Karl von Schwarzenberg - Die Biografie

Überarbeitete und aktualisierte Ausgabe
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Staatsmann, Zeitzeuge, Vorkämpfer für Menschenrechte, überzeugter Europäer: In Karl Schwarzenbergs Biografie spiegeln sich alle Facetten des 20. und 21. Jahrhunderts. Der Mensch Schwarzenberg: eine charismatische Persönlichkeit mit faszinierender Lebensgeschichte. Familienoberhaupt einer traditionsreichen Familie, millionenschwerer Unternehmer, politisch denkender und handelnder Mensch, Kanzler unter Vaclav Havel, Präsidentschaftskandidat in Tschechien, Mitteleuropäer und Patriot. Zu seinem 80. Geburtstag erscheint die autorisierte Biografie komplett überarbeitet und aktualisiert.

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FALTER-Rezension

„Das ist eine Sauerei!“

Karl Schwarzenberg kennt die Kunst der politischen Intrige und der professionellen Desinformation noch aus der Zeit des Kommunismus. Ein Gespräch über Leaks und Putins Einfluss auf Österreichs Innenpolitik

Karl Schwarzenberg pendelt zwischen Wien und Prag, und in beiden Ländern Mitteleuropas dreht sich der Zeitgeist scharf nach rechts. Der Falter sprach mit ihm über die zukünftigen österreichischen und tschechischen Regierungschefs Sebastian Kurz und Andrej Babiš, die Frage, was heute eigentlich noch konservativ sein bedeutet, Vor- und Nachteile des Älterwerdens und über die diplomatische Intrige gegen Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

Falter: Herr Schwarzenberg, Sie werden am 10. Dezember 80 Jahre alt. 1937 bis 2017. Was ist passiert, was Sie sich im Rückblick nie hätten vorstellen können?
Karl Schwarzenberg: Eine ganze Menge. Die größte Überraschung war das Annus mirabilis 1989. Dieses wunderbare Jahr, in dem die kommunistischen Regime zusammengebrochen sind. Es war kein langsamer Verfall, wie ich vermutet hatte, sondern eine Implosion.

Die totalitären Systeme sind gefallen. Aber zu welchem Preis?
Schwarzenberg: Eigentlich zu einem niedrigen. Es gab keine blutigen Revolutionen. Das ist das eigentliche Wunder: dass so ein Regime zusammenbricht, ohne dass Blut fließt. Und sicherlich: Die neuen Demokratien in Mittel- und Osteuropa, so sie entstanden sind, sind fehlerhaft und haben ihre Schwächen. Aber da geht es Österreich nicht viel anders. Auch hier gibt es Kräfte, die eine gewisse Distanz zur Demokratie wahren.

Sowohl in Tschechien wie in Österreich gab es Parlamentswahlen und in beiden Ländern sind Persönlichkeiten mit Hang zum Populismus an die Spitze gekommen: Andre Babiš und Sebastian Kurz.
Schwarzenberg: Ja. Wobei sie ganz anders sind: Babiš ist ein Multimilliardär, er ist – wie man sagt – seriously rich. Aber noch interessanter ist für mich, dass sich im Phänomen Babiš wie im Phänomen Kurz der alte, in Vergessenheit geratene Mitteleuropa-Gedanke bestätigt hat.

In Form eines Mitteleuropas des politischen Populismus?
Schwarzenberg: Das ist nicht das Mitteleuropa, wie wir es uns erhofft haben, aber die Neigung zu ähnlichen Formen des Regierens – ob es in Ungarn ist, in der Slowakei, in der Tschechischen Republik und zum Teil auch in Österreich – ist unverkennbar. Hier zeigt sich wirklich ein deutlicher Unterschied in der politischen Kultur, im politischen Denken zwischen Westeuropa, Mitteleuropa und Osteuropa. Einer der wichtigsten Unterschiede ist: In Westeuropa sind die Reformen durch Druck und Revolutionen von unten entstanden – egal, ob ich die Glorious Revolution in England, die niederländischen Aufstände oder die Französische Revolution betrachte. Wir hatten – was zum Teil ein großes Glück war – in Mitteleuropa Persönlichkeiten wie Maria Theresia, Joseph II. und Friedrich II., später die Neo-Absolutisten und Bismarck in Deutschland, die diese Länder reformiert haben – aber von oben. Das beeinflusst die politische Kultur bis heute. In Mitteleuropa erwarten wir, dass die Reformen von einer starken Regierung von oben ausgehen.

Was Hand in Hand mit einer gewissen Autoritätsgläubigkeit und der Sehnsucht nach einer starken, führenden Hand geht?
Schwarzenberg: Ja. Wir glauben, dass das nur so geht. Wir haben nie geglaubt, dass wir das selber von unten schaffen. Und Osteuropa hat – im Unterschied zu West- und Mitteleuropa – weder Renaissance noch Reformation, weder Aufklärung noch die bürgerliche Revolution des 19. Jahrhunderts erlebt. Dort ist man noch vom byzantinischen Modell ausgegangen, auch im Verhältnis von Staat und Kirche, was in Wirklichkeit in der Geschichte eine viel größere Rolle spielt, als wir in unserem ungläubigen Alltag wahrnehmen.

Gehen Sie also auch davon aus, dass es unter einem zukünftigen Kanzler Sebastian Kurz einer Annäherung Österreichs an die Višegrad-Staaten geben wird?
Schwarzenberg: An Ungarn. Nicht an die Višegrad-Staaten. Das ist ein kleiner, aber nicht unwesentlicher Unterschied. Ich glaube, es imponiert ihm, wie – was durchaus eine Leistung ist – Viktor Orbán die Opposition praktisch ausgeschaltet hat, ohne zu Gewaltmitteln zu greifen. Das müssen wir ihm zugestehen. Seine Partei hat die Hegemonie, und die Effizienz seiner Regierung ist imposant.

Was heißt konservativ sein heute politisch eigentlich noch?
Schwarzenberg: Konservativ sein heißt nicht, dass man eine Konserve ist, sondern dass man Erneuerungen nur angeht und einführt, wenn sie offensichtlich einen Fortschritt bringen. Dass man nicht gesellschaftliche oder wirtschaftliche Umwälzungen macht, um der Umwälzung willen. Das wäre revolutionär. Der Konservative fragt: Was ist vernünftig? Was können wir erhalten? Deswegen sind Konservative im Regelfall Hüter der bestehenden Verfassung. Sie sind fähig, das Neue zu akzeptieren, aber sie sind nicht bestrebt, die Gesellschaft grundsätzlich im politischen Sinn zu wandeln. Was die Linke beansprucht, dass sie mit politischen Mitteln einen Wandel erzwingt, ist dem Konservativen völlig fremd.

Ist Kurz in Ihren Augen ein Konservativer?
Schwarzenberg: Da bin ich mir nicht so sicher. Er will zweifellos die Republik und den Staat verändern, so wie er die Partei verändert hat. Von den guten alten Schwarzen zu den Türkisblauen, was ja wirklich etwas ganz Neues ist, so wie seine umfangreichen Pläne für eine Staatsreform. Also im Ernst: Ich weiß nicht, ob ich ihn als konservativ bezeichnen würde. Eher nicht.

Ein Rechtspopulist?
Schwarzenberg: Beide – Babiš und Kurz – sind fähige Populisten. Was ja durchaus eine Eigenschaft ist, die im Prinzip noch kein Fehler ist. Die Frage ist nur, zu welchen Mitteln man greift und ob man, um populär zu sein, um Anklang zu finden, auch Politik macht, die – nennen wir es vorsichtig einmal so – mit starken Fragezeichen versehen ist. Das ist die entscheidende Frage.

Irritiert Sie die Aussicht auf eine FPÖ-Regierungsbeteiligung?
Schwarzenberg: ÖVP und FPÖ sind die beiden Wahlsieger, also ist im Prinzip nichts dagegen einzuwenden. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die FPÖ in manchen Dingen einen gewissen Fortschritt gemacht hat. Ich meine, Proteste daran zu knüpfen, wie viele Burschenschafter es in der FPÖ gibt, ist etwas billig. Historisch gesehen, im 19. Jahrhundert, waren die Burschenschafter die Revolutionäre. Aber man wird die neue Regierung erst beurteilen können, wenn man die Früchte sieht. Es gab ein langes Zögern bei den großen Parteien, eine Allianz mit der FPÖ einzugehen, aber schließlich und endlich hat schon Bruno Kreisky zu diesem Mittel gegriffen. Also so etwas sensationell Neues ist es nicht.

Im Jahr 2000, als die Wenderegierung antrat, gab es Proteste und Donnerstagsdemonstrationen.
Schwarzenberg: Heute lassen sich die Leute alles gefallen.

Was ist passiert?
Schwarzenberg: Offensichtlich gibt es derzeit keine Bereitschaft, wirklich gegen politische Zustände zu protestieren. Weder in Österreich noch in Tschechien. Offensichtlich sind die Leute überzeugt, es bringt eh nix. Nur in Polen rührt sich die Opposition, dort tut sich etwas. Bei uns nimmt man alles in Ruhe hin. Phlegma. Auch die österreichischen Medien sind wie ausgewechselt.

Sie kennen die ÖVP lange und gut. Nehmen Sie es Sebastian Kurz tatsächlich ab, dass er die ÖVP umgekrempelt und nicht nur neu angemalt hat?
Schwarzenberg: Ich glaube, es gibt eine gewisse Entmachtung der Bünde und der Länder. Ob die hält, ist eine andere Frage. Aber im Moment ist Kurz so mächtig wie zuvor nur Julius Raab. Mir hat ein Augenzeuge berichtet, wie Raab bei einer Besprechung etwas vorgeschlagen hat. Alle am Tisch haben sich dagegen ausgesprochen. „Wie ich sehe, gibt es eine eindeutige Mehrheit der Zustimmung, wir gehen zum nächsten Punkt über“, soll Raab gesagt haben – und keiner hat sich getraut zu widersprechen. Ich war mit ihm einmal bei einem Abendessen eingeladen, es wurde getrunken und Reden wurden gehalten und einer der Redner nannte ihn dabei einen großen Demokraten. „Demokrat bin i kaner!“, hat er offen und ehrlich gesagt.

Alter und Jugend in der Politik – was ist der Vorteil, wenn man 80 ist wie Sie oder 30 wie Kurz?
Schwarzenberg: Wenn man so alt ist wie ich, hat man viel erlebt und ist nicht von allem so schnell begeistert. Mit der Erfahrung wächst die Skepsis. Das ist der Vorteil des Alters. Der Vorteil der Jugend ist die Kraft und Energie, Dinge durchzusetzen. Man ist natürlich viel leistungsfähiger. Ich halte mich so halbwegs, aber meine Knie machen mir das Gehen schwer. Aber wie sagte der tschechische Kardinal Tomáš Špidlík zu Papst Johannes Paul II.? Auch Špidlík hatschte schwer, und der Papst litt bekanntlich unter Parkinson. „Heiliger Vater, sprechen wir ein kurzes Dankgebet, dass es bei uns nicht von oben, sondern von unten, bei den Füßen, anfängt!“

Und was ist der Nachteil der Jugend?
Schwarzenberg: Das Überschätzen der eigenen Möglichkeiten. Aber das gehört zur Jugend. Wenn die Jugend nicht dieses Vertrauen in sich hätte, würde sie nie etwas bewegen. Man unterschätzt auch die Folgen mancher Sprüche.

Auch Kurz?
Schwarzenberg: Ich habe ihn damals schon deswegen kritisiert. Ich hielt es nicht für ganz richtig, aus innenpolitischen Gründen den Abbruch der EU-Verhandlungen mit der Türkei zu fordern. Obwohl er – so wie ich und alle anderen damaligen EU-Außenminister – wusste, dass sie eingefroren am besten aufgehoben sind. So etwas lautstark zu verkünden und die Beziehungen damit noch mehr zu belasten, hielt ich nicht für klug.

Kurz wollte sich offensichtlich als Alternative zur EU-Außenpolitik Angela Merkels positionieren.
Schwarzenberg: Auch seine Aussagen zur Schließung der sogenannten Westbalkanroute waren vor allem innenpolitisch motiviert. Verstehen Sie: Wenn jemand Außenpolitik benützt, um in der Innenpolitik zu punkten, ist das nie eine gute Politik. Aber ich kann nicht von jemandem verlangen, der nun einmal bedauerlicherweise fast 50 Jahre jünger ist als ich und dessen Großvater ich sein könnte, dass er die gleiche Erfahrung und Vorsicht hat. Ich sage Ihnen ehrlich, wenn ich mit 27 Außenminister geworden wäre und mit 31 Regierungschef, was weiß ich, was ich für einen Blödsinn gemacht hätte. Eine gewisse Toleranz gegenüber der Jugend muss man haben. Wir werden sehen, was er zustande bringt.

Woran wird eine Regierung Kurz zu messen sein?
Schwarzenberg: Ob sie die notwendigen Reformen durchführt, die tatsächlich anstehen. Eine Verwaltungsreform. Eine Pensionsreform. Eine Sozialstaatsreform. Wir haben nicht einmal das erreicht, was Gerhard Schröder seinerzeit mit Hartz gemacht hat. Aber Reformen kosten immer Wählerstimmen. Und dessen ist er sich sicher bewusst.

Eine offenbar tendenziöse Mitschrift eines vertraulichen Mittagessens, das Bundespräsident Van der Bellen für EU-Botschafter gab, ist an die Öffentlichkeit gelangt. Was sagen Sie als ehemaliger Außenminister zu so einem Vorgang?
Schwarzenberg: Menschen sind Menschen und es gibt in der Politik immer Intrigen. Aber ein Botschafter hat nach Hause zu referieren und nicht einen Skandal zu produzieren. Es ist aber auch möglich, ja, fast wahrscheinlicher, dass es eine österreichische innenpolitische Tangente gibt. Man müsste wissen, wer die Quelle ist. Die Kronen Zeitung wird es uns nicht mitteilen. Es ist jedenfalls eine Sauerei. Das möchte ich klar sagen. Es zerstört das Vertrauen. Es ist leider heute zunehmende Praxis. Ich bin in den letzten Jahren immer von der Annahme ausgegangen, alles, was ich sage, kann publiziert werden. Gewisse Anstandsformen sind verlorengegangen.

Im österreichischen Wahlkampf war das ein Riesenthema. Warum ist das so?
Schwarzenberg: Es gibt eine gewisse Glorifizierung derjenigen, die sich unloyal verhalten. Und von Leaks im Allgemeinen. Leaks und Whistleblower sind nicht identisch, das gehört getrennt. Ein Whistleblower meldet sich, wenn er von einer Korruption erfährt. Ich war unlängst in Pressburg bei der Verleihung einer herrlichen Auszeichnung – jener des Weißen Raben. Sie wird Leuten verliehen, die gegen den Strom geschwommen sind, die mutig genug waren, etwas aufzuzeigen, etwa dass sich die Polizei in einer slowakischen Romasiedlung brutal verhalten hat. Hingegen ein vertrauliches politisches Gespräch, geschweige denn das eines Staatsoberhauptes zu leaken, ist eine Sauerei. Nichts anderes. Wir müssen sehr sorgfältig zwischen Leak und Whistleblower unterscheiden, Leaks führen uns letzten Endes in einen Polizeistaat.

Oder in einen neuen Kalten Krieg, der auf Informationsebene geführt wird?
Schwarzenberg: Die Russen können das ganz hervorragend. Als sehr effektiv haben sich Trolle gezeigt. Da werden – nebenbei bemerkt – isländische Fabelwesen missbraucht, die in ihrer Heimat hohe Wertschätzung genießen. Es ist ja kein Zufall, dass diese von Russland gesteuerten Trolle immer EU-kritische Parteien in anderen EU-Ländern unterstützen. Ob jetzt in Österreich die FPÖ oder in der Tschechischen Republik die rechtspopulistischen Okamura-Anhänger und, ganz traditionell, die Kommunisten oder in Frankreich bekanntermaßen den Front National. Die Russen setzen nicht mit Unrecht auf die rechte, radikale Seite, weil sie spüren, dass sich die politische Meinung generell mehr zur Rechten neigt. Putin setzt auf die, die er für die Politik der Zukunft hält, unabhängig davon, was die zu Hause machen. Und wer gegen die EU ist und wer spaltet, der ist ihm willkommen. In Mitteleuropa war er damit sehr erfolgreich, ganz besonders in Ungarn. Orbán ist der europäische Politiker, den Putin am meisten besucht. Putin spielt ein geschicktes Spiel, Respekt!

Um auf Ihren 80. Geburtstag zurückzukommen: Sie sind ein Mäzen der offenen Gesellschaft ...
Schwarzenberg: ... Nein! Blödsinn!

Sie haben immerhin geholfen, einige kritische Medien zu gründen wie den Trend, das Profil oder den Standard, und in Tschechien die Wochenzeitung Respekt. Sie haben Ihr Erbe auch dafür genutzt, demokratiepolitisch wichtige Projekte zu verwirklichen.
Schwarzenberg: Jemand, der heute bekämpft und verleumdet wird, George Soros, hat sein Vermögen wirklich vorbildlich genützt. Bei manchen Sachen, an denen ich beteiligt war, war seine finanzielle Hilfe wesentlich, etwa beim Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen oder dem Dokumentationszentrum für Samistad- und Exilliteratur. Was er mit seinem Geld gemacht hat, davor ziehe ich den Hut. Tiefer Respekt.

Wer gehört im Kampf für eine offene Gesellschaft unterstützt?
Schwarzenberg: Kunst braucht man heute nicht mehr zu fördern. Alle Künstler werden schreien. Aber wenn ich mir die Auktionspreise für moderne Kunst, auch für zeitgenössische, anschaue, ist das in unseren Breiten nicht mehr notwendig. Wogegen man sehr viel unternehmen muss, ist das Aufkommen dieser uralten Vorurteile, von denen ich dachte, wir hätten ihrer genug gehabt, in den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts.

Meinen Sie den Antisemitismus oder den Antiislamismus?
Schwarzenberg: Ob jemand gegen die Juden ist oder gegen die Moslems oder gegen die Schwarzen – mir ist das völlig wurscht. Wer auch immer hasspredigt, gegen den muss man sich stellen. Und leider Gottes gibt es wieder Politiker, die ihre Karriere auf Hass aufbauen. In allen europäischen Staaten. Da müssen wir wirklich dagegen kämpfen.

Barbaba Tóth in Falter 48/2017 vom 01.12.2017 (S. 15)


Eine Renaissancepersönlichkeit, profund durchleuchtet

Barbara Tóth hat eine spannende Biografie über den außergewöhnlichen Europäer Karl von Schwarzenberg geschrieben

Es war irgendwann in den frühen 60er-Jahren während eines Gesprächs mit Außenminister Bruno Kreisky, dass er mir, dem jungen Korrespondenten der Londoner Financial Times, mit unverkennbarem Stolz die erste Seite eines vertraulichen Berichtes des damaligen österreichischen Botschafters in London, Prinz Johannes Schwarzenberg, über den Stand der europäischen Integrationsverhandlungen gezeigt hat. Da hieß es wörtlich: „Vorgestern auf der Jagd sagte mir der Premierminister im Vertrauen, dass …“ Der britische Regierungschef und vormalige Außenminister war damals Lord Home, befreundet mit dem österreichischen Aristokraten.
Kreisky gab rund 20 Jahre später als Altbundeskanzler den entscheidenden Anstoß zur beispiellosen internationalen Karriere eines anderen Schwarzenberg, nämlich des Großneffen des zitierten Botschafters. Kreisky hatte nämlich Fürst Karl von Schwarzenberg, den in Österreich als reicher Waldbesitzer und unbekümmerter Freund der Boheme bekannten Spross (und damals schon zugleich Oberhaupt) einer der berühmtesten Adelsfamilien Mitteleuropas, als Vorsitzenden der Helsinki-Föderation, der internationalen Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Wien, vorgeschlagen.
In dieser (überarbeiteten und aktualisierten) Biografie Karl Schwarzenbergs beschreibt Falter-Journalistin Barbara Tóth mit Einfühlungsvermögen und mit profunder Kenntnis der österreichischen und tschechischen Zeitgeschichte mit unverhüllter Bewunderung, aber zugleich keine heiklen Facetten verschweigend das spannende, weil auch in europäischem Rahmen völlig ungewöhnliche Leben eines in jeder Hinsicht dissidenten Aristokraten.

Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks hatten die meisten österreichischen Zeitungsleser und TV-Zuschauer „Kary“, wie der Fürst seit eh und je von Freunden genannt wird, für einen bodenständigen (Agrar-)Millionär mit Marotten gehalten. Erst als er Kabinettschef und engster Berater des Dichterpräsidenten Václav Havel (1990–1993) in Prag war, begriff die breite Öffentlichkeit, dass er trotz seiner Verwurzelung (41 Jahre lang) in Österreich zwar einen Schweizer und einen tschechischen, aber nie einen österreichischen Pass hatte. Er ist „einer der größten Europäer unserer Zeit“, sagte Havel über Schwarzenberg, den er als in ganz Osteuropa höchst aktiven Präsidenten der Helsinki-Föderation erst 1987 kennen und schätzen gelernt hatte. „Er ist ein außerordentlicher Tscheche, ein außerordentlicher Europäer und ein außerordentlicher Mensch. Obwohl er gezwungen war, den größten Teil seines Lebens außerhalb seiner Heimat zu verbringen, ist er immer ein Patriot geblieben. Obwohl er als Aristokrat geboren wurde, ist er ein überzeugter Demokrat und Kämpfer für die Menschenrechte.“
Schwarzenberg lebte nach seiner erzwungenen Emigration mit elf Jahren 41 Jahre in Österreich und war am Beginn seiner politischen Karriere bereits 52 Jahre alt. Trotzdem hat niemand, vielleicht außer Erhard Busek, so viel für die Menschenrechte und die Öffnung in dem von den Kommunisten abgeschotteten Mitteleuropa getan wie er. Als Senator in der Zweiten Kammer des tschechischen Parlaments und zweimaliger Außenminister (2007–2009 und 2010–2013) ist dieser Ausnahmepolitiker zum Symbol der inzwischen gefährdeten Europäisierung der postkommunistischen Reformstaaten geworden.
Ich habe das Glück gehabt, ihn in fast jeder Phase seiner Karriere immer wieder unter vier Augen für Interviews und bei internationalen Konferenzen zu treffen und seine funkelnden Bonmots und brillanten Berichte zu bewundern. Der im Wiener politischen Milieu oft unterschätzte katholische Adlige, liberale Intellektuelle, leidenschaftliche Europäer und kompromisslose Kämpfer gegen Nationalismus und Antisemitismus ist eine Renaissancepersönlichkeit mit vielen Facetten. Nach den fesselnden Geschichten und Anekdoten, die Tóth über das lange Leben des Fürsten erzählt, trifft auch das geflügelte Wort auf Schwarzenberg zu: Homo sum, humani nihil a me alienum puto (Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd).

Paul Lendvai in Falter 31/2017 vom 04.08.2017 (S. 17)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783800076727
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 15.06.2017
Umfang 240 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Carl Ueberreuter Verlag

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