Als wir das Lügen lernten

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Bukarest, Ende der achtziger Jahre. Der unbeschwerte Sommer, den die Familie am Schwarzen Meer verbracht hat, ist vorbei. Mit dem Herbst und der Rückkehr in die Großstadt ziehen auch die Sorgen des sozialistischen Alltags wieder ein. Die junge Erzählerin berichtet von der Welt der Erwachsenen, den feinen Rissen, die sie durchziehen, und der Frage, die über allem schwebt: Gehen oder bleiben? Sollen wir die Heimat verlassen und in eine Fremde reisen,
die ein freies und unbeschwertes Leben verspricht? Die Mutter droht am nahenden Exil zu zerbrechen, und keiner ahnt, warum. Allein das Mädchen, die eigene Tochter, sieht mehr, bemerkt die kurzen, aber ungehaltenen Berührungen
einerseits und warmen Blicke andererseits, es wird zum stillen Zeugen einer Liebschaft zwischen ihrer Mutter und einem anderen Mann.
In direkter, unmittelbarer Sprache erzählt Ilinca Florian von einer Gesellschaft im Umbruch. Eine Geschichte voller heiterer Momente, dank einer kindlichen Erzählerin, die genau hinschaut, wo erwachsene Augen sich abwenden.

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FALTER-Rezension

„Der Sozialismus ist nicht mehr, was er war“

Ilinca Florians legt einen fulminanten Roman über eine Kindheit in der Ceausescu-Zeit vor

Bislang hat Ilinca Florian an Filmprojekten gearbeitet, Drehbücher geschrieben, zwei Kurzfilme sowie eine Dokumentation realisiert. Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass ihr Betätigungsfeld sich nun in Richtung Literatur verlagern wird, denn mit „Als wir das Lügen lernten“ ihr ist damit ein furioses Debüt geglückt. Die 1983 in Bukarest geborene und teilweise in Österreich aufgewachsene Autorin, die seit 2007 in Berlin lebt, hat ihre Erinnerungen an ihre Kindergartenjahre, die sie in Rumänien verbrachte, zu einem Roman verarbeitet. Es ist ein Buch, das sowohl Jugendliche ab zwölf, 13 Jahren als auch Erwachsene begeistert lesen werden.

Erzählt wird aus der Perspektive des kleinen Mädchens, das zu diesem Zeitpunkt allenfalls sechs Jahre alt sein kann, da es noch nicht in die Schule geht. Für sein Alter ist es aber schon verdammt frech und treibt viel Unfug, außerdem wirkt es sehr schlau und aufgeweckt. Für die namenlose Heldin gilt Ähnliches wie für Nelli, die Erzählerin von Paulus Hochgatterers „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“. Über diese sagte der Autor und Kinderpsychiater jüngst: „Die ganzen Prozesse der Erziehung und Akkulturation, die wir durchlaufen, führen auch dazu, dass Dinge, die ursprünglich da sind, verschüttet werden. Nelli ist noch nicht verbogen.“
Die Erzählerin besticht durch ihren unverstellten, ehrlichen Blick. Auch wenn sie nicht alles benennen kann, durchschaut sie doch die kleinen und großen Schwindeleien und Widersprüchlichkeiten, in die sich ihre Eltern, der Onkel und die Tante verwickeln und im Laufe der Handlung sogar zu verlieren drohen. Alles beginnt noch idyllisch mit den letzten Urlaubstagen am Schwarzen Meer. Das Mädchen tollt mit ihrem älteren Bruder und ihrem Cousin herum. Besonders dem Cousin ist sie innig zugetan, obwohl sie keine Sekunde vor ihm und seiner groben Art sicher ist.
Später wird sie ihn einmal heiraten, verkündet sie ihren Eltern voller Überzeugung. Mit der Rückfahrt nach Bukarest wird es nicht nur im meteorologischen Sinne Herbst, sondern auch im Leben der Figuren kälter. Die rumänische Hauptstadt ist grau und „der Sozialismus ist nicht mehr, was er war“, wie es die Großmutter formuliert. In der Wohnung ist es oft kalt, das Gas wird immer wieder rationiert und wenn am Markt endlich mal frisches Gemüse erhältlich ist, muss man dafür sehr lange Schlange stehen.
Die Ära Ceausescu neigt sich ihrem Ende zu. Der dramaturgische Kniff des Romans ist, dass der Leser das weiß, nicht jedoch die Figuren. Für die Erzählerin spielt Politik natürlich noch keine Rolle, aber sie merkt doch, dass ihr Vater alles daran setzt, das Land verlassen zu können. Tage- und nächtelang arbeitet der Architekt an seinen Plänen. Er will einen Wettbewerb in Deutschland gewinnen, denn das wäre für seine Familie die Eintrittskarte in den Westen. Doch würde seine Frau überhaupt mitwollen?

Die Mutter des Mädchens wirkt abwesend und melancholisch, raucht viel und starrt oft ins Leere. Was ihrem Mann zu entgehen scheint, ihrer Tochter jedoch nicht, ist, dass sie immer wieder seltsame Blicke mit dem Bruder ihres Mannes austauscht. Einmal erwischt das Mädchen die Mutter und den Onkel sogar bei einer stürmischen Umarmung. Weil die Eltern ihr zu wenig Aufmerksamkeit schenken, vertraut die Erzählerin das, was ihr am Herzen liegt, ihrer besten Freundin Anca an. Die existiert zwar nur in ihrer Fantasie, das hält das Mädchen freilich nicht davon ab, immer wieder mit ihr zu „telefonieren“.
In einer klaren, ungekünstelten Sprache, die gleichzeitig reich an starken, einprägsamen Bildern ist, erzählt Ilinca Florian von den letzten Tagen Ceausescus und dem verfrühten Ende einer Kindheit. Man muss die Heldin dieses Romans einfach lieben, mit ihr mitfiebern, sich mit ihr freuen und mit ihr leiden. „Als wir das Lügen lernten“ ist ein Buch zum Lachen und zum Weinen, manchmal möchte man beides gleichzeitig.

Sebastian Fasthuber in Falter 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 29)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783792002520
Erscheinungsdatum 20.02.2018
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Karl Rauch Verlag GmbH & Co. KG
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