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| Reihe | Naturkunden |
|---|---|
| Themen | Belletristik Allgemein, nicht nach Genre |
| ISBN | 9783751840422 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 18.03.2026 |
| Größe | 18 x 12 cm |
| Verlag | Matthes & Seitz Berlin |
| Herausgegeben von | Judith Schalansky |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH info@matthes-seitz-berlin.de |
Auf der Suche nach unberührter Natur wird gern übersehen, was der Menschenhand entsprungen ist: Brachen sind das Postskriptum jedweder Kultivierung und gleichzeitig der Beginn der Wildnis. Besenkraut, Silberregen oder Landreitgras, die der ungeübte Blick nur als Unkraut wahrnimmt, begrünen sie mit störrischem Wuchs. Ihre Entstehung ist hingegen untrennbar mit der Sesshaftwerdung des Menschen verbunden, erst die Abtrennung des Kulturlands von der Wildnis hat die Brache hervorgebracht. Wo heute unsere Toten ruhen, rahmt sie die Gräber, wo sich unser Abfall zu Bergen türmt, überwuchert Brachland die Hänge, und selbst im Niemandsland zwischen Staatsgrenzen gedeihen sie unbekümmert: Wo Menschen nur mühsam oder heimlich passieren können, zeugen sie von der Vielfalt des unbekümmerten Lebens.
In zwölf Etappen durchstreift David Bröderbauer das Brachland – vom Wiener Nordbahnviertel bis zur nordrhein-westfälischen Zeche Zollverein, vom burgenländischen Neusiedlersee über einen Truppenübungsplatz bis zur wüsten Marslandschaft. Sein Brachenatlas ist eine Einladung, den scheinbar unbedeutenden Raum zu erkunden, sein Nischendasein zu würdigen und seine widerständige Schönheit zu entdecken.
| Reihe | Naturkunden |
|---|---|
| Themen | Belletristik Allgemein, nicht nach Genre |
| ISBN | 9783751840422 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 18.03.2026 |
| Größe | 18 x 12 cm |
| Verlag | Matthes & Seitz Berlin |
| Herausgegeben von | Judith Schalansky |
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| Herstellerangaben | Anzeigen MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH info@matthes-seitz-berlin.de |
Gerlinde Pölsler in FALTER 34/2026 vom 19.08.2026 (S. 43)
Der Botanische Garten in Wien beherbergt einen englischen Landschaftsgarten, ein Tropenhaus, einen 200 Jahre alten Ginkgobaum, einen Bambushain und einen unscheinbaren Schatz. Die Anlage neben dem Belvedere ist der Arbeitsplatz von David Bröderbauer, doch heute steuert der Biologe ein vernachlässigtes Beet an. "Das wollten wir bepflanzen", sagt er, "aber dann kam Corona."
Also begann hier zu wachsen, was zufällig an Samen mit einer Baggerschaufel voll Erde den Weg hierher gefunden hatte. Oder was der Wind und Tiere in das Beet verfrachteten. "Heuer ist das Schöllkraut besonders üppig geraten", zeigt Bröderbauer auf wucherndes Grün mit gelben Blüten, und: "Wunderschön hier die Nachtkerze." Der Beifuß daneben produziere Samen, die Jahrzehnte im Boden überdauern können. "Das ist eine Unkrautecke. Wildwuchs fördert Vielfalt", steht auf einem Schild neben dem Beet. Das ist nötig, weil manchen Gartenbesuchern solche Ecken negativ ins Auge stechen. Sie wollen wissen, wieso "es hier so ausschaut", warum "sich da niemand kümmert". Dann antwortet der Biologe: "Wir kümmern uns bewusst nicht."
David Bröderbauer hat seine Liebe zu etwas entdeckt, das die meisten Menschen übersehen oder hässlich finden: Brachen. Also Flächen, die der Mensch einst genutzt und dann sich selbst überlassen hat. Wo nun allein die Natur Regie führt. Der 45-Jährige arbeitet hauptberuflich als Wissenschaftsvermittler im Botanischen Garten, hat nebenher schon drei Romane geschrieben -und nun sein erstes Sachbuch: "Acker, Baulücke, Deponie. Ein Brachenatlas"(siehe Marginalie auf Seite 44).
Zwölf Arten von Brachen stellt er darin vor: Industrie-und Deponiebrachen etwa oder Friedhofs-und Kriegsbrachen. Er erklärt nicht nur ökologische Zusammenhänge, es ist auch ein sehr poetisches Buch geworden. "Brachen", schreibt er, "sind die Krähen unter den Landschaften. Aus der Ferne besehen wirken sie duster, aber das täuscht. Nimmt man sich Zeit und beschaut sie näher, bezaubert einen ihr schillerndes Kleid." Was findet der zweifache Vater bloß an den Orten, die andere abfällig "Gstätten" nennen?
Er sei immer auf der Suche nach dem wilden Unberührten gewesen, erzählt er auf der Tour durch den dritten Bezirk. Doch vom Menschen unberührte Natur existiert kaum noch. "Was ich dabei übersehen habe, war das wilde Berührte."
Die Erweckung kam unerwartet. Ein Strand in Albanien, ein regnerischer Tag im September. Die Badegäste waren schon abgereist, nur noch verrostete Sonnenschirme standen herum: Der Strand lag brach. Plötzlich sah Bröderbauer das ganze Bild: Die Flut hatte ein Band aus Muscheln abgelegt, noch ein Stück weiter landeinwärts eine Reihe bunter Plastikteile herangetragen. Dazwischen blühten gelber Salz-Alant und Stacheldolden, "ihre Blütenkörbe und -teller im Kleinen das Motiv der Strandschirme wiederholend". Dahinter standen langbeinige Rosaflamingos. Es war das erste Mal, dass der Biologe den Vögeln in freier Natur begegnete.
"Dieses Ensemble hat mich sehr angesprochen"
erinnert er sich: Er mag die Freiheit, die mit dem Verfall einhergeht und die er in der durchgestalteten Landschaft ansonsten vermisst. Seither hat er gut 40 brachliegende Orte besucht, zum Teil wöchentlich. Anfangs mit seiner Tochter in der Bauchtrage, jetzt auch mit seinem kleinen Sohn. Die meisten entdeckte er in und um Wien; aber auch die ehemaligen Sicherungswege des Eisernen Vorhangs, dies-und jenseits der Grenze zu Tschechien und der Slowakei, radelte er ab. Und natürlich musste er die "Zeche Zollverein" im deutschen Essen sehen: Das einst größte Steinkohlebergwerk der Welt mit seiner Bauhausarchitektur ist Weltkulturerbe. Und wuchernde Wildnis.
Über die Jahre hat Bröderbauer verfolgt, wie diese Flächen von einem Monat zum nächsten kaum noch wiederzuerkennen waren: Denn die Brache kennzeichnet das Unstete. Als Erstes besiedeln robuste Pflanzenarten ohne große Ansprüche den Boden, später lösen andere sie ab, manche verschwinden wieder. Überlässt man die Fläche sich selbst, wird sie irgendwann wieder zum Wald. Meist aber sah Bröderbauer sie unter Asphalt und Wohnsiedlungen verschwinden.
Historisch gesehen existiert die Brache erst, seit der Mensch Landwirtschaft betreibt. Einen Teil der Felder ließen Bauern stets brachliegen, auf dass sich der Boden regeneriere. Bereits die Römer bebauten jedes Feld nur ein Jahr, im zweiten blieb es ungenutzt. Im Mittelalter kam die Dreifelderwirtschaft auf: Sommergetreide, Wintergetreide, Pause. Immer noch lag ein Drittel brach.
Erst im 18. Jahrhundert setzte sich in Europa die Fruchtfolge durch, bei der Landwirte auf einem Feld jedes Jahr etwas anderes anbauen. Außerdem begannen sie mit dem Mist der Nutztiere zu düngen. Nach der Erfindung des Haber-Bosch-Verfahrens, mit dem die Industrie Stickstoff zu Kunstdünger macht, hatten Brachen endgültig ausgedient. Heute sind sie in der Landwirtschaft so rar, dass Staaten für "nichtproduktive Ackerflächen" Prämien auszahlen.
Für die Artenvielfalt ist das eine Katastrophe. Je eintöniger die Felder, desto weniger Platz und Nahrung für andere Pflanzen und Tiere. Durch das Düngen verschwinden außerdem nährstoffarme Lebensräume und die an sie angepassten Arten. Und so schwinden Wildkräuter, Insekten und Feldvögel wie die Wachtel oder die Grauammer.
Gut, dass es auch ungeplante Brachen gibt: jene, die nicht mehr Teil menschlicher Produktionsverfahren sind, sondern deren Abfallprodukt. Heute erobern Pflanzen Grundstücke, auf denen Häuser abgerissen wurden, überwuchern aufgelassene Mülldeponien und verwandeln Friedhöfe in Orte voller Leben. Zum Beispiel hier in St. Marx, auf Wiens ältestem Gottesacker. Hier wurde seit dem Jahr 1874 kein Mensch mehr beerdigt. Wer das Tor der verfallenden Anlage in der Leberstraße durchschritten und das einstige Wärterhaus passiert hat, vernimmt von der nahen Autobahnauffahrt ununterbrochenes Rauschen. Bröderbauer stört das nicht, so etwas gehöre eben zu Brachen. "Dafür singen die Vögel umso lauter." Irgendwo in dieser Erde ruhen die sterblichen Überreste von Wolfgang Amadeus Mozart. Efeu überwuchert die Gräber, Totholz liegt herum.
Jedes Grab ist eine Brache im Werden: ein Stück Erde, außer Nutzung gestellt. Kaum ist das Grab geschlossen, legen die Wildkräuter los. Um ihr Aufkommen zu verhindern, wuchtet mancher eine Steinplatte darauf. Aber selbst die ist nicht für die Ewigkeit: Baumwurzeln heben sogar Steinfassungen und dicke Grabplatten an.
Eine Begegnung hier im Bezirk Landstraße blieb dem Autor besonders in Erinnerung: Es raschelte im Gebüsch, und vor ihm stand ein Feldhamster und schaute ihn an. Noch um 1950 waren sie so häufig, dass man Hunderttausende von ihnen fing und ihr Fell als Innenfutter in Mäntel nähte. Inzwischen sind sie fast ausgestorben. Schwere Erntemaschinen ernten Felder im Nu kahl, für die Nager bleibt nichts übrig. Dafür haben ihre Feinde leichtes Spiel, weil die Hamster sich nirgends mehr verstecken können. Hier in St. Marx haben sie einen sicheren Ort gefunden. Die Hamsterbauten durchlöchern den ganzen Friedhof.
Wie Brachflächen zu Ersatzlebensräumen für rar gewordene Arten werden können, zeigt die "Zeche Zollverein" im Ruhrgebiet. Biologen berichten von dort lebenden Wanderfalken, von Teichhühnern, die im versumpften Inneren eines Rührwerks brüten, und von europaweit gefährdeten Kreuzkröten, die in den zahllosen Pfützen ihre Laichschnüre ablegen.
Aber auch dem Menschen bietet die Unbestimmtheit der Brache Freiräume. Schon die Figuren Honoré de Balzacs und Victor Hugos trieben sich im sogenannten "terrain vague" in der Vorstadt von Paris mit ihren Bahngeländen und Fabriksarealen herum. "Orte ohne Gesetze, ohne soziale Konventionen", schreibt Bröderbauer, "in denen individuelle und gesellschaftliche Freiheit möglich wird, wo aber auch das Verbrechen zuhause ist." Nicht nur einmal wurden in Kiesgruben Leichen abgelegt.
Zu Bröderbauers Stammbrachen in Wien zählt eine Baulücke nahe dem Prater, versteckt zwischen einem Depot der Straßenreinigung und der Stadtbahn. "Die Regeln des Anstands sind in einer Kiesgrube gelockert. Man kann laut singen, Steine werfen, Müll liegen lassen", sagt er. Einmal kam er übernächtig in "seiner" Kiesgrube an: Erst war er zu spät ins Bett gekommen, dann war seine Tochter viel zu früh aufgewacht. Windig und nass war es, das leere Areal kam ihm gerade recht. Doch nicht nur ihm: Ein Trupp Motocrossfahrer tauchte auf, die die steilen Hänge hinauf-und hinunterrasten. Sie wussten wohl nicht, dass sie damit den Triel stören: eine der seltensten Vogelarten des Landes, die hier brütet.
Bröderbauer wünscht sich, dass mehr Brachen bleiben dürfen - oder zumindest Elemente davon. So wie in seinem Wohnviertel am einstigen Nordbahnhof, wo er seit zehn Jahren lebt. Seither ist die dortige Bahnhofsbrache einem Park gewichen. In der "Freien Mitte" wurden die Reste der Gleisbrache als Gestaltungselemente einbezogen. Die Planer bauten die Wege um die Brachevegetation herum. Das gelang so gut, dass in den finsteren Ecken wie eh und je Sperrmüll deponiert wird - in Bröderbauers Augen "ein echter Adelsschlag".
Es ist jedenfalls eine gescheite Antwort auf die Klimakrise: Leidet doch der englische Rasen zusehends. Doch während er braun wird, leuchtet es von Parkplatzböschungen, neben Bahngleisen und vor verlassenen Häusern immer noch kräftig grün bis bunt: Die Brachen liefern eine hitzeresistente Bepflanzung für die Städte der Zukunft -und das ganz ohne menschlichen Aufwand.
Seit David Bröderbauer seinen Blick für die Wildnis geschärft hat, sieht er sie überall. Sogar in den Pflasterritzen. Allein über ein paar Quadratmeter Straße vor dem Botanischen Garten kann er eine Viertelstunde erzählen. Vom Löwenzahn, der den Asphalt sprengt. Dem Silbermoos, dessen Sporen die Menschen über ihre Schuhe verbreiten. Geht es ihm nicht gut, richtet er seinen Blick nach unten, auf die Straße. "Es heitert mich auf, dass sogar an diesen Orten noch etwas wächst -egal, was wir anstellen."
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