Klimaschock
Die extremen wirtschaftlichen Konsequenzen des Klimawandels

von Gernot Wagner, Martin L. Weitzman

€ 24,99
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Verlag: Carl Ueberreuter Verlag, Sachbuch
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.03.2016


Rezension aus FALTER 38/2019

„Eine CO2-Steuer trifft die Reichen“

Umweltökonom Gernot Wagner über Mythen der CO2-Steuer und die Kosten unbekannter Risiken



Unter Österreichs Klimaforschern gilt die CO2-Steuer als wichtigste Waffe im Kampf gegen die Klimakrise. Sie ist durch den Wahlkampfschlager Klimaschutz zum zentralen politischen Thema geworden. Aber taugt die CO2-Steuer überhaupt etwas? Wohl wenige können die Frage besser beantworten als Gernot Wagner. Der gebürtige Amstettner studierte an den US-Elite-Universitäten Harvard und Stanford und lehrt derzeit an der renommierten New York University als Umweltökonomie-Professor. 2017 wurde sein Buch „Klimaschock“ als Österreichs Wissenschaftsbuch des Jahres ausgezeichnet. Darin beschäftigt er sich intensiv mit der CO2-Steuer.



Falter: Herr Wagner, bei der Klimaenquete 2018 im Parlament kamen zig Klimaexperten zur selben Lösung: CO2 muss besteuert werden.

Ist die CO2-Steuer auch für Sie der größte Hebel in der Klimapolitik?



Gernot Wagner: Ja und nein. Eine allumfassende CO2-Bepreisung, im weitesten Sinn, ist tatsächlich die Lösung. Nicht nur die Hauptursachen für viele Umweltprobleme sind ökonomischer Natur, sondern auch die Lösungen. Es geht darum, fehlgeleitete Marktströme in die richtige Richtung zu lenken. Da gibt es zig Methoden, das zu tun, die CO2-Steuer ist eine davon, eine wichtige.



Was verstehen Sie unter einer „allumfassenden CO2-Bepreisung“?



Wagner: Eine Steuer auf CO2 im engeren Sinn alleine reicht nicht aus. Eine allumfassende Bepreisung beinhaltet viel mehr, sowohl Steuern als auch Steuerung. Zu Steuern gehört auch etwa das EU-weite Emissionshandelssystem, das CO2 einen Preis gibt. Unter Steuerung fällt unter anderem die Investition in die Bahn oder in Innovation im Allgemeinen. Dabei geht’s im Endeffekt auch darum, den CO2-Ausstoß relativ gesehen teurer zu machen.



Alle Parteien werben nun mit Klimaschutz. Kann jemand, für den das Klima das einzige Wahlmotiv ist, eine Partei wählen, die sich nicht für die CO2-Steuer einsetzt?



Wagner: Nein, natürlich nicht. Politische Floskeln sind zu wenig. So wie etwa die des lieben Ex-Kanzlers. Einerseits erklärt er, dass wir endlich aufhören müssten, auf Kosten der nächsten Generation zu leben, nur um dann wenig später zu erklären, er sei gegen eine CO2-Steuer, denn die treffe die Pendler. Und dann kommen noch Aussagen dazu, dass Indien beim Klimaschutz Aufholbedarf hätte. Indien hat einen Bruchteil unserer CO2-Emissionen, und sie haben sogar eine Kohlesteuer. Ich will nicht persönlich werden, aber es gibt Parteien, die eine tatsächliche Klimapolitik im Programm haben. Und dann gibt es die, die von Klimaschutz sprechen, aber mit ihrer tatsächlichen Politik Klima-Schmutz verursachen.



Trifft eine CO2-Steuer die Ärmeren härter?



Wagner: Sowohl auf globaler Ebene als auch in einem reichen Land wie Österreich trifft eine CO2-Steuer vor allem die Reichen. Weil sie mehr fliegen, größere Häuser besitzen, mehr heizen, größere Autos fahren. Sie verbrauchen also mehr CO2 und müssten mehr dafür ausgeben.



Aber die Reichen können auch mehr ausgeben und werden sich den SUV und die Urlaubsflüge weiterhin leisten.



Wagner: Ja, Ibiza-Flüge für Oligarchengespräche gehen sich auch mit CO2-Steuer noch aus, allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Es kommt dann jeder persönlich für die Klimakosten seines Fluges auf. Aber es stimmt: Auch wenn die absoluten Kosten für Ärmere geringer sind, muss man das relativieren. Denn wenn man ein Drittel seines Einkommens fürs Pendeln ausgibt und ein weiteres fürs Heizen, sind auch Mehrausgaben von nur zehn Euro im Monat ein Problem.



Gibt es eine Lösung, damit die CO2-Steuer Ärmere verschont?



Wagner: Ja, und sie ist einfach: Wir nehmen die Einnahmen aus der CO2-Steuer und dividieren sie durch die Einwohnerzahl Österreichs. Dieser Betrag wird jedem Österreicher mit einem monatlichen Scheck zurückgegeben. Das wäre eine progressive Steuerreform. Die mit dem Privatflieger nach Ibiza reisen, zahlen um einiges mehr, die kaum reisen oder nur nach Wien pendeln, denen bleibt viel mehr vom monatlichen Scheck.



Aber die Menschen, die am Land wohnen und aufs Auto angewiesen sind oder kein Geld haben, um ihren Ölkessel zu tauschen, trifft es trotzdem.



Wagner: … und sie haben die richtigen Anreize, tatsächlich ihren Energieverbrauch zu senken. Vielleicht tatsächlich etwa vom Ölkessel auf eine Wärmepumpe umzusteigen. Oder vom Auto auf die Bahn. Natürlich, darum geht’s. Und ja, eine CO2-Steuer ließe sich auch sehr leicht so gestalten, dass es die Reichen viel mehr trifft als die Armen.



Wie?



Wagner: Durch eine fundamentale Steuerreform: also Lohnsteuer runter, CO2-Steuer erhöhen. Die wirklich Reichen zahlen heute ja keine Lohnsteuer, weil ihr Geld aus anderen Ressourcen kommt. Die Milliardärserbin, die in ihrem Leben noch keine Lohnsteuer bezahlt hat, würde mehr bezahlen für ihren Privatjet. Diejenigen, die heute am meisten Lohnsteuer bezahlen, sind die Arbeiter. Sie würden durch eine Steuerreform mehr Geld zurückbekommen, selbst wenn sie pendeln.



Beinhaltet die CO2-Steuer alle klimaschädlichen Gase oder nur CO2?



Wagner: CO2 ist der Hauptverursacher des Klimawandels, es bleibt länger in der Atmosphäre als zum Beispiel Methan. Das wiederum ist aber kurzfristig viel schädlicher als CO2. Eine intelligente Klimapolitik würde also alle wichtigen Treibhausgase miteinbeziehen. Unser Landsmann Arnold Schwarzenegger hat in Kalifornien ein Gesetz für ein flächendeckendes Emissionshandelssystem unterzeichnet, das 85 Prozent aller Treibhausgase besteuert. Das EU-weite Emissionshandelssystem bepreist hingegen nur CO2.



Die Wirtschaftskammer zeigt in einer Studie, dass Österreich relativ klimafreundlich produziert. Sie argumentiert nun, der CO2-Preis des EU-Emissionshandelssystems bedrohe heimische Industriebetriebe, und wenn diese wegziehen würden, wäre das schlimmer fürs Klima.



Wagner: Beginnen wir einmal damit: Bei Studien von Lobbygruppen würde ich vorsichtig sein. Die vertreten Unternehmen wie den Stahlkonzern Voestalpine, der alleine für rund zehn Prozent der Emissionen in Österreich verantwortlich ist. Natürlich wäre eine richtige Bepreisung des CO2 ein wichtiger Kostenpunkt für die Voestalpine und andere Industrieunternehmen. Profite würden darunter leiden.



Besteht denn die Gefahr, dass die Voestalpine abwandert?



Wagner: Von einem CO2-Preis sind tatsächlich bestimmte Industriesektoren besonders betroffen, die einerseits CO2-intensiv sind und andererseits viel exportieren, die also Güter leicht über Landesgrenzen schicken können. Davon sind wenige Sektoren betroffen, wie etwa die Aluminium- und Stahlproduktion. Natürlich werden solche Unternehmen lautstark gegen jegliche CO2-Steuern argumentieren. Aber wie die Wirtschaftskammer zu argumentieren versucht, dass das EU-weite Emissionshandelsgesetz insgesamt zu höheren CO2-Emissionen führt, ist doch ein starkes Stück.



Wie könnte man verhindern, dass Betriebe abwandern?



Wagner: Durch die Besteuerung von CO2 an der Grenze. Also durch einen CO2-Zoll. Der bodenständige Betrieb bezahlt die Steuer. Ein Betrieb, der auswandert und seine Waren zurückimportiert, bezahlt den Zoll. Betriebe wie die Voestalpine sollten unabhängig davon in die Zukunft blicken. Ein Abwandern mag zwar kurzfristig höhere Profite bedeuten. Aber alle Zeichen stehen auf weltweit viel stärkere Klimapolitik. China hat ein Emissionshandelsgesetz. Selbst in den Vereinigten Staaten wird das Pendel nach Trump wohl stark in die richtige Richtung schwingen.



Kommen wir zu den Kosten: Wie hoch sollte die CO2-Steuer eigentlich sein?



Wagner: Klimaschutz ist Risikomanagement. Man muss die Risiken quantifizieren und sich gegen diese wappnen. Das Risikomanagement ist mehr Kunst als Forschung. Das macht mitunter den Klimaschutz so schwierig. Im Emissionshandelssystem kostet eine Tonne CO2 derzeit etwa 20 Euro. Das ist klarerweise nicht genug. Das absolute Minimum wären etwa 40 oder 50 Euro, aber diese Zahlen beinhalten nur die Risiken, die die Forschung derzeit quantifizieren kann. Die „bekannten Bekannten“. Das sind bei weitem nicht alle. Dann gibt es die „bekannten Unbekannten“ und noch die „unbekannten Unbekannten.“



Was meinen Sie mit den „unbekannten Unbekannten“?



Wagner: Im Extremfall löst der Klimawandel einen Kipppunkt aus, der wiederum zu einer Kettenreaktion und einer Katastrophe führt, die man kaum mit Geld bewerten kann. Zum Beispiel, wenn der Amazonas austrocknen oder der Golfstrom gestoppt werden würde. Aber noch viel wichtiger sind gesellschaftsökonomische Kipppunkte. Durchschnittstemperaturen selbst mögen zwar linear zunehmen, aber Temperaturextreme steigen rasant an. Die wiederum können Dürrekatastrophen auslösen, die wiederum zu Bürgerkriegen und Flüchtlingskatastrophen führen können. Und eine Balkanroute später gibt’s Neuwahlen. Solche Situationen lassen sich kaum quantifizieren. Ausschließen können wir sie leider auch nicht. Und es sind genau diese Ereignisse mit vielleicht niedrigen Wahrscheinlichkeiten, aber extrem großen Konsequenzen, die zum Klimaschock führen können. Ob dann der CO2-Preis 100, 200 oder 400 Euro sein sollte, wenn man diese Risiken und Ungewissheiten tatsächlich miteinbezieht, weiß niemand.



In Ihrem Buch „Klimaschock“ haben Sie die Atmosphäre mit einer Badewanne verglichen. Die klimaschädlichen Gase fließen wie Wasser hinein, kaum etwas versickert, aber jeden Tag kommen mehr Gase dazu. Die Wanne wird jeden Tag voller.



Wagner: Die CO2-Wanne ist schon am Übergehen, es gibt heute leider viel mehr CO2 in der Atmosphäre, als es nachhaltig wäre. Wir müssen also nicht nur die Emissionen runterkurbeln, sondern auch CO2 aus der Atmosphäre direkt rausholen. Das geht auf natürliche Art und Weise, etwa indem man Bäume pflanzt. Es ist aber auch technisch möglich, CO2 rauszusaugen. Das klingt teuer, ist es auch. Derzeit kostet das zwischen 100 bis 300 Euro pro Tonne.



Soll der CO2-Preis ständig steigen, weil der Platz in der Wanne ein immer knapperes Gut wird?



Wagner: Die klassische Sicht ist tatsächlich, dass man mit einem niedrigen CO2-Preis beginnt, der dann schrittweise in die Höhe geht. Fast jedes klimaökonomische Modell besagt das. Aber genau das ist aus Sicht des Risikomanagements falsch. Die Ungewissheit, wie sich das Klima entwickeln wird, ist heute viel größer als in 100 Jahren. Die Ungewissheit geht also mit der Zeit herunter. Dasselbe gilt für den CO2-Preis.



Das heißt, man sollte CO2 von Anfang an sehr hoch besteuern.



Wagner: Das mag für Klimaökonomen wie Blasphemie klingen. Für jemanden, der sich mit Finanzrisiko beschäftigt, ist das logisch. Ich arbeite gerade mit zwei Finanzökonomen – einer war der frühere Chef des Risikomanagements bei Goldman Sachs – an einer Studie. Wir wenden diese finanzökonomischen Erkenntnisse auf die Klimaökonomie an, und schon dreht sich alles um. Es macht natürlich auch politisch einen Unterschied, ob die Tonne CO2 tatsächlich 40 Euro kosten sollte oder 400. Eine exakte Zahl kann ich nicht nennen. Aber falls wir ehrlich die Erkenntnisse der Finanzökonomie anwenden, deutet alles darauf hin, dass es nicht um die Frage von 40 oder 45 Euro geht, sondern um 100, 200 Euro oder noch mehr.



Benedikt Narodoslawsky in FALTER 38/2019 vom 20.09.2019 (S. 14)



Rezension aus FALTER 27/2016

Wettervorhersage: Es wird heiß und teuer

Zwei renommierte Ökonomen warnen vor dem Weltuntergang und erklären, warum die CO2-Steuer endlich kommen muss



Ein Gedankenspiel: Ein riesiger Meteorit rast auf die Erde zu, er könnte in einigen Jahren den Planenten treffen und das gesamte Leben darauf auslöschen. Es bleibt noch Zeit, um die Technologie dafür zu entwickeln, ihn abzuwehren. Würde die Menschheit alle Kräfte bündeln und Milliarden investieren, um den Planeten zu retten, auch wenn die Chance, dass der Meteorit die Erde tatsächlich trifft, nur fünf Prozent beträgt? Höchstwahrscheinlich.



Das Ende der Menschheit

Reales Szenario: Wenn sich die Kohlendioxidwerte im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter verdoppeln, wird es heiß. Es besteht eine zehnprozentige Chance, dass sich die Temperatur in dem Fall um sechs Grad Celsius erhöht. Das wäre – wie beim Meteoriten – das Ende der Menschheit.

Der österreichische Ökonom Gernot Wagner, der an der Columbia University lehrt, und Harvard-Ökonomieprofessor Martin L. Weitzman stellen in „Klimaschock“ beide Szenarien gegenüber und fragen sich: Warum entschließt sich die Menschheit nicht dazu, dem Klimawandel mit aller Kraft entgegenzuwirken, wenn er sie nicht nur in ein wirtschaftliches Chaos, sondern mit einer zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit sogar noch in diesem Jahrhundert dahinraffen könnte? Weil es beim Klimawandel noch immer so viele Ungewissheiten gibt. Weil das Pro­blem noch weit weg zu sein scheint, auch wenn sich die Jahrhundertstürme und Jahrhundertdürren in den letzten Jahren gehäuft haben. Und schließlich ist die Klimarettung eine unfaire Geschichte: Wer zugunsten des Klimas ethisch handelt, rettet nicht nur sich, sondern auch alle anderen, die unethisch handeln. Wo bleibt da der persönliche Profit?

Derzeit funktioniert das Geschäft mit dem CO2 weltweit ja ähnlich wie damals bei der Bankenrettung: Der Vorteil wird privatisiert, der Schaden vergemeinschaftet. Die Hauptlösung sehen die Autoren deshalb in einer CO2-Steuer, so wie es sie im wirtschaftlich erfolgreichen Land Schweden seit 1991 gibt. Wer CO2 verbraucht und das Klima schädigt, soll dafür auch zahlen. Aber was ist der gerechte Preis für eine Tonne CO2?

Seitenlang quälen sich die Autoren mit dieser Frage und kommen trotz aller Unsicherheiten zu einem vorsichtigen Schluss: 35 Euro – der Betrag, mit dem auch die US-Regierung rechnet – sei jedenfalls der konservativ geschätzte Mindestpreis, der nur jene Schäden berücksichtigt, von denen wir wissen. In Schweden blechen sie schon 110 Euro pro Tonne. Die Kostenwahrheit in den meisten anderen Ländern sieht hingegen völlig anders aus: Im globalen Schnitt fördern Länder jede CO2-Tonne mit 13 Euro über verschiedene Subventionen.

Aber auch andere, kreative Wege können zum Erfolg führen: Sehr strenge gesetzliche Verbrauchswerte bei Autos könnten etwa mehr bewirken als die vieldiskutierte Benzinsteuer, die schwer umsetzbar ist. Der technischen Lösung des Geoengineering – also der künstlichen Beeinflussung des Wetters – stehen die Autoren aufgrund der Risiken höchst skeptisch gegenüber.



Was können wir tun?

Was können wir als Einzelne ausrichten? Nichts, lautet die brutale Antwort. Es sei zwar richtig, ökologisch­ zu leben – vom Fleischverzicht bis hin zum Recyclen. Aber der Einzelne mache keinen Unterschied, es brauche einen gesellschaftlichen Wandel. Das bedeutet: umweltfreundliche Parteien wählen, das Thema pushen, laut sein, andere überzeugen. CO2-Verbrauch müsse unmoralisch werden wie Kinderarbeit und Sklaverei. Diese Einstellung müsse die politische Mitte erreichen.

Starker Titel, renommierte Autoren, überlebenswichtiges Thema: „Klimaschock“ hätte das Buch der Stunde werden können. Es ist ein sprödes Werk geworden. Die Autoren wiederholen ihre Standpunkte darin so oft, bis sie langweilen. „Klimaschock“ ist ein interessanter wissenschaftlicher Aufsatz, den die Autoren mit Gewalt zu einem Buch aufblähten.

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 27/2016 vom 08.07.2016 (S. 17)


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