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| Reihe | Naturkunden |
|---|---|
| Themen | Belletristik |
| ISBN | 9783751840514 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 01.10.2026 |
| Größe | 15.5 x 9.9 cm |
| Verlag | Matthes & Seitz Berlin |
| Herausgegeben von | Judith Schalansky |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH info@matthes-seitz-berlin.de |
Was die internationale Gemeinschaft für immer im Modus des Zukünftigen behandeln will, sucht längst unsere Gegenwart heim: Die Opfer der Klimakrise und des voranschreitenden Massenaussterbens sind in den letzten Jahren unzählbar geworden. 2019 trauerte Island offiziell um den Verlust des Okjökull-Gletschers. 2022 verliert der Südliche Schneeferner seinen Gletscherstatus und wird fortan Toteis genannt. Und auch Arten verschwinden: 1690 wurde der Dodo ausgelöscht, 1844 der Riesenalk, und 2025 verschwanden eine Spitzmaus, mehrere Beuteltierarten und eine Meeresschnecke für immer. Das Totengedenken ist einer der Ursprünge menschlicher Kultur: Wir werden, wer wir sind, weil wir wissen, was vor uns war. Wenn diese Annahme aber nicht nur für Menschen gilt, sondern auch für unsere natürliche Umgebung – wie sind dann all jene zu betrauern, die wir ›ausgestorben haben‹? Und wie finden wir durch die Trauer zurück ins Handeln?
Aus der Beobachtung neuer Rituale, kritischen Reflexionen und persönlicher Erfahrung webt Simon Probst einen Essay, der fragt, wie Erinnerungskultur auf die planetaren Krisen der Gegenwart antwortet – und wie wir versuchen können, ihren Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
| Reihe | Naturkunden |
|---|---|
| Themen | Belletristik |
| ISBN | 9783751840514 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 01.10.2026 |
| Größe | 15.5 x 9.9 cm |
| Verlag | Matthes & Seitz Berlin |
| Herausgegeben von | Judith Schalansky |
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| Herstellerangaben | Anzeigen MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH info@matthes-seitz-berlin.de |
Peter Iwaniewicz in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 35)
Am 5. September 2023 wird am Großglockner ein Sarg aus Eis beigesetzt. Darin liegt symbolisch Österreichs größter Gletscher: die Pasterze. Es ist ein merkwürdiges Begräbnis. Der Tote ist nicht tot, zumindest noch nicht vollständig. Und der Sarg wird selbst verschwinden. Das Eis schmilzt, der Sarg schmilzt, die Erinnerung aber soll bleiben.
Solche Rituale wirken auf den ersten Blick seltsam. Warum sollte man einen Gletscher beerdigen? Und wie soll man um eine Tierart trauern, die seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten nicht mehr existiert? Simon Probst beginnt mit dieser Irritation seinen Essay. Der deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftler beschäftigt sich mit dem ökologischen Gedächtnis des Anthropozäns und einer Frage, die angesichts des Artensterbens immer dringlicher wird: Wie geht unsere Gesellschaft mit jenen Lebewesen um, die direkt oder indirekt durch unsere Handlungen ausgestorben sind? Er erörtert aber auch, ob Trauer über den Verlust hinaus eine politische und ethische Funktion bekommen kann.
Das bekannte Fünf-Phasen-Modell der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross – Leugnen, Ärger, Feilschen, Depression, Akzeptanz – beschreibt unseren individuellen Umgang mit dem Tod. Probst überträgt diese Frage auf eine höhere Ebene. Was geschieht, wenn ganze Landschaften, Tierarten und Ökosysteme verschwinden? Reicht es dann, die Verluste in Roten Listen zu verzeichnen, Bestandszahlen zu dokumentieren und das Aussterben wissenschaftlich festzustellen? Oder braucht eine Gesellschaft darüber hinaus Formen des Gedenkens, die dann die Basis für weitere Reaktionen legen?
Die Antwort des Buches auf letztere Frage lautet: ja. Und damit verschiebt sich der Blick auf das Artensterben ganz wesentlich. Denn eine ausgestorbene Art ist nicht einfach eine Zahl in einer Datenbank. Mit ihr verschwindet eine einzigartige Lebensgeschichte und ein Teil unserer Welt.
Probst dekliniert diesen Untergang am Beispiel des Riesenalks. Der flugunfähige Seevogel lebte einst in großen Kolonien im Nordatlantik. Er wurde systematisch bejagt, seine Eier wurden gesammelt, seine Körper als Nahrung und Köder verwendet. 1844 wurden die letzten beiden bekannten Exemplare auf der isländischen Insel Eldey getötet. Heute ist der Riesenalk eine von vielen ausgestorbenen Arten. Seine Geschichte ließe sich sachlich erzählen: Verbreitungsgebiet, Populationsentwicklung, Aussterbedatum. Doch Probst interessiert sich für das, was in einer solchen Darstellung fehlt: die Trauerarbeit.
Auf der neufundländischen Insel Fogo wurde im Sommer 2017 eine offizielle Entschuldigung für die Ausrottung des Riesenalks verlesen. Für Probst steht die systematische Gewalt, mit der Menschen die Vögel vernichteten, in einem unpassenden Kontrast zu den wenigen Worten der Entschuldigung. Was wäre eine angemessene Form der Wiedergutmachung? Wie müsste ein „Nie wieder!“ aussehen, das über die Grenzen der eigenen Spezies hinausreicht?
Hier entwickelt Probst seine vielleicht stärkste Idee einer ökologischen Erinnerungskultur. Ausgestorbene Arten sollen nicht als nostalgische Kuriositäten oder als Objekte ökologischer Melancholie behandelt werden. Zum Gedenken an eine ausgestorbene Art gehört deshalb vor allem die Geschichte ihrer Ausrottung: koloniale Gewalt, wirtschaftliche Interessen, politische Entscheidungen, Lebensraumzerstörung und die Institutionen und Menschen, die daran beteiligt waren. Das unterscheidet Probsts Ansatz von einer bloßen Naturkunde des Verschwindens. Die Rote Liste administriert, was bedroht oder schon verloren ist. In einer Erinnerungskultur müsste man jedoch zusätzlich fragen, wie und warum diese Lebewesen nicht mehr existieren und wer davon profitiert hat.
Ein weiteres Beispiel für die Möglichkeiten der Bewältigung zeigt er am Beispiel eines 2016 erschienenen Nachrufs auf das Great Barrier Reef. Nachrufe gehören zur medialen Erinnerungskultur. Damit werden Verstorbene gewürdigt, ihr Leben erzählt und ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft hervorgehoben.
Probst fordert eine Erweiterung des kulturellen Gedächtnisses. Das Totengedenken ist vermutlich so alt wie die menschliche Kultur. Nun müsse es sich angesichts der ökologischen Krise über die Speziesgrenze hinaus öffnen. Gedenktage, Nachrufe, Rituale und öffentliche Erinnerungsorte könnten dabei helfen, das Artensterben aus seiner abstrakten, statistischen Ferne zu holen.
Seit 2011 gibt es tatsächlich den Remembrance Day for Lost Species, der jedes Jahr am 30. November begangen wird. Doch an diesem Gedenktag gibt es keine Staatsakte, keine Fahnen auf Halbmast, keine Fernsehsondersendungen. Menschen, die sich betroffen fühlen, setzen persönliche kleine Zeichen der Erinnerung.
Gerade darin liegt eine der Stärken von Probsts Buch: Es nimmt diese kleinen Formen des Gedenkens ernst. Denn angesichts des gegenwärtigen Artensterbens dürfte die Gesellschaft künftig vor einem Problem stehen, für das es noch kaum kulturelle Routinen gibt. Wenn immer mehr Arten verschwinden, kann nicht jede ausgestorbene Art zum Gegenstand eines Staatsaktes werden. Zugleich droht das Gegenteil: dass das Verschwinden von Arten zur alltäglichen Nachricht wird und damit seine emotionale Bedeutung verliert.
Die tägliche Flut schlechter Nachrichten über den Zustand der Natur produziert schließlich eine paradoxe Situation. Je mehr wir über die Artenverluste wissen, umso weniger empfinden wir dazu. Noch eine ausgestorbene Art, noch ein zerstörtes Riff, noch ein verlorener Lebensraum. Die wissenschaftliche Inventur des Verlusts kann dadurch unfreiwillig zu einer Art Buchhaltung des Verschwindens werden.
Probst setzt dieser Abstumpfung die Erinnerung entgegen. Trauer soll dabei nicht das Ende der Geschichte sein. Im Gegenteil: Sie kann eine Form der Verantwortungsübernahme darstellen. Wer einen Verlust anerkennt, muss darauf reagieren. Wer sich an die Ursachen erinnert, kann daraus politische und ethische Konsequenzen ziehen.
Die Vorstellung einer „ökologischen Demokratie“, in der auch andere Spezies Ansprüche auf Würde, Existenz und Wiedergutmachung besitzen, ist eher eine normative Vision als eine bereits etablierte politische Ordnung. Daher braucht es nicht nur symbolische Anerkennung, sondern moralische Verpflichtung und rechtliche Verantwortung.
Denn ein Gedenktag verhindert noch kein Artensterben. Erinnerung ist keine Reparaturmaschine. Sie kann den Verlust nicht rückgängig machen. Sie kann jedoch darüber entscheiden, ob eine Gesellschaft einen Verlust als bloßes Faktum registriert oder als Teil der eigenen Geschichte begreift und sich fragt, wie es dazu kommen konnte.
Ein kurzes, aber kluges Essay, das die wunderbare, von Judith Schalansky herausgegebene Reihe Naturkunden um einen weiteren Blick auf unsere belebte Umwelt bereichert.
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