterung betrachten?

Harrasser: Ja, das kann man, und im Fall von Reichel-Dolmatoff hat es den indigenen Communitys in Kolumbien auch viel gebracht - etwa verfassungsmäßig garantierte Rechte. Auch den Indigenen im 16. und 17. Jahrhundert ging es in den Reduktionen besser als ohne jesuitische Schirmherrschaft: Die Ordensmänner haben sich schon darum gekümmert, dass Leute nicht entführt und versklavt worden sind.

Sie finden es ein bisschen billig, sich in Selbstbezichtigung und den eigenen Schuldgefühlen zu suhlen?

Harrasser: Ja, denn dann braucht man sich auch gar nicht mehr zu bemühen. Mir ging es aber darum, die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit des kolonialen Prozesses darzustellen, also eine Beziehung, die inzwischen schon über 500 Jahre andauert.

Man könnte sagen: Kulturelle Aneignung ist keine Einbahnstraße. Wären Sie damit einverstanden?

Harrasser: Unbedingt. Das zu belegen ist das Anliegen meines Buches.

Ein anderes besteht darin, die Differenzen im kolonialen Diskurs aufzuzeigen, wie sie etwa im "Disput von Valladolid" von 1550/51 sichtbar werden. Er dreht sich um die Frage, ob man Indigene versklaven darf.

Harrasser: Wir sind es gewohnt, diejenigen für Rassisten zu halten, die Unterschiede zwischen Menschen an der Physis und den Genen festmachen. Damals war es aber umgekehrt: Der Dominikaner Bartolomé de Las Casas, der im "Disput" ganz naturalistisch argumentiert, hat radikalere emanzipatorische Ideen entwickelt als wenige Jahrzehnte später der kulturalistische Jesuit José de Acosta, der den Spaniern das Recht zuspricht, die kulturell unterlegenen Indigenen zu erobern. Las Casas sieht es im Sinne der Humoralpathologie (gemäß der Vier-Säfte-Lehre bestehen alle Menschen aus Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle, Red.) so, dass wir uns ohnedies ständig verändern, weil wir zum Beispiel verschiedene Speisen zu uns nehmen. Die sich dadurch ergebenden biologischen Unterschiede werden von ihm allerdings gutgeheißen und nicht hierarchisiert.

Las Casas' Argumentation hatte freilich auch einen biopolitischen Aspekt?

Harrasser: Ja, weil er nicht moraltheologisch, sondern ganz pragmatisch argumentiert: Wenn wir die Indigenen in einem regulierten Gemeinwesen gut versorgen, dient das dem Erhalt ihrer Arbeitskraft.

Eine andere spannende Figur ist der Jesuit Anton Sepp, der biblische Erzählungen mit indigenen Mythen fusioniert, etwa wenn ein "frommer Indianer" von einem "grausamen Wallfish vershlukhet" wird

Harrasser: Die Jona-Geschichte aus dem Alten Testament wird oft als eine Vorausdeutung der Auferstehung Jesu gedeutet: Jona entsteigt heil dem Wal, so wie Jesus aus seinem Grab und in den Himmel auffährt.

Wohingegen der Indigene von dem Wal tot ausgespien wird.

Harrasser: Das hat mit Anthropophagie, also Kannibalismus, zu tun: Man isst kleine Stücke des besiegten Feindes und ist damit schon im Diesseits den Göttern gleichwertig, die der indigenen Vorstellung gemäß im Jenseits sitzen und die Verstorbenen fressen. Die christliche Ewigkeitsvorstellung ist vertikal, die indigene hingegen horizontal: In ihr gibt es keine Transzendenz, sondern man besteht quasi als Humus weiter. Heute würde man eine solche Vorstellung als "ökologisch" bezeichnen.

Der Indigene wird zwar tot ausgespien, aber eben nicht verdaut, weil er als bekehrter "Indianer" für das teuflische Monster unverdaulich bleibt

Harrasser: Ja, denn der Wal ist nicht einfach ein Wal, sondern auch eine Schlange, vielleicht ein Drache -es bleibt unklar, was für ein Viech der ist.

Dieses Spiel mit Ambivalenzen und Maskierungen ist ein Leitmotiv Ihres Buchs. Ausgangspunkt ist eine anonyme Inferno-Darstellung aus dem frühen 16. Jahrhundert, die heute in Lissabon hängt.

Harrasser: Ein wirklich spektakuläres, kunsthistorisch nicht sonderlich gut erforschtes Gemälde. Gemeinsam ist den Darstellungen der Hölle, dass dort viel interessantere Figuren zu sehen sind als im Himmel - die Engel sind ja alle ziemlich standardisiert. Dass Unterteufel indigen ausschauen, kam relativ häufig vor, in diesem Bild ist es aber der Oberteufel. Zugleich sieht man freilich auch, dass er nicht das Gesicht eines Indigenen, sondern eine Maske hat. Dieses Maskenspiel hat auch damit zu tun, dass sich die Europäer nie ganz sicher waren, was ihnen da in Lateinamerika begegnet: Sind die konvertierten Indigenen nun wirklich gläubig oder spielen die das nur? Dieses permanente Misstrauen kann sich schnell zur Paranoia auswachsen.

Im Judentum reicht es, die Gebote einzuhalten, im Christentum zählt der Glaube, der sich aber letztendlich zweifelsfreier Überprüfbarkeit entzieht.

Harrasser: Ja, und die Jesuiten, die als Intellektuelle einen ganz guten Ruf genießen, waren insofern ein moderner Orden, als sie auf diese individuelle Begegnung mit Gott abgezielt haben und mit dieser Forcierung der Innenschau ein bisschen in Richtung Protestantismus gingen.

Die verschlungene Moderne, der Sie Ihr Buch widmen, wurzelt im 16. Jahrhundert. Was geht uns das heute an?

Harrasser: Ein Leitgedanke war, dass es zwischen der Frühen Neuzeit der Kolonisierung und unserer Gegenwart Resonanzen gibt. Das Mittelalter verfügte über ein stabiles, theologisch fundiertes Weltbild, in dem alles seinen Platz hatte. Und das geht mit den Eroberungen zu Schrott, weil man in der sogenannten Neuen Welt lauter Dinge findet, die es in der Bibel nicht gibt. Das hat eine umfassende Verunsicherung ausgelöst, und ich glaube, dass dieses Grundgefühl, dass man die Dinge nicht mehr einordnen kann und Konflikte nicht einhegbar sind, uns sehr mit dem Barock verbindet.

Es ist bei Ihnen auch von einer "barocken Moderne" die Rede.

Harrasser: Es handelt sich dabei um ein Konzept des ecuadorianischen Marxisten Bolívar Echeverría, für den es drei Arten gibt, den Umgang mit der Moderne zu denken. Und die barocke bestünde eben darin, sich nicht tragisch gegen die Normierungen des Kapitalismus aufzulehnen, aber auch keine romantischen Gegenwelten aufzubauen, sondern die Moderne mit allen ihren Verwerfungen und ihrer Gewalt in sich aufzunehmen und zu verschlingen.

Sie schreiben, dass die Moderne, sollte sie weiterbestehen, eine indigene sein wird. Wie ist das gemeint?

Harrasser: Die gängige Auffassung besagt, dass die Indigenen uns vor der Klimakatastrophe retten werden, weil sie der Natur näher stehen und noch wissen, wie man ökologisch handelt. Das mag zum Teil sogar stimmen, aber mir ist wichtiger, dass es hier trotz aller Heimsuchungen und Gewalt eine 500 Jahre alte Geschichte des Hinüberrettens und Neuerfindens gibt. Für mich hat Indigenität etwas sehr Widerborstiges.

Die Figur des Indigenen hat seit Jahren Hochkonjunktur, was aber auch mit einer paternalistischen Haltung einhergeht, die vorschreibt, wie man "richtig indigen" zu sein hat -Raybans und Cowboystiefel gehen dann gar nicht.

Harrasser: Wenn ich die Biennale in Venedig besuche und dort eine größere Vielfalt an Formen und Sprachen finde als in den 1970er-Jahren, ist das ja erfreulich. Es verstört mich allerdings, wenn das Indigene so ganz auf die Seite der Naturverbundenheit geschlagen und in einem geschichtslosen Raum verortet wird. Da werden europäische Projektionen mit den realen Kämpfen verwechselt, die die Indigenen führen. Wenn eine Aktivistin aus dem Amazonasgebiet ein enges Naturverhältnis beansprucht, um gegen Landraub und den Abbau von Bodenschätzen zu kämpfen, bin ich voll dafür. Aber hier den Stecker zu ziehen und andächtig und romantisch auf die Naturverbundenheit der Indigenen zu glotzen, ist die falsche Haltung.

Sie kritisieren auch, dass NGOs heute gar nicht viel anders agieren als die jesuitischen Missionare in der Frühen Neuzeit.

Harrasser: Ja, weil Hilfeleistungen immer noch mit Kultivierungsanstrengungen verbunden sind, die man verschämt durch die Hintertür hineinschmuggelt. Warum kann man die Leute nicht einfach nur politisch unterstützen oder ihnen das geben, was sie halt gerade brauchen?

Blackfacing gilt als Inbegriff rassistischer kultureller Aneignung, Indianerspielen ist umstritten. Aber auch indigene Kinder in Bolivien verkleiden sich als "Wilde Indianer", weil die halt auch Westernfilme gesehen haben.

Harrasser: Ja, so ist das mit der Mimesis! Sobald es um Nachahmung geht, gewinnt die eine Eigendynamik, die nicht zu kontrollieren ist. Das muss man sich schon klarmachen. Warum sollen sich die Kinder nicht als Prärie-Indianer verkleiden? Das ist eine Mischung aus Interesse am Fremden und dem Wunsch, sich stärker zu fühlen, als man ist. Ich finde das überhaupt nicht schlimm.

Muss man sich nicht der Einsicht stellen, dass Kultur notwendig Appropriation ist?

Harrasser: Appropriation suggeriert mir zu sehr, dass das absichtlich und zweckgerichtet geschieht. Ich finde, dass Verdauung der bessere Begriff ist. Kultur besteht darin, etwas aufzunehmen und in anderer Form wieder in die Welt zu bringen. Ich finde es wichtig, darauf zu bestehen, dass es Kultur nur in verdauter Form gibt, dass man aber die Gewalt nicht herausrechnen kann, die dabei im Spiel ist.

weiterlesen