Die wahrscheinliche Wahrheit

Wie KI unsere Wirklichkeit, Moral und Gesellschaft neu berechnet
284 Seiten, Hardcover
€ 25,70
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Themen Informatik und Informationstechnologie Allgemeine Themen
ISBN 9783751821490
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 03.09.2026
Größe 20 x 12 cm
Verlag Matthes & Seitz Berlin
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HerstellerangabenAnzeigen
MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH
info@matthes-seitz-berlin.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Unsere Wahrheit gerät unter Druck: Fake News, Echokammern und halluzinierende Sprachmodelle untergraben begründete, faktengestützte Erklärungen. Doch diese Entwicklung ist kein Unfall. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass jede neue Medientechnologie stets verändert hat, wie Wahrheit entsteht und was als wahr gelten darf – von Sprache und Schrift über den Buchdruck und das Internet bis zur Künstlichen Intelligenz. KI kennt keine Fakten oder Kausalitäten mehr, sondern berechnet Antworten allein auf Basis statistischer Wahrscheinlichkeiten. Das führt zu Fehlern und Halluzinationen – und dennoch sind ihre Ergebnisse oft treffsicherer als menschliche Erklärungen, etwa in Medizin, Wissenschaft oder Prognostik. 

Mads Pankows Mediengeschichte der Wahrheit verortet uns in einer Phase des Übergangs – von einer regel- und argumentbasierten Ordnung zu einer Gesellschaft, in der Modelle, Prognosen und Korrelationen beginnen, unser Denken und Handeln zu bestimmen. Können wir uns eine Welt ohne erklärbare Wahrheit, ohne formalisierte Moral, ohne Gesetze und Regeln vorstellen? Die Maschinen können es.

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Themen Informatik und Informationstechnologie Allgemeine Themen
ISBN 9783751821490
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FALTER-Rezension

Wenn Wahrheit zur Rechenaufgabe wird

Tessa Szyszkowitz in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 30)

Schmeichelei entspricht zwar nicht ganz der Wahrheit. Trotzdem neigen wir alle dazu. Wir haben die Tendenz, andere im Interesse unserer gesellschaftlichen Stellung besser darzustellen, als sie sind. Und uns selbst auch. Wenn etwas schiefgeht, waren es die anderen. Auch bei Gesellschaften ist es so, von den alten Römern bis zu heutigen Nationalstaaten. Francis Bacon nannte diese Grundhaltung, sich durch Wünsche und Erwartungen täuschen zu lassen, schon 1620 „Trugbilder des Stammes“.

Was es mit der Wahrheit auf sich hat, untersucht der deutsche Digitalintellektuelle Mads Pankow in „Die wahrscheinliche Wahrheit“. Es geht um das Verhältnis der Wahrheit zur Moral. Und um die künstliche Intelligenz. Denn die KI hat ein ganz besonderes Verhältnis zur Wahrheit.

Pankows Kernthese: „Die wahrscheinliche Wahrheit der Künstlichen Intelligenz und die affektive Wahrheit der sozialen Medien stellen die etablierten Wahrheitskriterien der Moderne infrage.“ Weil die KI keine faktische, sondern eine „wahrscheinliche Wahrheit“ produziert, verändert sich unser Blick auf die Wahrheit. Wenn wir nicht aufpassen, verwässern wir den Begriff.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Gesellschaft ihre Überzeugungen neu definieren muss. „Schon als Menschen zwischen Euphrat und Tigris vor über 5000 Jahren erstmals begannen, ihre Worte schriftlich festzuhalten, entstand eine neue Form der Wahrheit: der logische Beweis“, schreibt Pankow. Ab da war die mythische Weltordnung erledigt, oder zumindest angeknackst. Dann kam der Buchdruck und damit der Zugang zu Wissen für breitere Bevölkerungsschichten. Die Kirche bekam ein Problem, so Pankow: „Im offenen Wettbewerb der Ideen konnte sie nicht bestehen.“

Die Wahrheit hat aber noch ein anderes Problem: Was als gesichert gilt, hängt vom Stand der Forschung ab. Dass die Erde keine Scheibe ist, hat sich inzwischen rumgesprochen. Im Zeitalter der KI aber geht es der Wahrheit erst richtig an den Kragen. Fakt ist nicht mehr Fakt, wenn ein Sprachmodell sich eher am „Gerechtigkeitsverständnis der trainierten Datensätze als an geltenden Gesetzen“ orientiert, schreibt Pankow.

Der Autor arbeitet sich an drei Fragestellungen ab: Müssen wir das „Konzept kodifizierter Gerechtigkeit generell überdenken – und mit ihm das Prinzip der regelhaften Ordnung überhaupt?“ Was passiert, wenn der Mensch der Maschine Verantwortung übergibt, die Maschine aber „keine moralische Fallhöhe, kein schlechtes Gewissen und keine Angst vor Sanktion oder Strafe“ hat – wollen wir das akzeptieren? Und drittens: Was passiert nach der Moderne? China nutzt die sozialen Medien bereits zur Bespitzelung seiner Bürgerinnen und Bürger. Pankow selbst hat einen interessanten Hintergrund: Er kommt aus einem linken Umfeld, ist aber Reserveoffizier und Host des Podcasts „Mensch, Maschine“. Sein Buch ist ein Aufruf, etwas gegen problematische Entwicklungen zu tun: „Welche Werte wollen wir den Maschinen für die automatische Gesellschaft mitgeben?“

Wenn wir die Sprachmodelle mit der Gesamtheit unserer Erfahrungswelt füttern, dann werden sie uns die entsprechenden Antworten ausspucken. „Wir müssen lernen, mit einer Wahrheit zu leben, die nicht absolut, sondern probabilistisch, nicht kausal, sondern pragmatisch, und nicht endgültig, sondern flexibel ist.“ Das kann auch Vorteile haben, schreibt Pankow: „Social Credits beispielsweise beziehen nicht nur Finanzdaten, sondern auch Gesetzestreue in die Bonitätsprüfung ein.“

Insgesamt wird die Suche nach der Wahrheit anstrengender, Vor- und Nachteile müssen abgewogen werden. Mit seinen Überlegungen zur Wahrheit im Zeitalter der künstlichen Intelligenz regt Pankow jedenfalls unsere menschliche Intelligenz an. „Nur so gelingt uns der Spagat zwischen der Vielfalt individueller Perspektiven und dem Wunsch nach gemeinschaftlicher Orientierung in einer immer komplexeren Welt.“

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